NZZ Folio 09/00 - Thema: Gene   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Pias Alphütte

© Mike Frei, Zürich
Pia Solèr und Gabriel Alig im Wohnraum der Hütte auf der Geissenalp oberhalb von Vrin im Lugnez GR. Die Alphütte steht seit acht Jahren, zuvor war hier nur ein einfacher Milchstand. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ICH BIN 28 und habe immer in Vrin gewohnt, ausser während meiner Lehre als Musikverkäuferin in Disentis. Ich wollte schon als Kind auf die Alp, aber damals durften das nur die Buben. Die Alp gehört der Gemeinde, die Geissen gehören zumeist den Bauern von Vrin. Dieses Jahr sind es im ganzen 152 Tiere.

Ich bin seit acht Jahren den Sommer über hier, Gabriel seit sieben. Wir sind beide in Vrin aufgewachsen, unsere Eltern sind Bauern. Wir sind ein gut eingespieltes Team und gute Freunde, aber kein Paar. Gabriel hat die dreijährige Sennenlehre gemacht, ich habe es mir selber beigebracht und lerne jedes Jahr etwas dazu. Wir sind beide vom Pächter angestellt.

Das Wichtigste und Schwierigste am Anfang ist es, mit den Tieren eine Herde zu bilden. Wenn sie keine Herde bilden, sind sie fast nicht zu führen. Das konnte ich im ersten Jahr noch nicht gut. Da hatten wir allerdings auch noch viele verschiedene Rassen. Jetzt ist es etwas einfacher, jetzt haben wir fast nur noch Gemsfarbige, ein paar schwarzweisse Bündner und noch einige Mischlinge, alles Arten, die die Berge gewohnt sind.

Dieses Jahr sind wir am 25. Mai heraufgekommen, das ist eine Woche früher als sonst, und wir bleiben bis Ende September. Mit den einheimischen Geissen dürfen wir dann noch auf die Kuhalp und die Rinderalp, bevor sie zum Überwintern ins Dorf in die Ställe müssen. Die Kühe und Rinder sind dann schon im Tal. Im Winter muss man die Geissen nicht melken, man lässt sie im Herbst galt gehen, da sind sie trächtig. Die Gitzi werden an Ostern geboren. Jeweils im August kommen zwei Böcke zur Herde und laufen mit. Manchmal gibt es Rivalitäten zwischen ihnen, von den Geissen werden sie aber schon geschätzt.

Auf der Weide helfen mir Mara und Senta. Senta ist ein Appenzellermischling und Mara ein Border Collie. Mara ist sehr talentiert, sie ist aber noch jung. Und mit Geissen ist es nicht so leicht für Border Collies, weil sie nicht bellen. Die sind eher Schafe gewohnt. Bei Geissen bringt es nicht so viel, von hinten heranzuschleichen. Dafür bellt Senta umso mehr, das macht ihnen schon Eindruck. Aber das ist doch gut so: der eine läuft und der andere bellt.

Gabriel und ich stehen etwa um halb sechs auf, dann melken wir. Um sieben gibt es Frühstück. Etwa um halb acht lassen wir die Geissen hinaus. Anschliessend beginnt Gabriel zu käsen, und ich treibe die Geissen über die Brücke und ein Stück hinauf. Dann komme ich zurück und putze mit Gabriel den Stall. Je nachdem, wie die Geissen laufen, gehe ich mit. Heute zum Beispiel haben sie hier unten die Tour gemacht, und ich konnte sie von der Hütte aus immer gut sehen. Es kommt ganz aufs Wetter an: wenn es schön ist, ziehen sie hinauf, wenn es schlecht ist, bleiben sie eher unten. Regen mögen sie überhaupt nicht.

Wenn sie in die Höhe gehen, bin ich den ganzen Tag bei ihnen. Geissen bleiben zum Grasen selten an einem Ort, sie ziehen immer weiter. Ich laufe ihnen einfach nach, die wissen schon selbst, was das Beste für sie ist. Das Essen nehme ich im Rucksack mit und auch etwas zum Lesen, ich lese viel. Im Moment ein Buch über die Nomaden von Lappland, eigentlich eine Kindergeschichte. Von Paulo Coelho habe ich fast alles gelesen, und García Marquez mag ich sehr gern, <Hundert Jahre Einsamkeit> etwa. Es ist auch bei schlechtem Wetter schön, draussen zu sein. Da ziehe ich einfach Mantel und Hut an. Vor Gewittern habe ich keine Angst, die Geissen schon eher. Es kann vorkommen, dass man einmal ein Tier verliert, meist wegen Steinschlags. Wir zählen sie nicht, man merkt es, wenn im Stall ein Platz leer bleibt. Sie gehen alle immer an ihren Platz.

Bei Regen zieht es die Geissen abends fast von allein hinab, abends sind ja auch ihre Euter voll, und sie wollen gemolken werden. Um sieben melken wir, danach essen wir und waschen ab, Gabriel und ich wechseln uns damit immer ab, wie beim Putzen auch. Um neun sind wir fertig, dann gehen wir schon bald schlafen. Die Hütte ist komfortabel, sie hat Wasser und Strom. Hinten ist die Käserei, oben sind zwei Zimmer und ein Bad. Wir hören oft Radio, die Nachrichten und auch Musik. Ich mag Rock, Tina Turner etwa. Dann auch zum Beispiel Angelo Branduardi.

Es ist ein Siebentagejob, das Wochenende unterscheidet sich nicht von den Werktagen. Freie Tage hat man während der Saison keine. Ins Dorf gehe ich fast nie, Gabriel schon eher, so zweimal in der Woche, um Käse zu liefern. Dann kauft er auch gleich ein. Am Abend bringen die Bauern die Kuhmilch von Vrin herauf, weil wir, bis die Kühe auch auf die Alp gehen, auch die Kuhmilch verkäsen. Manchmal kommen Leute her. Für den Käseverkauf ist das gut, aber zu viele hätte ich schon nicht so gern.

Im Winter wohne ich in Vrin in einem eigenen alten Haus. Da mache ich Ferien und nehme Jobs an. Letzten Winter habe ich meiner Schwester und ihrem Mann im Dorf beim Hausbau geholfen. Ich mache gern Reisen. Letztes Jahr war ich zwei Wochen in der Wüste im Süden von Marokko. Ich war auch schon bei meinem Bruder in Los Angeles, und von dort bin ich mit einer Freundin nach Mexiko gereist. Auch in China war ich schon und einmal in Tschechien.

Ich mag das Leben im Freien und die Freiheit. Jeder Tag ist anders, ich weiss am Morgen nie, wo es hingehen wird. Wie lange ich es noch mache, weiss ich nicht. Das entscheide ich immer erst im Herbst.

Was ich denn anderes machen möchte? Ich könnte mir vorstellen, auf eine andere Alp zu gehen. Mir würden auch Schafe gefallen.»


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