DIE BILDHAUERWERKSTATT sieht aus wie eine hohe Garage. Neonröhren, zwei Holzhocker, ein Tisch, zwei Spinde, eine verstaubte Kaffeemaschine, auf dem Regal eine Sammlung von Meisseln, eine Schleifmaschine und in der Ecke ein fast zwei Meter fünfzig hohes Gipsmonster - der Entwurf eines Wasserspeiers. Auf drehbaren Böcken warten eine Kreuzblume und eine Fiale. Der Bildhauer setzt sich die Ohrschützer auf, und nun rattert und staubt es los, gegen den Pressluftmeissel kommt der Sandstein nicht an.
«Domkloster 4» steht auf dem blauen Emailschild neben dem Hauptportal. Seit 1794 hat das Gebäude eine Hausnummer. Damals lautete sie 2583?, mit einem Fragezeichen waren die Gebäude markiert, für die keine Grundsteuern zu entrichten waren. Offiziell heisst der Bau Hohe Domkirche St. Peter und Maria, bekannt ist er als Kölner Dom.
632 Jahre wurde am Kölner Dom gebaut, 1248 war Baubeginn, 1880 war er endlich fertig. Fertig? «Wenn der Dom fertig wird, geht die Welt unter.» So sagt der Volksmund.
632 Jahre: 1291 wird die Schweizerische Eidgenossenschaft gegründet - Köln baut am Dom. 1348/49 wütet die Pest in Europa - Köln baut am Dom. 1431 stirbt Johanna von Orleans auf dem Scheiterhaufen - Köln baut am Dom. Als 1456 Gutenberg seine erste Bibel druckt, baut man in Köln immer noch am Dom, auch als Luther 1517 seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg nagelt und 1522 die erste Weltumsegelung vollendet ist.
Ab 1560 ruht die Baustelle für 282 Jahre. Als aber 1844 in Schlesien die Weber aufbegehren, baut man in Köln schon wieder seit zwei Jahren, man baut, während 1848 die erste Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche tagt, Wilhelm I. 1871 zum Deutschen Kaiser gekrönt wird und Nikolaus Otto 1876 in Köln Deutz den ersten Verbrennungsmotor konstruiert. 1880 war man endlich fertig. Fertig? «Wenn der Dom fertig wird, geht die Welt unter.»
Ein gotischer Sandsteinriese, ein Gewirr von Pfeilern, Strebebögen und Fenstern, Engel- und Heiligenfiguren, Teufeln und Dämonen. Tausende von Türmchen stossen empor in atemberaubende Höhen, streben zum Himmel. Alles ist in Bewegung, will hinauf. Und jeder Turm, jedes Türmchen ist ziseliert, mit einer Kriechblume besetzt, einer Kreuzblume gekrönt. Die Kirche scheint organisch nach oben gewachsen zu sein. Der Blick wird hinaufgezogen, läuft über die drei Portale, wandert über Gesimse, Galerien und das riesige Mittelfenster, erspäht Wasserspeier und Masswerkzierat und wird von den steilen Spitzen der Ziergiebel in noch höhere Höhen geleitet, immer höher, hinauf zu den Türmen und stoppt endlich. Stoppt auf etwa hundert Meter Höhe am Nordturm, an einem über 30 Meter hohen, aluminiumglänzenden Gerüst, das dort hängt und noch einige Jahre dort hängen wird. Köln baut immer noch am Dom.
Die Südseite: Der schlichte, niedrige Bau, der sich an das Gemäuer des grossen Domes schmiegt, ist die Dombauhütte. Im Innenhof stehen einige verwitterte Turmspitzen, unter einem Vordach duckt sich ein Wasserspeier mit Teufelsmaske, halb Stein, halb Gips; mit Drahtband zusammengeschnürte Steinblöcke; und aus den erleuchteten Ateliers dringt gedämpftes Gehämmer.
Bauhütten sind laut Lexikon die «Werkstattverbände der an den Sakralbauten des Mittelalters tätigen Bauleute». Ihre hohe Zeit hatten sie im 13. und 14. Jahrhundert, als die meisten gotischen Kathedralen errichtet wurden. Diese Bauhütten waren kompliziert organisierte Einrichtungen, und ihre Beziehung untereinander war streng geregelt. Den Haupthütten von Strassburg, Köln, Wien und Bern unterstanden regionale Hütten. Es gab eine eigene Gerichtsbarkeit mit einem Obersten Gericht in Strassburg, es gab Privilegien wie Steuerfreiheit gegenüber der Gemeinde, es gab Vorschriften über Arbeitsverhältnisse und Entlöhnung, ein Konkurrenzverbot und eine Sozialfürsorge für die Mitglieder. Nur Mitglieder der bruderschaftlichen Hüttenorganisation durften als Steinmetzen arbeiten. Sie genossen auch andere Vorteile: Sie konnten problemlos auf Wanderschaft gehen, da jede Hütte, bei der sie um Arbeit nachsuchten, sie mindestens bis zum nächsten Tag beherbergen musste, selbst wenn es keine Arbeit gab. So zogen die Gesellen herum, verdingten sich in Strassburg, Basel oder Reims, Prag oder Köln, lernten dabei und gaben ihr Wissen weiter.
Handarbeit, alles Handarbeit. An einem zwei Meter grossen Wasserspeier schlägt ein Bildhauer länger als sechs Monate. Wir sind wieder in der Gegenwart. Sechs Monate, die damit beginnen, dass er in der Modellkammer im Nordturm des Doms eine passende Vorlage be-sorgt. Eine Kleinskulptur, vielleicht aus dem 19. Jahrhundert, vielleicht auch älter. Die wird vergrössert, in Gips nachgebaut und in der Werkstatt aufgestellt. Dort steht sie erst mal, wird prüfend betrachtet, umgemodelt, erneut betrachtet, erneut umgemodelt. So lange, bis Bildhauer und Dombaumeister zufrieden sind.
Mit einem Punktiergerät - einer Holzkonstruktion mit Armen und Nadeln - überträgt der Bildhauer die Form der Gipsvorlage auf einen roh zugeschnittenen Steinblock, zunächst die äusseren Punkte: Nasenspitze oder Flügelende. Erst wird der Stein in Rohform gehämmert, dann feiner gemeisselt und schliesslich mit Sandpapier poliert, bis Engel oder Wasserspeier oder was es denn ist, perfekt sind. Am Dom sind keine zwei gleichen Plastiken zu finden - jeder Bildhauer hatte und hat seinen eigenen Stil, einmal sind die Locken wilder geschnitten, ein andermal hat die Nase einen besonderen Schwung. Das Aussehen der Figuren hängt auch vom Standort ab. Denn was auf der sonnigen Südseite das Spiel von Licht und Schatten an Ausdruck schafft, muss in die Figuren auf der Nordseite mühsam mit Hammer und Meissel eingeschlagen werden.
Während die Dombauhütten in Xanten, Soest, Regensburg, Ulm, Bamberg - um nur einige zu nennen - gerade über je eine Handvoll Handwerker verfügen, beschäftigt die Dombauhütte in Köln, die grösste und wichtigste in Deutschland, 90 Leute. Der monumentale gotische Riese ist empfindlich - da gibt es unzählige fein gearbeitete Türmchen, Fialen und Figuren, dünnes gotisches Masswerk, nirgendwo stemmt sich eine feste Wand gegen Wind und Regen. Das Wasser fliesst an den stark strukturierten Oberflächen gotischer Bauten nur langsam ab, und der Wind orgelt durch die Türmchen und drückt auf die grossen Fensterflächen.
Doch Wind und Wasser allein würden dem Dom nicht so zusetzen. Schlimmer sind die Abgase, das Schwefeldioxid, das bei jedem Verbrennungsprozess, egal ob von Erdgas, Öl, Holz oder Kohle, entsteht und mit Wasser zu Schwefelsäure oder zur schwefligen Säure wird, die allgemein als saurer Regen bekannt ist. Der macht den Kalk im Sandstein zu Gips, den der Regen auswäscht. So wird der Stein immer poröser, bricht auf, bröselt wie Blätterteig und zerfällt schliesslich zu Sand. In fast jedem Buch über den Kölner Dom ist dasselbe Bild zu finden: das anrührende Foto einer Engelsfigur, deren Gesicht und Hände von der schwefligen Säure weggefressen worden sind. Fast alle Steinarten am Dom zerfallen - nur das Tempo ist unterschiedlich. Am schnellsten zerbröckelt der Muschelkalk. Das Chorstrebewerk, das 1925 bis 1940 aus Muschelkalk erneuert wurde, hat keine siebzig Jahre gehalten.
«Wenn der Dom fertig wird, geht die Welt unter.»
Bei Baubeginn im 13. Jahrhundert ist Köln mit annähernd 40 000 Einwohnern die grösste Stadt Deutschlands. Eine reiche Stadt: Man handelt mit Wein, mit Wolle und Tuch, mit Salz und Heringen, Steinen, Schmuck und Schwertern. Der Tourismus boomt, seit 1164 Erzbischof Rainald von Dassel ein paar Knochen von einem Raubzug aus Mailand mitgebracht hatte. Angeblich die Gebeine der Heiligen Drei Könige, eine absolute Rarität, waren die drei doch die ersten, die Jesus gehuldigt hatten. «Sancta Colonia», das heilige Köln, wird nach Jerusalem und Rom zum wichtigsten Pilgerziel im Abendland. Der alte Dom aus dem 9. Jahrhundert kann die Pilgermassen kaum bewältigen. Ein neuer Dom muss her, beschliessen die Kirchenoberen.
Am 15. August 1248, am Festtag Mariae Himmelfahrt, ist es soweit: Erzbischof Konrad von Hochstaden legt den Grundstein für das neue Gotteshaus. Gebaut wurde in einem neuen Stil, der aus Frankreich kam und den man später Gotik nannte. Die Kathedralen in Amiens und Reims dienten als Vorbild.
Der Kölner Baumeister Gerhard hatte gut gelernt - wahrscheinlich in Amiens. Er wusste, wie man riesenhohe dünne Wände mit grossen Fensterflächen baut, wie man die Last des Gewölbes und den Druck des Windes auffängt. Mit Strebebögen wurde der Druck auf die niedrigeren Seitenschiffe und Stützpfeiler übertragen, wie bei einem Zeltsystem, und nach unten bis auf die Fundamente geführt. Die vollkommene Kathedrale war sein Ziel: Sie sollte auf die vollkommene jenseitige Welt hinweisen.
Statistiken sind nicht erhalten, aber aus der Analyse der Bauzeichnungen lässt sich einiges ablesen: Etwa 90 Handwerker arbeiteten bei Baubeginn am Dom, dazu kamen ungezählte Tagelöhner. Ein grosser Bau mit grosser Logistik: In den Wäldern vor der Stadt wurden massenhaft Bäume gefällt, damit Holz für Gerüste und Arbeitstreppen da war. Steinbrecher schlugen mit Hunderten von Handlangern am Drachenfels Trachytgestein und verschifften es nach Köln, wo andere mit Hacke und Schaufel die Gruben für die Fundamente ausgehoben hatten - bis zu 17 Meter tief reichen sie in die Erde.
Bis 1322 dauerte es, den Chor zu vollenden - Meister Gerhard erlebte das nicht mehr. Er stürzte um 1260 aus 60 Metern Höhe vom Baugerüst in den Tod. Mit der Chorweihe war das Wichtigste vollbracht: die Pilgermassen konnten nun bewältigt werden. Der italienische Dichter Francesco Petrarca lobte 1333 nicht nur die Schönheit der Kölner Frauen in höchsten Tönen: «Welche Gestalten, welche Miene, welche Haltung!», sondern auch die des Domes: «Ich sah inmitten der Stadt die überherrliche, wiewohl unvollendete Domkirche, die man nicht ohne Grund die allerherrlichste nennt.»
Petrarca besuchte den fertigen Chor, er war erschlagen vom Licht und von der Helligkeit, von den schlanken, aufstrebenden Säulen. Erschlagen, da im Mittelalter solch helle Bauten unbekannt waren.
Die Glaserwerkstatt der Dombauhütte ist hell erleuchtet, still und riecht nach Lösungsmitteln. Die Restaurateure bearbeiten Scheiben der grossen Obergadenfenster im Chor, des «Königszyklus»; Glas, auf dem schon Petrarcas Blick lag. Diese Fenster sind etwa einen halben Quadratmeter gross und bestehen aus vielen, mitunter nur handtellergrossen Scheibchen, die untereinander durch Bleistege verbunden sind und einzeln gesäubert werden müssen. Vorsichtig geführte Skalpelle kratzen und schaben Korrosion und Taubendreck ab. Den losen Staub entfernt ein Bärenhaarpinsel; ein Borstenpinsel wäre zu grob, der würde die Glasoberfläche zerstören. Die Absauganlage nimmt das Pulver sofort auf.
In Computerdateien und Akten wird jedes Fenster vor und nach der Säuberung exakt dokumentiert. Spätere Restaurateure werden so beurteilen können, wie sich der Zustand des Glases verändert hat. Am Dom gibt es 10 000 Quadratmeter Glas, eine Fläche, die annähernd zwei Fussballfeldern entspricht. 1500 Quadratmeter davon stammen noch aus dem Mittelalter.
Als die Fenster des «Königszyklus» um 1310 entstanden, hatte Dombaumeister Johannes bereits mit dem Bau der Türme begonnen. Sein Problem: Bei einer fünfschiffigen Kathedrale müssen die Türme über zwei Kirchenschiffen aufragen. Das bedeutete einen gigantischen Steinverbrauch. Zunächst lief alles prächtig. Bis 1410 wuchs der Südturm auf 58 Meter Höhe, wie alles andere erbaut aus am Boden exakt behauenen einzelnen Blöcken. Mit Seilen wurden diese auf die hölzernen Gerüste hochgezogen, mit Eisenklammern untereinander verbunden und mit flüssigem Blei verfugt. Die Seile liefen über gewaltige Holzräder, und diese wurden von Menschen angetrieben: in jedem Rad liefen ein oder zwei Tagelöhner wie Hamster in Laufrädern. Selbst das Material für den riesigen, oben montierten hölzernen Baukran wurde so transportiert.
Geldmangel verlangsamte das Bautempo dann immer mehr. Der Nordturm erreichte gerade noch 22 Meter - und das war's. Man bosselte noch ein wenig, ab 1560 ruhten die Bauarbeiten dann aber ganz. Der Baukran blieb oben stehen - als Zeichen des Optimismus oder aus Schlampigkeit? Jedenfalls prägte er jahrhundertelang das Kölner Panorama: Rathausturm, einige romanische Kirchen, der Chor der Kathedrale und daneben der sich im Wind drehende hölzerne Kran.
Geldmangel war zwar wohl der Hauptgrund für den Baustopp. Mitgespielt haben mag aber auch, dass der gotische Stil Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Mode gekommen war. Der italienische Baumeister Giorgio Vasari urteilte harsch über die Gotik: «Zahllose Bau-werke dieser Bauart verseuchen die Welt. Allüberall finden sich Vorsprünge, Knickungen, Konsolen und Rankengewinde, wodurch jedes Ebenmass verlorengeht. Erfinder dieser Manier waren die Goten.»
Überall Vorsprünge und Knicke. Auf 29 Metern Höhe, auf halber Höhe des Chores, stoppt der Aufzug, der an der Nordseite des Doms die Handwerker zum Dach hinauf bringt. Die erste Etage ist erreicht. Eine schmale Tür führt in den Dachraum des Seitenschiffes, wo inmitten von aufragenden Strebepfeilern ein handtuchschmaler Gang beginnt. Im Zickzack windet der sich um vorspringende Dachgauben, um Säulen und Eckpfeiler, durch enge Türen wieder ins Dominnere, trifft dort auf ein verstecktes Treppenhaus im Eckturm, das nach oben (wohin?) und nach unten (wohin?) führt. Erneut unter Strebebögen hindurch, vorbei an Brüstungen aus zerbröckelndem Sandstein.
Überall ragt es auf, überall sind Strebebögen, überall ist Masswerk, sehr vieles gefährdet, manches auch neu. Jahreszahlen verraten, wann die Stämme, Äste und Blätter dieses Urwaldes aus Stein entstanden sind: 1863 ist in einen Strebepfeiler am Querhaus eingemeisselt, 1877 heisst es auf einem anderen.
Die barbarische Gotik - das 19. Jahrhundert sah das anders. Die Romantiker mit ihrer Begeisterung fürs Mittelalter forderten den Weiterbau des Domes, ebenso viele Kölner Bürger. Zudem: Die preussischen Herrscher planten den Bau eines deutschen Nationaldenkmals, auch als Symbol gegen Frankreich. So bewilligte Friedrich Wilhelm IV. 1840 die Mittel zur Vollendung des Doms. Insgesamt sollte der Dom bis zu seiner Vollendung etwa 6,6 Millionen Taler kosten - rechnete man Löhne und Kosten auf heute um, entspräche das ungefähr 2 Milliarden Schweizerfranken.
Am 4. September 1842 kommt hoher Besuch aus Berlin in die Domstadt. Der Preussenkönig legt den Grundstein zum Weiterbau, spricht vom Brudersinn aller Deutschen und vom Geist deutscher Einigkeit und endet: «Rufen Sie mit mir das tausendjährige Lob der Stadt: Alaaf Köln!»
Von nun an ging es in Windeseile voran. 1869 wird der mittelalterliche Baukran heruntergeholt, 1876 messen die Türme 100 Meter. Als am 15. Oktober 1880 der Dom eingeweiht wird, ist der Südturm 157,31 Meter hoch, der Nordturm sogar 8 Zentimeter höher. Damit ist er der höchste Kirchturm der Welt - allerdings nur für zehn Jahre, denn dann bauen die Ulmer ihr Münster fertig. Bisher unübertroffene 161 Meter erreicht dessen Turm. Der Kölner Dom bleibt aber nach Fläche und Ausmassen die mit grossem Abstand mächtigste Kirche im deutschsprachigen Raum.
Als Kaiser, Klerus und die Stadtoberen 1880 feierlich die Kathedrale einweihen, ist diese noch vollständig mit Gerüsten verkleidet, die Mosaiken des Fussbodens sind noch nicht verlegt, und die Kirchenbänke fehlen auch noch. 1902 erklärt der Dombaumeister zwar, der Dom sei nun vollendet, doch er irrt: schwere Witterungsschäden waren schon damals zu sehen.
632 Jahre Bauzeit, von 1248 bis 1880 - beim Kölner Dom fällt zusammen, was bei alten Gebäuden normalerweise weit auseinanderliegt: die Zeit der Entstehung und die des Verfalls. Steine verwittern, Figuren zerbrechen, Türmchen zerfallen.
So stürzen in der Nacht auf den 9. Juni 1997 aus 83 Metern Höhe Teile einer über zwei Meter grossen Engelsfigur vom Nordturm herab. Zu Schaden kommt niemand, aber es ist ein eindeutiges Signal: Viele Türmchen und Figuren müssen ersetzt oder besser verankert werden. Die Dübel, mit denen sie verankert worden sind, verrotten und müssen durch solche aus rostfreiem Stahl ersetzt werden. Und das bei Hunderten von Fialen und Figuren an beiden hohen Türmen.
Eine Aufgabe von Jahrzehnten. Doch lange Planung ist die Spezialität der Dombaumeister. In den letzten zehn Jahren wurde das Dach auf der Höhe von 45 bis 60 Metern neu mit Blei gedeckt. Daran muss, denkt der Dombaumeister, in den nächsten 500 Jahren nun nicht mehr viel ausgebessert werden. Die nächsten 500 Jahre!
«Wenn der Dom fertig wird, geht die Welt unter.» Die Welt kann beruhigt sein. Fertig wird der Dom nie.
Günther Wessel, Journalist, lebt in Hamburg.