NZZ Folio 01/10 - Thema: Der Tod   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Bei mir gelingt die Frisur immer»

© Beatrice Rieben, Ostermundigen
Ruvindra Perera, 30 Jahre alt, arbeitet seit 16 Jahren als Coiffeur. Linktext
Ruvindra Perera aus Colombo sagt, er könne alles: Tätowieren, Pédicure, Manicure und selbstverständlich Frisieren. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Beatrice Rieben

Ruvindra Perera, 30 Jahre alt, arbeitet seit 16 Jahren als Coiffeur. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder (5 und 6 Jahre alt). Die Familie wohnt neben dem Salon. Seine Frau arbeitet in einem staatlichen Spital. In seiner Freizeit hört Ruvindra gern Bob Marley und spielt Gitarre; er mag Zeichentrick- und andere Filme. Ruvindra ist ausserdem als DJ tätig. Sein monatlicher Verdienst als Coiffeur schwankt zwischen 30 und 200 Franken. Ruvindra ist singhalesischer Buddhist.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Der sogenannte «police» oder «army cut», nicht unähnlich dem Bürstenschnitt, ist sehr modern in Sri Lanka. Kinder und Männer tragen ihn. Bei Damen ist der Stufenschnitt gefragt. Frauen kommen auch fürs Haareentfernen und das sogenannte «threading» – das ist ein Verfahren, bei dem Brauen und Gesichtshaare nach der indischen Art mit Schnur gezupft werden.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ja, ich schneide die Haare meistens trocken und mit der Maschine. So sieht man besser, was passiert.

Warum sind Sie Coiffeur geworden?

Es ist ein sehr guter, entspannter Job. Ich habe viel Freiheit, weil ich mein eigenes Geschäft habe.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Das Haareschneiden bei meiner Mutter. Manicure, Pédicure und andere Schönheitsbehandlungen habe ich gelernt, als ich bei Sakya angestellt war, dem Salon eines Australiers in Colombo. Das Tätowieren habe ich mir selber beigebracht. Mein erstes Tattoo habe ich mir selber mit einer Nadel gestochen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich würde gern Dreadlocks ohne chemische Behandlung anbieten. Eine andere Idee von mir ist es, vielleicht in einem Jahr nach Korea zu gehen. Dort kann ich über 1000 Franken pro Monat verdienen – allerdings nicht als Coiffeur, sondern mit Putzen, Waschen usw. Ich könnte mir neue Utensilien für meinen Salon kaufen und die Sprache lernen. Der Vertrag wäre auf zwei Jahre befristet, und meine Familie müsste ich in Colombo zurücklassen.

Wer schneidet Ihre Haare?

Das mache ich selber.

Haben Sie viele Stammkunden?

Ja. Die kommen etwa alle zwei bis vier Wochen. Wenn ich mal nicht arbeite, warten sie lieber auf meine Rückkehr, als zu jemand anderem zu gehen.

Was für Leute sind das?

Hauptsächlich Männer und ältere Leute.

Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?

Kunden mit widerspenstigem Haar. Ansonsten gibt es keine Herausforderungen für mich. Normalerweise erkläre ich dem Kunden, welcher Schnitt zu seinem Gesicht passt, und der ist einverstanden mit meiner Idee, glücklich über das Resultat und kommt wieder zu mir zurück.

Haben Sie prominente Kunden?

Den stellvertretenden Generalinspektor sowie einen Minister: Herrn A. S. M. Athikari. Auch viele VIP aus der Musikszene kommen in meinen Salon.

Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?

Bei mir gelingt die Frisur immer. Die Kunden waren bisher immer happy.

Stimmt es, dass viele Sri Lanker, vor allem Männer, ihr Haar schwarz färben?

Viele Sri Lanker haben schon in jungen Jahren, so mit 15, weisse Haare. Deswegen fangen sie früh an, die Haare zu färben, und hören damit nicht mehr auf.

Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?

Nein, ich führe jeden Wunsch aus. Das Verrückteste, was ich bisher machte, waren gestreifte Haare wie bei einem Eichhörnchen. Das war für eine Werbung von Tigo, dem örtlicher Telekomanbieter.

Was gefällt Ihnen an Colombo?

Viele meiner Verwandten wohnen hier. Das ist alles.

Warum ist Ihr Salon hier?

Das hat sich so ergeben. Zuerst war er in unserem Wohnhaus. Vor vier Jahren baute ich dann mein eigenes Geschäft gleich nebenan; ausserdem wohnt meine Mutter auf der anderen Strassenseite.

Wie verbringen Sie Ihren Abend?

Meistens gehe ich am Sonntagabend mit Freunden in ein Restaurant nach Mt.?Lavinia, einem beliebten Naherholungsgebiet am Meer.

Wo machen Sie Ferien?

Das letzte Mal war ich vor einem halben Jahr für vier Tage mit meiner Familie in Radnapura, im Landesinnern.

Was hat sich seit dem Ende des bewaffneten Konflikts in Sri Lanka verändert?

Das Essen ist sehr teuer geworden, und es gibt weniger Tote.

Beatrice Rieben ist Stilberaterin; sie lebt in Ostermundigen.


Salon Intellect
Das Coiffeurgeschäft liegt in Kalubowila, einem Aussenbezirk von Colombo. Ruvindra bietet auch Gesichtspflege, Manicure und Pédicure an. Und er sticht Tätowierungen.

Preis für durchschnittlichen Haarschnitt
Kinder bezahlen 60, Männer 80 Rappen, Frauen ein bisschen mehr. Ruvindra arbeitet auf Abruf zu jeder Tageszeit, auch sonntags.

Sri Lanka
Einwohner: 20 Millionen
BIP pro Kopf: 4 750 Fr.
Milch: 1 l 1.25 Fr.
Brot: 1 kg 45 Rp.
Reis: 1 kg 65 Rp.
Kinobillett: 1.50 Fr.
Zigaretten: 2.60 Fr.
Taxi: 10 km 9 Fr.

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