IHRE KRAWATTEN sagen mehr als tausend Worte. Der Pressesprecher, der Betriebsdirektor, der Stratege von der Stabsstelle, die mir das Dilemma der deutschen Kohle erklären, tragen zwar verschieden gemusterte Ausführungen. Aber auf jeder dominiert eine deutsche Farbe, als hätten sie sich abgesprochen: Schwarz, Rot, Gold. Kohle ist ein Stoff von nationaler Bedeutung. Vor 35 Jahren war sie noch ein Geschäft. Dann kamen das billige Erdöl und die günstige Importkohle, aus einer Schlüsselbranche des Wirtschaftswunders wurde ein umstrittener Subventionsposten.
Doch das Schlaraffenland aus importierter Energie zu Discount-Preisen, das neoliberalen Politikern die deutsche Steinkohlenförderung entbehrlich scheinen lässt, kann Bernd Zwingmann einfach nicht sehen. Vor 39 Jahren hat der Betriebsdirektor für Personal und Soziales «unter Tage» seine ersten Schritte getan, 25 Jahre lang führte er als Gewerkschaftssekretär Hunderte, wenn nicht Tausende Wortwechsel im Namen des Bergbaus. Das merkt man ihm an. Mit Leichtigkeit entwickelt der gewichtige Hüne eine ironisch gepolsterte Apokalypse: eine Ölkrise hier, ein Dollaranstieg dort, ein Versorgungsengpass dazwischen. Ein gewinnendes Lächeln am Schluss. Was Zwingmann unter dem Strich übrig lässt, ist deutsche Kohle. Gut, aber teuer. Das einzige, worauf man sich verlassen kann.
Dann schaltet Dirk Sonnenfeld, der Leiter der Stabsstelle, den Overheadprojektor ein. Auf der Leinwand wachsen rote Statistiktürmchen in den Himmel: Alle zwanzig Jahre holen die Kumpel aller Länder eine Milliarde Tonnen schwarzen Goldes mehr aus dem Planeten. Nach einer vorsichtigen Prognose der Energieagentur sollen es im Jahr 2010 insgesamt 4,3 Milliarden Tonnen sein. Während Umweltschützer das Ende des Kohlenwasserstoffzeitalters herbeisehnen, scheint es jetzt erst richtig zu beginnen. Vier Billionen Dollar warten darauf, in den Kohlenbergbau gesteckt zu werden, vor allem in den beiden Amerika, in Asien und in Australien, wo die reichen Lagerstätten liegen. Und in 40 Prozent aller Fälle ist es deutsche Bergbautechnik, mit der dort Kohle gemacht wird.
Doch die blauen Türmchen, welche die Zahl der Beschäftigten im Bergwerk Blumenthal/Haard darstellen, spiegeln den Boom nicht wider. In einer traurigen Reihe weisen sie nach unten: 6268, 5129, 4449.
Dass die Welt der Steinkohle irgendwie verkehrt ist, haben wir schon an der Werkseinfahrt zur Schachtanlage An der Haard 1 geahnt: Die Bergleute nennen ihr Reich «Gebirge», aber auf der Fahrt von Wanne-Eickel nach Norden wollte kein einziger Hügel über hundert Meter hinauswachsen. «Gebirge» muss etwas sein, das sich nach unten erstreckt.
DAS RUHRGEBIET KANN sehr tief gehen. Dirk Sonnenfeld führt es mir vor Augen. Der gelernte Bergbauingenieur nimmt einen kleinen Sandstein zur Hand und ritzt eine Skizze des lokalen Höhlensystems auf den Boden: Hinter uns liegt ein breiter Tunnel, und wir knien in einem Tunnel, der so niedrig ist, dass man auf allen Vieren hineinkriechen muss. Er wölbt sich schräg nach unten einem anderen Tunnel entgegen, der ein noch unterirdischerer Tunnel als unserer ist. Ginge man alle Wegstrecken im dreidimensionalen Labyrinth des Bergwerks ab, müsste man 180 Kilometer weit laufen. Unsere Anzüge, die wir in der Umkleidekabine gegen Bergmannskluft getauscht haben, hängen einen Kilometer über unseren Köpfen, aber so hat Herr Sonnenfeld das alles natürlich nicht gesagt. «Unter Tage» heisst fast nichts so, wie man oben denkt, dass es heissen könnte. Wir hockten in keinem Tunnel, sondern in einem «Streb», der ordentlich von «Strecken» eingefasst ist, die zum Schienennetz der «Sohlen» und zu den Aufzügen der «Schächte» führen. Von dort geht es zu Fuss zu den Umkleidekabinen weiter, die unter diesem Namen unbekannt sind, weil man sie «Kauen» nennt.
Auf den Wortschatz, den sie in 700 Jahren tagferner Abgeschiedenheit neben Kohle- und Gesteinshalden angesammelt haben, sind die Bergleute mindestens so stolz wie die Schweizer auf ihre Dialekte. Oben an der Werkseinfahrt ersetzt ein herzliches «Glück auf!» den «Guten Tag», ganz unten, in der «Teufe», fand man Worte wie «Arschleder», das in niedrigen Streben empfindliche Körperteile vor Abschürfungen schützt. Das Bergmännische ist Fachjargon und Folklore zugleich, und Herr Sonnenfeld erhellt mir in der Dunkelheit nach und nach seinen tieferen Sinn.
Der Streb also. Ein paar Lampen leuchten ihn notdürftig aus. Er hat den Charme einer Geisterbahn. Die Zugluft lässt meinen Notizblock flattern. Vor uns am Boden rattert ein «Panzerkettenförderer», der so klingt, wie er heisst. Zwei armdicke Ketten mit stählernen Querstreben darauf tragen die schwarzen Brocken, die der «Kohlenhobel» bis auf den letzten Krümel aus der Wand vor uns schneidet, unter metallischem Scheppern fort. Die Wand heisst «Flöz». Das Flöz ist das, was das Ölfeld dem Scheich ist, die Lagerstätte «vor Ort», Kohle pur.
Wie sie in 300 Millionen Jahren dorthin kam, ist schnell erklärt. In Lehrfilmen erscheint das Ruhrgebiet als gigantischer Nougat-Würfel, die hellen Schichten sind Gestein und die dunklen Kohle. Man sieht Riesenschachtelhalme und andere längst ausgestorbene Gewächse umknicken, dann schieben Flüsse Sand über den prähistorischen Komposthaufen. Die Geschichte spielt im Karbon, im Kohlenzeitalter, lange vor dem Auftauchen des ersten Tannenbaums. Sie wiederholt sich im Trickfilm drei-, in Wirklichkeit hundertmal: umknickende Gewächse, Sand schiebende Flüsse. Die toten Pflanzen verwandeln sich unter Luftabschluss zu Torf, sinken im Zeitraffer tiefer. Der hohe Druck im Erdinneren presst den Matsch zusammen, die schwärzlichen Reste der Schachtelhalme verhärten zu Braunkohle, und schliesslich, im Laufe von ein paar Erdzeitaltern, bleibt von der pflanzlichen Form nur die Essenz, der Kohlenstoff, übrig.
Steinkohle ist folglich ein vegetarisches Produkt. Versteinertes Sonnenlicht, wie Kohlephilosophen sagen. Von der Natur gut versteckt in wellenförmig durch die Erdkruste laufenden Schichten. Die Geologen haben im Ruhrgebiet an die hundert davon aufgespürt, denen der Bergbau von Süden nach Norden mit immer schwereren Maschinen in immer tiefere Teufen folgt. Wie alte Bekannte hören die Flöze auf Kurznamen, heissen «Wasserfall», «Katharina» oder «Zollverein».
Das Flöz, vor dem wir andächtig knien, trägt den Namen «Dickebank», obwohl es nur einen Meter und ein paar Zentimeter hoch ist. Der Kohlenhobel fährt auf einer Breite von 270 Metern hin und her und schmälert das Naturwunder in 24 Stunden respektlos um sieben Meter. Dann geht die nächste Schicht ans Werk, mit vier Mann am Hilfsantrieb, vier Mann am Hauptantrieb, einem «Hobelbegleiter» und zwei «Schildrückern». Sie schieben mit hydraulischer Hilfe die Stahlplatten nach, die das Dach des Strebs bilden und auf ein paar Metern Länge das «Hangende» abstützen. In den leeren Raum dahinter, den «Alten Mann», bröckelt nach und nach das Gebirge. Gefürchtet waren früher die «Sargdeckel», grosse Gesteinsbrocken, die beim Freilegen des «Hangenden» plötzlich hereinbrachen.
Doch die Zeit der Holzverschalungen, Spitzhacken und Pressluftbohrer ist längst vorbei. Neben dem Kohlehobel ist der «Walzenschrämlader» das wichtigste Gerät zur Kohlengewinnung, eine sich behäbig drehende, mannshohe Stahlkeule mit zwei Walzen, die allerlei wurmartige Fortsätze tragen. Ihre Sensoren lassen das Monster sehen, hören und fühlen. Zumindest so viel, dass es Kohle von Gestein unterscheiden und im richtigen Moment prozessorgesteuert aus Düsen Wasser spritzen kann, um den atemberaubenden Kohlenstaub zu binden, der die Seite meines Notizblocks schwärzt, auf der ich kniend das Credo Dirk Sonnenfelds notiere: «Der Bergbau ist heute ein High-Tech-Unternehmen.»
Man sieht ihm das nicht gleich an, unter Tage. Trotz elektrischer Beleuchtung bleibt es schummrig, und High-Tech-Maschinen denkt man sich funkelnd und glänzend. Doch dafür weht hier unten immer noch zuviel Kohlenstaub, der die inneren Werte des Bergwerks Blumenthal/Haard verdeckt. Obwohl es unübersichtlich ist wie das Vermächtnis eines anarchischen Riesenmaulwurfs, wurde es planvoll und millimetergenau in die Erdkruste gebohrt und gesprengt. Vollgestopft mit teuren Geräten und Ausrüstungen, überwacht von den Computern der «Grubenwarte», durchzogen von einem sich nervös schlingenden Geflecht aus armdicken Kabeln und Rohren, die Strom, Wasser, Druckluft und Steuerimpulse von oben an die entferntesten Stellen leiten, wirkt es selbst wie ein Organismus, der sich von Gestein ernährt.
In drei «Baufeldern» wird das Gebirge täglich um 14 000 Tonnen reine Kohle erleichtert, um 3,5 Millionen Tonnen jedes Jahr. 16 Schächte führen an 10 verschiedenen Standorten ins Erdinnere, das Grubenfeld erstreckt sich über 220 Quadratkilometer. Die Stadt Zürich könnte man auf dieser Fläche bequem zweieinhalbmal unterbringen. Die Zeche hat noch zwölf ähnlich grosse Geschwister, ihre Mutter heisst Ruhrkohle Bergbau AG, die ihrerseits eine Tochter der Ruhrkohle AG (RAG) ist. Mit vereinten Kräften haben sie das Ruhrgebiet um zehn, zwölf Meter abgesenkt, denn die Gesetze der Schwerkraft gebieten, dass alles Material, das aus der Erde gehoben wird, von oben nachrutschen muss. Wer ein Häuschen mit einer schönen Aussicht baut, kann deshalb nicht sicher sein, sie in ein paar Jahren noch zu haben. «Der Bergbau geht um», lautet das dazugehörige Sprichwort. Auch in Herne, wo alle Zechen längst stillgelegt wurden, rollt in manchen Wohnungen, was rund ist, ganz von selbst über die schiefen Ebenen der Zimmerböden. Sollte der Bergbau gar zu arg «umgehen», muss der Konzern Entschädigungen zahlen. Manchmal sind seine Nebenwirkungen durchaus willkommen: Als der Duisburger Hafen zu versanden drohte, lüfteten die Kumpel mit bewährter Technik seinen Untergrund, worauf er prompt um das von der Schiffahrt geforderte Mass absank.
WIR KRIECHEN AUS DEM STREB zurück in die «Kopfstrecke». Von dort geht es aufrechten Ganges über den «Querschlag» zur Sohle, wo die Grubenbahn wartet. Wasserlachen glänzen am Boden, Wassertröge hängen an der Decke. Die Kohle im Flöz enthält Methangas, das sich mit Sauerstoff zu leicht entzündlichem «Schlagwetter» verbindet. Bei einer Explosion, für die ein winziger Funke genügt, würde die Druckwelle die Tröge kippen und der Wasservorhang die Stichflamme ersticken, sagt Dirk Sonnenfeld. Die Wasserlachen am Boden seien keine Erinnerung an den Ernstfall - im Bergwerk Blumenthal gab es schon lange nichts zu melden. Man sollte auf Holz klopfen, aber die Rundbögen, mit denen die Strecke ausgekleidet ist, sind aus Stahl.
Ein nasskalter Wind, der sich ein paar Schritte später zu einem Orkan steigert, schlägt uns entgegen. Ein «Wetterkühler» sorgt hier unten für frischen Wind, und oben an den Ausziehschächten saugen Ventilatoren mit einer Leistung von 2000 Kilowatt verbrauchte Luft aus dem Bergwerk. An den Einziehschächten strömt «Frischwetter» nach. Ohne diese ausgeklügelte «Wetterführung» hätte es im Streb Gewächshaustemperaturen von 40 Grad und mehr. Kaum haben wir die Windmaschine passiert, komme ich in meiner Bergmannsverkleidung auch schon ins Schwitzen.
Am leichtesten tragen sich die Ohrenstöpsel, es gibt sie in zwei Ausführungen: eine klassische aus Watte, eine moderne aus verformbarem Kunststoff, der sich sanft in den Gehörgang schmiegt. Die Mode ist unspektakulär, dafür zweckmässig: Über der werkseigenen Unterwäsche klebt ein weisses Hemd mit blauen Streifen auf meiner Brust. Über Jacke, Hose und das windelartige Halstuch, die in der Kaue noch blütenweiss waren, ziehen sich schwarze Schmauchspuren, als ob im Schacht eine Schlacht gewesen wäre. Stiefel, Schienbeinschutz und natürlich der Helm mit der Lampe darauf komplettieren die Garderobe. Am Gürtel baumelt ein gewichtiger Akkumulator, der zusammen mit einer auch nicht ganz leichten Anti-Kohlendioxyd-Maske, dem «Selbstretter», an meinen Kräften zehrt.
Die Kohle aus dem Flöz hat es besser, sie darf Förderband fahren und wird schneller oben sein als der Brocken, den ich mir als Souvenir eingesteckt habe - einen aus der Familie der «Niederflüchtigen», wie der Fachmann weiss. Kohle ist nämlich nicht Kohle, sondern Flamm-, Gas-, Fett-, Mager- oder Anthrazitkohle. Sogar Esskohle gibt es, sie ist allerdings nur Kokereien bekömmlich, wo sie zusammen mit Fett- und Gaskohlen zu Koks, dem Brennstoff der Stahlindustrie, veredelt wird. In den Sieben der Aufbereitungsanlage fallen die Kohlen der Grösse nach in Kategorien wie «Staub» und «Nüsse», «Knabbeln» und «Stücke». Frisch aus dem Streb nennt man sie schlicht «Rohkohlen».
Die Rohkohlen reisen zu einer von drei Ladestellen, wo sie in 5-Kubikmeter-Muldenwagen umgefüllt werden. Im vollautomatischen Geisterzug fahren sie über eine bis zu 16 Kilometer lange Strecke auf der 7. Sohle zum Shamrockschacht 11 in Wanne, der Förderanlage von Herne. Man kennt dort den Bergmann nicht nur als Rentner wie im südlichen Revier. Rund 2000 Menschen leben hier noch vom schwarzen Gold. Auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage Pluto stehen ein arbeitsmedizinisches Zentrum, die Büros der Zentrale Grubenwesen und das Zentrallabor der Ruhranalytik, von dem man sagt, es sei das grösste westlich des Urals.
Dort nehmen Dr. Klaus Liphard und seine Mitarbeiter von jeder Ladung aus dem Ruhrgebiet ein paar Stücke in Empfang und prüfen sie auf Herz und Nieren, und das ist im Kohlenhandel der Schwefel-, Asche- und Wassergehalt. Obwohl die Geschäfte grundsätzlich in der Dimension von Eisenbahnzügen und Schiffsladungen gemacht werden, ist bei jeder der eine Million Untersuchungen pro Jahr höchste Genauigkeit gefragt. Weicht die Kohlequalität innerhalb einer bestimmten Schwankungsbreite vom Normalmass ab, bedeutet das Zu- oder Abschläge auf den Preis. Selbst Zehntelpfennige können zu erklecklichen Summen anwachsen, wenn man bedenkt, dass ein durchschnittlicher Kontrakt fünf bis zehn Jahre gilt und ein Güterzug 1200 Tonnen fassen kann.
Feuer und Flamme sind die wichtigsten Werkzeuge im Zentrallabor. In kleinen Öfen backen und brennen feingemahlene Kohleteilchen, und was die Hitze übriglässt, gibt Aufschluss über ihre flüchtigen Bestandteile. Die letzte Feuerprobe dient der experimentellen Bestimmung des Brennwerts: Ein Köhlchen wird in ein «Bombe» genanntes Behältnis gesteckt und zum Kalorimeter getragen: «Da wird die Bombe reingesetzt und gezündet», freut sich Dr. Liphard. Übersteht die Kohle alle Prüfungen, steht ihrer letzten Bestimmung nichts mehr im Weg: Meist stirbt sie den Stromtod in einer Wirbelschichtfeuerung und bringt damit die Glühbirnen zum Leuchten. Über hundert Kraftwerke, Fabriken und Kleinunternehmen bekommen ihre Kohle aus Blumenthal/Haard, und wer demnächst an einem Doornkaat nippt, könnte sein Glas ruhig auf das Bergwerk heben, denn auch der Klare aus dem hohen Norden wird mit Kohle aus dem Ruhrgebiet gebrannt.
DOCH IM BERGWERK ist Alkohol verboten, und vom Schnaps in der Direktionskaue, der zusammen mit den belegten Brötchen zum traditionellen Abschluss jedes Grubenbesuchs gehört, sind wir noch ein Stück entfernt. Wir müssen erst noch unsere Glieder im engen Waggon der Grubenbahn verstauen. In putzigen, fensterlosen Stahlwägelchen rumpeln wir zum Schacht An der Haard 1 zurück. Wer je unter dem Christbaum eine elektrische Modelleisenbahn fand, wird sich in dieser Bahn wohl fühlen. Sie ist ein Bubentraum, klein und niedlich wie eine Liliputbahn, gleichzeitig stabiler und verwegener, das richtige Fahrzeug in einer Männerbastion: Die Uno verbot 1946 Frauenarbeit in Bergwerken. In vielen Ländern der Dritten Welt hielt man sich nie daran. Auch in den USA wurde 1974 im Zuge der allgemeinen Antidiskriminierungsgesetzgebung den Frauen das «Hauen» wieder erlaubt. Einige tausend «Bergfrauen» stellen dort unter Tage ihren Mann.
Am Ende steigen wir auf zur «Seilfahrt». Eine Schicht hat soeben aufgehört, die Kumpel warten am Schutzgitter auf den Förderkorb. Weiss leuchten die Augäpfel in ihren kohlrabenschwarzen Gesichtern, aber das ist das einzige Klischee, dem sie noch entsprechen. Man muss nicht mehr wie Arnold Schwarzenegger aussehen, um als Bergmann erfolgreich zu sein. Die schweisstreibende Muskelarbeit haben die Maschinen übernommen, heute kommt es darauf an, sie kompetent in Schuss zu halten, schnell Strecken «aufzufahren», behende Förderbänder zu installieren, rasch Leitungen zu verlegen. «Berg- und Maschinenmänner», «Energieelektroniker» und «Zerspanungsmechaniker» lösten die klassischen Hauer ab.
5400 Kilogramm schaffen die Bergleute pro Mann und Schicht, und täglich werden es dank Zauberformeln wie «Kaizen» und «SAP» ein paar mehr. In den gesegneten Überseerevieren, wo die Steinkohle um vieles leichter und unter weniger Umweltschutzauflagen zu haben ist, liegt der Rekord allerdings bei 40 000 Kilogramm. Davon kann man in den Untiefen des Ruhrgebiets nur träumen. Trotz japanischen Managementmethoden und hochmoderner Organisationssoftware bleibt die Zukunft für den innovativsten Bergbau der Welt eine offene Frage: Wer zahlt die Zeche?
Bis zum Jahr 2005 werden die Kohlehilfen auf 5,5 Milliarden Mark zurückgestutzt. Der gesamte deutsche Bergbau von der Saar bis zur Ruhr soll im nächsten Jahr unter ein Dach kommen - unter das der Deutschen Steinkohle AG, die ihn auf 36 000 Mitarbeiter, zehn Bergwerke und eine Quote von 30 Millionen Tonnen Steinkohle abmagern lassen wird. Was bleibt, ist ein Exerzierfeld für deutsche Unter-Tage-Technik und die Sicherung der nationalen Grundversorgung. Die Hälfte der Leute, die mit uns im Förderkorb den Rückzug antreten, wird man in zehn Jahren nicht mehr sehen.
NACH DER DUSCHE, die wirklich «Dusche» heisst, hat uns das flache Land wieder. Ein «Glück auf!» zum Abschied. Unsere Wangen glühen, als wären wir tatsächlich im Gebirge gewesen. Noch drei Tage später wird Kohlenstaub aus unseren Nasen rieseln. Wir fahren durch das Naturschutzgebiet Haard zurück nach Oer-Erkenschwik, von wo es auf der Autobahn nach Herne und Wanne-Eickel weitergeht. Die Sonne scheint, Gräser und Blumen schlagen aus. Rechter Hand ist das «Jammertal» ausgeschildert. Es heisst so und blüht trotzdem.