Früher waren sie oft in den gleichen Ställen anzutreffen, die gescheckten Falbroten und die Schwarzflecken. Sie bildeten, neben dem Braunvieh, die andere zahlenmässig grosse Rinderrasse im Land: das Fleckvieh.
Und es kam wohl nicht von ganz ungefähr, dass im Kanton Bern die Roten aus dem Simmental, im Freiburgischen dagegen die Schwarzflecken überhandnahmen. Ein bisschen Lokalpatriotismus und Kantönligeist haben die Tierzucht alleweil mitbeeinflusst. So konnte sich das Auge auf den Weiden an lebenden Kantonswappen weiden.
Dann begannen, vor über hundert Jahren, die Rotflecken zu dominieren. Und da auch unter Nutztierrassen der - von Menschen geführte - Konkurrenzkampf hart ist, kam es zur Entscheidung: Die Roten machten das Rennen, vorab dank grenzüberschreitender Imagepflege, genannt Export.
Bereits im Mittelalter war Vieh über die Alpen verkauft worden. Im 17. Jahrhundert deckten sich der Fürstbischof von Bamberg und Herzog Albrecht von Bayern mit Zuchtvieh aus dem Berner Oberland ein. Der Export, zumal in die Lombardei und in die Rhein- und Donauländer, florierte dermassen, dass die eigenen Alpen nicht mehr bestossen werden konnten. 1785 musste die Ausfuhr deshalb vorübergehend verboten werden.
Erneut boomte der Export, als die Eisenbahn kam. Allein in Thun wurden ab 1880 innert sieben Jahren an die 100 000 Simmentaler bahnverladen, so auch im Auftrag des russischen Zaren Alexander Nikolaus II. für dessen Gut Zarski Selo. Und seit 1900 sind rund 350 000 Rotfleck-Zuchtstiere in alle Welt exportiert worden.
Auf dem europäischen Festland sind die Simmentaler die wichtigste Zweitnutzungsrasse (für Milch und Fleisch). Selbst im klassischen Tierzuchtland England, wo sie nur auf Fleisch gezüchtet wurden, stehen sie an dritter und in Amerika - unter über fünfzig Mastrassen - an vierter Stelle. Gesamthaft bevölkern heute über vierzig Millionen Simmentaler die Welt! Leider ist anzufügen, dass die alten Originalrassen der Simmentaler durch ihre leistungsfähigeren Veredlungskreuzungen in Bedrängnis geraten sind.
Doch wie erging es den schwarzgefleckten Schwestern? Ihr Lebenslauf endet kläglich. Anfänglich erlebten zwar auch sie einen Frühling. Louis XV, König von Frankreich, liess 1766 eine Schwarzfleckherde ankaufen, und 1856 gewann ein Schwarzfleckstier an der landwirtschaftlichen Weltausstellung sogar den ersten Preis.
Doch die rote Konkurrenz aus dem Simmental war stärker und liess das Originalzuchtgebiet der schwarzen Schwestern bis aufs erweiterte Greyerzerland zusammenschrumpfen. In der zu klein gewordenen Population traten Inzuchterscheinungen auf. Die Blutauffrischung kam zu spät und musste deshalb so rigoros vollzogen werden, dass sie einer Verdrängungskreuzung gleichkam. Resultat: Das alte Freiburger Schwarzfleckvieh ist ausgestorben, verdrängt von der - ebenfalls schwarzbunten - Rasse Holstein. Der «Ranz des vaches», einst Lobgesang auf die Freiburger Kuh, gilt heute einer helvetisierten Amerikanerin.
Das ist vom kulturellen Standpunkt aus, zumal für eine einstige Sennennation, ein trauriger Verlust. Denn in langer Zuchtarbeit erschaffene, zur Landschaft passende Nutztierrassen sind lebendes Kulturgut.
Die Genetik jedoch sieht das etwas nüchterner, da die roten und die schwarzen Schwestern eng verwandt und gleicher Herkunft sind. Die Scheckung als typisches Haustiermerkmal ist ohnehin dem Menschen zum Plaisir gemacht und könnte jederzeit wieder rekombiniert werden, was schwarzgefleckte Simmentaler in Amerika beweisen.
Kleiner Trost für die Freiburger Kuh: In Brüssel lebt sie weiter! In den dortigen Amtsstuben verweilt man, wie einer aktuellen Verlautbarung im EG-Amtsblatt betreffend Viehexport zu entnehmen ist, punkto Kenntnisstand der Schweizer Viehrassen noch tief im letzten Jahrhundert: Erwähnt sind nämlich, unter der Rubrik «Warenbezeichnung», neben dem Simmentaler Fleckvieh die Schwyzer (der Vorläufer des Schweizer Braunviehs) und eben - die Freiburger.