Tief steckt in den meisten von uns ein Freund des Omelettes; und so wenig sich kulinarisch dagegen sagen lässt: Wer Sätze zubereitet, sollte sich nicht des Schneebesens, sondern des Lineals bedienen. Was wird da alles ineinandergerührt an Haupt- und Nebensachen, Vorgriffen und Rückgriffen, Zuschreibungen und Abschweifungen - damit der Wortkoch nur sein geheimes Ziel erreicht: Erst wenn das Omelette gebacken und der Satz an seinem bitteren Ende ist, soll ich den Sinn verstehen. Die Satzbauregeln der deutschen Grammatik begünstigen das Rührei, aber sie erzwingen es nicht. Die Aufgabe für jeden, der gelesen und verstanden werden möchte, heisst daher, von dem Spielraum Gebrauch zu machen, der sich daraus ergibt.
Nehmen wir einen Satz aus einer Zeitungsnachricht - keines der offensichtlichen Schlinggewächse, über die sich viele Leser ärgern, sondern einen, der harmlos daherkommt und noch leidlich überschaubar ist; in der Hoffnung, eben dadurch möge deutlich werden, warum der Quirl in der Küche bleiben sollte. «Bei dem seit nunmehr drei Monaten andauernden Bürgerkrieg in Rwanda sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen fast 300 000 Menschen umgekommen.» Der Satz enthält drei Informationen, die uns in folgender Reihung mitgeteilt werden:
Information A (1): Bei dem. Nun erfahre ich nicht etwa bei welchem, sondern erhalte zunächst
Information B: seit nunmehr drei Monaten andauernden. Das sind fünf Attribute, das heisst fünf nähere Umstände einer Sache, ohne dass ich die Sache schon kennengelernt hätte. Die folgt jetzt als
Information A (2): Bürgerkrieg in Rwanda sind. Leider wird meine Hoffnung, ich würde nunmehr lesen, welche Personen oder Sachen «sind», sogleich enttäuscht, denn die Redaktion hielt es für dringend, mich zunächst zu versorgen mit
Information C: nach Schätzung der Vereinten Nationen. Und wirklich, jetzt öffnet sich der Blick auf Information A (3): fast 300000 Menschen umgekommen.
Die Hauptsache wird also in drei Teile zerschnitten, weil der Autor zwei Nebensachen kennt (das spricht ja für ihn), aber leider nicht die Einsicht oder die Charakterstärke hat, seine drei Informationen in die natürliche Ordnung zu bringen: 1 - 2 - 3, eine Abfolge von überwältigender Schlüssigkeit. Also zum Beispiel: «Beim Bürgerkrieg in Rwanda sind fast 300 000 Menschen umgekommen, schätzen die Vereinten Nationen. Er dauert nun schon drei Monate.»
Und das soll alles sein? Ja: Es zeigt am schlichten Modell die Vorzüge der linearen Information; und wer den Gewinn für gering hält, der sollte sich fragen, ob ihm nicht der Wortmix zur zweiten Natur geworden und das Organ für die unverkrampfte Form, sich mitzuteilen, abhanden gekommen ist. Wer informieren will, dem sollte nichts über das Rezept gehen, mit dem Hieronymus Jobs bei Wilhelm Busch seine Predigt gestaltet: «Er sagt es klar und angenehm, was erstens, zweitens und drittens käm.»
Mindestens müsste ihn nachdenklich stimmen, dass die klassischen Texte der Menschheit sich fast durchweg an die klare Reihung halten. Die Lyrik kommt ohne Verschachtelungen aus, und strikt der Reihe nach erzählt sind die Ilias, die Sagas, die Märchen, die Bibel. Es ist erlaubt, uns aus den Fallgruben der bloss korrekten Grammatik wieder zu dieser urtümlichen Form des Mitteilens emporzuarbeiten.
Doch den meisten fällt es schrecklich schwer, das Zweite zu verschweigen, bis das Erste erledigt ist. Auch eine beliebte und verschraubte Wortstellung wie diese macht das deutlich: «Von Anfang an regte sich Widerstand gegen die Fabrik, weil das neue Verfahren bisher nur in viel kleinerem Rahmen mit zweifelhaften Ergebnissen erprobt wurde.» Das Misstrauen hat also zwei Gründe: den kleineren Rahmen und die zweifelhaften Ergebnisse; folglich wäre dem Schreiber das klassische Verfahren «Erst 1 - dann 2» ans Herz zu legen: « . . . weil das neue Verfahren bisher nur in viel kleinerem Rahmen erprobt wurde, und dies mit zweifelhaften Ergebnissen.»
Manchmal wird die Liebe zum Omelette irreführend und unfreiwillig komisch; so beim Bericht über eine Bruchlandung: «Obwohl eine Tragfläche den Boden berührte, gelang es dem Piloten, das aus Istanbul kommende Flugzeug auf der Landebahn anzuhalten.» Nun darf man grübeln: Bei dem gleichzeitig aus Lissabon eingetroffenen Flugzeug gelang es ihm also nicht? Oder gelang es bei dem aus Istanbul kommenden nur deshalb, weil es aus Istanbul kam, während eine Ankunft aus Rom das Rettungsmanöver durchkreuzt haben würde? Ach nein - der Nachrichtenredaktor hatte noch eine Information übrig und rührte sie irgendwo in den Teig.
Die Worte sauber zu reihen: Das wäre das kleine Einmaleins. Das grosse ist, sie in einen angenehmen, kraftvollen Rhythmus einzupassen oder sie abseits der Routine dramatisch zu gruppieren: «Net wer I mög'n!» ruft bei Ludwig Thoma der Bauer auf die Frage, ob er einen Schnaps wolle. «And off she rushed», lässt sich auf englisch sagen. «Ce n'est fichtre pas pour vous que je changerai mes habitudes», heisst es bei Colette. Mais c'est fichtre pour nous, liebe Journalisten, dass Sie ein paar Gewohnheiten ändern sollten.