NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

Die Ziege vom ersten Stock

Wie in Jaipur Tiere und Menschen zusammenleben.

Von Frédéric Gonseth und Catherine Azad

Keinen Schmutz, keinen Abfall, kein Elend zu zeigen, mit dieser Anweisung empfing uns in Jaipur der Mann, der für die ausländischen Medien zuständig ist. Wir hatten soeben vier Stunden im Delhi-Express verbracht, der, leicht kolonial angehaucht, Delhi mit der Hauptstadt von Rajasthan verbindet.

In diese Stadt aus dem frühen 18. Jahrhundert mit ihren Kupfer- und Rotnuancen und der so eigenartigen Schachbrettarchitektur waren wir gekommen, um die abertausend Tiere zu beobachten und zu filmen, die mit den zwei Millionen Menschen von Jaipur zusammenleben. Und wenn wir nicht nur Vögel im Bild haben wollten, sahen wir beim besten Willen nicht, wie wir den Schmutz und das Elend umgehen konnten, wie der Beamte dies von uns verlangte.

Obschon uns eine Dolmetscherin, ein Assistent und ein indischer Fahrer begleiteten, fürchteten wir den Augenblick, da wir mit der Kamera und dem ganzen Material ins Strassengetümmel hinausmussten. Wir fürchteten uns zu Recht.

Da in den breiten Strassen des Stadtzentrums dauernd ein paar tausend junge Arbeitslose unterwegs waren, denen der Anblick eines kleinen Filmteams ein nettes Event ankündigte, kam es immer wieder zu einem Volksauflauf. Herumhängende Jugendliche, leicht aggressiv und auf einem völlig verqueren Hollywood-Fantasy-Trip, wollten unbedingt auf Zelluloid gebannt werden. Dann waren da auch noch die Bettler, die ihre «direkte Touristensteuer» einziehen kamen, eine legitime Sache, gewiss, aber sie griffen nach unseren Armen, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, dass sie unsere Einstellungen verpatzten.

Wir zogen uns in die kleinen Nebenstrassen zurück. Horden von unbeaufsichtigten, noch nicht eingeschulten Knirpsen stürzten sich mit umwerfender Lebensfreude auf das Objektiv. Nur mit kiloweise Süssigkeiten, die wir den kleinen Händlern ringsum abkauften, gelang es uns, sie, wenn es hoch kam, zwanzig, dreissig Sekunden lang zu ködern und im Zaum zu halten, so dass wir in Windeseile das sich bequem im Staub fläzende Mutterschwein aufnehmen konnten, das von einem Wurf hungriger Ferkel bestürmt wurde.

Am meisten zu fürchten waren jedoch die, die helfen wollten. Sie sprachen meist dieses einzigartige indische Strassenenglisch, bei dem sämtliche Betonungen verschoben sind. Taub für unsere Bitten, gaben sie den Personen, auf die wir unser Augenmerk gerichtet hatten, nach eigenem Gutdünken Anweisungen: «Geh schneller! Komm mit deinem Büffel zurück! Schau dorthin! Nein, in die andere Richtung!» So dass wir bald einen verschreckten Automaten vor uns hatten, der nicht mehr imstande war, einen Fuss vor den andern zu setzen, und seinen Büffel, der doch gewöhnlich so fügsam war, konnte er auch nicht mehr zähmen.

Nicht alle Tiere laufen frei herum wie die Kühe, die Stiere, Schafe oder Ziegen, die sich ungeniert vor der Nase der Zugtiere tummeln, während diese - Elefanten, Dromedare, Pferde, Büffel, Esel - sich abrackern müssen. In Jaipur ist alles per Vierbeiner transportierbar. Schwere Baumaterialien, ganze Baumstämme, Möbel, Textilrohstoffe für die Fabriken. Die Lasttiere, von ihren Besitzern ernährt, gepflegt und mit Stöcken geschlagen, ziehen von frühmorgens bis spätnachts durch die Strassen. Ihre Wirbelsäulen sind durchgebogen von Lasten, die in derart umgekehrtem Verhältnis zur Grösse der Tiere stehen, dass man an den physikalischen Gesetzen zu zweifeln beginnt.

Wir warteten manchmal stundenlang, bis ein Tier auftauchte, dessen Ausdruckskraft stark genug war: die Diva, der Star. Die Leute amüsierten sich jeweils köstlich, wenn sie uns einem Schwein nachschleichen oder mit laufender Kamera atemlos einer Meute von Hunden oder Rhesusaffen hinterherhetzen sahen. Unsere Stars führten uns allesamt zu ihren Meistern. Das war das Erstaunliche: All diese Tiere, von denen es in dieser Stadt bis in den hintersten Winkel hinein wimmelte, gehörten irgendwem!

So gelangten wir im Kielwasser einer Muttersau, die im Stadtviertel «grosse Putzete» machte, zu ihren Besitzern, den Harijan, einer der zahlreichen Gruppen von Unberührbaren, die jedoch mit dem Fleisch ihrer Schweine trotzdem die Küchen der ausserhalb der Stadtmauern errichteten Fünfsternhotels beliefern; oder einem Häufchen kreuzfideler Hühnchen hinterher zu den Bhopa, den Musikantenbettlern, die virtuos auf einer Art Rudimentärgeige spielen; oder mit einer Ziege, die sich als Profi-Auslagendiebin entpuppte, zu einer Sansi-Bettlerin, die mit ihrer Familie seit mehr als zwanzig Jahren auf einem Flecken Trottoir lebt; oder schliesslich, dank den auf Milchopfer versessenen Kobras, zu den schlangenbeschwörenden Khalbelias in einem ausgedehnten Elendsviertel.

Die heilige Kuh, die sich an den von den Hindus am Tempelausgang angehäuften Köstlichkeiten gütlich tat, kehrte nach Hause zurück, um sich melken zu lassen. Genau wie rund vierzig ihrer Artgenossinnen, die dem gleichen Besitzer gehörten, mitten im Stadtzentrum. Er schickte seine Herde ganz einfach in die Stadt «auf die Weide». Neben den Opfergaben bedienten sich die kleinen Gottheiten auch auf den Abfallbergen, die überall am Boden herumlagen. Im Vorbeigehen zupften sie Papierfetzen, Zeitungen und Plastictüten heraus, verschluckten womöglich alte Nägel, die in Letzteren versteckt waren, und riskierten jeden Augenblick von einem Fahrzeug angefahren zu werden. Oft lebte eine ganze Familie vom Verkauf der Milch einer einzigen Kuh.

Und eine braune Ziege führte uns zu ihren muslimischen Meistern. Sie logierte in der ersten Etage. Als wir von den Gefahren der Strasse sprachen, beruhigten uns die Besitzer in feierlichem Ton, als sprächen sie von ihrer Jüngsten: «Wir vertrauen ihr vollauf.» Wir hatten mit eigenen Augen gesehen, wie die junge Ziege die grosse Verkehrsader überquerte: mit winzigen Schrittchen und zur Salzsäule erstarrend in dem Augenblick, als zwei heranbrausende Lastwagen sie zwischen sich hätten zerreiben können.

Die Besitzer der Tiere verstanden nicht immer, was wir wollten, aber sie merkten, dass wir unvoreingenommen filmten, obwohl wir, völlig unbeabsichtigt, dauernd die kulturellen Codes verletzten. Eines Tages hatten wir um die dreissig Esel aufgestöbert, die abseits der belebten Strassen unter der schweren Last von Backsteinen schwitzten. Die Unterhaltung zwischen unserer Dolmetscherin und den Eseltreibern nahm giftige Töne an. Plötzlich rannte sie weg und schrie: «Verziehen wir uns, die sind gefährlich!» Die jungen Eseltreiber mit ihren Stöcken hinterher. Wir mussten eiligst etwas finden, um sie zu beruhigen. Zum Glück kamen wir auf die Idee, ihnen Fotos unserer eigenen Eselin in der Schweiz zu zeigen. Das rettete uns. Die Feindseligkeit schwand augenblicklich.

Mit unseren paar Brocken Hindi kam eine Unterhaltung über Esel in Gang. In den nächsten Tagen kehrten wir zurück, um diese Gemeinschaft mit ihren tapferen kleinen Märtyrern zu filmen, die in der Hindureligion zu den Unreinen gehören. Misshandelt und verachtet, spiegeln die Tiere das Los, das ihre Meister ertragen müssen als Zugehörige einer Kaste, die vom Vater auf den Sohn übertragen wird und deren Leben aufs Engste mit den Eseln verbunden ist.

Dass unsere Dolmetscherin die Leute etwas zu oft von oben herab behandelte, war wohl kein Zufall. Wahrscheinlich war sie verstimmt darüber, sich mit Angehörigen niederer Kasten unterhalten zu müssen. Sie war die Tochter eines Juweliers aus der Sekte der Jaina und hatte zwei Mitarbeiter für uns auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur Kaste der Brahmanen ausgewählt.

Es blieb uns nichts anderes übrig, als allein weiterzuarbeiten. Wir fingen auch an, in der Nacht zu drehen. Wohltuende Momente, in denen die Stadt in Gesellschaft der Ratten, der erschöpften Lasttiere und der mittellosen Menschen wieder zu sich kam. Nur die unberechenbaren Hundemeuten, die sich uns an die Fersen hefteten, zwangen uns manchmal, Reissaus zu nehmen.

Als wir Jaipur im Dezember 1998 verliessen, waren wir mit seinem Strassenleben vertraut genug geworden, dass wir uns nicht mehr so schnell hinters Licht führen liessen. Wir hatten gelernt, besser zwischen Tradition und Missbrauch zu unterscheiden. Das Verbot etwa, einem leidenden Tier den Gnadenstoss zu geben, wirkt in den Augen eines Reisenden aus dem Westen schockierend. Aber dieses Gebot ist so in der indischen Tradition verwurzelt, dass es uns schliesslich Respekt abnötigte.

Aber nicht alle Handlungen basieren auf einer so langen, ehrenwerten Tradition. Auch wenn die Hindus das Ritual der Opfergaben für die heiligen Tiere praktizieren, dank dem sie hoffen, von Geburt zu Wiedergeburt spirituell aufsteigen zu können, sind offensichtlich nicht alle in allen Lebenslagen um das Heil ihrer Seele besorgt. Ob heilig oder nicht, ihre Tiere sind nicht gegen schlechte Behandlung und Gewinnsucht gefeit. Sie werden geschlagen, gequält und heillos überfordert.

Wir sind wieder zurück in der Schweiz, wo die Strassen vom Dreck befreit sind, wo nicht Tiere, sondern Autos das Strassenbild bestimmen. Aber irgendwie haben wir Jaipur nie wirklich verlassen können. Als wären wir, während wir unsere Bilder durchforsteten, um daraus einen Film zu machen, selbst zu einem Glied in jener mit dem Tier verbundenen Kette des Lebens geworden. Ein kleines Pferd sichert einer sechsköpfigen Familie das Überleben. Der Kornak verbringt sein ganzes Leben mit dem gleichen Elefanten. Ganze Stadtviertel verwerten die Exkremente der Tiere als Brennmaterial. So denken wir an Jaipur zurück, wo die Allgegenwart der Tiere die Stadt menschlich macht.

Frédéric Gonseth und Catherine Azad sind Filmemacher. Ihr Dokumentarfilm «Die Stadt der Tiere», in Jaipur gedreht, kam 2001 in die Kinos.


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