NZZ Folio 09/05 - Thema: Krankenkassen   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Der Schmuse-Schuh

© Patrick Rohner
Desert Boot, Rindsvelours, Clark's Originals, etwa 150 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

Die Schuhdesigner sind derzeit besessen von Natürlichkeit und der Suche nach dem «richtigen» oder «ursprünglichen» Gehen. Aus der Schweiz kommt der MBT-Schuh, aus den USA der Barfuss-Schuh «Free» von Nike – beides Hightechprodukte, die den an Rückenschmerzen leidenden Menschen wieder auf den Pfad der Tugend zurückbringen sollen. Auch die Briten haben einen Minimalschuh, der erfunden wurde, um Leiden zu lindern: den legendären Desert Boot mit der Kreppsohle von Clark’s.

Allerdings wollte der Schuster Nathan Clark, als er in den 1940ern mit der Westafrikabrigade in Burma war, nicht das Leiden der Welt, sondern primär sein eigenes lindern. Die Stiefel, mit denen er unterwegs war, schmerzten ihn so, dass er eines Abends in seinem Zelt das Urmodell des Desert Boot aus einer Zeitung schnitt und das Muster der Firma seiner Familie nach Street in Südostengland schickte. Abgeschaut hatte er die Idee den Offizieren der 8. Armee, die den Schuh ihrerseits von den südafrikanischen Wüstensoldaten kopiert hatten.

Die Familie Clark verweigerte sich der Idee: «So einen hässlichen Schuh haben wir in unserem Leben noch nicht gesehen.» Schliesslich schnitt Nathan das Leder entnervt selber zu. Der Schuh war dank der weichen Sohle zwar bequem, aber weder besonders formstabil noch allzu belastbar. Der Kreppgummi wurde bei Kälte steif und schmolz bei Hitze fast.

1949 stellte Nathan Clark den Desert Boot auf einer Messe dem «Esquire»-Chefredaktor vor, der dem Schuh eine begeisterte Geschichte widmete. Der Schuh wurde in den USA sofort ein Erfolg. Doch es dauerte 15 Jahre, bis ihn auch die Europäer entdeckten. Erst die englischen Mods erkannten auf ihrer Suche nach Zeichen der Rebellion den spröden Anticharme des Schuhs. Der Geruch der Sixties blieb dauerhaft hängen: «Altachtundsechziger und Leute, die den Manufactum-Katalog zu Hause haben», tragen laut Clark’s-Originals-Manager Rudy J. Haslbeck den Schuh. Doch zunehmend entdecken ihn auch Jugendliche wieder.

Heute werden die 62 000 Paar Desert Boots pro Saison allerdings nicht mehr in England, sondern wieder etwa dort gefertigt, wo sie einst erfunden wurden: in Vietnam. Clark’s legt immerhin Wert darauf, nur bestes «Bronto»-Wildleder vom englischen Rind dorthin zu verschiffen, aus dem die Schäfte genäht werden. Der fertige Schaft wird mit einem dicken Baumwollgarn auf dem «Runner» befestigt, der aus einem steifen Vlies und einer fünf Millimeter dicken Schicht Naturkautschuk-Krepp besteht. Auf dem Leisten wird der Kappe die Form gegeben, bevor der halbfertige Schuh mit der Kreppsohle verleimt wird. Ein Futter gibt es nicht – nur eine eingelegte Halbsohle mit einem dünnen Kunststoffpolster im Fersenbereich. Die beliebtesten Farben sind Sand und Schwarz – beide seit den ersten Tagen der Desert Boots ununterbrochen im Angebot. Einer der besten Märkte für den Antischuh ist ironischerweise Italien, das Land der exquisiten Schuhmacherei.

Der Querkopf Nathan Clark, der inzwischen über neunzig Jahre alt ist und den Ruhestand in Somerset geniesst, wird sich über seine kleine Revolution ins Fäustchen lachen.




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