DAS JAHR 1988 begann im Bordelais wenig verheissungsvoll. Einem Winter mit viel Regen folgte ein überaus trüber und feuchter Frühling. Der Sommer war dann zwischen dem 5. Juli und dem 1. September beinahe niederschlagsfrei, doch reiften die Trauben bei kühler Witterung nur ungenügend aus. Regen am 29. September veranlasste schliesslich einen Grossteil der Winzer, die Traubenernte verfrüht einzubringen.
Die Dürre im Sommer verlieh den Trauben dicke Schalen, was tieffarbene Weine zur Folge hatte. Allerdings bewirkte die häufig ungenügende Reife, dass sich die Gerbstoffe ziemlich grün und ungehobelt präsentierten. Eine strenge Selektion, namentlich beim Cabernet-Sauvignon, war deshalb notwendig, um gute Qualitäten hervorzubringen. Diese konnten sich vor allem die führenden Châteaux leisten, weshalb es nicht verwundert, dass weniger bekannte Produzenten häufig magere, enttäuschende Weine hervorbrachten.
Eine kürzlich im Arlberger Hospiz unter der Ägide von Hoteldirektor Adi Werner durchgeführte Blinddegustation von fünfzig der besten 88er zeigte, dass die Weine aus diesem Jahr nach wie vor von den unreifen Tanninen geprägt sind. Weiter fiel auf, dass sich etliche Gewächse anders entwickelt haben, als dies einige Weinauguren vorhergesagt hatten. So bewegten sich die Weine aus St-Emilion immerhin auf einem ansprechenden Niveau, sie fielen aber im Vergleich zu manchen Médoc- und Graves-Weinen ab.
In erster Linie die oft sehr teuren Pomerols - eine Lieblingsregion des amerikanischen Weingurus Robert Parker - konnten die hochgesteckten Erwartungen nur teilweise erfüllen. So wirkte der sündhaft teure und hochgelobte Lafleur betont harmlos, und auch bei Trotanoy und Vieux-Château-Certan hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Im St-Emilion enttäuschten vor allem Ausone und der bereits deutlich gereifte Tertre-Roteb?uf; Montrose, Cantenac-Brown und Prieuré-Lichine bildeten die Schlusslichter im Médoc. Dagegen hatte sich der von Parker mit 86 Punkten nicht gerade üppig benotete Cos-d'Estournel zu einem klassischen, nuancierten Wein entwickelt.
Einige der besten 88er wurden in der Gemeinde Pauillac gekeltert: Äusserst gelungen, mit gut eingebundenen Tanninen präsentierte sich Pichon-Baron; Pichon-Lalande gefiel durch Eleganz und Finesse; noch streng und männlich wirkte Latour. Lafite erzeugte einen dichten, eher harten Wein, der erst in etwa fünf Jahren seine optimale Reife erlangen wird; Mouton glänzte mit seinem unverkennbaren, von noblen Eichenholzaromen unterlegten Cabernet-Bouquet, wohingegen Lynch-Bages mit einer vollen, aber vielleicht etwas allzu simplen Fleischigkeit auffiel.
Ebenfalls auf ziemlich gleichmässigem Niveau bewegten sich die Weine der Region Margaux. Sie wurden angeführt von Château Margaux, der sicher zu den schönsten Weinen dieses Jahrgangs gehört. Exzellent auch Monbrison, der sich momentan vorteilhafter als die gleichfalls erfreulich gelungenen Palmer und Chasse-Spleen aus Moulis zeigte. Der St-Julien Léoville-Las Cases wirkte noch streng und verschlossen, während sich St-Pierre und La Lagune als jetzt sehr schön zu trinkende Weine entpuppten. Ducru-Beaucaillou bestach durch seine distinguierte Art, wenn er auch im Bouquet die gewohnte leichte Unsauberkeit aufwies.
Im Graves blieb der verhaltene La Mission-Haut-Brion ein wenig hinter dem beeindruckend ausgewogenen Haut-Brion zurück; Frucht und Kraft besass Domaine de Chevalier. Ein sehr gutes Qualitätsniveau erreichten in St-Emilion Troplong-Mondot, Cheval-Blanc, Canon, Figeac und Canon-la-Gaffelière. Viel Kraft und Konzentration zeichnete das Pomerol-Weingut La Fleur de Gay aus; reichhaltig und üppig war Clinet, massiv und wuchtig, aber noch verschlossen Pétrus.