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Menschen & Räume -- Professorin Woggons Tanzpalast
© Christian Känzig
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| Brigitte Woggon, Professorin für Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, im Wohnzimmer ihres Hauses in Benglen, wo man sich regelmässig zum Tanzapéro trifft. |
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Von Lilli Binzegger
«AN MEINEM 55. Geburtstag haben wir hier ein Fest gemacht und bis in alle Nacht getanzt. Hinterher fragte ich mich: Warum machen wir das nicht auch, wenn keiner Geburtstag hat? Das ist jetzt drei Jahre her, und es hat sich gut gehalten. Manchmal findet ein Tanzapéro erst nach zwei Monaten statt, manchmal schon nach fünf Wochen, je nachdem wie alle gerade verfügbar sind.
Es gibt Tage, da kommen 50, manchmal sind nur 20 Leute da. Ich kenne lange nicht alle, oft klingelt es, und da steht jemand und sagt: Ich bin die und die und bin von dem und dem eingeladen worden. Dann sage ich: Wunderbar, ich bin Frau Woggon, kommen Sie mal rein. Natürlich sind immer viele Psychiater und Psychoanalytiker da, aber dann bringt mal jemand einen Juristen oder einen Künstler mit, und der bringt dann seinerseits Freunde aus seiner Zunft mit.
Wir tanzen zu allem. Jeder bringt seine Lieblingsplatten mit. Bevorzugt wird meinem Alter entsprechend natürlich Rock’n’Roll oder Dixieland. Da fühlt sich unsereins halt besonders jung. Manche können Tango, manche tanzen Wiener Walzer. Manche tun, was ich Two Steps nenne, stehen von einem Bein aufs andere und wackeln. Oder tanzen zu viert oder allein, wie es gerade kommt. Und manche unterhalten sich nur einfach gut. Wir machen das meist am Sonntag von fünf bis neun. Die Häuser dieser Siedlung sind so schlau gebaut, dass zu den Nachbarn kein Sichtkontakt ist. So stören wir sie nicht.
Natürlich gibt es Bälle, aber da muss man mit einem Partner hingehen. Und das kann oder will man unter Umständen nicht. Und in die Disco kann man in unserem Alter ja nicht mehr. Die würden ja denken: Was kommen denn da für Kompostis an. Vielleicht machte ich mir da zu viele Gedanken. Als Frau allein zum Tanzen zu gehen, war früher ja eher ein anstössiges Verhalten. Heute ist das vielleicht anders, aber irgendwie behalten wir das doch in uns drin.
Wir sind 1969 in die Schweiz gekommen und haben erst in einer kleineren und dann immer in einer grösseren Wohnung gewohnt. 1982 hatte mein damaliger Mann den Wunsch nach einem Haus. Ich wollte das eigentlich gar nicht, mir hat das immer eher Angst gemacht: Einbrecher, Schulden und so. Aber ich bin jetzt wohl in dem Haus, das ich mir nach meinen Bedürfnissen eingerichtet habe, seit ich allein lebe. Mein Mann und ich, er ist Chemieprofessor an der Universität Basel, sind seit 1990 glücklich geschieden.
Die meiste Zeit haben wir zu viert in dem Haus gelebt, mit zwei Kindern. Bis 1992 wohnte mein Sohn noch hier. Unterdessen lebt er in München, weil es dort für ihn als Schauspieler bessere Möglichkeiten gibt. Die Tochter war lange Zeit Flight-Attendant und hat aufgehört, als meine Enkeltochter zur Welt kam, die Kleine ist jetzt gerade vier. Als Jens in eine WG zog und ich allein zurückblieb, fand ich das sehr positiv. Viele Mütter finden es ja schlimm, wenn die Kinder ausziehen. Ich habe viel Besuch und gehe auch viel zu Besuch, gehe oft aus, in die Oper, ich bin eine grosse Opernfreundin, ins Kino, zum Essen, in Konzerte.
Aber ich bin auch gern allein zu Hause, ich komme gut mit mir aus. Es ist wichtig, dass man ein Gegengewicht zur Arbeit hat, dass man sich auch einmal aus der Verantwortung nehmen kann. Ich bin aber nicht eine, die sich erholen muss; es gibt ja viele Leute, die dauernd denken, sie müssten sich erholen. Wahrscheinlich kommt das daher, dass ich die Dinge tue, die mir Spass machen. Die Genusssucht ist wichtig: dass man es schön hat.
Morgens arbeite ich fast immer zu Hause, da schreibe ich meine Artikel und Bücher, auch die Planung für meine Arbeit in der Klinik mache ich hier. Ich arbeite seit 1970 in der Psychiatrischen Universitätsklinik, im Burghölzli, wie die Zürcher sagen, ich gehöre dort zum Inventar. Wenn ich vor 31 Jahren gewusst hätte, dass es für immer sein würde, wäre ich niemals von Berlin weggegangen. Ich dachte, nach vier Jahren bin ich wieder zurück. Unterdessen habe ich natürlich Wurzeln geschlagen. Den Dialekt verstand ich schon nach drei Monaten gut.
Unsere Kinder sind in die englische Schule gegangen, weil mein Mann und ich immer voll gearbeitet haben, mehr als voll, und es sonst keine Tagesschulen gab. Zum Glück sind die Menschen nicht gleich. Mein Mann ist einer, der abends aktiv ist, und ich gehöre zu jenen, die morgens früh wach sind und allen andern auf die Nerven gehen. So haben wir uns aufgeteilt: ich war um halb fünf Uhr morgens im Spital und habe dort auch meine ganzen Arbeiten geschrieben, während mein Mann zu Hause war. Nachmittags und abends war es umgekehrt. Das ging sehr gut.
Ja, ich weiss, dass ich nicht unumstritten bin. Wenn man Erfolg hat, ist man nie unumstritten. Und mit Erfolg meine ich nicht, bekannt zu sein, sondern Menschen helfen zu können, von denen es hiess, es gehe nicht. Und ich tue das in erster Linie mit Psychopharmaka. Interessant ist, wie viele Psychotherapeuten sich hier einfinden, wenn sie selbst psychisch krank werden.
Ich bin, was man in Berlin eine Asphaltpflanze nennt: mitten in der Stadt aufgewachsen. Nach dem Krieg waren wir während dreier Jahre zu dritt in einem Zimmer einquartiert, wie das damals so war. Später haben wir im selben Haus wie meine Grosseltern gewohnt. Ich bin ein Einzelkind, zum Aufwachsen eine besonders günstige Konstellation, war umwuselt von Menschen und habe so pfundweise Liebe gekriegt. Und stand immer im Mittelpunkt. Geld hatten wir nicht viel, aber wenn wir fünf gewesen wären, wäre es noch weniger gewesen, oder? Ich habe eine sehr schöne Kindheit gehabt - und bin trotzdem Psychiater geworden.»
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