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Schlagschatten -- Georg Büchner, der radikale Moderne
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Mit 23, im Alter, in dem Büchner starb, hatte Shakespeare noch nichts geschrieben, Goethe erst das Schäferspiel «Die Laune des Verliebten» und eine Urfassung des «Götz», die er später verwarf – Büchner aber vier gewaltige Stücke deutscher Prosa, die sich heute so blutig frisch wie vor 170 Jahren lesen: zwei Tragödien, eine Komödie und die Erzählung «Lenz». Dass dieser Mensch am 19.?Februar 1837 der Typhusepidemie zum Opfer fiel, die in Zürich wütete, macht es schwer, auf Gottes gern zitierten «unerforschlichen Ratschluss» zu vertrauen; man darf das auch für den Triumph eines unsäglich stupiden Schicksals halten.
Aufgewachsen in einem Dorf bei Darmstadt als Sohn eines Militärarztes, studierte Büchner in Strassburg und Giessen Zoologie, Anatomie und Medizin. Als er 19 war, erschreckte er seine Eltern mit dem Bekenntnis, der regierende Aristokratismus sei «die schändlichste Verachtung des Heiligen Geistes im Menschen». Im Jahr darauf verfasste er, zusammen mit dem evangelischen Theologen R.?L. Weidig, die Flugschrift «Der Hessische Landbote» mit dem Schlachtruf: «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» In 300 Exemplaren illegal gedruckt, wollte sie die Bauern zum Aufruhr antreiben und «die Presser» stürzen, «die nur stark sind durch das Blut, das sie euch aussaugen».
Weidig wurde verhaftet, Büchner konnte sich zunächst in Darmstadt verbergen und schleuderte binnen fünf Wochen die Revolutionstragödie «Dantons Tod» aufs Papier (stets mit anatomischen Tafeln auf dem Tisch, um sie über das Manuskript zu schieben, falls die Häscher kämen); drei Jahre nachdem Goethe den zweiten Teil des «Faust» in erhabenen Versen vollendet hatte, nun ein Drama voll Saft und Zynismus, das er vor seinen Eltern mit den Worten rechtfertigte: «Die Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lektüre für junge Frauenzimmer geschaffen worden.» Wenn man ihm vorhalte, der Dichter dürfe die Welt nicht zeigen, wie sie sei, sondern wie sie sein sollte, so antworte er: Er wolle es nicht besser machen als der liebe Gott, «der die Welt gewiss gemacht hat, wie sie sein soll». Da spricht der Deputierte Lacroix: «Und ausserdem, Danton, sind wir lasterhaft, das heisst, wir geniessen; und das Volk ist tugendhaft, das heisst, es geniesst nicht, weil ihm die Arbeit die Genussorgane stumpf macht, es besäuft sich nicht, weil es kein Geld hat, und es geht nicht ins Bordell, weil es nach Käs’ und Hering aus dem Hals stinkt und die Mädel davor einen Ekel haben.» (Uraufführung: 1902.)
1835 floh Büchner nach Strassburg und schrieb dort die Erzählung «Lenz» – das grandiose Monument des Wahnsinns, der in dem ungebärdigen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz heraufzog, nachdem Geheimrat Goethe ihn 1776 verärgert aus Weimar vertrieben hatte. «Es fasste ihn eine namenlose Angst, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm?… Es war ihm, als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireissen und zwischen seinen Wolken schleifen; als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien.»
1836 dann die melancholische Komödie «Leonce und Lena» – auch sie mit der provokanten Kraft von Büchners Sprache; so, wenn der armselige Schulmeister ankündigt: «Wir geben aber auch heut’ abend einen transparenten Ball mittelst der Löcher in unseren Jacken und Hosen und schlagen uns mit unseren Fäusten Kokarden an die Köpfe.» Aufgrund seiner Doktorarbeit «Über das Nervensystem der Barben» erhielt Büchner im September 1836 einen Ruf nach Zürich, dem Typhus entgegen. Am 27. Januar 1837 schrieb er an seine Braut: «Ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je.» Drei Wochen später war er tot.
Was die Literatur mit ihm verloren hatte, wurde vollends erst mit dem «Woyzeck» klar: einem in vier verschiedenen Handschriften überlieferten Torso dramatischer Szenen – seit der Uraufführung von 1913 eines der einflussreichsten, am meisten diskutierten, am häufigsten gespielten Dramen des Abendlands; das erste der Weltliteratur, das einen kleinen Mann zum Helden hat. «Ich will ihm die Nas’ ins Arschloch prügeln!» schreit der Tambourmajor den Soldaten Woyzeck an, und der spricht: «Ich glaub, wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen.»
Gewiss, ein längeres Leben hätte nicht unbedingt noch grössere Werke nach sich gezogen; es gibt ja Kritiker, die der Meinung sind, Thomas Mann habe den Rang der «Buddenbrooks», die er mit 25 vollendete, und Günter Grass den der «Blechtrommel», die er mit 31 publizierte, nie mehr erreicht. Doch die meisten Grossen, denen das Schicksal die Zeit dazu liess, konnten sie zu Grösserem nutzen. Büchner wurde «zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus», den er der Weltgeschichte schon als 20-Jähriger nachgesagt hatte in einem Brief an seine Braut: «Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Grösse ein blosser Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz.»
Auf dem Germaniahügel am Zürichberg ist Georg Büchner begraben.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
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