NZZ Folio 01/99 - Thema: Sexgeschäfte   Inhaltsverzeichnis

Sexunternehmer

Puffmütter und Saunakönige - fünf Portraits.

Von Barbara Lukesch und Rebekka Haefeli

Olivier und Tina Morand, Saunaclubbetreiber

Das Familienidyll ist perfekt. Ein dreijähriges Mädchen krabbelt auf dem Sofa herum. Der zwei Jahre ältere Bruder, blond wie ein Engel, sagt artig «Bon soir». Die Kinder wachsen zweisprachig auf, denn ihr Vater stammt aus Genf und ihre Mutter aus der Deutschschweiz. Das dreistöckige Haus, in dem sie leben, steht in einem noblen Vorort von Zürich und ist nur mit dem Feinsten möbliert. Wenn die vier einen Ausflug zu den Grosseltern im Welschland machen, nehmen sie den grossen grauen Mercedes 600.

Tina Morand arbeitete zwölf Jahre als Prostituierte und führt noch heute an den Wochenenden das «Saphir», ihr Luxusetablissement im Zürcher Rotlichtquartier. Ihr Mann Olivier ist seit sieben Jahren im Sex-Business. Seit zwei Jahren betreibt er im Industriequartier von Küssnacht am Rigi den 2000 Quadratmeter grossen Saunaclub «Zeus».

Kunden im «Zeus» staunen nicht schlecht, wenn der Chef von seinen kleinen Kindern erzählt, und die vornehmen Nachbarinnen am Zürichsee trauten ihren Augen nicht, als sie erfuhren, dass die Autobiographie «Ich bin eine Hure - Ein Leben ohne Tabus» von der freundlichen Frau Morand stammt.

Das Ehepaar ist schon so lange im Geschäft, dass es keine Lust mehr zum Versteckspielen hat. Einzig die Frage, wie sie die Kinder eines Tages über ihren Beruf aufklären sollen, bereitet den beiden Kopfzerbrechen. Wie bringt man ihnen bei, wie erzählt man denn seinen Kindern, dass der Vater, einst Vermögensverwalter bei einer Grossbank mit glänzenden Karrierechancen, seine Stelle verlor, weil er sich weigerte, seine Beziehung zu einer Prostituierten, die jetzt ihre Mutter ist, aufzugeben?

Mit zwanzig Jahren nahm Tina Morand zum erstenmal für Sex Geld, und manche Herren, mit denen sie als Bankangestellte und Airhostess zu tun hatte, wurden auch privat zu ihren Kunden. Bald arbeitete sie nur noch als Prostituierte und erwarb sich als Domina einen Ruf weit über Zürich hinaus. Heute verfügt sie über ein Vermögen von mehreren Millionen Franken.

Das «Zeus» ist mittlerweile das wichtigste geschäftliche Standbein der Morands. Olivier Morand verwandelte das ehemalige Fitnesscenter in einen grosszügigen Saunaclub mit Rosa als Grundfarbe und altgriechischem Einschlag. Hier prangt ein steinerner Zeus-Kopf, dort wird eine Bar von Säulen getragen. Das Angebot ist vielfältig und reicht vom Hallenbad über Whirl-Pool, Solarium, Massagezimmer und Liegewiese bis hin zum Restaurant mit Bühne. Die Spiel- und Strip-Shows finden in Griffnähe der Kunden statt, die ruhig auch einmal hinfassen dürfen. Eine Suite und vier mit Goldstoffen dekorierte und dezent beleuchtete Séparées stehen jenen Frauen und Männern offen, die sich zurückziehen wollen. Was dort getrieben wird, entziehe sich seiner Kenntnis, sagt Morand.

Anders als die Betreiber herkömmlicher Salons beschäftigt der 40jährige Morand keine Prostituierten. Wer im «Zeus» verkehrt, kommt als Gast und zahlt Eintritt: Männer pro Abend 90 Franken, Frauen 150 Franken. Dafür steht ihnen die Infrastruktur des Hauses zur Verfügung. Den Preis für ihre sexuellen Dienstleistungen legt jede Frau mit jedem Kunden individuell fest. Das so verdiente Geld wandert allein in ihre Tasche.

Morand bevorzugt dieses System, da es ihn von allen Pflichten des Arbeitgebers gegenüber professionellen Prostituierten entbindet. Barbara Lukesch

Inge Keller, Sexclubbetreiberin

Wenn alle sagen, das schaffst du nicht, will Inge Keller erst recht. So war es vor elf Jahren, als die Österreicherin mit Schweizerpass beschloss, ihren Arbeitsort von Zürich nach Luzern zu verlegen. Im Milieu warnte man sie vor dem Mief der katholischen Innerschweiz. Polizisten, Behörden, Hausbesitzer, Nachbarn und andere Sittenwächter würden ihr Probleme machen. Doch sie hatte festgestellt, dass den rund 130 000 männlichen Bewohnern des Kantons Luzern nur gerade drei Salons offenstanden. Ein schlechtes Mengenverhältnis, befand die einstige Studentin der Betriebswirtschaftslehre.

Inge Keller leistete gewissermassen Pionierarbeit. Waren früher nur Salons mit maximal zwei Prostituierten gestattet, trotzte sie den Behörden die erste Bewilligung für einen grösseren Betrieb ab. «Inge's Palace» an der Hauptstrasse in Root war der erste Saunaclub im Kanton Luzern. Ein Novum war auch die Peep-Show, die sie vor eineinhalb Jahren in der Altstadt Luzerns eröffnete.

Inzwischen kennt man die 36jährige Sexunternehmerin und Ex-Domina am Vierwaldstättersee. Mit einzelnen Regierungsräten ist sie per Du, sagt sie, und wenn sie einen Termin wolle, kriege sie ihn. Klar würden sich ein paar Ewiggestrige an Pornokabinen und an Slogans wie «Es Stützli für es Fützli» stören. Doch zahlt Inge Billettsteuern in inzwischen sechsstelliger Höhe, und wenn sie zugunsten armer Kinder spendet, trägt das der gewieften Geschäftsfrau auch ein gewisses Ansehen ein.

Für die feine Herrschaft ist ihr neues Etablissement in Sempach gedacht. «Im <Roma> werden die Männer wie heimkehrende Krieger verwöhnt, gesalbt und im Liegen gefüttert», verspricht Keller. Wer es vermag, der kann den ganzen Club mit all seinem weissen Marmor, den goldenen Wasserhähnen und den italienischen Seidenstoffen mieten, inklusive Butler, Koch und Gespielinnen, und umgeben von Speeren, Lanzen und Schilden eine Orgie feiern wie im alten Rom. Um Authentizität bemüht, hatte sich Keller für den Innenausbau mit einem Dutzend Büchern über die Antike eingedeckt.

Dem Erfolg zum Trotz hat Inge Keller vor, mit 40 Jahren aus dem Geschäft auszusteigen. «Dann mache ich den Abgang - wegen der Nerven.» Das Business sei hart geworden. Heute eröffne jeder arbeitslose Maurer einen Sexsalon, beschäftige fünf Russinnen und mache den Markt mit Dumpingpreisen kaputt. Darüber hinaus sei sie in letzter Zeit auch empfindlicher geworden gegenüber der Doppelmoral der sogenannt anständigen Gesellschaft. Seitdem ihre Nachbarin wisse, in welcher Branche sie arbeite, trinke sie keinen Kaffee mehr mit ihr. Selbst das Lächeln des Bankangestellten, bei dem sie Aktien kauft, deutet sie als Zeichen von Geringschätzung. So sei das halt, sagt sie. «Wer einmal angeschafft hat, trägt das Hurenzeichen sein Leben lang, auch wenn er inzwischen ein Unternehmen mit dreissig Beschäftigten leitet.»

Eine Heirat mit einem «Soliden», wie sie Männer ausserhalb des Milieus nennt, könne sie vergessen. «Prostituierte sind nicht für daheim.» Sie kenne nur wenige Ausnahmen, und früher oder später seien diese Frauen alle von ihrer Vergangenheit eingeholt und im Streit mit «alte Hure!» beschimpft worden. - «Das», sagt Inge Keller, «muss ich nicht haben.» Barbara Lukesch

Monika Rein und Verena Keller, Frauenerotikshop

Die einen bleiben zögernd auf dem Trottoir stehen und starren Löcher in den Himmel, bevor sie sich entschliessen hereinzukommen. Andere haben keine Hemmungen. Aber alle sind verblüfft. Ein Erotikshop ohne Lack und Leder, ohne Pornos, Pariser, Gummipuppen und Gleitcrème? Nicht ganz, doch bevor frau zu sehen bekommt, womit andere Frauen so spielen, muss sie Kunst betrachten. Der Weg zum Frauenerotikshop «clit care» im Zürcher Stadtkreis 5 führt, ganz diskret, durch eine Galerie. Dass sie Dildos, Vibratoren, Silikonkeulen, Peitschen, Brustschmuck, Latexkleider und Liebeskugeln in die Hinterräume verfrachtet haben, war für die Inhaberinnen von «clit care» einerseits eine Platzfrage und anderseits eine Frage des guten Geschmacks. Monika Rein und Verena Keller wollten einen Raum schaffen, in dem sich Frauen ungestört und unbegafft mit Sexspielzeugen vertraut machen können. Eine neutrale, warme Umgebung, in der die Kundin ernst genommen wird und keine abschätzigen Antworten erhält auf ihre Fragen, die da lauten können: Wohin mit den Liebeskugeln? Welcher Dildo ist der anschmiegsamste? Wirkt Honigstaub erotisierend?

Frauen (und Männer) dürfen bei «clit care» nicht nur mit den Augen schauen. Vibratoren können berührt, gedrückt und beschnuppert werden. Man darf sogar das Motörchen in Gang setzen und prüfen, ob der Lustspender angenehm tönt und nicht etwa lärmt wie ein Rasenmäher. Viele Kundinnen bringen beim erstenmal eine Kollegin mit, manche kommen allein. Fast alle würden niemals in einen gewöhnlichen Sexshop gehen. Kein Wunder, meinen die Inhaberinnen von «clit care», denn in herkömmlichen Erotikgeschäften werde die Frau immer noch als Objekt gesehen und als Ware gehandelt. Darauf sprechen auch die vielen Männer nicht mehr an, die in den Erotikshop für Frauen kommen, weil sie zum Beispiel ihrer Partnerin Lust schenken und von einer Fachfrau hören wollen, was am meisten gefällt.

Manche Männer sind beunruhigt, wenn sie erfahren, dass ein Vibrator mit ausgeklügelter Mechanik mehr kann als ein anatomisch korrekter Mann. Als Konkurrenten, sagen Monika Rein und Verena Keller, brauche ein Mann den «Vibi», wie sie das Gerät zärtlich nennen, trotzdem nicht zu betrachten. Eine Maschine ersetze niemals einen Menschen mit seinen Gefühlen, seinem warmen Fleisch und seiner Phantasie. Übrigens könne ein Vibrator auch Nächte zu zweit bereichern.

Den Frauenerotikshop in Zürich gibt es seit September 1996. Die Idee zu «clit care» kam den beiden Frauen in Holland, wo es bereits einige Sexshops dieser Art gab. Verena Keller und Monika Rein zählen ihr Geschäft klar zur Sexbranche, grenzen sich aber von der «Schmuddelecke» ab. So stört es sie, dass die meisten Vibratoren billig produziert und die Dildos nur als hautfarbene Imitate des männlichen Gliedes erhältlich sind.

Während Monika Rein Lederkleidung herstellt, hat Verena Keller deshalb einen Handel mit selbstgegossenen Silikon-Dildos in bunten Farben und vielen Formen aufgezogen. Ihr grösster Wunsch wäre ein Vibrator, der alle Frauenträume erfüllen könnte. Er wäre unterwassertauglich, formschön und mit Liebe hergestellt. Rebekka Haefeli

Dominique, Betreiber eines Schwulenpuffs

Dominique tanzt auf dem Seil. Er betreibt seit fünf Jahren das erste Schweizer Bordell von Männern für Männer, beschäftigt fast ausschliesslich Ausländer, ist immer noch verheiratet, auch wenn er bekennt, «zu mindestens 80 Prozent» schwul zu sein. Gleichzeitig ist er Mitglied der SVP, jener Partei, die sich den Kampf gegen Randgruppen auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Eine wahrlich brisante Mischung. Der 46jährige Zürcher versucht sie zu entschärfen, indem er seine Identität und seinen Namen je nach der Umgebung, in der er auftritt, ändert. Im Milieu ist er Dominique, der schwule Sexunternehmer, der im Niederdorf, gemäss eigener Einschätzung, den Status einer Galionsfigur geniesst. Taucht er im «Back Piper», seiner Stammbeiz, auf, strecken sich ihm zehn Hände zur Begrüssung entgegen: «Wenn ich in ein Lokal komme», konstatiert er selbstbewusst, «stehe ich sofort im Mittelpunkt.»  

An Parteiversammlungen trägt er seinen bürgerlichen Namen, gilt als Betreiber eines «Artist Service», was immer das auch sein mag, und vertritt konsequent die Linie der Partei.

Der Unternehmer, der ein Handelsdiplom erwarb und zahlreiche mehr oder weniger florierende Geschäfte aufzog, wechselte die Branche so locker wie andere Leute das Hemd. Einmal versuchte er sein Glück mit Sexartikeln, drei Jahre später verkaufte er die Eier von zufriedenen Bodenhaltungshühnern. Danach war er Taxihalter und Pächter einer Tankstelle.

Anfang der neunziger Jahre besann er sich auf seine «wahre Berufung, das Sex-Business», und gründete einen Escort-Service für homo- und bisexuelle Männer. Er hatte realisiert, dass es in Zürich zwar viele Bahnhofstricher, aber nichts für die auf höchste Diskretion angewiesenen Manager, Politiker und Anwälte gab, die hin und wieder Lust auf einen jungen, hübschen Boy haben.

1993 mietete Dominique eine Fünfeinhalb-Zimmer-Wohnung in der Altstadt und verwandelte sie in einen exklusiven Salon. Das erste Schweizer «House of Boys» etablierte sich im Nu. Sein Besitzer beschränkt sich zwar von jeher auf das Management und beteuert mit Nachdruck, dass er «nie im Leben» zur Prostitution fähig wäre. Dafür hat er seine sechs bis acht sorgfältig ausgewählten Liebesdiener, die fast alle Kundenwünsche erfüllen. Wer es konventionell will, kann in das Massagezimmer. Wer ausgefallenere Neigungen hat, lässt sich auspeitschen.

Dank der Revision des Sexualstrafrechts 1992 konnte Dominique sein Geschäft «offiziell und ordnungsgemäss» im Handelsregister anmelden. Zur Zürcher Sittenpolizei hat er ein ausgezeichnetes Verhältnis. Spätestens seitdem eine Razzia durch zehn Polizisten, die er einer Anzeige wegen Menschenhandels zu verdanken hatte, nichts Verbotenes zutage förderte, ist das Klima gut.

Sorgen hingegen bereitet ihm das Überangebot auf dem schwulen Sexmarkt. Da kann er sich ereifern, wenn er von den «80 Prozent illegalen Ausländern unter den Strichjungen» erzählt. Er fordert härteres Durchgreifen, nicht zuletzt, um der drohenden Aidsgefahr vorzubeugen. Seine Boys hält er zu striktem Kondomgebrauch an, wie er sagt, und er schmeisst auch einmal eigenhändig einen Gast, der den Gummi verweigert, aus dem Salon.

Nun betreibt er das Sex-Business schon acht Jahre und sagt, dass ihn das «ständige Gerede über Schwänze und Füdli manchmal gewaltig ankotzt». Drei-, viermal pro Jahr nimmt sich deshalb der Chef, der behauptet, nicht mehr als ein höherer Angestellter zu verdienen, die Freiheit, nach Fuerteventura zu fliegen. Auf der Kanarischen Insel findet er Frieden, Natur, gesunde Luft und Distanz zum Geschäft. Hier kehrt der Sohn eines Italieners und einer Italienerin sozusagen zu seinen Wurzeln zurück. Letzten Herbst blieb er so lange, dass ihm der Umsatz in Zürich zusammenbrach.

Die Zeit für einen Wechsel ist reif. Dessen ist sich Dominique bewusst, und er hat, «ganz der alte Abenteurer- und Spielertyp», der er sei, bereits die Fühler nach Neuem ausgestreckt. Ein «Beizli» soll es diesmal sein. Das ist eine gute Idee, denn dann kann er auch seiner 76jährigen Mutter wieder einmal reinen Wein einschenken und sagen, was er beruflich macht. Barbara Lukesch


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