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Aus Müll gebaut
© Heinz Unger, Zürich.
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| Man sieht es diesem Haus nicht an: Doch Hanspeter und Rosmarie Fuchs bauten es vom Briefkasten bis zu den Dachziegeln aus Dingen, die andere Leute weggeworfen hatten. |
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Als 16-Jähriger fand Hanspeter Fuchs im Sperrmüll ein Türschloss. 16 Jahre später suchte er mit seiner Frau den Rest zusammen, den sie für ein eigenes Haus noch brauchten.
Von Peter Ackermann
Sein Rücken schmerzte vom Schippen, und seine Finger waren in der Kälte klamm geworden, aber der Weg vor dem Haus war nun freigelegt vom Schnee. Seine Frau hatte ihm Tee aufgegossen und sich zu ihm in die Stube gesetzt. Draussen schneite es noch immer. «Wenn es wenigstens unser eigenes Haus wäre, vor dem ich täglich diese Unmengen von Schnee kehre», sagte er. Sie musterte ihn über den Rand ihrer Tasse. Sie waren beide noch jung. Hanspeter Fuchs war dreissig, Rosmarie Fuchs ein Jahr jünger. Beide waren im Bezirk Einsiedeln aufgewachsen, wo sie zusammen immer zur Miete gewohnt hatten. Die beiden Kinder waren noch klein. Sie war Hausfrau und Mutter, er gelernter Metallbauschlosser und Sanitärinstallateur, nebenbei arbeitete er als Antikschreiner. Er war gewieft und tüchtig, und sein Einkommen reichte für die Familie – aber nicht für ein Eigenheim. Was Rosmarie ihm an jenem Abend im November 1984 auch sagte.
Sie wusste um seinen Traum vom eigenen Haus, den Hanspeter träumte, seit er 16 Jahre alt war. Damals fand er auf einem seiner jugendlichen Streifzüge im Sperrmüll eines Abbruchhauses ein Türschloss. Die Klinke hatte die Gestalt eines Löwenkopfs. Hanspeter hob das Schloss aus dem Bauschutt und nahm es an sich. Seitdem behauptete er: «Ich werde einmal ein eigenes Haus bauen. Und das wird das Schloss dazu.» – «Du und ein eigenes Haus?» haben die Leute dem Jungen aus einfachen Verhältnissen jeweils geantwortet. «Wohl kaum.»
Rosmarie erinnerte sich an jenem Winterabend vor 25 Jahren an die Episode aus der Kindheit ihres Mannes und daran, dass er das Eisenschloss, das jemand achtlos weggeworfen hatte, immer noch in Seidenpapier eingewickelt aufbewahrte. «Wenn wir wirklich ein eigenes Haus bauen wollen», sagte Rosmarie zu ihrem eigenen Erstaunen, «müssen wir dazu Material verwenden, das andere Leute nicht mehr wollen oder weggeworfen haben. Wir müssen ein Haus bauen aus Recyclingmaterial.»
Vier Monate später erwarben sie mit ihren Ersparnissen im nahe gelegenen Trachslau günstiges Land. Die Südseite war unverbaubar und gab die Sicht frei auf Innerschweizer Hügel und die Zwillingstürme des Klosters Einsiedeln.
Der Kundenberater der Bank traute seinen Ohren nicht: «Ein Abfallhaus? Das geht doch nicht! Mit Ihren Eigenmitteln: nie!» Doch Hanspeter und Rosmarie Fuchs blieben hartnäckig. Sie schlugen vor, Hanspeters Antikmöbel und Kupferstiche sowie Rosmaries Stühle mit den selbstgeflochtenen Sitz- und Lehnflächen als Sicherheiten einzubringen. Der Bankangestellte meinte, er wolle ihrem Wunsch entgegenkommen, unter der Bedingung, dass sie ihm ihre Willenskraft bewiesen: Wenn sie es schafften, während eines Jahres monatlich 2000 Franken auf die Seite zu legen, würde er ihnen einen Kredit über eine halbe Million gewähren.
Den Bauplan für das Abfallhaus skizzierte Rosmarie Fuchs selber. Wochenlang hatte die gelernte Damen- und Herrenkonfektionsverkäuferin Häuser von aussen betrachtet, sich gefragt, was ihr gefiel, und dann den Besitzer eines Hauses, von dem sie besonders angetan war, nach dessen Plänen gefragt. Dann kaufte sie in der Papeterie Millimeterpapier und legte los. Zweistöckig sollte ihr Haus mit Giebeldach werden, die Fassaden gegen die Strasse hin mit Schindeln und Holzverschalungen verkleidet. Eine grosse Veranda war wichtig und dass die Stube gegen den sonnigen Süden lag. Als ein befreundeter Architekt die Pläne anschaute, lachte er: «So kann man kein Haus bauen.» Die Wasser- und Stromleitungen waren in Wänden und Schächten vorgesehen, wo sie nicht sein durften. Und die Garage führte direkt auf die Strasse, was zu gefährlich und gesetzlich verboten ist. Der Architekt überarbeitete mit dem Ehepaar Fuchs die Pläne. Man entwarf einen Standardbau mit Streifenfundament aus Beton und Holzkonstruktion.
Die Baubewilligung erhielten Rosmarie und Hanspeter Fuchs ohne Schwierigkeiten. Quittiert wurde sie mit einem Lächeln des Beamten: «So, so, ein biologisches Recycling-Haus. Spannend. So etwas hat es im Kanton Schwyz noch nie gegeben.»
Am 30. Juli 1985, dem dreissigsten Geburtstag von Rosmarie, steckte das Ehepaar Fuchs das Baugespann aus. Auf der Wiese zwischen den Stangen prosteten Herr und Frau Fuchs einander auf den festlichen Tag zu und darauf, soeben 500 Franken eingespart zu haben, weil sie das Gespann aus Ausschusshölzern selbst errichtet hatten. Bis zum Baubeginn in knapp einem Jahr, so beschlossen sie, wollten sie die Baustoffe für ihr Haus zusammengetragen haben.
Beim Erstellen der Liste mit dem benötigten Material fragte Hanspeter Fuchs ältere Dorfbewohner, worauf beim Häuserbau früher geachtet worden sei. Altes Handwerk faszinierte ihn, der Kunst wegen, aber auch, weil es ein Wissen in sich barg, das durch den Einsatz von Maschinen verloren gegangen war. Alteingesessene Einsiedler Dachdecker rieten ihm, Ziegel einzusetzen, die vor 150 bis 200 Jahren in der mittlerweile stillgelegten Ziegelei in Steinbach bei Euthal in einer Höhe von über 1000 Metern über Meer von Hand hergestellt worden waren. Sie hielten den spannungsreichen Temperaturunterschieden der Voralpen stand, schieferten nicht so schnell ab, gingen weniger in die Brüche als solche, die im Mittelland maschinell produziert wurden.
Zehntausend Ziegel, so berechnete Hanspeter Fuchs, würden sie benötigen. Sein Schwiegervater sagte: «So viel alten Gerümpel findet ihr doch nie. Ich bezahle euch neue Ziegel.» Doch Hanspeter hatte seinen Kopf und suchte nach seinen Arbeitstagen als Schlosser und an den Wochenenden alte Höfe, Ställe und Gaden auf, die am Verfallen waren oder abgerissen werden sollten. Mit seiner Frau und den Kindern förderte er die zwei Kilogramm schweren Tonziegel über eine selber konstruierte Rinne aus Dachlatten und Gerüstbrettern zu Boden. Die Eigentümer waren froh, dass die Altware gratis abtransportiert wurde. Ein Bauer, der sich für besonders schlau hielt, wollte 20 Rappen pro Ziegel und verlangte überdies, dass sie die in der Scheune herumstehenden Spinde und Kommoden, Kasten und Schränke auch gleich entsorgen sollten. Der schlauere Fuchs restaurierte und verkaufte sie. Am Ende bezahlte er die Ziegel mit dem Erlös und erwirtschaftete mit der «Entsorgung» der Altmöbel einen kleinen Gewinn, den er in sein zukünftiges Haus investieren konnte.
Statt im Süden verbrachte die Familie Fuchs ihre Ferien auf Schrottplätzen und Schuttabladen, in Abraumhalden, Müllkippen, Trödlerläden und Brockenhäusern. Sie fanden einen Stubenboden, Holzplatten für ein selbst gezimmertes Küchenbuffet mit Dampfabzug und in einem heruntergekommenen Herrschaftshaus eine 2 Meter 20 hohe Kassettentäfelung für ihr zukünftiges Wohnzimmer. Sie fanden Fensterläden und ein Ochsenauge, wie ein altes Giebelfenster genannt wird, dazu einen 150 Jahre alten Briefkasten aus Nussbaumholz sowie unter Brennnesseln in Bauschutt vergrabene Beschläge für ihr neues Garagentor, die einst ein Stadttor zierten. Und in einer Fachzeitschrift für Antiquitätenhändler fanden sie einen 250-jährigen Klinkerboden, der in einem Patrizierhaus in Neuenstadt am Bielersee abgeholt werden musste und auf einzelnen Platten die Abdrücke von Katzenpfoten enthielt.
«Die spinnen», sagten ihre Bekannten zunächst. Doch nach und nach riefen Kollegen an, wenn sie noch einen «kaputten Kasten für eure Bruchbude» hatten. Hanspeter Fuchs ging allen Hinweisen nach und stöberte so einen hellblauen Kachelofen auf, den er und seine Frau in drei Tagen demontierten. Nur etwas wollte sich nicht finden lassen: Stütz- und Trägerbalken, wie sie Hanspeter seit seiner Kindheit vorschwebten. Balken, die mit einem Handbeil aus einem Rundträmel geschlagen worden waren und deshalb besonders rustikal aussahen. Er suchte und suchte. Ohne Erfolg. Bis er eine Woche vor dem Baubeginn über sieben Meter lange Balken in einer stillgelegten Weberei aufspürte. Herr und Frau Fuchs wurden erneut bei der Bank vorstellig. Sie hatten gespart und die vor einem Jahr formulierten Auflagen für den Kredit erfüllt. Der Bankangestellte zeigte sich trotzdem ablehnend. Da sagte Rosmarie Fuchs: «Sie mögen gut im Jonglieren mit Zahlen sein, aber wir sind gut im Aufschichten von Ziegeln. Wir bauen das Haus selbst.» Da erhielten sie das Geld.
Der Spatenstich erfolgte im März 1986. Den Rohbau aus Holz und die Mauern aus gekauften Backsteinen errichteten Fachleute. Die sanitären Anlagen brachte ein Installateur an. Die Isolierung mit Kokosfaserplatten und alles Weitere nahm die Familie Fuchs, unterstützt von den Eltern und von Freunden, selbst in die Hand. Sogar das Baugerüst nagelte Hanspeter Fuchs aus alten Rundholzstangen selbst zusammen. Die Tage waren lang und hart, und abends betrachtete er nicht selten die Schwielen an seinen Händen, und sein Rücken brannte.
Nach neun Monaten war das Haus fertig. Am 15. Dezember 1986 zog die Familie Fuchs ein. Linden und Birken wachsen neben Hagebuttensträuchern, Apfel-, Birnen- und Zwetschgenbäumen im gepflegten Garten. Es ist ein schmuckes Haus geworden. Nur die vereinzelten gelb angestrichenen Pflastersteine vor dem Hauseingang weisen darauf hin, dass sie früher einmal anders, als Teile eines Fussgängerstreifens, eingesetzt worden sein könnten. Und am Seiteneingang prangt ein Schloss mit einer Klinke in Gestalt eines Löwen, das schon sehr alt sein muss.
Peter Ackermann ist Redaktor bei «Annabelle».
Leserbriefe:
Zu Aus Müll gebaut - NZZ-Folio Abfall (07/09)
(Haus) aus Müll gebaut - was soll dieser Titel?
Der Autor des sauber recherchierten Artikels hat begriffen, was das Deckblatt des Juli-Folio veranschaulicht: Dass nämlich Abfälle wertvolle Stoffe sind, die bei entsprechender Aufbereitung gewinnbringend wiederverwendet werden können. Nicht ganz begriffen hat dies offenbar der Titler dieses Beitrags: Die abfällige Überschrift „aus Müll gebaut“ wertet sowohl den Artikel ab als auch (und vor allem) die Idee, dass man mit entsprechender Phantasie und mit Durchhaltewillen sogar ein Heim bauen kann aus gebrauchten Materialien.
Schön ist vor allem, dass ein „Gewöhnlicher“, nicht ein Studierter also, das Ganze verwirklicht hat. Es gibt viele Beispiele von gelungenen Um- und Anbauten, in denen Bauteile eingesetzt worden sind, deren Lebenszeit nach Meinung der Fachleute abgelaufen war. Oft wären Umbauten mit Neumaterial nämlich unerschwinglich und hätten dazu niemals die gleiche Ausstrahlung erhalten wie mit alten Türen, Böden oder Einrichtungsteilen. Nicht zu vergessen ist dabei das schöne Gefühl, selber beteiligt gewesen zu sein am Geburtsvorgang, der zu dieser Ausstrahlung geführt hat.
Als Verkäufer von „Abbruch“-Materialien in einem Betrieb, der seit über 70 Jahren eine materialschonende Philosophie und ein entsprechend grosses Lager pflegt, haben wir uns über den obigen Artikel gefreut. Der verunglückte Titel hat der Grundidee hoffentlich nicht zu sehr geschadet. H.-U. Bühler, Rolf Bieri, Hiltbrunner AG, 3475 Riedtwil
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