Quer durch Südafrika - von Nord nach Süd - sind ständig Menschenmassen in Bewegung, die so nah wie möglich an den Städten ihre Notunterkünfte aufschlagen. Sie sind auf der Suche nach Essen oder Arbeit oder einer Kleinigkeit zum Stehlen oder einer Medizin gegen den Tod. Wir werden immer mehr zu Nomaden. Die Geschichte dieses Landes besteht aus einer Kette von Umsiedlungen und Vertreibungen, ist ein einziger gnadenloser Krieg zwischen Siedlern und Enterbten.
Im Busch und in den Hecken, in Hinterhöfen oder auf leerstehenden Grundstücken verbergen sich Menschen wie Maulwürfe in der Erde oder wie Hasen hinter einem Laubvorhang. Wo immer sich die Chance bietet, zerlegen sie über Nacht ein unbewachtes Haus bis auf die Grundmauern und schaffen es weg, von den Backsteinen über die Wellblechplatten bis hin zu Türpfosten und -rahmen. Die Buren1 auf ihren kleinen Anwesen benutzen die Schusswaffen, als gelte es, Webervögel von den Obstbäumen zu verjagen.
Die Weissen leben im Belagerungszustand. Systeme zur Einbruchssicherung werden installiert, Mauern erhöht und mit Glasscherben oder spitzigen Eisenstangen gespickt, private Wachfirmen patrouillieren in den Vororten. Am Samstag abend klopfen Hilfesuchende an die Tür, blutüberströmt von Messer- und Flaschenwunden nach einer Schlägerei.
Eines Morgens waren, als wir aufwachten, in sämtlichen Wagen die Scheiben zerschlagen und die Radios ausgebaut. Ein schwarzer Gärtner schnalzt mit der Zunge und sagt, das alles sei Mandelas Schuld.
Was soll man machen? Wie vereinbart man liberale Instinkte mit dem Schutz von Hab und Gut? Die Polizei zu holen hat keinen Sinn, die wirft den Liberalen vor, sie wünschten ja gar kein energischeres Durchgreifen und seien nicht einmal bereit, die «Illegalen» auf ihren Grundstücken auszuliefern.
So manche Gewalttätigkeit kommt durch die Presse heraus - wie Blut, das in feuchten Flecken durch Verbände dringt. Bis vor kurzem allerdings kümmerten sich die moralischen Instanzen des Landes - Kirchenführer und Journalisten (Politiker sind für Moral nicht zuständig) -herzlich wenig um das gewaltige Blutvergiessen. Die «harte Politik» unmenschlicher Gesetze und Repressionen, der Pragmatismus, den man auf diesem Kontinent zum Leben braucht, hat alle unempfindlich gemacht für den Wert menschlichen Lebens oder auch nur für das Leiden.
In der Zeitung sieht man manchmal Photoserien, die zeigen, wie einzelne dieses Jammertal verlassen - totgeschlagen, gesteinigt, mit spitzen Gegenständen erstochen. Die raschen, fast graziösen Bewegungen der Jäger, wie bei einem Ballett mit todbringenden Schritten. Die Flammen, die aus dem Rücken sich windender Opfer schiessen. Ein kinetisches Schicksal. Wie der Todesschrei eines mythischen Drachens. Schon sind die Hände wieder plumpe Pfoten, fötusgleich. Später dann ein Fuss, der unter einer beiläufig übergeworfenen Decke hervorschaut. Ein Toter liegt wie erschöpft auf dem Boden. Doch er schmiegt sich dicht ans Erdreich, als umarmte er seine Agonie.
Einheimische Filme von Niveau gibt es kaum, denn der Film ist hier Teil der Unterhaltungsindustrie und soll nur ein Vakuum mit Klischees füllen, damit die Zuschauer eine sentimentale Träne vergiessen oder sich den Bauch halten können vor Lachen. Das Leben ist mies genug, die Leute wollen sich nicht von der Kunst an die Schrecknisse erinnern lassen. Wer aber Wert drauf legt, genauer hinzusehen, für den gibt es täglich - im Smog der frühen Morgenstunden - starke visuelle Eindrücke von Menschen, die um ihr Leben laufen, einen Urschrei in der Kehle, und immer werden sie eingeholt, damit der Todestanz vonstatten gehen kann.
Mit der gezielten Terrorkampagne kann die Inkatha2 am internationalen Verhandlungstisch einen blutverschmierten Stuhl in der ersten Reihe beanspruchen. Die Regierung reibt sich die Hände beim Anblick der von ihr vorausgesagten «Stammeskriege» und der Schwarzen, die, kämen sie je an die Macht, die Nation in den Untergang führen würden. Dort, wo kommunale Konflikte sich zu legen drohen, bemüht sich die Regierung nach Kräften, das Feuer zu schüren. Während unseres Aufenthaltes droht Ex-Herzchirurg Barnard mit Auswanderung und dem Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft - angesichts der ausufernden Wirren ist er in Sorge um die Zukunft seiner Kinder, verkündet er. Da er mit dieser Erklärung zur Presse gelaufen ist, muss De Klerk ihm eine Audienz gewähren.
Nach einem ausgedehnten Plausch kommt Barnard händereibend heraus: Nein, der Präsident hat ihn beruhigt, die Gewalttätigkeiten zielen nicht auf «uns» ab, es handelt sich lediglich um «Stammesfehden». Inzwischen lassen die Schweizer Behörden verlauten, dass man ihre Staatsbürgerschaft nicht so mir nichts, dir nichts erwerben kann - «bitte bleiben Sie lieber so lange wie möglich zu Hause und schicken Sie uns Ihr Geld».
Südafrika ist das Paradies der Photographen: unberührte Wüstenlandschaften, phantastische Wolkengebilde am stahlblauen Himmel, Abfallhaufen, in denen Frauen und Kinder herumstochern, um ihren Hunger zu stillen; die dunkel bewegten Formen galoppierender Büffel, ein impi3, das sich über einem scharlachfarbenen Horizont erhebt, Soldaten mit russgeschwärzten Gesichtern irgendwo im Busch entlang der Grenze; ein Gnu, dem die tödliche Kugel mitten im eleganten Sprung den Atem nimmt, ein Sportler, der das Zielband zerreisst, ein Mann auf der Flucht, von einem Wurfspiess niedergestreckt, weisse Jogger mit rosa Fettwülsten, die sich über die Runden quälen, um Kalorien loszuwerden, hungrige Schwarze, die zur Arbeit trotten; Gesichter, die inzestuös mit Creme und Eyeliner leben, der zahnlose Mund und die hasserfüllten Äuglein des Beamten, die zerknitterten Gesichter der Armut, die dunkle Sonnenbrille und das höhnisch-hochfahrende Schnurrbärtchen des Geheimdienstlers, Gesichter aus dem Spiegel und Gesichter aus der Flasche, die feiste Visage des Machtspekulanten, die selbstzufriedene Miene des Liberalen, das von guten Absichten triefende Gesicht des Zeitungsredaktors, das allwissende Gesicht des zurückgekehrten politischen Exilanten, die Totenmaske des Offiziers, das erloschene Gesicht des Gefangenen, das abwesende Gesicht des Wanderarbeiters, die Oberlippe und der rotfleckige Hals der Vorortshausfrau, das uralte verbrauchte Gesicht der Bäuerin, die angstvoll-blinden Züge des Schriftstellers . . .
1 Buren heisst in der ursprünglichen Bedeutung Bauern; der Begriff wird allgemein als Gattungsname für südafrikanische Weisse verwendet.
2 Die Inkatha Freedom Party des Häuptlings Magusutho Buthelezi ist eine Zulu-Organisation.
3 Impi ist ein traditionelles Regiment afrikanischer Krieger.
Breyten Breytenbach, der in der Kapprovinz geboren wurde, lebt als Schriftsteller in Paris. Zuletzt auf deutsch erschienen ist sein Prosaband «Alles ein Pferd» (Kiepenheuer & Witsch 1989).