Man hat von ihr gesagt, sie sei das Menschenwerk, das man vom Mond aus mit blossem Auge erkennen könne (was nicht stimmt); 6400 Kilometer lang und über 2500 Jahre alt soll sie sein (auch dies ist Legende): die Chinesische Mauer. Sie zählt nicht zu den Weltwundern, aber die ersten Europäer, die sie sahen, hielten sie für bedeutender als die Sieben Weltwunder zusammen.
Wie auch immer: der grösste Bau, den Menschen jemals errichtet haben, ist eine Grenzbefestigung. Der Wall schied die Welt vorab der Ming-Zeit in ein Innen und ein Aussen, in Chinesen und Barbaren. Er hat Generationen überlebt, und Generationen sind ihm geopfert worden. Vom Frondienst gibt der Volksmund Zeugnis: «Die lange Mauer, wie sie sich windet und wendet windet und wendet dreitausend Meilen weit Grenzstädte voller junger Männer Heimstätten voller verwitweter Frauen. Wenn ein Sohn dir geboren wird, zieh ihn nicht gross, wird aber eine Tochter dir geboren, gib ihr Trockenfleisch. Siehst du nicht unterhalb der langen Mauer aufgehäuft die Gebeine toter Männer?»
Der Eiserne Vorhang, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg über Europa senkte, hat, obwohl mit ungleich verheerenderen Waffen verteidigt als die steinerne Grenze Chinas, nicht ein halbes Jahrhundert gehalten. Im Blickwinkel der Historie ist die Zeitspanne lächerlich. Was jetzt zum Vorschein kommt, sind die Widersprüche eines Kontinents, den schlicht in Ost und West - Europäer und Barbaren? - zu teilen so beruhigend war wie unangemessen.
Niemand weiss, wohin die Reise führt - wenn es denn eine ist. Es gibt kein Rad der Geschichte. Zeiten und Räume sind durcheinandergeraten; die Vergangenheit scheint Gegenwart geworden zu sein und die Zukunft - die hoffnungsfrohe jedenfalls - Vergangenheit. Die Epoche der grossen Mauern, des Dies- und des Jenseits, ist vorbei. Neue Grenzen teilen Europa.
Aus aktuellem Anlass ist unser Heft entstanden. Wir haben Perspektiven zu wählen versucht, die darüber hinaus das Phänomen der Grenze betrachten, wie es betrachtet werden soll: von verschiedenen Seiten.