NOMADEN BEWEGEN SICH in grossen Räumen. Sie leben in Gebieten mit geringem Niederschlag, mit dünner und unregelmässiger Vegetation. Sie bleiben daher nicht lange an einem Ort, sondern ziehen mit ihren Schaf-, Rinder- oder Kamelherden umher. Die Wanderungen sind nicht willkürlich, sondern zyklisch und folgen einem festen Rhythmus je nach Jahreszeit.
Nomaden leben in Gebieten mit nicht nur geringen, sondern auch unregelmässigen Niederschlägen; unregelmässig von Ort zu Ort und von Jahr zu Jahr. Während in einem Teil viel Regen fällt und eine üppige Vegetation gedeiht, regnet es in einem anderen Teil gar nicht, und auf ein niederschlagsreiches Jahr kann eine Dürre folgen, die weite Gebiete austrocknet. Nomaden begegnen diesen Wechselfällen mit Mobilität in grossen Räumen. Sie weichen den Dürregebieten aus, suchen Regionen auf, in denen auch in einem Dürrejahr noch etwas wächst.
Aus einem weiteren Grund bewegen sich Nomaden in grösseren Räumen. Sie leben zu einem guten Teil von ihren Tieren: von Milch, Käse, Butter, Fleisch. Aber sie sind nie autark, sondern immer auf Tauschhandel mit bäuerlichen Gesellschaften angewiesen, von denen sie Getreide beziehen. Zur Lebenssicherung gehören nicht nur Weiden, sondern auch Felder, die von Bauern bestellt werden. Und da sich die Felder in der Regel weit von den Weiden entfernt befinden, ist der Raum, in dem die Nomaden sich bewegen, entsprechend gross.
Die grössträumigen Bewegungen finden wir beim Kamelnomadismus. Ein Beispiel dafür sind die Tuareg, die in der Sahara und im südlich angrenzenden Sahel leben. Die rund eine Million Tuareg bewohnen ein Gebiet mit einer Ost-West-Distanz von 1600 Kilometern und einer Nord-Süd-Distanz von 1300 Kilometern. Ihre Wohn- und Weidegebiete sind heute auf sechs Staaten verteilt: Algerien, Libyen, Mali, Burkina Faso, Niger und Nigeria.
Häufig wird die These vertreten, dass die modernen Staatsgrenzen die Tuareg-Nomaden in ihrer Bewegungsfreiheit behinderten, während sie früher - in vorkolonialer Zeit - frei umherziehen und Weiden und Karawanenwege besser hätten nutzen können. Diese These ist insofern falsch, als der Nomadismus immer behindert worden ist, in vorkolonialer Zeit noch stärker als heute. Das lässt sich am Beispiel der Kel-Ewey-Tuareg deutlich machen, die im Aïr-Gebirge in der zentralen Sahara leben. Das Weidegebiet der Kamele erstreckt sich auf über 1000 Kilometer vom nördlichen Aïr-Gebirge bis nach Kano. Diese Weideform ist eine Transhumanz - so werden Wanderungen zwischen zwei immer gleichen Gebieten genannt - zwischen zwei Klima- und Vegetationszonen, bei der die Kamele sich während der Regenzeit im Norden aufhalten (jährlicher Niederschlag weniger als 100 mm), während sie die Trockenzeit in der südlichen Feuchtsavanne mit jährlichen Niederschlagsmengen von 600?800 mm verbringen.
In vorkolonialer Zeit kontrollierten die Kel Ewey auf der zentralen Transsahararoute von Tripolis nach Kano den Abschnitt von Ghat nach Kano. Wichtiger war für sie der Dreieckshandel zwischen Aïr, Bilma und Kano. Alle Kel-Ewey-Männer reisten im Herbst in einer grossen Karawane zu den 500 Kilometer entfernten Salinen von Bilma, kauften dort Salz und Datteln ein, zogen damit vom Aïr ins Hausaland bis zum 900 Kilometer entfernten Kano und verkauften die Ware auf den Märkten des Hausalandes weiter. Aus dem Erlös besorgten sie sich bei den Bauern in Damergu ihr Grundnahrungsmittel Hirse. In Kano deckten sie sich mit Kleidung ein, vor allem mit dem indigofarbenen Turkudi- Stoff, aus dem der berühmte Gesichtsschleier der Männer und das Kopftuch der Frauen hergestellt wurde. Währenddessen hüteten die Hirten die Kamele auf den abgeernteten Hirsefeldern der Bauern. Der Aufenthalt im Hausaland dauerte sechs bis acht Monate.
In vorkolonialer Zeit gab es keinen Flächenstaat, der über das Weide- und Karawanengebiet der Kel Ewey Hoheitsrechte hätte beanspruchen können. Der Einflussbereich des türkischen Statthalters in Tripolis reichte nicht über Murzuk hinaus. Die Stadtstaaten der Hausa im Süden (Zinder, Tessaoua, Katsina, Kano) kontrollierten nur kleine Territorien. Der Amenokal (Herrscher) von Agadez war zwar das nominelle Oberhaupt der Aïr-Tuareg, hatte aber nur Schlichtungsfunktionen.
Das weitgehende Fehlen staatlicher Autorität hiess für die Kel Ewey aber nicht, dass sie sich frei bewegen konnten; sie waren im Gegenteil extrem gefährdet durch Überfälle von Arabern, Tubu (einem Volk von schwarzen Kamelnomaden) und anderen Tuareg. Diese überfielen vor allem die Salzkarawanen nach Bilma und die Hirsekarawanen aus dem Hausaland und raubten manchmal Tausende von Kamelen; bedroht war aber auch das Weide- und Wohngebiet im Aïr selbst. Durch Berichte europäischer Reisender aus dem 19. Jahrhundert sind wir über diese Razzien - das Wort stammt aus dem Arabischen und hatte ursprünglich nicht die Bedeutung von Polizeidurchsuchungen - recht gut informiert. Noch 1906, schon während der Kolonialzeit, stahlen Araber bei Fachi einer einzigen Salzkarawane 2000 Kamele. Der Afrikaforscher Heinrich Barth berichtet, dass 1854 die Hirsekarawane wegen der Überfälle ausfiel und das Aïr deswegen eine Hungerkrise zu überstehen hatte. 1901, noch zu Beginn der Kolonialzeit, erbeuteten verfeindete Tuareg von den Kel Ewey mehr als 10 000 Kamele. Einen Teil davon konnten die Kel Ewey mit Hilfe der französischen Kolonialherren wieder zurückgewinnen.
Weniger gefährdet war die von den Frauen betriebene Ziegenwirtschaft, weil Ziegen nicht wie Kamele weggetrieben werden konnten. Insgesamt war aber die nomadische Viehhaltung erheblich eingeschränkt. Die Weide konzentrierte sich auf schwer zugängliche Hochweiden im Gebirge, die besseren, wenn auch nicht vollkommenen Schutz vor Überfällen boten als offene Flächen. Der englische Reisende Buchanan wurde 1920 Augenzeuge eines der letzten Raubzüge im Aïr, bei dem auf einer Hochweide bei Timia 30 Kamelstuten geraubt wurden. Nach 1900 gehörte der grösste Teil des Tuareggebietes zum französischen Kolonialreich in Afrika, ein kleiner Teil war italienische (Libyen) beziehungsweise englische Kolonie (Nigeria). In den ersten zwanzig Jahren der Kolonialzeit änderte sich die Situation nicht grundlegend. Es gab weiterhin Überfälle, die von den Franzosen organisierte Beschlagnahme von Kamelen unterschied sich nur wenig von Raubzügen, und der Kawsankrieg 1916?18, ein am Ende niedergeschlagener Aufstand der Tuareg gegen die französische Kolonialmacht, hatte grössere Verluste an Kamelen und eine schlimmere Hungersnot zur Folge als alle Raubzüge zuvor.
Erst die endgültige Pazifizierung in den zwanziger Jahren veränderte die Lage von Grund auf. Jene Tuareggruppen, für deren Wirtschaft die Raubüberfälle eine wesentliche Rolle gespielt hatten, mussten sich auf friedliche Kamelhaltung umstellen. Nun erlebte der Kamelnomadismus überall einen grossen Aufschwung. Alle Gebiete wurden als Weide genutzt, weil keine Überfälle mehr drohten. Jeder Hirte konnte allein mit seiner Herde und weit entfernt von anderen Hirten die Weide optimal ausnutzen. Der individuelle Nomadismus, den wir für typisch ansehen, konnte sich erst in jener Zeit entfalten, ebenso das freie Weiden der Kamele ohne Aufsicht eines Hirten. Begünstigt wurde diese optimale Weidesituation auch durch ein neues Landrecht. Während früher jeder Stamm sein eigenes Weidegebiet kontrolliert hatte, beanspruchte jetzt der koloniale Staat die Hoheit über alles Land. In der Praxis bedeutete das, dass jeder Hirte überall weiden konnte und nicht mehr die Grenzen eines anderen Stammesgebietes respektieren musste.
Die Sicherheit der Karawanenwege nach Bilma und ins Hausaland begünstigte den Salz- und Hirsehandel; er nahm in der Kolonialzeit sogar einen neuen Aufschwung. Allerdings erst, nachdem die Kamelbestände sich von den Verlusten durch den Kawsankrieg erholt hatten. Die Transsahara-Karawanen dagegen büssten ihre frühere Bedeutung ein. Ursache dafür war der Bau der Eisenbahnlinie von Lagos nach Kano. Nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1911 rentierte der Warentransport durch die Sahara nicht mehr.
Mit Beginn der sechziger Jahre, der Entkolonisierung, ergab sich eine neue Situation. Algerien, Mali und Niger, die früher alle zum französischen Kolonialreich gehört hatten, wurden unabhängig. Zwischen diesen Staaten wurden neue Grenzen gezogen, die das Tuareggebiet durchschnitten. Der Nomadismus wurde davon freilich nicht berührt.
Die Transhumanz nach Süden und die Karawanen bestehen weiter fort, auch dort, wo die Grenze zwischen Niger und Nigeria überschritten werden muss. Niemand hindert die Hirten daran, mit ihren Kamelen die Grenze zu überqueren, auch wenn sie keinen Ausweis vorzeigen können. Die Kamelhirten stehen nicht in Konkurrenz zu den Bauern, sondern leben eher in einer Symbiose mit ihnen. Die Kamele weiden auf den abgeernteten Hirsefeldern der Bauern und lassen dort ihren Kot als Dung zurück. Dafür erhalten die Hirten von den Bauern Hirse oder sogar das fertige Essen.
Bauern und Rindernomaden hingegen stehen häufig in Konflikt miteinander, weil die Rinderhirten vom Volk der Fulbe die Grenzen der Felder nicht respektieren. Der Zaun um den Garten soll das Vieh fernhalten, aber wenn er nicht bewacht wird, dringen die Hirten manchmal mit ihren Herden ein. Das offene Feld ist noch ungeschützter. Eine Rinderherde kann in einem Hirseacker grossen Schaden anrichten. Die Kamele der Tuareg dagegen fressen vor allem Baumblätter und lassen die Felder in Ruhe. Ihre flachen und weichen Sohlen schädigen die Saat weniger als die scharfkantigen Klauen der Rinder. Und zur Zeit des Hirsewachstums sind sie längst in den Norden zurückgekehrt, weil sie die Regenzeit fürchten.
In schlechten Jahren finden die Nomaden aus dem Aïr wie eh und je Zuflucht in Nigeria, wo die Kamele auch in Dürrejahren noch genügend Futter finden und die Hirten Hirse für ihre Familie einkaufen können. 1984/85 war ein solches Dürre- und Hungerjahr, das schlimmste in diesem Jahrhundert seit 1913/14. Fast alle Kel Ewey zogen nach Nigeria. Dort fanden nicht nur ihre Kamele eine ausreichende Weide vor, sie selber wurden von den Bauern wie in normalen Jahren mit Hirse im Tausch gegen Dung versorgt, und sie konnten auf den Märkten auch Hirse für ihre Familie einkaufen. Zwar verbot die nigerianische Regierung damals den Export von Hirse, aber niemand war in der Lage, die Nomaden daran zu hindern, mit ihren hirsebeladenen Kamelen die Grenzen bei Nacht zu überqueren.
Schmuggel dieser Art dient einzig dazu, in einem Dürrejahr Hirse von Nigeria nach Niger zu schaffen, um damit die Familien zu ernähren. Professionellen Schmuggel mit Waffen, Konsumgütern, Nahrungsmitteln und dergleichen treiben Tuareg vor allem an der Grenze zu Algerien. Zwischen Libyen und Algerien, Algerien und Mali bzw. Niger bildet der Warenschmuggel ein einträgliches, aber auch riskantes Geschäft.
Probleme mit den neuen Staaten und Grenzen haben nicht nur die Schmuggler, sondern auch die wachsende Zahl junger Tuareg, die als Arbeitsmigranten in Nigeria, Algerien und Libyen ein Auskommen suchen. Man bezeichnet sie in Tamacheq, der Tuaregsprache, als «Tishumagh», ein Wort, das vom französischen «chomeur» (Arbeitsloser) abgeleitet ist. Sie arbeiten in der Regel in den Städten und sind häufig von Ausweisung bedroht, weil sie die einheimischen Arbeiter konkurrenzieren oder wegen politischer Spannungen zwischen den Staaten zu unerbetenen Gästen werden. Nur wenige von ihnen kehren später in die nomadische Wirtschaft zurück. Zum Teil haben sie während der Dürre ihr Vieh verloren, und viele sehen unabhängig davon im entbehrungsreichen Leben der Nomaden keine Zukunft mehr.
Zu den «Tishumagh» gehören nicht nur Arbeitsmigranten, sondern auch die Tuareg, die als Soldaten in der islamischen Legion von Ghadhafi gedient und im Tschad und in Libanon gekämpft haben. Die Tuaregrebellen in Mali und Niger, die seit 1990 gegen die Regierungstruppen um Autonomie kämpfen, rekrutieren sich überwiegend aus diesen «Tishumagh». Einige wollen nicht nur Autonomie innerhalb ihrer Staaten, sondern die Tuareg Algeriens, Malis und Nigers in einem eigenen Staat vereinen. Es geht ihnen dabei nicht darum, den Kamelen und Karawanen überall freien Zugang zu garantieren. Die Rebellen halten vielmehr den Nomadismus für einen Anachronismus und streben die Sesshaftigkeit der Tuareg an. In dieser Zielsetzung unterscheiden sie sich kaum von den Regierungen, die sie bekämpfen.
Warum ist ihnen denn die Autonomie so wichtig? Die Tuareg bilden in allen Staaten eine Minderheit, die nirgends mehr als zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht. In Algerien und Libyen leben sie unter arabischer Herrschaft, in Niger und Mali unter der Herrschaft anderer Ethnien (zum Beispiel Hausa, Djerma und Bambara). Ihre Marginalisierung ist aber nicht nur auf eine diskriminierende Politik der Mehrheit zurückzuführen, sondern auch auf ihr eigenes Verhalten. Die Tuareg haben sich während und nach der Kolonialzeit lange Zeit geweigert, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Sie sind daher überall in Verwaltung und Wirtschaft unterrepräsentiert. Ihre Zukunft hängt weniger vom Erfolg der Rebellion als von ihrem Verhältnis zum modernen Staat ab.
Weisse Tuareg und Schwarzafrikaner: Hier wird eine weitere Grenze angesprochen. Während der Kolonialzeit hatten die europäischen Kolonialherren den rassischen Unterschied immer stark hervorgehoben. Auch heute beschreiben europäische Medien die Rebellion der Tuareg häufig als Aufstand gegen die schwarze Mehrheit, was auch die Tuareg selber bisweilen so darstellen. Dem widerspricht das beschriebene symbiotische Zusammenleben der Tuareghirten und Hausabauern, wie es auch noch während der Rebellion zu beobachten ist. Auch historisch lässt sich die rassische Trennlinie nicht begründen. In vorkolonialer Zeit gab es sie nicht. Die dunkle Hautfarbe vieler Tuareg weist auf die häufigen Mischehen hin. Besonders die Kel Ewey heirateten im 19. Jahrhundert oft eher eine Sklavin aus dem Hausaland als eine freie Tuaregfrau. Sobald die Sklavin ein Kind gebar, wurde sie eine freie Tuareg. Auch die Kinder hatten keinen Sklavenstatus, sondern waren «Timajeghan», edle Tuareg. Dass die Frauen schwarz waren und die Kinder dunkel wurden, kümmerte die Tuareg wenig. Sie fanden im Gegenteil die schwarze Hautfarbe schöner als die weisse. Als 1850 mit dem Engländer James Richardson und den Deutschen Heinrich Barth und Adolf Overweg die ersten Europäer zu den Kel Ewey kamen, mussten sie erleben, dass sie wegen ihrer weissen Hautfarbe von Annur, dem einflussreichsten Führer der Tuareg, verspottet wurden. So notierte Richardson in sein Tagebuch: «Sehr erstaunte ich über die Vorliebe des En-Nurh (der nicht absolut weiss ist) für die Schwarzen. Er rühmte Overweg, weil dieser braun und schwarz wird. Was mich betrifft, so war seine Hoheit fast geneigt, seinen Widerwillen gegen die weisse Farbe meiner Haut auszudrücken.»
Die Tuareg waren und sind Grenzgänger: zwischen Nordafrika und Afrika südlich der Sahara, zwischen Weide und Feldern, zwischen Schwarz und Weiss, zwischen Kolonien und zwischen Staaten. Diese Rolle ist ihnen eher angemessen als die des reinen Tuareg und des reinen Nomaden, in der sie gerne von Europäern gesehen werden.
Gerd Spittler ist Professor für Ethnologie an der Universität Bayreuth.