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NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst? Inhaltsverzeichnis
Iggy-Pop-Art
Beyoncé feiert an der Art Basel Miami, Kate Moss besucht die Frieze Art Fair in London, und Bob Dylan malt gleich selber: Der Kunstmarkt ist Spielplatz der Prominenz.
Von Christian Saehrendt
Im heutigen Kunstbetrieb gibt der Lebensstil reicher Sammler den Ton an. Die Folge: Die PR-Aktionen des Kunsthandels werden immer aufwendiger. Der Pariser Galerist Yvon Lambert lud zum Diner für 150 Personen anlässlich der Eröffnung seiner neuen Schauräume im New Yorker Kunstdistrikt Chelsea. Hauser & Wirth veranstalteten zur Eröffnung ihrer Filiale in London eine Party im Mayfair Club für 60 000 Pfund. Der Galerist Larry Gagosian soll für sein Fest, das 2007 während der Oscar-Verleihung im Restaurant Mr Chow in Beverly Hills stattfand, 150 000 Dollar bezahlt haben. Und bei der Eröffnung seiner Galerie in Rom schlug Gagosian gleich zweimal zu: Dem VIP-Dinner, zu dem er in den Palazzo Barberini lud, blieb er fern – er speiste beim Super-VIP-Dinner, das er gleichzeitig für Miuccia Prada, Steve Cohen und Valentino angesetzt hatte.
Fast schon etwas widerwillig nimmt die alteingesessene Kunstwelt den anhaltenden Kapitalzustrom der letzten Jahre zur Kenntnis. Der klassische Kenner wird von einer Käuferschar an den Rand gedrängt, für die in erster Linie schnelle Wertsteigerung und angesagte Künstlernamen zählen. Die neuen Sammler sind oft Männer mittleren Alters, die auf den Finanzmärkten viel Geld verdient haben. «Die Kunstauktion ist eine klare, durchschaubare Transaktion für sie. Sie fühlen sich wohl dabei, sie verstehen etwas von Nachfrage, Angebot und wettbewerbsbetontem Bieten», sagt der Versteigerer Tobias Meyer von Sotheby’s über die neue Klientel. Manchmal treiben sie die Preise für zeitgenössische Kunst mit Hunderten von Millionen Dollar in die Höhe, indem sie massiv in einige wenige Künstler investieren. Während bei den alten Meistern oder der klassischen Moderne die Preise und der Rang der Werke durch den Markt und die Kunstgeschichtsschreibung festgeschrieben sind, ist bei der zeitgenössischen Kunst die Situation offener: Es gibt weder verbindliche Qualitätskriterien noch ästhetische Konventionen. Geschmack, Trend und Preise sind im Fluss.
Warnungen vor einem Absturz gibt es regelmässig, aber die Kunstmarktblase ist auch 2007 nicht geplatzt. Allein im ersten Halbjahr 2007 setzte Christie’s mit zeitgenössischer Kunst fast 1 Milliarde Dollar um; der Hauptkonkurrent Sotheby’s steigerte seinen Gesamtumsatz von 3,7 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf geschätzte 6,3 Milliarden 2007, also um fast 80 Prozent. Zeitgenössische Kunst hatte davon einen Anteil von 1,4 Milliarden Dollar. Während die Kunden von Sotheby’s im Jahr 2003 aus 36 Ländern kamen, waren 2007 Käufer aus 58 Ländern vertreten. Rekordumsätze verzeichnete 2007 auch die Art Basel Miami, die von 220 Privatjets angesteuert wurde.
Wo derart grosse Summen bewegt werden und glamouröse Events stattfinden, erwacht das Interesse von Prominenten aller Art. Von Zaungästen und Fotografen umschwirrt, flanieren die Sänger Jay-Z und Beyoncé über die Art Basel Miami. Alt-Punk Iggy Pop gibt ein Konzert am Strand, Schauspieler wie Lucy Liu, der Schriftsteller Tom Wolfe und der Rockmusiker Lenny Kravitz werden gesichtet. Auch auf der Londoner Frieze Art Fair werden Models, Musiker und Schauspieler scharf beobachtet. Was sich Kate Moss, Claudia Schiffer, Gwyneth Paltrow oder Jude Law ansehen, wissen bald alle. Models, Popstars und Schauspieler haben den Kunstbetrieb als Resonanzraum entdeckt, während sich die Paparazzi vor den Kunsthallen auf die Lauer legen.
Für Prominente gibt es verschiedene Wege, Eingang in den Kunstbetrieb zu finden. Am edelsten ist der des Kunstsammelns: Brad Pitt und Angelina Jolie kauften in Los Angeles für 400 000 Dollar Arbeiten des Graffiti-Rebellen Bansky und lösten damit einen Run auf seine Werke aus. Optimal für die Imagepflege sind Versteigerungen für wohltätige Zwecke, wie sie etwa Damien Hirst und der Rocksänger Bono im Februar 2008 in New York für den Global Fund der Vereinten Nationen organisierten. Models, Schauspieler und Musiker steigerten mit, um Herzensgüte und Kunstverstand zu demonstrieren. Beliebt sind ferner Kooperationsprojekte: Popstars engagieren Künstler zur Gestaltung von Internetseiten und Alben, Künstler heuern Schauspieler für Filme oder Portraits an. In Tobias Rehbergers Filmprojekt «On Otto», unterstützt von der Fondazione Prada in Mailand, wirkten Kim Basinger, William Dafoe und Danny de Vito mit, ohne die üblichen Millionengagen zu verlangen. Der Übergang zwischen Kunst- und Modewelt ist ebenso fliessend geworden. Als Vorreiter wirkt hier der Pinault-Konzern, zu dem Auktionshäuser wie Christie’s und Marken wie Gucci oder Yves Saint Laurent gehören. Firmen wie Prada und Hugo Boss treten als Kunstsponsoren auf und setzen auf den Imagetransfer von Kunst zur Mode. Künstlerinnen wie Vanessa Beecroft, Sylvie Fleuri oder Tracey Emin arbeiten mit Modefirmen zusammen.
Ein weiterer Weg der Prominenz zur Kunst besteht darin, selbst künstlerisch aktiv zu werden: Während David Bowie seine Phase als expressionistischer Maler schon lange hinter sich gebracht hat, debütierte kürzlich Bob Dylan mit einer Museumsausstellung in Chemnitz. Der prominente Dilettant stärkte sein Ego durch die Museumsweihen, das Museum feierte die Ausstellung als PR-Coup. Marilyn Mansons Aquarelle sah man 2007 auf der Scope Basel. Pete Doherty wurden seine im Suff mit Nasenblut gezeichneten Kritzeleien von einem Galeristen aus Notting Hill aus den Händen gerissen und als «Bloodworks» ausgestellt.
Manche Künstler stellen sich auf die neue Glitzerwelt ein, indem sie Werke aus Diamanten, Gold, Kaviar und Kristallen schaffen und der neureichen Klientel anbieten. Damien Hirsts spektakulärer diamantenbesetzter Totenschädel «For the Love of God» wurde von den Juwelieren Bentley & Skinner, ehrwürdige Hoflieferanten in der Londoner Bond Street, ausgeführt. Seit Königin Viktorias Zeiten hat man dort keinen solchen Auftrag mehr erhalten: Die Produktionskosten lagen bei 8 bis 10 Millionen Pfund. Wie eine Reliquie präsentierte man das Werk in der Londoner Galerie White Cube zum Preis von 50 Millionen Pfund. Hirst und sein Galerist Jay Joplin kauften die Arbeit gleich selber, um den Preis zu stützen.
Andere Künstler werden direkt von der Schmuckindustrie beauftragt, die sich als Kunstsponsorin profilieren will: Für De Beer gestaltete der Brasilianer Viz Muniz illusionistische Bilder von Filmdiven aus Diamanten. Kevin Francis Grey überzog seine Plastiken von Strassenkindern und Hunden mit Swarovski-Kristallen. Auch Marc Quinn ging mit seinem «Frozen Strawberry Necklace» unter die Schmuckhersteller. Zehn Stück aus Weissgold und Diamanten à 24 000 Dollar brachte er auf den Markt. Für alle diese Arbeiten kann Andy Warhol mit seinen Blattgold- und Diamantenstaubwerken als Vorbild herhalten.
Wieder andere Künstler benehmen sich selbst wie Prominente und versuchen sich dem protzigen Lebensstil ihrer Kunden anzupassen. Wie das geht, haben schon deutsche Künstler der Generation Immendorff, Lüpertz oder Baselitz in den 1980ern vorgemacht. Sie kamen aus bescheidenen Verhältnissen und genossen den Wohlstand wie andere Aufsteiger auch. Martin Kippenberger spottete damals über diesen Kleinbürgerhabitus seiner Kollegen: «Die haben sich alle Informationen über Möbel, Maltechnik, Stichesammeln, Auf-dem-Schlösschen-Leben angeeignet; und die Frau trägt den ganzen Tag Chanel.» Kippenberger selbst hatte diesen Habitus nicht nötig, kam er doch aus der wohlhabenden Familie eines Bergwerksdirektors.
Auch Damien Hirst und andere Künstler der Young British Artists führten sich in den 1990er Jahren im Londoner Groucho Club als stolze neue Mitglieder der Upper Class auf. Besonders übel empfand eine Angestellte die Gepflogenheit der Künstler, sich dort restlos volllaufen zu lassen und sich dann unmöglich zu benehmen: «Eine Verhaltensweise, die ich immer mit den Angehörigen der arroganten Oberschicht verbunden hatte, Leuten, die es genossen, sich von ihren Hemmungen zu befreien, etwa indem sie aus den Fenstern des Groucho Clubs auf Passanten pinkelten.» Baselitz und Hirst sind natürlich Ausnahmen: Nur wenige Künstler können der High Society finanziell das Wasser reichen, um ihren Lebensstil glaubhaft zu imitieren.
Christian Saehrendt ist Autor; er lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm «Das kann ich auch: Gebrauchsanweisung für moderne Kunst», DuMont 2007.
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