NZZ Folio 02/98 - Thema: Computermenschen   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Fliegen ohne Flügel

Von Herbert Cerutti

SIE DÖSEN TAGSÜBER in einer Baumhöhle oder hängen nach Faultiermanier mit dem Rücken nach unten träge im Geäst, die Colugos in den Regenwäldern Indonesiens und der Philippinen. Kaum bricht die Nacht herein, kommt Leben in die hauskatzengrossen Gesellen. Mit weit gespreizten Armen und Beinen stürzen sie sich wie Fallschirmspringer in die Tiefe. Ihr Fall wird bald zum sanften Gleiten, denn die Tiere setzen eine ganze Kollektion behaarter Flughäute ein: Vom Hals bis zu den Vorderseiten der Arme spannt sich die Halsflughaut, zwischen Armen und Beinen die Flankenflughaut und von den Hinterbeinen bis zur äussersten Schwanzspitze die Schwanzflughaut. An den Händen und Füssen reicht die Flughaut bis zu den Krallen, und sogar zwischen Fingern und Zehen gibt es kleinere Flughäute. Mit dieser Vollbespannung erscheint das Tier wie ein fünfeckiger Papierdrachen. Es gleitet von Baum zu Baum und frisst Blätter, Knospen, Blüten und Früchte.

Der Gleitflug erspart dem Baumbewohner beim Baumwechsel den mühsamen und gefährlichen Umweg über den Boden. Da ihn seine Flughäute 50 bis 70 Meter weit tragen (es sind sogar schon 136 Meter gemessen worden), kann er sich auch in einem Wald mit grossen Baumabständen mühelos in der Luft bewegen. Der Gleitwinkel ist derart günstig, dass der Colugos jeweils nur wenige Meter sinkt. Und indem er nach der Landung mit seinen kräftigen Krallen rasch wieder ein paar Meter den Baum hochklettert, kompensiert der Gleiter den Höhenverlust.

Colugos haben jeweils ein einzelnes Junges; dieses macht die luftige Reise festgeklammert am Bauch der Mutter mit. Wegen der Spannweite von bis zu 120 Zentimetern werden die zwei Colugos-Arten von den Zoologen als Familie der Riesengleiter klassifiziert. Mit hundeähnlichem Kopf, zugespitzter Schnauze und grossen Kulleraugen gehören diese Säuger wohl zu den merkwürdigsten Tieren der Tropenwälder. Ihr Verhalten ist noch weitgehend unbekannt, denn sie sind sehr wählerische Fresser und sterben in Gefangenschaft rasch an Verdauungsstörungen.

Die Colugos sind nicht die einzigen gleitenden Säugetiere. In Australien und Neuguinea leben fünf Arten von Beuteltieren, die den Luftraum ebenfalls mehr oder weniger geschickt nutzen. Ein ausgezeichneter Gleitflieger ist der Riesengleitbeutler, der in den Wäldern Ostaustraliens wohnt und sich wie der Koala von Eukalyptusblättern ernährt. Seine Flughaut spannt sich von den Ellbogen zu den Hinterbeinen, was ihm eine eher dreieckige Flugsilhouette verleiht. Trotz einem Gewicht von anderthalb Kilogramm bewältigt das Tier in der Luft lange Distanzen. Ein Riesengleitbeutler brachte es in sechs aufeinanderfolgenden Flügen auf insgesamt über einen halben Kilometer. Der erste Start erfolgte von einem 30 Meter hohen Baum zu einem 70 Meter weit entfernten zweiten Baum. Dann spurtete das Tier sofort quietschend senkrecht zur Spitze hoch, segelte 80 Meter weit zum nächsten Baum und reihte schliesslich noch vier Flüge um die 100 Meter aneinander. Die Flughaut des Riesengleitbeutlers hat aber nicht nur Transportfunktion. In kühleren Zeiten wickelt das Tier die Pelzhaut wie einen Mantel schützend um seinen Körper.

Nicht gar so günstig ist die Flugbahn beim Kurzkopfgleitbeutler. Er streckt zum Gleitflug alle viere von sich, wobei sich die Flughaut zwischen Vorder- und Hinterpfoten wie ein Schirm spannt. Damit segelt das Tier mit seinem rundlichen, an ein Eichhörnchen erinnernden Körper auf einem Luftkissen im flachen Bogen nach unten. Die mässig guten Flugeigenschaften macht der Kurzkopfgleitbeutler aber durch exzellente Steuertechnik wett. Indem er die Pfotenstellung ändert, die Flughaut mit Hand- und Fussbewegungen verschieden stark krümmt und den buschigen Schwanz als Steuerruder einsetzt, kann er sich im Flug um alle drei Körperachsen drehen und so präzis auf dem anvisierten Baum landen. Damit die Landung nicht zum Crash wird, stellt das mit 60 Kilometer pro Stunde nach unten zischende Tier den Körper zum Bremsen mit einem Winkel von 30 Grad gegen die Flugrichtung. Der tüchtige Segler findet im Flug sogar Musse, nach der einen Motte oder der andern Mücke zu haschen.

Evolutionsforscher vermuten, der Vogelflug habe sich aus dem Gleiten entwickelt. So dürfte auch der Urvogel Archäopteryx, 1877 im Plattenkalk bei Solnhofen in Süddeutschland als Fossil gefunden, eher ein geschickter Gleiter als ein flügelschwingender Flieger gewesen sein. Da die 150 Millionen Jahre alte Versteinerung Knochenmerkmale von Reptilien und gleichzeitig Eigentümlichkeiten der Vögel zeigt, gilt das Tier als Bindeglied zwischen den urweltlichen Reptilien und den späteren Vögeln. Die aus den Hautschuppen der Reptilien entstandenen Federn dienten im tropischen Klima der Jurazeit vermutlich als Schutz vor starker Sonnenstrahlung. Und dann entdeckte das Tier wohl, dass es mit ausgebreiteten Schwingen ganz gut von den Bäumen zu Boden segeln konnte.

Gleiten konnten allerdings schon die frühen Reptilien. Von der Trias vor 200 Millionen Jahren bis zum Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren segelte eine Vielfalt von Flugsauriern durch die Lüfte, indem sie ihre Flughäute am stark verlängerten vierten Finger sichelförmig aufspannten. Die Flugsaurier lebten in grossen Schwärmen an den Ufern der Lagunen und holten sich die Beute sowohl aus dem Wasser wie aus der Luft. Mit Spannweiten bis zu zehn Metern und vermutlich hervorragenden Gleiteigenschaften müssen diese fliegenden Drachen dem andern Getier ziemlich Eindruck gemacht haben.

Flugdrachen gibt es auch heute noch. In Südostasien leben hoch in den Wipfeln des tropischen Regenwaldes sechzehn Arten von fliegenden Drachen. Als wechselwarme Reptilien geniessen sie die wärmende Sonne über dem Blätterdach und segeln für die Futtersuche von Baum zu Baum. Als Flügel dienen zwei grosse Hautlappen an den Körperflanken, gestützt durch ein bewegliches Skelett aus verlängerten Rippen. Ruht das Tier im Geäst, sind die Flügel längs des Körpers zusammengefaltet; zum Gleiten spreizt es die Rippen seitwärts ab.

Einer der tüchtigsten Flieger ist der 20 Zentimeter lange Draco volans in den Tropenwäldern Borneos. Mit einer Körperfarbe wie Baumrinde ist er in Ruhe perfekt getarnt. Kommt man ihm jedoch zu nahe, spreizt er plötzlich das leuchtend orange und schwarz gefleckte Hautsegel und gleitet zum nächsten Stamm. Das unverhoffte Aufblitzen der intensiven Farbe dürfte potentielle Feinde gehörig erschrecken. Und indem der Drachen sofort nach der Landung das auffällige Flugkleid wieder faltet, verschwindet er wieder in die schützende Unscheinbarkeit. Überrascht dürfte auch sein, wem in Borneo aus einer Baumkrone eine Schlange entgegensegelt. Die Schmuckbaumnatter kann wie der Flugdrachen die Rippen spreizen. Zieht sie zudem noch den Bauch ein, bildet sich an der Körperunterseite eine Hohlrinne als Tragfläche. Auf einem solchen Luftkissen vermag die Schlange im Winkel von etwa 45 Grad schräg nach unten zu gleiten, wobei sie mit schlängelnder Bewegung den Flug steuert. Damit flieht sie nicht nur vor Feinden; sie macht auch gezielt Beute. Zum Glück für den Menschen ist der züngelnde Kampfflieger ungiftig.

Der Merkwürdigkeiten nicht genug - aus Borneos Wipfeln segeln sogar Frösche. Der handtellergrosse Ruderfrosch Rhacophorus nigropalmatus lebt und vermehrt sich in den Baumkronen. Er hat zwischen den überlangen Fingern und Zehen grossflächige Hautmembranen, die ihm als Segelhäute dienen. Startet der Frosch zum Flug, breitet er die Glieder aus und spreizt Finger und Zehen, worauf der Luftdruck vier kleine Schirme entfaltet. Damit sinkt das Tier wie ein Fallschirmspringer zu einem unteren Baumstockwerk.

Warum nun just in Borneo Gleiter in den verschiedensten Tiergruppen vorkommen, lässt sich mit dem Bau der dortigen Urwälder erklären: Auf der gebirgigen Insel sind die Wälder entlang der steilen Hänge in zahlreiche Etagen gestaffelt. Dadurch entsteht ein voluminöser grüner Lebensraum, in dem es vorteilhaft ist, sich in allen drei Dimensionen rasch bewegen zu können.

Die Luft als Transportmedium zu nutzen wissen selbst Kreaturen, die nun beileibe nicht für Flugreisen gebaut erscheinen. Eine kleine amerikanische Baldachinspinne klettert nach ihrer Geburt auf die höchsten Blätter der Kinderstube und spinnt einen langen Faden. Dann hängt sie das zarte Gebilde in den Wind und lässt sich schliesslich forttragen.

Solcherart kann sie wie ein Ballon viele tausend Meter hoch und über sehr weite Distanzen fahren. Geht die Reise übers Meer, weht der Wind die junge Spinne vielleicht auf eine grüne Insel oder lässt sie halt irgendwo im Ozean ertrinken. Forscher fanden auf der Suche nach radioaktivem Staub Jungspinnen sogar in der Stratosphäre. Luftströmungen hatten die winzigen Tiere 20 000 Meter hoch getragen - in ein ziemlich brutales Gebiet mit minus 50 Grad Celsius und fast zwanzigmal weniger Luft als auf Meeresniveau.


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