EINZELNE SAMENZELLEN, von den frühen Beobachtern «Samentierchen» genannt, sind zweifellos lebendig. Auch das Ei, obschon es nicht wie die Samenzellen in auffälliger Weise herumschiesst, sondern ruhig auf seine Befruchtung wartet, ist eine lebende Zelle. Dennoch wird dem Untergang von Milliarden Samenzellen und, signalisiert durch jede Menstruation, dem Tod eines Eies keine Träne nachgeweint. Warum? Weil das zwar lebende Objekte sind, aber keine Personen. Jede aus dem Verband herausgelöste Zelle, ja auch jedes einzelne Organ kann, unabhängig von der Person, der es zugehört hat, sterben oder überleben. Jene berühmten HeLa-Zellen, die in Tausenden von Laboratorien gezüchtet werden, überleben Henrietta Lacks, der sie entstammen, bereits 40 Jahre; vermutlich können sie noch beliebig lange leben. Eine Niere, einem Verkehrsunfallopfer entnommen, kann im neuen Träger, dem sie eingepflanzt wird, den ursprünglichen Besitzer um Jahrzehnte überleben.
Das Leben als Person endet, so ist man übereingekommen, wenn jede Gehirnfunktion erlischt. Wann aber beginnt es? Je nach Weltanschauung und kulturellem Umfeld hat man diese Frage unterschiedlich beantwortet. In den Slums von Südamerika, wo in den ärmsten Bevölkerungsschichten die Säuglingssterblichkeit enorm hoch ist, wird ein Neugeborenes zunächst kaum als Person wahrgenommen, eher als Engel auf Reise, der oft genug nach kurzer Inspektion diese schlechte Welt wieder verlässt. Erst wenn ein Kleinkind das erste Halbjahr überstanden hat, tritt es allmählich in den Kreis der Lebenden.
Oft ist der Zeitpunkt der Geburt als der eigentliche Beginn des Lebens als Person definiert worden. Die Bedeutung, die diesem Moment auch heute noch zugesprochen wird, erhellt sich aus dem Wesen, das die Astrologie daraus macht. Der durch viele Zufälle beeinflusste Zeitpunkt und der durch noch mehr Zufälle beeinflusste Ort, an dem die Geburt stattfindet, soll das gesamte spätere Schicksal lenken - eine merkwürdige, schwer nachvollziehbare Vorstellung, die aber offenbar fest in vielen Köpfen verankert ist.
Nun ist einleuchtend, dass das Kind schon im Mutterleib lebt. Es wurde darum vorgeschlagen, den personalen Lebensanfang dann anzusetzen, wenn die Mutter erste Kindsbewegungen verspürt. Doch wird die Bewegung eines ersten Kindes häufig später erkannt als jene späterer Kinder - sollte es darum erst später zum Menschen werden? Ebenso unbefriedigend ist ein Vorschlag, die Menschwerdung dann anzusetzen, wenn das Kind ausserhalb des Mutterleibs überlebensfähig ist: Dieser Zeitpunkt ist durch die moderne Neonatologie immer weiter nach vorn gerückt worden und taugt darum als feste Grenze nicht.
Der eindeutigste, am leichtesten festzulegende Zeitpunkt ist, könnte man meinen, der Augenblick der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle, die Bildung der Zygote, wie die Biologen sich ausdrücken. Aber so klar ist das nun auch wieder nicht. Von Zeit zu Zeit lässt die Natur eineiige Zwillinge entstehen. Diese gehen aus einer einzigen Zygote hervor, die sich geteilt hat und von der jede Hälfte sich zu einem vollwertigen Menschen entwickelt, ausgestattet mit allen Ansprüchen und Rechten, welche die Person ausmachen. Niemand wird behaupten wollen, eineiige Zwillinge seien eine einzige Person - sie sind, bei aller Ähnlichkeit, zwei. Also kann die Zygote selbst auch nicht eine Person gewesen sein, wenn sie doch der Ursprung von zwei Personen hat sein können.
Die Forschung hat gezeigt, dass aus der Zygote noch nach drei Teilungen, wenn also das 8-Zell-Stadium erreicht ist, mehrere vollwertige Individuen entstehen können. Später ist das nicht mehr möglich. Also kann nach dem vorher Gesagten ein achtzelliger Zellhaufen keine Person sein. Der Oberste Gerichtshof von Tennessee hat sich diese Optik in einem Urteil vom 1. Juni 1992 zu eigen gemacht. Eine Richterin, Justice Marth Craig Daughtrey, hatte folgenden bizarren Fall zu entscheiden: Ein geschiedenes Paar stritt sich um Befruchtungsprodukte, die es in einvernehmlicheren Zeiten gemeinsam «gezeugt» hatte und die in einem Freezer lagen. Die Frau wollte sie einem anonymen unfruchtbaren Paar schenken, der Mann wollte nicht biologischer Vater eines ihm unbekannten Kindes werden. Justice Daughtrey entschied zugunsten des Mannes und erlaubte die Zerstörung der, wie sie sie nannte, «Prä-Embryonen», die gar keine Embryonen seien und damit den rechtlichen Schutz von Embryonen nicht genössen. Bis zum 8-Zell-Stadium sei «the developmental singleness of one person» nicht erreicht.
Wird diese Argumentation allgemein akzeptiert, so liesse sich ein brennendes Problem von «Altlastenentsorgung» lösen. In vielen Tiefgefriertruhen lagern Tausende von «Prä-Embryonen», die als überschüssig bei Versuchen zur In-vitro-Fertilisation nicht in den Mutterleib implantiert wurden und mit denen etwas geschehen muss. Ihre Vernichtung wäre, nach dem Urteil von Tennessee, keine vorsätzliche Tötung. Der Beginn des Lebens als Person wäre erst dann erreicht, wenn ihre Einzigartigkeit irreversibel feststeht.