WAS HABEN ein Aids-Kranker und ein Contergan-Geschädigter gemeinsam? Des einen Hoffnung ist des anderen Fluch. In den Jahren 1957 bis 1962 wurden weltweit 10 000 bis 12 000 Kinder mit schweren Missbildungen geboren, die Hälfte davon in Deutschland. Diese Kinder hatten verstümmelte Extremitäten, wenn sie nicht ganz fehlten, verkrüppelte Gelenke, verkümmerte Organe; manche waren blind, manche waren taub, einige starben bald nach der Geburt. Ihre Mütter hatten während der Schwangerschaft ein als völlig harmlos deklariertes rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel genommen.
Die deutsche Firma Grünenthal pries damals das neu entwickelte Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid eigens für Schwangere an; es sollte sie von morgendlicher Übelkeit befreien. Grünenthal hatte Contergan im Oktober 1957 auf den Markt gebracht und bald in 46 Ländern millionenfach verkauft. In der Schweiz, wo es unter dem Namen Softenon erschien, blieb das Mittel verschreibungspflichtig. Hier gab es nach offiziellen Angaben deshalb nur neun Contergan-geschädigte Kinder.
Auch in den USA kamen nur wenige der schwer behinderten Babys zur Welt. Die Skepsis einer neu angestellten Mitarbeiterin der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) hatte hier die Zulassung verhindert. Francis Kelsey bestand auf Unterlagen, die Auskunft gaben über die mögliche Auswirkung des Medikaments auf Föten. Da ihr keine vorgelegt wurden, blieb sie stur. Sie widerstand auch dem massiven Druck der amerikanischen Lizenzfirma von Grünenthal. Als im November 1961 der Contergan-Skandal endlich offenkundig war, wurde sie vom Präsidenten John F. Kennedy für ihre vorbildliche Haltung geehrt. Grünenthal nahm Contergan vom Mark. Es folgte ein neunjähriger Prozess, der schliesslich aussergerichtlich beigelegt wurde. Man versuchte, die Opfer wenigstens finanziell zu entschädigen.
Heute wird Thalidomid von der Firma Celgene im amerikanischen Bundesstaat New Jersey wieder hergestellt. Seit zwei Jahren ist es als Heilmittel von der FDA zugelassen, ausgerechnet also von jener Instanz, die sich vor vierzig Jahren unnachgiebig gezeigt hat. Die Gründe und Umstände für die Freigabe von Thalidomid werden auch im Kreis von Contergan-Geschädigten kontrovers diskutiert.
Bereits 1964 verabreichte ein israelischer Arzt einer stark an Hautentzündungen leidenden leprakranken Patientin zur Beruhigung Thalidomid. Er besass noch Restbestände. Zu seiner Verwunderung besserten sich ihre Ausschläge. Weitere Studien bestätigten seine Vermutung, dass Thalidomid Hautentzündungen bei Leprakranken lindert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass zurzeit etwa 1,2 Millionen Menschen an Lepra leiden. Heute liefert Grünenthal kostenlos Thalidomid an die WHO. Sie wolle, bekundet die Firma, «mit dem Medikament nie mehr Geld verdienen». Die WHO verteilt das Mittel unter sehr hohen Sicherheitsauflagen und nur, wenn andere Medikamente versagt haben. Frauen in gebärfähigem Alter bekommen es nicht. In den USA müssen junge Frauen, wenn sie mit Thalidomid behandelt werden wollen, nachweisen, dass sie zwei Verhütungsmethoden zugleich anwenden und sich regelmässigen Schwangerschaftstests unterziehen. Celgene plant, den Packungen Bilder von missgebildeten Kindern beizulegen. Aber gab es nicht schon immer ungewollte Schwangerschaften? Und darf eine Frau, die ein vermutlich geschädigtes Kind erwartet, zu einer Abtreibung gezwungen werden? Das Problem verschärft sich im Hinblick auf Länder wie etwa Brasilien oder Mexiko, die Thalidomid selbst herstellen und es mit den Sicherheitsmassnahmen nicht so genau nehmen. Bereits gibt es dort wieder Contergan-geschädigte Kinder.
In der Schweiz ist Thalidomid nicht zugelassen; Sonderbewilligungen sind aber möglich. Sie werden meist für Aids-Patienten eingeholt, da das Medikament häufig gegen die schmerzhaften Schleimhautabszesse wirkt. Es scheint zudem gegen das rapide Abmagern von Aids-Patienten zu helfen. Von Celgene finanzierte Studien prüfen die Frage, ob das Medikament auch gegen Multiple Sklerose, bei entzündlicher Blasenschwäche, bei rheumatischer Sklerose und bei Abstossungsreaktionen als Folge von Knochenmarktransplantationen einzusetzen sei.
Wie Thalidomid wirkt, ist nicht genau erforscht. Es hemmt offenbar bestimmte zelleigene Botenstoffe, die bei Krebs, Tuberkulose und Entzündungen in hoher Konzentration vorkommen, und es beeinträchtigt die Bildung von Blutgefässen; es scheint aber auch das Immunsystem zu stärken. Neben der legalen und streng kontrollierten Abgabe von Thalidomid floriert in den westlichen Industrieländern unter Aids-Patienten bereits ein Schwarzmarkt. Experten fordern Fonds, die die Entschädigung der zu erwartenden neuen Opfer sicherstellen, und einen Lehrstuhl für die Contergan-Forschung. Es besteht die Hoffnung, einen Verwandten des Thalidomid zu finden, der nicht seine furchtbaren Nebenwirkungen hat.