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Hallo Taxi -- Ich bin am Freitag nie unterwegs
© Geneviève Lüscher
Von Geneviève Lüscher
El-Shenawy Mohamed El-Shenawy, Alexandria (ET), ist 50 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Sein Hobby ist Fischen im Meer. Er fährt einen 35-jährigen Peugeot, der Zähler zeigt 957 956 Kilometer. Alexandria ist mit 3 700 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Ägyptens und liegt im Nildelta an der Küste des Mittelmeers. El-Shenawy Mohamed El-Shenawy verdient monatlich zwischen 200 und 500 Franken. Davon lebt die fünfköpfige Familie. Sie wohnt in einer 4-Zimmer-Wohnung, die Miete beträgt 20 Franken.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Da ich selbständig bin, kann ich im Prinzip fahren, wie viel ich will. Als gläubiger Muslim bin ich aber am Freitag nie unterwegs, da gehe ich mit meinen Buben in die Moschee. Sonst fahre ich jeden Tag so um die acht Stunden.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Unsere staatliche Altersvorsorge ist minimal: Mit 65 werde ich nur gerade 80 ägyptische Pfund im Monat erhalten, das sind 20 Franken.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Letzten Sommer. Wie jeden Sommer war ich mit meiner Familie am Meer. Etwa 300 km westlich von Alexandria haben wir eine kleine Ferienwohnung.
Warum wurden Sie Taxifahrer?
Eigentlich bin ich diplomierter Mechaniker. Ich habe aber in Ägypten keine Arbeit gefunden und war ein paar Jahre als Mechaniker im Ausland, im Irak und in Jordanien. Nach meiner Rückkehr habe ich dann als Taxifahrer angefangen.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich tagelang keinen Auftrag, manchmal fahre ich an einem Tag mehrmals nach Kairo, das sind 400 Kilometer hin und zurück. Ich darf Alexandria verlassen, weil ich kein normales gelbes Stadttaxi fahre. Blaue Taxis haben eine spezielle Touristiklizenz, die Fahrten auch ausserhalb des Stadtgebiets erlaubt. Wir haben eigene Standplätze am Flughafen, am Bahnhof und vor den grossen Hotels. Unsere Dienste sind auch teurer; wir sprechen Englisch und dienen, wenn es gewünscht wird, auch als Fremdenführer.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Einmal musste ich einen Kunden nach Libyen fahren, da war ein Weg 520 Kilometer.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Ich unterhalte mich mit meinen Kollegen, trinke Kaffee, suche Kundschaft. Und immer während des Ramadan lese ich im Koran.
Wer war Ihr prominentester Gast?
Mahmod Jaseen und Abla Kamil, das sind zwei hier sehr bekannte Persönlichkeiten aus der Filmbranche.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Es gibt sehr grosszügige Touristen, die schon mal das Doppelte des abgemachten Preises zahlen!
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Erstaunlich vieles: Kameras, Schmuck, sogar Pässe. Ich gebe immer alles im Tourist-Police-Büro ab.
Wie reagieren Sie im Stau?
Immer Ruhe bewahren! Was soll ich mich aufregen, es ändert ja doch nichts. Würde ich mich aufregen, wäre ich ein schlechter Taxifahrer.
Reden Sie mit den Fahrgästen?
Ich rede gern mit den Leuten. Von den Touristen möchte ich immer Neues erfahren. Ich will auch wissen, woher sie kommen, wie ihnen Alexandria gefällt. Und ich übe dabei mein Englisch; meine Englischkenntnisse habe ich so erworben. Ich kann sogar einen Englisch sprechenden Franzosen von einem Englisch sprechenden Deutschen unterscheiden.
Was war Ihre teuerste Busse?
Das weiss ich nicht mehr. Parkbussen hatte ich schon unzählige.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin vom Bahnhof aus?
Der Montasah-Palast, der ehemalige Königspalast an der Küste. Heute ist er die Sommerresidenz unseres Präsidenten und hat einen grossen öffentlichen Park. Die Fahrt kostet 4 Franken.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Nein. Nachts fahre ich nicht, und Betrunkene lasse ich nicht einsteigen.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Alles in die Erziehung meiner Kinder stecken. Eine gute Ausbildung ist sehr wichtig, aber unsere staatlichen Schulen sind völlig wertlos. Ich muss meinen Kindern regelmässigen Nachhilfeunterricht bezahlen, damit sie in die nächsthöhere Schule kommen. Mit dem normalen Unterricht ist das unmöglich. Manchmal komme ich mir vor wie eine Milchkuh, ich bezahle ständig für Dinge, für die eigentlich der Staat zuständig ist.
Womit verwöhnen Sie sich?
Mit Fischen. Ich liebe das Meer, hier kann ich mich erholen, und gleichzeitig fange ich meist auch etwas. Der grösste Fang, den ich je hatte, wog 40 Kilo.
Taxameter Einen Taxameter hat El-Shenawy Mohamed El-Shenawy nicht. Jede Fahrt wird mit dem Kunden ausgehandelt.
Ägypten Einwohner: 74 718 800 BIP pro Kopf: CHF 1950 Benzin: 1 l CHF 0.25 Milch: 1 l CHF 1.05 Coca-Cola: 1 l CHF 0.60 Brot: 1 kg CHF 0.50 Reis: 1 kg CHF 0.60 Kinobillett: CHF 2.50 Zigaretten: CHF 1.90
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