Das Triebpotential, das Menschen zu ihrem Glück und Unglück miteinander teilen, wurde historisch von den verschiedensten Kulturen und auf unterschiedlichste Weise in den Griff genommen, jedoch mit dem stets gleichen Ziel: das Überleben des Einzelnen und des Kollektivs in der jeweils besonderen natürlichen und soziokulturellen gesellschaftlichen Umwelt zu garantieren.
Kultur ist ein Verhältnis zwischen Aussenwelt und Innenwelt: Sie manifestiert sich in Technologie, in der Organisation des Zusammenlebens, in Normen und Werten - Elemente, die dadurch integriert werden, dass die Angehörigen einer Kultur mit den Fähigkeiten und Kenntnissen, Einstellungen und Haltungen ausgestattet sind, die ihnen Teilnahme erlauben.
Wer in die Schweiz einreist, kann kulturelle Identität nicht am Grenzübergang deponieren. Wert- und Interessenkonflikte sind deshalb auf beiden Seiten unvermeidlich. Wachsende Kulturdistanz erhöht das Konfliktpotential: Heimat ist dort, wo wir Bedeutungswelten teilen.
Dennoch ist die Grenzziehung zwischen Ausländern und Schweizern fragwürdig: Denn nicht nur gibt es eine unendliche Vielfalt an fremden Kulturen, sondern fremdes Verhalten wirft auch Licht auf das, was in der eigenen Kultur im Schatten liegt. Der Fremde in uns selbst ist bald eine erschreckende, bald eine schmerzliche, meist eine beängstigende Realität, auf die wir mit Abwehr reagieren. So ist auch mein Versuch, Grenzen und Verbindungen zum Fremden aufzuspüren, vor Verzerrungen nicht gefeit.
Der wichtigste Unterschied zwischen industriegesellschaftlicher Kultur und vorindustriellen, meist agrarischen Kulturformen-- und auf letztere beschränke ich mich hier - ist das Verhältnis von Individuum zum Kollektiv: eine Relation, die sich aus dem Stand der Produktivität sowie der besonderen Art ableitet, in der Kulturen Solidarität zwischen Alt und Jung sowie innerhalb einer Generation sicherstellen.
In den sozialen Verhältnissen inbegriffen ist, was jeweils als «sinnvoll», «richtig», «gut» oder «böse» gilt. In den Unterschieden von Sozialorganisationen und Wertvorstellungen sind häufig Kulturkonflikte begründet.
«Soziale» Zeit versus Geldzeit: Wer kennt nicht den Ärger über Unpünktlichkeit? In der Schweiz gilt: «Zeit ist Geld!» Das ist wichtig und richtig für eine Gesellschaft, in der Kapital und Kapitalintensität eine Ökonomie der Zeit erfordern: Wo ein Arbeitsplatz in der Industrie eine halbe Million Franken kostet, wird Pünktlichkeit zur Notwendigkeit.
Andere Kulturen, andere Uhren: Statt unserer Geldzeit ist «soziale» Zeit dort die Regel, wo die Bevölkerung mehrheitlich erwerbslos ist oder sich als Selbstversorgungsbauern, Schuhputzer, Autowächter, Strassenhändler ausserhalb von offiziellen Arbeitsverhältnissen durchbringt. Soziale Sicherheit kann hier kaum über Steuern, noch weniger über Lohnprozente finanziert werden.
Weil dort die Familie Alte, Kranke und Arbeitslose mitzutragen hat, ist es überlebensnotwendig, Zeit in die Beziehungen zur Familie, zur Verwandtschaft - überhaupt in soziale Beziehungen - zu investieren und auch möglichst viele Kinder zu haben. Bei vielen Menschen, die aus Entwicklungsländern zu uns kommen, gerät «soziale» Zeit in Konflikt mit der Geldzeit, die Voraussetzung für unser modernes Wirtschaften ist.
Liebe und Ehe: In Baluchistan hat mir ein tief religiöser Muslim erklärt: «Vielleicht lieben wir unsere Frauen nicht, aber wir respektieren sie.» Zugegeben, damit ist nicht die ganze Realität im Islam erfasst, aber ein wichtiger Traum von ihr. Trotzdem war ich zunächst schockiert: Wir Europäerinnen sind in unserem Selbstbild meist am Ideal der Geliebten orientiert, obwohl auch das nur ein Traum ist.
Nicht, dass es sie nicht gäbe, die grosse Liebe im Islam. Doch wo für die Sicherheit des Einzelnen ausschliesslich die Familie zuständig ist, kann Heirat keine Angelegenheit von individueller Zuneigung sein. Familienverbände haben auf ihre wirtschaftliche, soziale und politische Überlebenskraft zu achten. Menschen, die in sozialer Zeit leben, sind sich deshalb der vielfältigen Aufgaben der Ehegemeinschaft bewusst und gehen für uns oft irritierend zweckrational damit um. Der Ärger über die andern zeigt an, was die eigene Kultur tabuisiert: Die endlosen Querelen von Ehepaaren vor dem Scheidungsrichter um Hab und Gut, um Ein- und Auskommen sind der Schatten eines Kulturideals, das Liebe zum alleinigen Beweggrund für die Ehe deklariert. Das Fremde nicht wegen der Fragilität des eigenen Traums abwehren: Ich lernte die Vorteile von Paarbeziehungen kennen, die in Respekt und sozialen Rollen wurzeln.
Statt sich an ewige Jugend und sexuelle Attraktivität zu klammern, gewinnen Frauen im Islam mit dem Alter Ansehen und Autorität - falls sie einen Sohn geboren haben. Es liegt praktische Weisheit darin, Familien nicht nur auf romantisches Gefühl zu gründen. Auch in der Schweiz scheitert Liebe nur allzu leicht an der Enge des Alltags. Sexualität: Was diesen bald als himmlisch, bald als verderblich erlebten Trieb betrifft, gibt es eine unendliche Vielfalt in den verschiedenen Kulturen. Wenn uns Schwarzafrika mit seiner Verehrung für diese Vitalkraft fasziniert, so schrecken uns die strengen Vorschriften, die islamische Gesellschaften über Frauen verhängen.
Schweizerinnen beklagen sich, weil sie von Fremden belästigt werden, oft von Orientalen. Doch weil bei uns Sexualität das einemal Promiskuität, das nächstemal wieder Ware zu Verwertungszwecken ist, dann wieder Medium für Entfaltung und Vertiefung im sozialen Bezug, wird der Blick auf die andern so schwierig wie deren Blick auf uns zurück: Verwirrung der Gefühle hüben wie drüben ist das Resultat.
Im Fremden lachend uns selbst erkennen: dazu eine verzwickte Geschichte aus einer Unterkunft für Asylsuchende. Als mehrere junge Männer aus Pakistan eingewiesen wurden, begannen die Chileninnen, alle verheiratet, sich besonders attraktiv zu machen. Manch eine verirrte sich im Négligé in den Korridoren, wo sie auf die jungen Muslime auf deren Weg zu den Waschräumen zu treffen hoffte.
Bald stürmten die zornigen Männer aus dem Land der Reinen mein Büro und fragten flammenden Blicks: «Sind wir in ein Puff geraten?» Ich versuchte zu vermitteln: Ganz anders als in Pakistan, wo die Frau in der Exklusivität der häuslichen Privatheit nur für ihren Ehemann schön sein soll, reklamierten die Frauen im Westen ihre Schönheit öffentlich. Und ihre Männer seien meist stolz darauf. Es gebe nämlich bei uns so etwas wie eine Pflicht der Frau zur Attraktivität im öffentlichen Raum. Frauen, die sich bemühten, ihre Schönheit herauszustreichen, seien keine Dirnen, sondern so hoch verehrte wie viel beneidete Geschöpfe.
Die jungen Männer hörten aufmerksam zu. Ruhe kehrte ein, bis es wenige Tage danach zum Tumult im chilenischen Lager kam. Da hatte sich ein Besucher aus Pakistan erfrecht, einer Chilenin kurz den Hintern zu tätscheln, als sie, die Hüften wiegend, in hautengen Jeans und auf hohen Absätzen durch die Küche der alleinstehenden Männer ging. Die Hombres aus Lateinamerika wetzten die Messer: Nun stand ihre Ehre auf dem Spiel! Keiner fragte, was Eva in der Männerküche überhaupt zu suchen hatte.
Gespräche mit beiden Seiten: Die Pakistani wurden dahingehend aufgeklärt, dass die Damen des Westens trotz vielversprechender Verpackung Verlockungen nur zum Anblicken, nicht aber zum Berühren sind! Mit dieser Regel konfrontiert, verlor sich das Interesse der Orientalen spürbar.
Doch alsbald kam es zu Geschrei und Entrüstung bei den chilenischen Frauen: Jetzt sollten die Pakistaner aus dem Heim verwiesen werden! Eine schwor bei ihrer Ehre, dass sie beobachtet habe, wie sich zwei Pakistani einen Kuss gegeben hätten. In Asien gehören Umarmungen bei Männerfreundschaften durchaus zur Kultur. Die Chileninnen erklärten nun im Ernst, sie könnten ihre Kinder doch nicht mit «Schwulen» zusammen aufwachsen lassen.
Die Moral von der Geschichte ist nicht, dass wir Frauen uns vor Orientalen ins Haus und unter die Schleier zurückziehen müssten. Im Gegenteil: Der öffentliche Raum soll künftig immer auch uns gehören. Hingegen kann vielleicht der Blick auf die Verirrungen und Verwirrungen, die wir im Fremden anrichten, dazu beitragen, dass wir mehr Klarheit in der Geschlechterbeziehung gewinnen und durchsetzen - wenn wir das wirklich wollen.
Geben und Nehmen: «Wenn man ihm den kleinen Finger gibt, will er die ganze Hand!» Schweizer berichten von masslosen Forderungen, die ihr fremder Freund plötzlich an sie stellt: Gestern war ich so freundlich und habe ihn zum Essen eingeladen, heute will er einen Job und eine Wohnung von mir haben. In vorindustriellen Gesellschaften ist das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft nicht über Geldzirkulation, sondern über Tausch vermittelt.
Der Kreislauf von Gabe und Gegengabe zielt auf die Integration in die dörfliche Gemeinschaft ab und umfasst so unterschiedliche Leistungen wie Kredite oder Arbeitsangebote, Unterstützung bei Wahlen oder in Rechtsfragen; aber auch Heirat, Hilfe bei Krankheit, Geburt oder Todesfall.
In der Regel ist jede Transaktion als Tausch konzipiert, auf der Basis von gegenseitigen Rechten und Pflichten. Im Zyklus von Geben und Nehmen der lokalen Herrschaftsstruktur gilt dort wie hier: Je mächtiger und angesehener einer ist, desto mehr Grosszügigkeit muss er zeigen. Persönliche Umverteilung im traditionellen System dort, Steuerprogression bei uns.
Die «masslosen» Forderungen des Fremden machen uns Schweizern zu schaffen, weil wir uns schwer offen widersetzen können. Was für ein Luxus «wahre» Freundschaft ist, wird klar, wenn wir realisieren, dass uns erst überfamiliale Solidarität in Form von AHV, Krankenkasse, Unfall- und Lebensversicherung erlaubt, die privaten Beziehungen auf den Austausch von Gedanken und Gefühlen zu reduzieren. Was wir «befreite» Individuen im Alltag jedoch dann vermissen, ist Gemeinschaftlichkeit im Quartier, am Arbeitsplatz, in der Stadt.
Ehrlichkeit und Moral: Wahrheit wird durch die Referenzgruppe relativiert, an der sich Menschen orientieren. Wo soziale Integration primär über die Familie passiert, ist überfamiliale Wahrhaftigkeit irrelevant. «Bei uns machen Krankenkassen oft Konkurs», erklärte mir ein Kameruner und rechnete vor, wie Ärzte und Patienten davon profitierten, dass sie den Kassen in klammheimlicher Kooperation Rechnungen für fiktive Krankheiten und Behandlungen präsentieren. Versicherungsbetrug also!
Doch blicke ich mich um in meiner Schweiz, sehe ich, dass auch bei uns diese gesellschaftlich organisierte Solidarität missbraucht wird. Umstrukturierung in Wirtschaft und Gesellschaft bewirkt, dass bei Staat und Kassen mehr bezogen und ihnen, durch falsche Angaben in der Steuererklärung, mehr entzogen werden kann.
Wer hat sie nicht, jene Bekannten, die nach dem gemeinsamen Nachtessen im Restaurant gierig die Rechnungen behändigen, um sie von den Steuern abzuziehen? Oder kennt nicht jene Frau, die Witwenrente bezieht, obwohl sie mit ihrem Konkubinatspartner längst wieder Kinder hat? Oder jenen Freund, der seiner Versicherung einen fingierten Diebstahl während seines Drittwelturlaubs meldet.
Während in Afrika die familienbezogene Sozialstruktur und Moral die familienübergreifende Solidarität verhindert, driften bei uns das Solidarsystem des Fabrikzeitalters und die individualisierte Privatmoral auseinander.
Konsum, Lärm, Gestank: Während Menschen aus vorindustriellen Gesellschaften ein Kollektiv zu fliegen beginnen, das zwingend vorschreibt, soziale Rollen zu erfüllen, weisen wir Europäer jene Einschränkungen zurück, welche die Gesellschaft in Form von «Über-Ich»-Vorschriften in unserer «armen» Seele errichtet. So wünschen sich heute Ausländer und Schweizer mehrheitlich in ein Konsumparadies, in dem individuelle Entfaltung die allgemeine Triebkraft ist.
Kulturwechsler häufen oft Rechte von hüben und drüben an, während sie traditionelle Pflichten ebenso zurücklassen wir neue zurückweisen: Eine Halbwüchsige aus dem Orient weigert sich, irgendeiner Arbeit nachzugehen. Ihr Vater, so reklamiert die junge Dame, müsse sie laut Tradition bis zur ihrer Verheiratung finanzieren. Gleichzeitig vagabundiert sie beinahe täglich in die Disco, den entrüsteten Vater mit dem Argument in Schach haltend, dass sie die gleichen Rechte wie die Schweizer Jugend habe. Kulturelle Identität von Immigranten - ein Cocktail von Tradition und Modernität, oft reich mit Eigeninteressen gewürzt.
Je weniger verinnerlichte Werte wir miteinander teilen, desto eher wird Konsum zum allgemeinen Orientierungspunkt. Wo, wie bei vielen Ausländern, Statusunsicherheit hinzukommt, kann das zu demonstrativem Konsum führen: Lederjacke, Sonnenbrille, Reiseradio, Kamera - die Standardausrüstung der vielen Kleinen, die vom schnellen Porsche und vom grossen Geld träumen. Unser Ärger wehrt ab, womit uns Fremde schmerzlich konfrontieren: Nichts überzeugt mehr als unser Konsum - die Welt als Supermarkt, in der wir auf Kredit einkaufen.
Wenig spürbar für jene, die im Einfamilienhaus im Grünen residieren: In Mietshäusern werden Klagen laut. Etwa über den Tamilen, der mitternachts von der Arbeit kommt, ein Bad einlaufen lässt und damit die übrigen Hausbewohner weckt. Oder man schimpft über die Türken, deren Knoblauchgerichte zwar nicht zum Himmel, jedoch in die obere Etage stinken. Und erst der Schwarze, der gestern eine Viertelstunde im stehenden Auto mit laufendem Motor sass! Wo hautnaher Kulturkontakt Wert- und Interessenkonflikte bringt, schwanken wir zwischen Verachtung, einer alles entschuldigenden Einstellung und ohnmächtiger Wut.
Was nun? Erstens gilt: Kulturkontakt ist stets mit Kulturkonflikt verbunden. Kulturwechsel schafft Missverständnisse, provoziert Fehlverhalten in bezug auf wichtige Regelungen in der Schweiz, entfesselt egozentrische Machtstrategien bei Fremden und Einheimischen.
Zweitens gilt: Kulturkontakt ist ein kreatives Potential. Interkulturelle Begegnung macht Fremdes und Eigenes bewusst und stellt kulturelle Selbstverständlichkeiten in Frage. Unsere Wachstums- und Konsumkultur ist kein Prototyp für Überlebensfähigkeit, schon gar nicht für globale. Auseinandersetzung zwischen Kulturen ermöglicht, neue Lösungen zu suchen und zu finden.
Drittens gilt: Trotz berechtigter Kritik an den herrschenden Verhältnissen ist eine überfamiliale Sozialorganisation so überlebensnotwendig, wie gemeinsame Grundwerte für ein friedliches Zusammenleben unabdingbar sind. Im interkulturellen Dialog gilt es, Gültiges fürs Zusammenleben auszuhandeln: Heimat wird uns, wo wir gemeinsam Bedeutungswelten für die Zukunft schaffen - Schweizer und Einwanderer, Frauen und Männer.
Vreni Tobler Müller ist Ethnologin und Foyerleiterin der Asylkoordination für den Kanton Zürich.