UNBEEINDRUCKT VON DER HITZE und dem fauligen Geruch, ungerührt vom Tumult und Geschrei der Familien, Fangtrupps und Ausweiderinnen, vom Feilschen und Drängeln, flaniert Sica über den langen Strandstreifen des Fischmarkts von Joal. Mit Jeans und T-Shirt ist der «Exportkaufmann - jede Ware zu jeder Zeit» besser gekleidet als die meisten hier. Beim Reden streicht er sich zufrieden über den kurzgeschorenen Schädel, denn er freut sich diebisch über seine jüngste Geschäftsidee.
Täglich werden am Strand des rund 150 Kilometer südlich der Hauptstadt Dakar gelegenen Fischerdorfes zentnerweise Muscheln aufgeschlagen, deren Fleisch die Händler frisch oder getrocknet verkaufen. Die geborstenen Schalen der melonengrossen «Camemberts Sénégalais» allerdings sind Abfall, mittlerweile wachsen am Rande des Markts haushohe Halden. Wo Muschelschalen sind, dachte sich der dynamische Unternehmer, da ist auch Kalk, und der fehlt in China. «Im Dorf küssen sie mir die Füsse, dass ich ihnen den Müll wegtrage», sagt Sica. «Und die Chinesen werden fürstlich dafür bezahlen, wenn sie ihn kriegen.» Der Gedanke kam ihm zu Hause in Dakar, vor zwei Tagen erst. Noch am selben Abend setzte er sich ins Auto, um an der Petite Côte den erstaunten Dorfoberen seinen Plan schmackhaft zu machen.
Sica, ein Einwanderer aus Mauretanien, ist es gewohnt, eigene Pfade zu gehen. Er beschäftigt bereits mehrere Arbeiter, die den Mollusken die Hormondrüse abhacken. Die glibbrige, stinkende Masse exportiert er dann in die USA, wo sie als Grundstoff zur Parfumherstellung verwendet wird. Ein kleines Vermögen, sagt Sica, habe er damit gemacht.
DEN HÄNDLERN AUF DEM FISCHMARKT, die schwarze Haut haben und dem Araber den Akzent anhören, sind solche Geschäfte suspekt. Gewiss, Allah liebt die Männer, die arbeiten, aber andererseits schreibt die Tradition gewisse Regeln vor. Gemeinschaft, die Familie, ist das höchste Gut, wer sich vereinzelt, ein Egoist. «Wenn du deinen Fang nach Hause gebracht hast, gibst du ihn deiner Frau. Sie schuppt die Fische ab und nimmt sie aus. Dann verteilst du einen Anteil an die Nachbarn und Verwandten», erklärt Youssou. Er kommt aus Fadiouth, einem winzigen Inseldorf vor der Küste. Mit 27 Jahren ist er der Jüngste in einer achtköpfigen Kinderschar, und als solcher kann er sich manches erlauben. Er muss nicht morgens um fünf in die Piroge steigen wie sein Vater, sein Onkel und seine Brüder. Er darf in Dakar studieren, vorausgesetzt, er verdient sich das Geld für seine Bücher selbst. Aber die Hauptstadt gefällt ihm nicht. «Dort verreckst du auf offener Strasse, und niemand hilft dir», meint er, während er den Saum seines langen blauen Gewands hebt und den Pferdewagen auszuweichen versucht.
Der Strand ist übersät mit Haufen von sortiertem Fisch. Die Markthalle selbst dient nur als Umschlagplatz für Ware, die in Kühllastwagen verladen werden soll. Handel und Wandel spielen sich direkt am Wasser ab und gehorchen Gesetzen, die auf den ersten Blick undurchschaubar sind und bei näherem Hinsehen jede praktische Vernunft geradezu beleidigen. Etwa fünfzig buntbemalte, fahnengeschmückte und vollbeladene Pirogen liegen ein paar Schritte hinter der Wasserlinie vor Anker. Es ist fünf Uhr nachmittags, die Sonne glüht fast noch mehr als am Mittag, trotz der Nähe zum Wasser ist die Luft beinahe stickig.
Die Boote werden von Hand entladen. Träger in zerschlissenen Gummijacken wuchten den Fisch körbeweise auf ihre Köpfe, durch alle Ritzen fliesst Salzwasser über ihre Gesichter, und sie taumeln mit der Last zu den wartenden Pferdewagen, wo sie die Ware ausschütten. Diese Schwerstarbeit wird von Angolanern geleistet, die kein Serer sprechen wie die Leute aus dem Dorf. Die Zählweise der Kutscher ist aber leicht zu verstehen. Für jeden ausgeschütteten Korb legen sie einen Fisch quer auf einer Planke aus. Zehn Fische, zehn Körbe. Jetzt ist die Kalesche randvoll, aber sie steckt fest zwischen schiebenden Menschen, anderen Wagen, zappelnden schuppigen Leibern. Sosehr der Fuhrmeister auch schwitzt und zetert und seine Schindmähre auspeitscht, er kommt nicht voran. Also bleiben die Meeresfrüchte noch ein Weilchen liegen, und die Sonne scheint darauf nieder.
Einen Teil der Last tragen die Träger weiter, jetzt vom Strand in die Halle, die auf einem gut zwei Meter hohen Sockel steht. Da man Treppen vergessen hat, bauen die Träger jeden Abend aufs neue mit Sandsäcken einen glitschigen Aufstieg. Oben angekommen, schütten sie wieder aus, auf den Betonboden diesmal. Zwei, drei Frauen in langen, blumenbedruckten Kleidern sitzen mit Drahtbürsten und Messern bereit. Sie haben keine Eile.
«Liebling, ich habe dich nie belogen. Glaub mir, Yvette bedeutet mir nichts . . .», liest eine tiefschwarze Matrone kichernd aus dem Fotoroman der Gazette «Nous Deux» vor. Diese Woche entfaltet sich die freizügige Romanze zwischen zwei «Toubabs» - weisser Mann, weisse Frau - über volle sechs Seiten. Als der Besitzer sein Heftchen wiederhaben will, reisst er es der Fischfrau aus der Hand, noch bevor sie zum Happy-End kommt. Ihre jüngeren Kolleginnen hocken auf dem Boden, flechten sich gegenseitig die Haare zu Zöpfchen, plaudern, streiten. Der Fisch bleibt liegen und dünstet aus.
Von der Strasse aus gesehen schien auf dem Markt ein Treiben zu herrschen wie auf einem Ameisenhaufen - aus der Nähe erweist sich die Geschäftigkeit als Illusion. Zwar ist alles in Bewegung, und Lärm, Streit und Gelächter untermalen die Szene. Doch das Chaos verstopft sämtliche Wege, nichts geht voran.
Schwarzes Wasser schwappt gegen das Ufer, jede Spur von Sauberkeit und Frische ist daraus entwichen. Fischreste treiben in der Kloake aus Schlamm und Pferdeäpfeln. Moskito- und Fliegenschwärme schwirren über dem stinkenden Sand. Das kurze Abendrot bricht an, Sica hat Hunger. «Den Fisch vom Markt esse ich nicht, das Zeug ist nur für die Afrikaner bestimmt. Kein Wunder, dass die nicht exportieren, Hygiene ist denen ein Fremdwort», sagt er und wendet sich angewidert ab. In seinem kleinen Geländewagen fährt er in einer knappen Stunde zurück nach Dakar, wo es saubere Restaurants und vor allem die Ruhe seines wohlorganisierten Büros am Rande des Industriehafens gibt.
YOUSSOU HINGEGEN WIRD SPÄTER mit der ganzen Sippe eine «Thiboudienne» teilen, sein Lieblingsfischgericht; elf Löffel werden aus der grossen, geblümten Emailschüssel schöpfen. Sicas Sauberkeitsfimmel ist ihm fremd: «Die Leute, die hierherkommen und meinen, sie kriegen die Cholera, wenn sie unser Wasser trinken . . . Manche ernähren sich nur noch von Medikamenten, kein Wunder, wenn sie krank werden. So lernen sie das echte Afrika niemals kennen.» Das Stichwort Hygiene allerdings bedeutet ihm eine Menge. Nicht umsonst besucht Youssou die Universität.
Sein gesammeltes Wissen ist die Grundlage einer Vereinigung, die er gemeinsam mit den einheimischen Fischern gegründet hat. Die Association pour la promotion de la pêche et la défense de l'environnement maritime, kurz APDEM, konnte sich trotz ihres wenig professionellen Auftretens schnell internationalen Ruhm erwerben. Youssou und seine Kollegen kämpfen seit fünf Jahren gegen die «Krise der Fischereiwirtschaft». Grob gesagt wollen sie einem Teufelskreis aus ökologischen Problemen, überfischten Gewässern und Ausläufern der sogenannten Asienkrise entrinnen. Zur Lösung setzt die APDEM weniger auf wirtschaftliche Konzepte als auf praktisches Handeln. Aufklären und Erziehen heisst ihr Rezept oder, wie sie selbst es nennen: «sensibiliser».
«Sensibiliser» ist in der ehemaligen französischen Kolonie Senegal zum Schlagwort der Jahrtausendwende geworden: Der fliegende Händler sensibilisiert Touristen für seine Holzschnitzereien, Musiker sensibilisieren ihr Publikum für die positiven Seiten des schwarzen Kontinents, und die Huren der Hauptstadt sensibilisieren Sextouristen aus aller Welt für die Erotik schwarzer Haut. Vor diesem Hintergrund hat Youssou kein leichtes Spiel, denn er denkt bei «sensibiliser» nicht an Geld, sondern an Bildung.
Jedes Vierteljahr ruft die APDEM Freiwillige auf, die Strände zu säubern, Gesundheitskontrollen durchzuführen und anschliessend über die Situation der Region zu diskutieren. Anfangs meldeten sich mehr Studenten als Fischer zu diesen «Journées de l'environnement», heute hat sich das geändert, mit gutem Grund: In den ländlichen Regionen der Republik Senegal ist jeder zweite ein Analphabet. Die vielen Senegalesen wiederum, die Wolof, Poular oder Serer sprechen, verstehen die grösstenteils französisch geschriebenen Zeitungen auch nicht, wenn sie von jemandem vorgelesen werden. Die Veranstaltungen der APDEM sind regelmässig überlaufen, weil der kleine Mann nur dort erfährt, was faul ist im Staate Senegal. Zum Beispiel die Vergabe von Fanglizenzen an ausländische Flotten. Erst vor fünf Jahren wurde ein Abkommen mit der EU geschlossen, das deren Anteil am Hochseefischfang um sechzig Prozent steigerte. Faktisch beherrschen nun die Trawler der Weissen, der Toubabs, das Meer bis auf einen zehn Kilometer breiten Küstenstreifen.
EINHEIMISCHE FAMILIENVÄTER, die drei Jahre lang auf den Yamaha-Motor für ihre einzige Piroge sparen, kommen aus dem Staunen über die modernen Fangmethoden nicht heraus: Echolot und Radar spüren Schwärme auf, die niemand mit blossem Auge sehen könnte, 300 Meter lange Netze werden mit Unterwassersonar bestückt und greifen mit einem Zug ein Wasservolumen ab, in dem zehn Blauwale Platz hätten. Die Beharrlichkeit, mit der Youssou seine Recherchen unentgeltlich unters Volk bringt, hat erste Früchte getragen. Noch Wochen später lachen die Fischer über die Episode auf hoher See, bei der sie, en passant, einen Skandal enthüllten.
Ein russisches Fabrikschiff hatte seine Netze auf hoher See prall gefüllt. An Bord waren alle Mann beschäftigt, den Fang eilends in die Kühlräume zu verfrachten, als am Horizont Hunderte von Pirogen auftauchten und einen Ring um ihr Schiff bildeten, erst lose, dann immer enger. Erstaunt kontrollierte der Kapitän seinen Kurs, denn so weit von der Küste entfernt hatte er die kleinen, schmalen Boote niemals zuvor gesichtet. Sie kamen immer näher, schon konnte man die schwarzen Gesichter der Fischer erkennen, die stehend auf das schuppenübersäte Deck starrten und mit den Händen Zeichen machten. Dass das keine freundschaftlichen Gesten waren, wurde der Besatzung des Fabrikschiffes bald klar. Beim Schiff angekommen, warfen die Senegalesen ihre Anker über die Reling und fesselten sich so an den Hochseeriesen. Um sie loszuwerden, hätte er sie überfahren müssen, mitsamt den schwankenden Schaluppen . . .
Triumphierend brachten die Fischer ihre Beute an Land, wo die sprachlosen Russen von einer begeisterten Menge empfangen und in Begleitung von feiernden Männern, Frauen und Kindern zum Dorfoberen gebracht wurden. Die Folge war eine Untersuchung der frisch eingebrachten Kühlware. «Natürlich hatten sie das vorgeschriebene Fangvolumen gnadenlos überschritten, das sah man ja von blossem Auge», sagt Youssou und seufzt, wenn er sich an die aufgeblasene Bürokratie erinnert, mit der er im Verfahren gegen die Russen zu kämpfen hatte.
«Es stellte sich heraus, und das wurde nirgends an die grosse Glocke gehängt, dass diese gigantischen Mengen tatsächlich in ihrer Lizenz eingetragen waren. Sie hatten einen Dummen im Ministerium gefunden und dafür bezahlt, dass er ihnen die Zahlen fälschte. Als wir das entdeckten, waren alle stolz auf unsere Aktion. Jetzt werden die Burschen bestraft, Inschallah! Aber das Beste stand noch aus. Es war nicht irgendein Beamter, der sich bereichern wollte. Das Bestechungsgeld wanderte in die Staatskasse. - Gut, bis heute konnten wir das zwar nicht hieb- und stichfest beweisen, aber es wird uns noch gelingen.»
Muschelkies knirscht unter seinen Füssen, der Weg durch das langgezogene Joal war weit, unterdessen ist es dunkel geworden. Youssou macht sich auf nach Hause, in den Nachbarort Fadiouth. Ein schmaler Holzsteg führt auf das Eiland, auf der andern Seite des dunklen Wassers zeichnen sich die ersten Hütten ab, Fledermäuse umkreisen schreiend das Minarett der Moschee und die Kirche mit dem grossen Herz auf dem Dach.
Youssous Nachbarn sind Katholiken. Die Wand ihres Wohnzimmers ist geschmückt mit Marienbildern und Fotos vom Papst. Ein Jesus aus bemaltem Holz blickt leidend auf drei silberne Pokale. «Zwei vom Ringkampf, einer vom Eselsrennen. Sie hatten den schnellsten Esel der Welt!» erklärt Youssou und leiht sich zwei Klappstühle für das Abendessen aus. Es wird für eine Weile das letzte im Kreise der Lieben sein, denn in Dakar beginnen morgen die Ozeantage. Er muss als APDEM-Präsident seine Organisation auf der Konferenz vertreten und wird also auf Reisen gehen. Seine Mutter hat den weissen Boubou, sein schönstes Gewand, schon gestärkt, damit ihr Kleiner unter all den Respektspersonen aus Wirtschaft und Wissenschaft auch eine gute Figur macht.
DIE GRENZEN VERLAUFEN NICHT zwischen rechts und links, sondern zwischen oben und unten. Im Wirtschaftsministerium von Dakar, in der kühlen, marmorgefliesten Haupthalle mit Säuleneingang und Deckenstuck kann man es blau auf weiss nachlesen: Den aussergewöhnlichen Artenreichtum ihres staatseigenen Stücks Ozean verdanken die Senegalesen dem Umstand, dass der Meeresboden steil abfällt und das Wasser tiefer, kälter und damit mineralreicher ist als anderswo. Katzenhaie, Rochen, fliegende Fische, riesige Leiber, stumpfe Köpfe, gezackte Häute, seltsame Fühler - eine wilde Schar bevölkert das Reich der Tiefe, das hier auf penibel beschrifteten Schaubildern in fassbare Dimensionen gebracht wurde. Mit der Organisation der diesjährigen Ozeantage hat man sich viel Mühe gegeben. Neben den Stellwänden der Ausstellung sind weissgedeckte Tische aufgebaut, und Neonlicht scheint grell in den sonnigen Tag.
Zehn beflissene Kellner arrangieren Saftgläser mit farblich abgestimmten Strohhalmen, zehn weitere schauen angestrengt zu. Auf einem Gestell liegen Farbfotos, Portraits von jedem einzelnen Teilnehmer der viertägigen Debatte. Siebzig Experten und Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft hat das Wirtschaftsministerium zu dieser nationalen Konferenz nach Dakar eingeladen. Youssou ist ganz allein als Vertreter der Kleinen, der Fischer, welche die traditionelle «pêche artisanale» betreiben.
Die Mittagspause steht kurz bevor, aber noch sind die grossen Flügeltüren des grünen Saals geschlossen. Dahinter sprechen die Experten über Fische. Das heisst über Menschen. Denn «solange er lebt, ist ein Fisch nicht der Rede wert. Er pflanzt sich fort, stinkt nicht und kostet kein Geld. Erst wenn er ins Netz geht, beginnen die Probleme», sagt Youssou. Niemals würde er es wagen, in dieser Runde offen zu gähnen. Dabei langweilen ihn die abgegriffenen Weisheiten der Redner schon am ersten Vormittag. «Institutionelle und juristische Aspekte der integrativen und dauerhaften Verwaltung der Küsten und Meereszonen», liest er mit höhnischem Unterton aus der Tagesordnung vor.
Er ahnt, wie teuer diese Konferenz war, er weiss, dass allein die Kosten für das Mittagessen das Jahresbudget der APDEM deutlich überschreiten. Aber er bleibt höflich. In gemessenem Konversationston beteiligt er sich an der Unterhaltung an einem Sechsertisch. Bei der Vorspeise geht es um den Einfluss der Desertifikation auf das Meeresmilieu, beim Hauptgang - Fisch mit Reis - um die Nutzung der Ressourcen im westafrikanischen Litoral, beim Dessert hat sich die Stimmung gelockert und man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand vom Imam einer Moschee, der mit drei Kilo Haschisch erwischt wurde.
Youssous gestärktes Gewand hat schon die ersten Knitterfalten. Auch die Fraktion der Anzugträger beginnt, trotz Klimaanlage, unter der schwülen Hitze zu leiden. Jacken hängen über den Stühlen, die Kopfbedeckungen werden gelüftet. Manche tragen zum Massanzug europäisches Schuhwerk, andere die traditionellen Pantoffeln mit dem Steg zwischen den Zehen. Als sich die Raucher auf die offene Galerie zurückziehen, bleibt Youssou allein. Neben ihm liegt die Kopie seiner Rede. Er hat klare Worte an die versammelte Eminenz gerichtet: «Seit Jahren wissen wir, dass wir einen Schutz der Küstengewässer brauchen, damit sich die Fische fortpflanzen können, dass wir Schonzeiten brauchen, damit nicht überfischt wird, dass die Lizenzabkommen international kontrolliert werden müssen. Diese Weisheiten sind nicht auf unserem Mist gewachsen. Wer will, kann all das auch in den Communiqués von Greenpeace nachlesen. Aber in Senegal leben die Leute vom Fischfang, das kann man ihnen nicht nehmen. Wenn das Meer stirbt, brauchen wir ganz neue Ideen. Jetzt sind Theorien gefragt, die sich leicht erklären und umsetzen lassen. In diesem Land liegt der Marianengraben zwischen Theorie und Praxis.»
Manchmal kommt es ihm vor, als seien beide Seiten gleich weit von der Lösung entfernt: Die Fischer können weder lesen noch schreiben, noch die geringste Struktur organisieren, und die Wissenschafter diskutieren Fragen, die längst keine mehr sind. In solchen Momenten ist die APDEM nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Youssous Rede verhallt wirkungslos, die Ozeantage schleppen sich von Rede zu Rede. Greifbare Resultate sind keine zu verzeichnen.
Freitags geht Youssou wieder zur Moschee von Joal, mit seinem Vater und seinen Brüdern. Einige Meter weiter kniet Sica auf einem roten Gebetsteppich. Das Geschäft mit den Chinesen ist in trockenen Tüchern, Allah sei Dank, und der Strom der guten Ideen versiegt nicht. Heute will er seinen Leuten zeigen, wie sie den Fisch zum Räuchern vorbereiten können. Einen Markt hat er schon gefunden, diesmal in Vietnam.
Der Lautsprecher des Vorsängers wird mit einem Klicken abgeschaltet, die Männer strömen aus dem Gotteshaus. Manche spielen lässig oder geistesabwesend mit ihren Gebetsperlen. Bald ist es Zeit fürs Essen. Am Ausgang der Moschee werden flüchtige Grüsse gewechselt. Youssou hat andere Dinge im Kopf. Ein Katzenhai ist ins Netz gegangen, die Frauen beschäftigen sich bereits mit dem Kochen, das ganze Dorf freut sich auf das Festmahl. Auch Freunde von der APDEM wollen kommen, um die Neuigkeiten aus Dakar zu hören. Was soll er ihnen erzählen?
«Mach dir keine Sorgen», meint sein Vater und legt ihm den Arm um die Schultern, «denk einfach an das, was dein Grossvater gesagt hätte: <Ndank ndank mooy japp golo ci ñaay> Langsam fängt man den Affen im Wald!?»
Ania Faas, Hamburg, ist freie Journalistin.