NZZ Folio 08/97 - Thema: Der Dollar   Inhaltsverzeichnis

Vom Kriegskind zum Währungskönig

Wie der Dollar zum Weltgeld wurde.

Von Wilhelm Hankel

DER DOLLAR hat längst aufgehört, das Geld der Vereinigten Staaten zu sein. Er gehört der ganzen Welt. Wenn immer in einer der 190 Nationen, die ihr Geld beim Internationalen Währungsfonds (IWF) akkreditiert haben, die jeweilige Landeswährung an Wert und Akzeptanz verliert, springt der Greenback ein. Ob Drittweltstaaten oder zur Marktwirtschaft konvertierende postkommunistische Reformländer: Sie alle «dollarisieren» sich um die Wette. Nicht weil die USA das wünschen oder fordern. Die Bürger dieser Länder wechseln ihre Barschaft aus freien Stücken, um sich vor der Inflation zu schützen. Weil ihr eigenes Geld täglich mehr an Wert verliert, benutzen sie es nur noch für die täglichen Ausgaben; dagegen werden langfristige Anlagen oder Kreditverträge auf US-Dollar-Basis getätigt oder abgeschlossen.

Weil der US-Dollar das mit Abstand stabilste Geld des Erdballs ist? Mitnichten: In dieser Beziehung wären andere Währungen, beispielsweise der Schweizerfranken oder die Deutsche Mark, verlockender. Man sichert sich in US-Dollar ab, weil er die «liquideste» Währung der Welt geworden ist. Der Dollar wird jederzeit und überall als Zahlungsmittel akzeptiert, und deshalb ist auf dieses Geld Verlass wie auf kein anderes.

Denn was interessiert den Geschäftsmann in Russland, die Bäuerin in Bangladesh oder einen mexikanischen Landarbeiter die schwindende Kaufkraft des Dollars in den USA oder dessen Kurssprünge gegenüber dem Yen oder der DM? Entscheidend ist allein der Wertzerfall der eigenen Landeswährung, der den Dollarkurs steigen und steigen lässt. Der US-Dollar ist damit zur privaten Inflationsversicherung für all jene geworden, die zu Hause von monetärer Ausbeutung durch Geldwertverfall bedroht sind. Der Dollar ist das Geld der Welt, weil Hunderte von Millionen Nicht-US-Bürger US-Dollar in Milliardenhöhe sparen und dieses für sie fremde Geld zur Grundlage ihrer Lebens- und Zukunftsplanung machen.

Und die USA selber? Leiden sie unter der Fremdbenutzung ihrer Währung? Oder profitieren sie davon?

Fragt man einen Bankier, ob er unter dem Vertrauen seiner Kundschaft leidet? Man erwartet, dass er mit dem ihm anvertrauten Geld sorgsam umgeht, aber gleichwohl gute Geschäfte macht. Wenn heute die USA als Land von ihrer Funktion als Bankier für die Weltwirtschaft profitieren, indem sie Dollareinlagen und -anlagen billig hereinnehmen und ihren Dollarkredit dazu benutzen, ihre Schulden in eben diesem Dollar ohne jede Transferbelastung zu bezahlen, dann nur deswegen und solange, als sie als guter Bankier ihre Kundschaft nicht enttäuschen.

Die USA verdanken ihre Vorzugsstellung als Weltbankier weder ihrer einzigartigen politischen Macht noch ihrer Währung; der Dollar ist nur eine unter den (wenigen) Hartwährungen, wenn auch die am weitesten verbreitete. Es ist genau umgekehrt: Weil sich die USA mit ihrer Währung kompromissloser als jede einstmals vorhandene und auch heute denkbare Konkurrenz der Weltbankiersaufgabe gestellt haben, konnten sie bis heute die mit diesem Job verbundenen Vorteile kassieren. Das sollte all jenen zu denken geben, die glauben, man könne eine neue, dem Dollar Paroli bietende Weltwährung wie den Euro der geplanten Europäischen Währungsunion (EWU) herbeizaubern. Wenn die wechselvolle Biographie des US-Dollars, die Geschichte seines Aufstiegs zur zentralen Weltwährung eines lehrt, dann dies: Es dauert lange, bis eine national leidlich gut gemanagte Währung zur internationalen, weltweit akzeptierten aufsteigt. Vertrauen ist ein Gut, das man nicht von Geburt an mitbekommt, noch stellt es sich von selbst ein. Vertrauen will verdient und erworben werden: durch Tradition, Bewährung und Erfahrung.

DER US-DOLLAR entstand in einem Krieg, dem Befreiungskampf der 13 Gründerstaaten der USA gegen England zwischen 1776 und 1783. Die neue Währungseinheit diente diesen Gründerstaaten als Kriegskasse, denn in den britischen Pfunden der Kolonialmacht hätten sie diesen Krieg kaum finanzieren können. 1787, mit der staatlichen Einheit und der neuen Verfassung, legalisierten die jungen USA ihr Geld. Der Dollar wurde damals noch Eagle genannt, nach dem Wappentier auf der Rückseite des Gold- und Silberdollars (der papierene Greenback sollte erst später kommen). Bis der erste Dollar in Umlauf kam, vergingen aber weitere fünf Jahre. Weil es der First Bank of United States an der notwendigen Edelmetalldeckung fehlte, musste Frankreich Geburtshelfer spielen: mit einer beträchtlichen Zahlung in (damaligen) Ecu verschaffte es der First Bank die notwendige Liquidität und Deckung.

Der Eagle war das modernste Geld seiner Zeit. Er war garantiert in festen Gold- und Silberparitäten und dezimal geordnet: 1 Dollar gleich 100 Cent - ein Affront gegen das Duodezimalsystem des Mutterlandes, wo nach wie vor 1 Pfund gleich 12 Shilling galt.

Der nächste Krieg, der Bürgerkrieg der Nord- und Südstaaten zwischen 1861 und 1864, drohte den harten Dollar auszulöschen. Beide Kriegsparteien druckten jetzt Papierdollars um die Wette: der Greenback entstand, und mit ihm kamen die heute noch gebräuchlichen Kupfer- und Nickelmünzen mit der bezeichnenden Aufschrift: In God We Trust. Zur selben Zeit wurde der Sprache der Physiker und Ärzte ein Begriff entlehnt, der seither als geldtheoretischer Terminus die Menschen verstört: Inflation.

Doch der Dollar überlebte den blutigen und verlustreichen Sezessionskrieg und stabilisierte sich erstaunlich schnell. Der geballte Wirtschaftsaufschwung der wiedervereinigten USA wuchs in das aufgeblähte Papiergeldvolumen hinein, der Wertabschlag des Greenback zum Eagle - zeitweilig mussten selbst in den Nordstaaten bis zu 286 Greenbacks für einen Eagle bezahlt werden - verschwand. 1879, vierzehn Jahre nach Kriegsende, lautete das Verhältnis wieder 1:1. Die Gefahr der Papiergeldinflation war damit aber noch keineswegs gebannt. Sie drohte nun nicht mehr von Staat und Krieg, sondern von der exzessiven Notenemission privater «Zettelbanken». Diese durften sich ihre Mittel durch den Privatdruck von Banknoten verschaffen, ohne dass sie dabei gross beaufsichtigt worden wären. Bis zum Jahre 1912 hatten die sogenannten National Banks - über 7000 an der Zahl - weit über 700 Millionen Greenbacks gedruckt und in Umlauf gebracht. Dazu kamen die amtlichen «Notes» der Treasury, die ebenfalls Geldcharakter hatten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag offen zutage, dass in den USA eines der kühnsten Geldexperimente der Neuzeit gescheitert war, nämlich der Versuch, die Geldhoheit des Staates abzuschaffen und die Geld- und Kreditversorgung gänzlich dem Markt und seinen Gesetzen zu überlassen.

Auf dem alten Kontinent hatte derweil die grosse und bis heute nachwirkende Kontroverse zwischen der Currency- und der Banking-Schule längst mit dem Sieg der ersteren geendet. Es waren die erzliberalen ökonomischen Klassiker - allen voran David Ricardo und sein Meisterschüler John Stuart Mill -, die sich mit der Doktrin durchsetzten, dass gerade ein System der freien Gütermärkte auf eines nie verzichten könne: eine letztlich politische und zentralistische Ordnung des Geldwesens, sowohl innerhalb der einzelnen Nationen wie auch zwischen ihnen. Sie traten deshalb kompromisslos für die Herausnahme der Geldwirtschaft aus der Marktwirtschaft ein - für strenge Notenbankgesetze und einen zwischenstaatlichen (politisch festgeschriebenen) Goldstandard.

In den USA dagegen setzte man auf die ketzerischen Lehren der Banking-Schule, wobei das antibritische Ressentiment noch einmal mitspielte. In den Wirren des Krieges gegen England (1811/12) hatte man die First Bank abgeschafft. Zwar musste man wegen der Neuordnung des Geldwesens 1818 eine Second Bank einrichten, aber bereits 1836 zog man sie wieder aus dem Verkehr. Präsident Jackson, Amerikas erster Populist aus den Reihen der Demokraten, liess sich auch durch seinen Chefberater, den deutschen Ökonomen Friedrich List, nicht umstimmen - er wollte ein dezentrales und rein auf dem Konkurrenzprinzip beruhendes Geld- und Kreditsystem.

Um die Jahrhundertwende war dieses System endgültig bankrott: Bankenzusammenbrüche und die unüberschaubare Vielfalt von Noten wurden unerträglich, die Leute hatten das Vertrauen in das Papiergeld endgültig verloren. Man begriff, dass es ohne ein geordnetes und ordnendes Zentralbankensystem nicht mehr ging. Im Jahre 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, kehrten die USA in den Kreis der monetär geordneten Länder zurück. Mit dem Federal Reserve Act wurde ein Zentralbankensystem für alle Bundesstaaten der USA etabliert. Sein gravierendster Schönheitsfehler jedoch, der allen Sachkennern sofort ins Auge sprang: es dekretierte einen mit Gold gedeckten US-Dollar, obwohl das neue Federal-Reserve-System (Fed), wie schon die First Bank, über kein Gold verfügte. Und eine Hilfestellung durch französische Ecu oder Francs war diesmal nicht in Sicht.

Die Hilfe kam gleichwohl von aussen: aus den beiden selbstmörderischen Kriegen, die sich das alte Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts leistete und an denen das Staats- und Geldwesen der Vereinigten Staaten klotzig verdiente. Schon 1917 hatten die USA so viel mit ihren Kriegslieferungen verdient, dass sie die Golddeckung (von 60 Prozent des Notenumlaufs) offiziell festschreiben konnten. Zwar brachte die grosse Krise der dreissiger Jahre einen herben Rückschlag. Unter Präsident Roosevelt musste der Goldpreis erhöht und der US-Dollar um über 60 Prozent abgewertet werden. Doch man nutzte die Krise für grundlegende Reformen: Die Goldreserven der zwölf Federal Banks wurden bei der Treasury zentralisiert, die das Fed mit Gold-Anteilscheinen ausstattete. Die Goldeinlöslichkeit des Dollars wurde auf ausländische Zentralbanken beschränkt, und aus den beträchtlichen Abwertungsgewinnen wurde ein Stabilisierungsfonds zur Ausschaltung von Kursschwankungen des Dollars gebildet.

Mit allen drei Massnahmen, die man 1936 mit den beiden anderen führenden Zentralbanken der Welt, der Bank of England und der Banque de France, im sogenannten Tripartite Agreement abstimmte, wurde der Grundstein gelegt für das spätere Nachkriegssystem von Bretton Woods.

Aus dem allgemeinen Goldstandard der Vor- und Zwischenkriegszeit war ein politisches System der Notenbankkooperation auf der Basis fester, aber im Bedarfsfall veränderbarer Wechselkurse geworden. Die Zentralbanken der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs waren jetzt beides: Hüter ihrer nationalen Währung und Garanten einer international verlässlichen Geldordnung mit festen Wechselkursen.

FÜR DIE WÄHRUNGSKONFERENZ in Bretton Woods, einem kleinen Wintersportort im US-Staat New Hampshire, hatte der führende britische Ökonom John Maynard Keynes einen kühnen Plan vorgelegt: die Schaffung einer von staatlichen Eingriffen unabhängigen Weltzentralbank mit eigenem, überstaatlichem Weltgeld, das Keynes auf den Namen Bancor taufte. Die Zusammenarbeit und Abrechnung der Zentralbanken mit- und untereinander sollte nicht mehr am offenen Markt vorgenommen werden, sondern im Rahmen einer gemeinsamen «Girozentrale», welche ausserdem die Politik der nationalen Zentralbanken zu koordinieren hatte und Währungsattacken verhindern sollte.

Grund für den Verzicht auf Gold und Dollar als Reservemedien war für Keynes die ungleiche Verteilung des ersteren und die Überforderung des letzteren als Geld der USA und zugleich als Geld der Welt. Keynes fürchtete Konflikte zwischen Landes- und Weltgeld. Je nach Geldpolitik der USA, so argumentierte er, könne die ganze Welt in eine Wirtschaftskrise gestürzt oder von Inflation heimgesucht werden. Damit nationale Eskapaden der USA nicht zu internationalen Katastrophen eskalierten, müsse der Dollar eine nationale Währung bleiben.

Keynes Plan fand die Zustimmung fast aller Teilnehmer der Konferenz von Bretton Woods im Jahre 1944. Nur ein Land widersetzte sich: die zur stärksten Wirtschaftsmacht aufgestiegenen USA, die mit ihren Goldreserven den Dollar nun zu weit über 100 Prozent decken konnten. Und so wurde schliesslich auf Drängen des US-Finanzministers Henry Morgenthau die Keynes'sche Weltzentralbank durch einen aus US-Dollareinlagen gespeisten Weltwährungsfonds, den IWF, ersetzt und der Bancor durch den Dollar - der damit zur Leitwährung des Systems wurde. Denn in US-Dollars wurden die Wechselkurse berechnet und bei Bedarf gestützt, und in US-Dollars wurden die Stützungskredite ausbezahlt. Ausserdem ergänzte man das System auf Drängen Keynes mit einer Hilfs- und Strukturbank für die Dritte Welt: der Weltbank.

Keynes spottete gallig, aus seiner (Weltzentral-)Bank sei ein Fonds geworden (der IWF) und aus seinem Fonds für die Dritte Welt eine Bank (die Weltbank). Sein System sei jetzt eine Kneipe, in der der Wirt die Gäste zum Trinken animiere, auch wenn diese nüchtern bleiben wollen. Und er prophezeite: Irgendwann wird der Wirt die Gäste vor die Türe setzen, oder sie werden ihn rausschmeissen!

IM FRÜHJAHR 1973 erfüllte sich Keynes' Prophezeiung. Zwar hatte das Bretton-Woods-Abkommen der Weltwirtschaft ein Vierteljahrhundert lang Prosperität im Zeichen fester Dollarwechselkurse beschert. Ende der sechziger Jahre jedoch geriet das vereinbarte Währungssystem mehr und mehr in Bedrängnis. Das Leitwährungsland USA verstrickte sich, nicht zuletzt wegen des Vietnamkriegs, in wachsende Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite. Und seine Partner, allen voran die eigene Währungspläne verfolgenden Staaten der Europäischen Gemeinschaft, waren immer weniger bereit, sich durch den Ankauf von US-Dollar, dessen Kurs sie mit ihrem Geld zu stützen hatten, indirekt an der Finanzierung des Vietnam-Abenteuers zu beteiligen. Sie verlangten entweder eine Beseitigung der Defizite oder eine Abwertung des US-Dollars, eine Forderung, die vor allem Frankreich dadurch unterstrich, dass es zunehmend Gold aus den USA abzog.

Am 15. August 1971 beendete US-Präsident Nixon die Goldeinlöslichkeit des US-Dollars, nachdem sie zuvor schon eingeschränkt worden war. Im Frühjahr 1973 weigerten sich die EG-Staaten unter Führung des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, den US-Dollar, wie in Bretton Woods vereinbart, zu stützen. Seitdem floatet der US-Dollar, und die übrig gebliebenen Bretton-Woods-Institutionen, allen voran der IWF, sind zu reinen Beobachtungsstationen ohne Einfluss auf das Weltwährungsklima geworden.

Der Hofstaat setzte den Dollar als über alle Spielregeln erhabenen, absoluten Währungsmonarchen ab. Doch zur Überraschung fast aller - Theoretiker wie Politiker - ging er nicht ins Exil. Im Gegenteil: Der Greenback sollte schon bald sein Comeback feiern.

Nur sechs Monate nach seiner Abwahl als offizielle Leit- und Referenzwährung brach die erste grosse Ölkrise aus. Erst um das Vierfache, dann um das Zehnfache stiegen die Ölpreise, und damit eskalierte die Nachfrage nach Petrodollars, nach den Guthaben der Opec-Staaten, die aus der Gutschrift der im Ölgeschäft erzielten Gewinne entstanden waren. Überall ersetzten die Banken den Dollar made in USA durch den von ihnen auf dem Kreditweg bereitgestellten Petrodollar - und das im Verhältnis 1:1. Der Dollar denationalisierte sich. Und weil er weltweit gebraucht wurde, nicht nur um Öl-, sondern auch um andere Rechnungen zu bezahlen, störten sich weder Banken noch Lieferanten, noch Anleger an den Vorkommnissen im Heimatland des Dollars: an den Rekorddefiziten in US-Haushalt und US-Leistungsbilanz.

Der Triumphzug des Dollars war nun nicht mehr zu bremsen. Als marktwirtschaftlich gesalbter Währungskönig der Banker, Investoren und Anleger kehrte er zurück, während alle anderen Währungen Regional- beziehungsweise Provinzwährungen blieben. Wenn Marktgrösse irgendwo von Bedeutung ist, dann im Devisenhandel. Bei Tagesumsätzen im weltweiten Dollarhandel von einer Billion und mehr muss kein Dollarhalter befürchten, auf seiner Währung sitzenzubleiben. Kein einzelner Akteur kann diesen Riesenmarkt beherrschen oder manipulieren. In diesem Markt sind alle Akteure gleich und die Zentralbanken alle gleich ohnmächtig. Sie müssen sich anpassen und seinen Gesetzmässigkeiten unterwerfen. Und doch hat die Vorherrschaft des Dollars unter den gegenwärtigen Bedingungen ihren Preis. In der weitverzweigten internationalen Währungsfamilie ist alles turbulenter geworden, wesentlich spekulativer und sehr viel unberechenbarer. Es fehlt deshalb nicht an Bestrebungen, die Herrschaft des Dollars erneut zu beschneiden. Viele überzeugte Europäer hoffen, dass der Euro einen grossen europäischen Währungsraum schafft und zu einem ernsthaften Konkurrenten des Dollars wird.

DOCH DEM EURO, wenn er denn pünktlich kommt, haften zwei kaum behebbare Geburtsfehler an. Er ist von innen bedroht durch die unterschiedlichen Strukturen, Probleme und Mentalitäten der europäischen Nationen und Volkswirtschaften; die einen sind reich und industrialisiert, die andern arm und relativ rückständig. Im einheitlichen Geldraum wird es daher mit Sicherheit keine einheitliche Budget-, Tarif- oder Sozialpolitik geben. Der Euro ist aber auch von aussen bedroht; er muss sich seine Akzeptanz auf den Geld- und Finanzmärkten erst noch erwerben.

Der Euro hat in Konkurrenz zu den am Weltmarkt eingeführten Hartwährungen wie Dollar, Yen, Pfund Sterling oder Schweizerfranken somit schlechte Karten. Das aber zwingt die neue Euro-Zentralbank in ein schwer zu lösendes Dilemma: Entweder lässt sie eine Abwertung des Euro, einen weichen Euro, zu, was wiederum die Binneninflation verstärkt. Oder sie räumt alle Misstrauenssyndrome aus und startet mit einer Politik der superhohen Zinsen; dann härtet sie zwar den Euro, verschärft aber die bereits hohe Arbeitslosigkeit in den Staaten der Europäischen Union. Letzteres wird kaum geschehen, weshalb die EWU als Weichwährungsunion derzeit als das wahrscheinlichste Szenario anzusehen ist.

Ein wirksameres Mittel gegen die Hegemonie des Dollars wäre somit ein neues Bretton Woods, das die Fehler und Schwachstellen des alten vermeidet. Nicht mehr eine zentrale, dominante Leitwährung wäre dabei gefragt, und es ginge auch nicht mehr um die Fixierung rein nominaler Wechselkurse. Ein künftiges Weltwährungssystem müsste sich vielmehr auf die realen, um die jeweilige Inflation bereinigten Wechselkurse abstützen. Das bedeutet: Jedes Land hätte die Wahl, ob es seine Inflationsrate dem Wechselkurs oder seinen Wechselkurs der Inflationsrate anpassen will. Was im Inflationsfall heissen würde: es muss abwerten. Erst mit dieser Formel werden die vereinbarten Wechselkurse glaubwürdig.

Es ginge auch nicht mehr um Punktgenauigkeit bei der Wechselkursfixierung, sondern um kalkulierbare Bandbreiten. Bei den Riesenumsätzen unserer Finanz- und Devisenmärkte müssen diese «Atmungsspielräume» haben - also weitere Margen.

Aus diesen drei Grundsätzen liesse sich ein ebenso modernes wie funktionsfähiges Weltwährungssystem errichten. Schliesslich zieht man aus dem Einsturz eines Hauses auch nicht die Konsequenz, keine weiteren Häuser mehr zu bauen. Man baut vielmehr stabilere. Natürlich wäre der US-Dollar auch in einem solchen System die stärkste und verbreitetste Weltwährung, aber er stünde unter Konkurrenzdruck und könnte nicht mehr so unberechenbar schwanken wie in den letzten Jahrzehnten.

Das täte allen gut: den USA wie ihren Partnern. Und ein solches Agreement liesse Raum sowohl für einen zur Weltzentralbank aufgewerteten IWF mit einer eigenen Reserve- und Abrechnungseinheit als auch für ein sich in die Weltwährungsunion einfügendes Europa. Ein Europa mit festen Wechselkursen zwischen seinen verschiedenen Währungen und gegenüber dem US-Dollar und später vielleicht - wenn die Zeit dafür wirklich reif ist - sogar mit einer Gemeinschaftswährung à la Euro.

Wilhelm Hankel ist Professor für Währungs- und Entwicklungspolitik an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt.


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