NZZ Folio 02/01 - Thema: Interaktiv   Inhaltsverzeichnis

Die Sendung mit der Maus

Web-Soaps bauen eine Brücke zum Internet.

Von Karin Ceballos Betancur

Ich gebe zu, ich bin eine leichte Beute für die elektronische Unterhaltungsindustrie. An der Generation, die mit Clowns aufgewachsen ist, welche es per Joystick aus fernen Galaxien zu befreien galt, bin ich haarscharf vorbeigeschrammt. Darum fehlt mir die Gelassenheit im Umgang mit Computern. Ich schlage mir ganze Nächte am Monitor um die Ohren, ich erlege Moorhühner, bis der Schweiss am Mauskabel herunterrinnt.

Eigentlich bin ich für jeden Dreck zu haben, der mir auf einer Festplatte serviert wird. Dazu bin ich jung, berufstätig und verfüge über einen Arbeitsplatz mit Internetanschluss - ich wäre also die klassische «Etage Zwo»-Besucherin, ginge es nach dem Zweiten Deutschen Fernsehen. «Leute, die nach dem Schulabgang auf der Suche nach ihrer Stellung im Leben sind», umreisst Nanette Schmetz, die verantwortliche ZDF-Redaktorin, ihre Zielgruppe. Mitte November hat der Sender im Internet unter der Adresse www.etagezwo.de eine Web-Soap lanciert, mit der das ZDF einen Brückenschlag zwischen Fernsehen und Internet versucht.

Die Ausgangslage: Der Etagenchef Enno Malte stellt Computer, Kaffeeküche und Nasszelle für die Jungunternehmer Krystin Keller (Headhunting-Agentur), Zander (Ideen-Installateur), Anna Wendland (Seitensprung-Agentur) und Josh Braun (Web-Illustrator). Manchmal gibt es Ärger, manchmal auch Kaffee - so weit, so harmlos. Im Fernsehen werden die Zuschauer mehrmals pro Woche mit «Etage Zwo»-Spots geködert, und montagabends kurz vor Mitternacht presst die Redaktion ein bisschen Information, Humor und Werbung für die Etage in einen zehnminütigen Fernsehbeitrag. Den Plot gibt es online, eine Sendung mit der Maus gewissermassen.

«Wir gehen davon aus, dass unsere User grundsätzlich keine Soap-affinen Leute sind», sagt Schmetz, «sie sind aktiver und spielerischer als die normalen TV-Soap-Zuschauer.» Mit anderen Worten: Das Zusammensuchen der Handlungsstränge im Internet ist mühsam und erfordert einen Energieaufwand, den sich erspart, wer vor der Glotze Herz, Schmerz und den rührenden Rest so selbstvergessen konsumiert wie die Chips auf seinem Schoss.

In der Tat bereitet es mir einige Schwierigkeiten, die trendigen Jungkapitalisten bei ihren Alltagsabenteuern zu verfolgen. Nicht, weil die Handlung so komplex wäre. Die Geschichte lässt sich vielmehr so an, als habe jemand das Drehbuch geschreddert und die Schnipsel anschliessend in verschiedenen Gärten verteilt. Die Fetzen finden wir auf den Homepages der Protagonisten, in ihren E-Mails, zu denen wir Zugang haben, in ihren Papierkörben, Terminkalendern; und wir können mitlesen, was die Start-up-Unternehmer über die zentrale Funkanlage einander mitteilen.

Eine weitere Schwierigkeit für den User sind die technischen Voraussetzungen: Mein Laptop braucht schon für den Aufbau der Startseite länger als mein Herd für ein hartgekochtes Frühstücksei. «Etage Zwo» verlangt kräftige Hardware, vor allem für die kleinen Videosequenzen, von denen Schmetz indes behauptet, sie seien keine Voraussetzung, die Story zu verstehen.

Niko Plaas von der federführenden «Autorenkolchose» in Köln spricht von einer «neuen Form des Erzählens», bei der es sich um «eine Art Schnitzeljagd» handeln soll: «Ich bin kein Fernsehzuschauer mehr, der eine Geschichte passiv rezipiert, sondern fühle mich herausgefordert, mir die Infos zusammenzusuchen.» Oder ich bin nach fünf Minuten Suchen und magerer Ausbeute so entnervt, dass ich die Website verlasse und nie mehr zurückkehre.

Müssen wir uns überhaupt für ihn interessieren, den «übergreifenden Plot», der die Entwicklung einer Start-up-Agentur nachzeichnet? Sind sie wichtig, die zahlreichen «Sub-Plots», die in sich geschlossenen «Wochenplots», die «tagesaktuellen Plots»? Der aktuelle Stand neuer Arbeitsaufträge, die Partypläne der Belegschaft, die Wasserstandsmeldungen diverser Techtelmechtel und die Vorsätze für 2001? Über Links und inhaltliche Querverweise findet, wer sucht, die Erzählstränge wieder. Aber lohnt sich der Aufwand, nur um festzustellen, dass Enno vor dem finanziellen Ruin steht, weil er an der Börse in ein Unternehmen investiert hat, das Schweinefleisch in den Nahen Osten exportieren will - und um eine Woche später zur Kenntnis zu nehmen, dass die Firma ihre Exportpläne auf Lammfleisch umgestellt hat und doch noch mal alles gut wird?

Neu ist für die Drehbuchschreiber der «Autorenkolchose» die Begegnung mit dem Publikum: User können sich als Start-up-Unternehmer bei Enno Malte oder als Seitensprung-Kandidaten in Anna Wendlands Agentur bewerben, und schon bald sollen sie dem Web-Illustrator Josh Braun auch künstlerische Entwürfe einsenden können. Zuweilen unterhalten sich die Protagonisten über einzelne Bewerber, «damit deutlich wird: daraus entsteht was, das fällt auf fruchtbaren Boden», erklärt Plaas.

Christoph Mecke, der die «Etage Zwo» mit der Internet-Agentur Kabel New Media begleitet, kennt die Tücken des vernetzten Systems und erzählt von einem Krimi, den das ZDF im Internet begleiten lassen wollte. Die Zuschauer waren aufgefordert, am Drehbuch mitzuschreiben. «Aber man musste das schnell eindämmen, weil zu viele Zuschriften kamen und man die Sache nicht mehr richtig betreuen konnte.» «Etage Zwo» habe nicht das Budget, um eine Redaktion zur Verfügung zu stellen, die User-Reaktionen schnell genug aufnehmen und umsetzen kann, sagt Mecke.

Am Rande der offiziellen Handlung spielen die User unterdessen mit sich selbst, in den Foren auf den Seiten der fiktiven Unternehmen, zum Beispiel bei «Lustsprung», wo ein Chat zum Thema «Sexy Klamotten» stattfindet, und der geht so:

Hamster: Ich stehe auf Frauen in Leder.

Issenixe: . . . und isch steh auf Würstchen in Pelle!

Pizza-Jonny: Und ich will Pizza mit Schinken.

Rudi-Zwo: 'ne geile Frau in Leder und dazu Würstchen und Schinkenpizza. Yes.

P-Resize: Und ich hätte gern Rudis Schinken in Gummi und dazu ein belegtes Brot mit Ei. Ausserdem 2 Mal Big Mac Menu XXL mit einmal Fanta und zweimal Majo und Ketchup ohne Eis, extra Zwiebeln, 19.78 - vorne am Ausgabefenster bitte danke.

Reaktionen und Klickraten seien grundsätzlich positiv, meint Plaas, er blickt optimistisch in die Zukunft, und auf die Zukunft ist das Etagen-Projekt schliesslich ausgerichtet. «Dass Internet und Fernsehen noch stärker verschmelzen werden, ist ja klar.» Zwar müsse sich bis dahin noch einiges tun, «die Möglichkeiten sind noch gar nicht alle erkannt». Das ZDF begreift «Etage Zwo» laut Nanette Schmetz als «Spielwiese, auf der wir das Internet kennenlernen können».

Die hausinterne Marktforschung begleitet das Projekt, wertet E-Mails und die Beiträge in den Diskussionsforen aus. Zuverlässige Daten liegen noch keine vor, aber «die Zahlen liegen deutlich über unseren Erwartungen». Zu den Kosten will Schmetz nichts Näheres sagen, «es ist ungeheuer günstig, zumal im Vergleich zu Fernsehproduktionen». Laut dem Nachrichtenmagazin «Spiegel» beläuft sich die Investition auf etwa eine Million Mark. Als Pilotprojekt habe «Etage Zwo» allemal seine Berechtigung, sagt Schmetz, «wir sind beim öffentlichrechtlichen Fernsehen, da müssen wir nicht sofort auf den wirtschaftlichen Aspekt schielen». Die erste Staffel ist auf zwanzig Wochen angelegt.

Das ZDF ist mit seiner Web-Soap nicht allein. Auch die Privaten machen erste Schritte auf diesem Terrain. Eine Woche vor «Etage Zwo» ging RTL mit der Schüler-Soap «Zwischen den Stunden» ins Netz. Das pubertierende Darsteller-Ensemble ist mit der Bastelschere aus dem Leben geschnitten. Typen-Casting nennt man das: den Schauspielern soll man auf Anhieb ansehen, welche Figuren sie geben. Auf www.zwischen- den-stunden.de trifft man den schlauen Nico Lehmann, der den Existenzialismus beschwört und mit einer Gauloise Blonde im Mundwinkel in der Kneipe «Big Brother»-Kritik betreibt. Dem Personalblatt der durchtriebenen Lara Winter ist zu entnehmen, dass ihre Gewohnheit, «sich älteren Männern an den Hals zu schmeissen», sie in grosse Schwierigkeiten bringen wird. Hannah Gross ist «fast zu gut für diese Welt» und verliebt sich in den jungen Musiklehrer Oliver Zuber, der in seinem Tagebuch über den Sexappeal seiner Schülerinnen und das politische Tagesgeschehen sinniert. Einst hatte er ein Verhältnis mit der aus Liebeskummer nach Amerika ausgewanderten Tochter des Schulleiters Siegfried Hölzer.

Hölzers jüngere Tochter Dagmar, eine «langbeinige Beauty», schreibt der verlorenen Schwester E-Mails, in denen sie ihr berichtet, dass sie ihren Freund Frank «immer in den Pausen auf dem Klo trifft». Frank ist der Bruder von Existenzialisten-Nico, sieht «blendend aus» und besucht «die zehnte Klasse gerade zum zweiten Mal». Er geht gern aus («Schmeiss dich in deine heissen Hüllen und schwing die Hufe, Baby!») und mag Motorräder («In Chrom, voll fett»). Sein Nebenbuhler, «Genie und Klassenclown» Till Meier, verzehrt sich nach Dagmar und vernachlässigt darüber seinen legasthenischen Freund Karl Kaffka («Warum hab ich diese Schreibschweche?»). Isabel Schwert will wie alle «innerlich unsicheren» Mädchen Balletttänzerin werden, lebt mutterlos in einem Loft und verfolgt die RTL-Serie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten», auf deren Homepage wiederum die «Zwischen den Stunden»-Darsteller über ihr «Ärgernis des Tages» informieren, das dann jeweils die Grundlage für einen Chat-Room bilden soll.

Montags, mittwochs und freitags gibt es neue Drei-Minuten-Videos zum Herunterladen, den Rest der Handlung liefern E-Mails, ein denkender Getränkeautomat, ein lästernder Toilettenspiegel und der Zentralcomputer, eine Art Grosshirn, das die verworrene Liebesgeschichte zwischen dem Musiklehrer Zuber und der Direktorentochter Hölzer in Märchenform erzählt. Ein Sympathie-Barometer misst den «aktuellen Beliebtheitsgrad der Personen», und «Dr. Know» verschickt hintergründige E-Mails an all jene, die noch mehr wissen wollen.

Die Geschichten aus der Berliner Gesamtschule sind nicht weniger komplex als jene aus «Etage Zwo», sie sind nur leichter zu rekonstruieren und dadurch auch leichter zu konsumieren. RTL spielt mit dem Gedanken, das Internet künftig zum Testfeld für TV-Formate auszubauen: «Wir machen im Web den ersten Schritt, und es ist durchaus denkbar, dass in Zukunft erfolgreiche Ideen aus dem Internet den Weg auf den TV-Bildschirm finden», sagt Patrick Zeilhofer, Programmdirektor bei RTL New Media. Billig ist der Probelauf im Netz in jedem Fall, und in den USA hat das Prinzip schon funktioniert: Die mondgesichtigen South-Park-Kinder waren im Internet schon lange Kult, bevor sie auf den Fernsehschirmen erschienen.

Für das ZDF ist «Etage Zwo» der Versuch, die Akzeptanz einer Soap bei einer jüngeren Zielgruppe zu testen. Die Cross-Form aus 50 Prozent herkömmlichen Produktionsmitteln wie Dramaturgie und Regie sowie 50 Prozent Internet-Technologie, die New-Economy-Comedy, die «Sit-Dot-Com», wie der Produzent Mecke sie nennt, ist Neuland. «Wir möchten lernen, wie ein Spannungsbogen im Netz entsteht - wir wissen das nicht, wir müssen es ausprobieren.»

Wie ZDF und RTL ist auch T-Online, der Onlinedienst der Deutschen Telekom, mit der neuen Form am Pröbeln. Seit Ende September gibt es «90sechzig90» im Internet: www.90sechzig90.de. Die seichte Handlung kreist um eine Berliner Modelagentur, in der die Darstellerinnen in erster Linie die Aufgabe haben, sehr blond in Strapsen vor der Kamera zu stehen und hin und wieder einen Stargast zu empfangen. In der ersten Folge trat Roberto Blanco mit diesem Dialog auf:

Roberto Blanco: Wow!

Tina: Kann ich Ihnen helfen?

Roberto Blanco: Ja, bitte. Eigentlich wollte ich zur Massage, aber jetzt, wo ich so etwas Schönes sehe, sind alle Wehwehchen schon weg.

Kein bisschen Spass, der bei Blanco gemeinhin schon sein muss, statt dessen jede Menge Schönheitstips samt Produktbeschreibungen und Links zu den Herstellern. Während das ZDF aus öffentlichrechtlichen Gründen seine «Etage Zwo» nicht zu Werbezwecken untervermieten darf und RTL sich bisher zurückgehalten hat, liefert die Handlung bei T-Online nur den Vorwand für den Auftritt der werbenden Industrie. Der Plot ist so simpel gestrickt, dass die Produzenten es sich sogar leisten können, die User abstimmen zu lassen, wie es weitergehen soll. Wird Lisa ihrem Bruder verzeihen? Bringt Jacqueline die Agentur in Schwung? Liebe trotz Altersunterschied - kann das gut gehen? Fragen über Fragen.

«Die Privaten haben den Markt bereitet, da müssen wir wenigstens nicht mehr erklären, warum wir das Ganze überhaupt machen», sagt «Etage Zwo»-Produzent Mecke.

Obwohl das schon eine berechtigte Frage wäre.

Karin Ceballos Betancur, Journalistin, lebt in Frankfurt am Main.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.