DIE WIRTSCHAFT, in der wir sitzen, ist nicht von dieser Welt. Mitten in Zürich, wo der Quadratzentimeter kostet, was anderswo der Quadratmeter, rauscht vor den Fenstern der Verkehr. Drinnen ist es still, an der Wand hängen Gottfried Keller und die Uhr, deren Klang alle halbe Stunden daran erinnert, dass die Zeit auch hier vergeht, nur viel langsamer. Sie geht im Takt von Peter Bichsels Sprache, der mündlichen und der schriftlichen. (Die eine hat von der andern den abwärts schwebenden Ton.) Wenn ich ihm ein Treffen ausserhalb seines solothurnischen Biotops zumute, wenn wir uns alle Jubeljahre einmal in Zürich sehen, dann in dieser zeitenthobenen holzgetäfelten Stube, deren Koordinaten zu verraten ich mich hüte. Sie ist wie von, wie für Bichsel erfunden.
Rotwein ist Rotwein, hat ihm mal ein frecher Hamburger Kellner gesagt. Rotwein ist ein Getränk, kein Genussmittel. Das sagt Bichsel immer wieder, er liebt Wiederholungen, sie schaffen Gewohnheit und Gewöhnlichkeit. Ein alltägliches Getränk wie Wasser. «In meinen Beizen in Solothurn weiss ich nicht einmal, was für einen Wein ich trinke. Ist die gewohnte Serviertochter nicht da, bin ich aufgeschmissen. Bis einer am Nebentisch sagt: der trinkt doch immer Côtes du Rhône.»
Der geneigte Leser ist also zu warnen vor einem Rotweintrinker, der sich weigert, ein Kenner zu sein. Connaisseurs beargwöhnt er auch sonst. «Ich spreche sehr gern mit Bauern, und ich habe gar nichts gegen Fachleute. Ich habe nur etwas gegen Kenner.» Die Kennerei zerstört die Selbstverständlichkeit. «Fachleuten höre ich gerne zu, etwa wenn sie mir mitteilen, beim Wein müsse das Ambiente stimmen. Nur herrscht eben dort, wo grosse Weine serviert werden, ein für mich schreckliches Ambiente. Zum Ambiente, in dem ich mich wohl fühle, passt der einfache Wein. Auch habe ich schon viel schlechten Wein getrunken. Der dümmste Ausspruch, den ich überhaupt kenne, ist der, das Leben sei zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Mir ist das Leben wirklich lang genug, um schlechten Wein zu trinken. Jedenfalls trinke ich lieber schlechten Wein als keinen.»
Schon wahr: der Rotwein schafft sein eigenes Ambiente. Bichsel denkt an die Franzosen mit ihrem ballon («da bestellt auch keiner einen bestimmten Wein»), an den Italiener in der Trattoria vor einem Glas, das nach einer Stunde noch halbvoll ist, weil’s dabei so viel zu erzählen gibt. «Beim Weisswein habe ich Angst, dass sie gleich anfangen zu singen. Rotweintrinker singen nicht, sie schlafen ein.» Am meisten ärgern den Liebhaber des anonymen Roten Weinbeschreibungen, diese «deutsche Erfindung». «Das Wort Traube habe ich da noch nie angetroffen. Erdbeeren, Himbeeren, ein Touch Leder im Abgang. Schwachsinn! Tiefstes sprachliches Niveau! Übelster Boulevard! Wenn ich einen Wein will, will ich nicht Konfitüre.»
Selbststilisierung ist bei Bichsel auch im Spiel, diesem Hymniker des Normalen, Unscheinbaren, Gewöhnlichen, Alltäglichen. Auch als Rotweintrinker fährt er zweite Klasse, als Programm, nicht weil er sparen will.
Natürlich kann er einen guten Wein von einem schlechten unterscheiden. Wir trinken einen Halben von Hans Ulrich Kesselrings Bachtobler (die Qualität für den Offenausschank, versteht sich). Bichsel liebt – Rotwein ist also doch nicht Rotwein! – den Pinot noir, besonders diesen, und er missbilligt dessen Ausbau in Barriques. Der zweite Halbe hat Zapfen. Den riecht er auf Distanz. Und ist nicht unglücklich, dass ich sein Lob des schlechten Weins nicht zu wörtlich nehme. Die Flasche wird ausgetauscht.
Ein Getränk also, Bichsels Wein, «wobei ich mir der Gefährlichkeit des Getränks bewusst bin, und die heisst Alkohol». Womit wir beim Thema Schriftstellerei und Alkohol wären, dem sich Bichsel wenn immer möglich verweigert. «Ich kenne keinen Autor, der besoffen schreiben konnte, mit einer Ausnahme: Joseph Roth. Der hatte offensichtlich die Fähigkeit, im Rausch zu arbeiten. Bildende Künstler? Ich weiss von einem einzigen Maler, der im Rausch malen konnte, und das war Hodler.»
Gelegentlich, wenn die Abgabe einer Kolumne drängt und der verfluchte erste Satz sich nicht einstellt, setzt sich Bichsel in den Speisewagen (er schreibt gern im Zug) und versucht’s mit einem, zwei Zweiern als «Starter». «Aber dann muss ich pressieren. Alkohol setzt die Selbstkritik herunter. Setzt er sie zu weit herunter, kann man das Geschriebene anderntags wegschmeissen.» Im Übrigen, wer wollte ihm widersprechen, «kenne ich viele Rotweintrinker, die nicht schreiben». Und an die Adresse der Kenner: «Wäre im Wein kein Alkohol, gäbe es auf der Welt keinen einzigen Weinkenner. Alle Trinker, die gelegentlichen, die kleinen, die grösseren, haben die Tendenz, ihre Trinkerei zu tarnen. Die Weinkennerei ist eine der elegantesten Formen, die Lust am Alkohol zu tarnen.»
Fräulein, zahlen. Ich begleite Bichsel, dessen kleine Altherrenschritte vielleicht auch Tarnung sind, zum Zug. Etwas angetrunken. Und, als halber Kenner, etwas nachdenklich.