Einst war das Wildkaninchen, wie dies Fossilfunde belegen, über weite Teile Europas verbreitet. Dann kam die Eiszeit und verdrängte es. Das nacheiszeitliche Verbreitungsgebiet umfasste nur mehr Spanien und Nordwestafrika.
Doch dann verhalf ihm der Mensch durch künstliche Ausbreitung, das heisst durch Aussetzung, die Welt zu erobern. Römische Kriegsheere, portugiesische Seefahrer, Normannen und später Kolonisatoren brachten es nach und nach in die Länder der damals bekannten Welt.
Doch nicht überall klappte die künstliche Ansiedlung, so beispielsweise in Amerika nicht. Dafür aber in Australien, Neuseeland und Chile um so besser. 1859 brachte ein Mann namens Autin Kaninchen aus England nach Australien in den Staat Victoria. Diese vierundzwanzig Tiere vermehrten sich so enorm, dass sie zur eigentlichen Landplage wurden.
Gifte wie Arsen und Strychnin richteten gegen die Verbreitung wenig aus. 1887 setzte die neuseeländische Regierung nicht weniger als 2000 Frettchen (Albinoform einer Iltisart) auf die Plaggeister an. Diese marderartigen Kaninchenjäger waren schon von den alten Perserkönigen bei der Beizjagd eingesetzt worden, und der römische Kaiser Augustus hatte sie im 4. Jahrhundert vor Christus zur Kaninchenbekämpfung nach den Balearen geschickt.
Mister Allan, Hauptinspektor der australischen Kaninchenbekämpfung, sagte 1908 aus, dass im Staate Victoria seit 1903 jährlich rund 13,5 Millionen wilde Kaninchen getötet worden seien - ohne nennenswerte Eindämmung der Plage. Die Bekämpfung mittels absichtlicher Verbreitung des Myxomatose-Virus (das eine Kaninchenkrankheit verursacht, den sogenannten Löwenkopf), die später versucht wurde, war ebenfalls nur bedingt erfolgreich. Die Geister, die man gerufen hatte, wurde man nicht mehr los. Die Karnickel erregten aber nicht bloss durch ihre gigantische Vermehrung Aufsehen, sie sorgten auch für etymologische Verwirrung. Als nämlich Martin Luther die Bibel vom Hebräischen ins Deutsche übersetzte, unterlief ihm ein zoologischer Lapsus. «Shaphan» übersetzte er mit «Kaninchen». Im Hebräischen heisst dies jedoch «der Sichversteckende», und gemeint ist der Klippschliefer, jener murmeltierähnliche, den Huftieren nahestehende und im speziellen den Elefanten und Seekühen verwandte Fels- und Baumbewohner.
Die Phönizier hatte nämlich - 1100 Jahre vor Christus - bei ihrer Landung auf der Pyrenäenhalbinsel Tiere entdeckt, die, von weitem betrachtet, den ihnen von zu Hause bekannten Klippschliefern ähnlich sahen. Daher nannten sie das Land «i-shaphan-im», was später latinisiert zu «Hispaña» wurde. Also bedeutet «Spanien» eigentlich «Land der Klippschliefer». Und der Clou der ganzen Geschichte ist: Auch die Phönizier hatten sich getäuscht! Was sie fälschlich für Klippschliefer hielten, waren - ihnen noch nicht bekannte - Kaninchen. Somit hat Luther zwar falsch übersetzt, aber zoologisch richtig bezeichnet . . .
In Spanien machten auch die Römer mit den Kaninchen Bekanntschaft. Während bereits zu Cäsars Zeit Junghasen in ummauerten Gärten, sogenannten Leporarien, gehalten wurden, ging man später dazu über, sie durch Kaninchen zu ersetzen, weil sich diese auch in Gefangenschaft vermehrten. Als Feinschmecker schätzten die Römer Kaninchenfleisch als Bereicherung ihres Speisezettels. Und auf den Balearen galten ungeborene und neugeborene Wildkaninchen zur Römerzeit als Leckerbissen. Diese für unser Empfinden recht makabre Speise trug den wohlklingenden Namen «Laurices». In den Klöstern des Mittelalters waren diese Laurices - neben Fischgerichten - eine erlaubte Fastenspeise. Die Leporarien hielten sich bis ins Mittelalter. An Fürstenhöfen dienten sie vornehmlich dem Jagdvergnügen der Edeldamen, die in den fürstlichen Kaninchengärten mit Pfeil und Bogen dem ungefährlichen, aber wohlschmeckenden Kleinwild auf den Pelz rückten.
Die erste Darstellung eines Wildkaninchens in Deutschland findet sich auf einem farbigen Holzschnitt von 1423: Zu Füssen des heiligen Christophorus von Buxheim verlässt ein Wildkaninchen seinen Bau.
Die ersten domestizierten Kaninchen, so vermutet man, wurden hinter französischen Klostermauern gezüchtet. Zahm wurden sie, als man ihnen das Graben verunmöglichte. Aus wilden Höhlen- wurden zutrauliche Stallbewohner, die - als typischstes Haustiermerkmal - ihre Wildfarbe bunt zu variieren begannen. Die Zucht der Nutztierart mit der zweitgrössten Rassenpalette hatte begonnen.