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Von Tieren -- Scheuer Schwimmer
© Markus Bühler-Rasom
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| Toptaucher: Hauptmotor des Otters sind die wellenartigen Bewegungen des Körpers. |
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Der Fischotter wurde seit 1888 per parlamentarischen Beschluss gejagt – 1990 war er verschwunden. Trotz allen Versuchen, ihn wieder anzulocken, taucht er nur vereinzelt auf. Warum?
Von Herbert Cerutti
Was zwei Naturfreunde im Mai 2004 am Ufer des Neuenburgersees gesehen haben wollten, stiess bei Fachleuten auf Skepsis. Eigentlich hätten sie dort heimische Biber beobachten wollen. Dann aber sei plötzlich in nur vier Metern Entfernung ein Fischotter vorbeigeschwommen, schilderten die beiden ihr Erlebnis.
Die Meldung erregte grosses Interesse. Denn der letzte Nachweis eines wildlebenden Fischotters in der Schweiz stammt aus dem Jahr 1989; seither gilt die Tierart hierzulande als ausgestorben. Da 1989 der Fischotter ebenfalls am Neuenburgersee gesichtet worden war und die zwei Naturfreunde als erfahrene Tierbeobachter gelten, begannen Wildtierbiologen in der Gegend nach Fischotterspuren zu suchen. Erfolglos.
Als man die rätselhafte Sache bereits ad acta legen wollte, trafen aus dem Mittelland zwei neue Meldungen über Fischottersichtungen ein. Nun schickte das damalige Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft ein Team von europäischen Otterspezialisten auf die Pirsch, um den Grossraum Yverdon – Biel – Solothurn – Aarberg – Grosses Moos systematisch nach Otterspuren abzusuchen. Im April 2005 fanden die Spezialisten an einem Brückenpfeiler beim Zihlkanal zwischen Neuenburger- und Bielersee dann tatsächlich Kot. Der stammte von einem oder mehreren Fischottern.
Für das überraschende Auftauchen des Otters gibt es drei Erklärungen: Der Fischotter sei in der Schweiz gar nie ausgestorben und nun endlich wieder gesichtet worden, lautet eine der Hypothesen. Dass ein derart aktives Raubtier 15 Jahre lang unbemerkt im stark zivilisierten Mittelland hausen kann, ist jedoch kaum vorstellbar. Vielleicht sind Otter aus Zuchtgehegen freigelassen worden. Eine solche Aktion wäre allerdings illegal und als unkoordinierte Privataktion auch ökologisch wenig sinnvoll.
Als letzte Möglichkeit kommt eine natürliche Einwanderung aus dem benachbarten Ausland in Frage. Es gibt sowohl im Elsass als auch im französischen Rhonetal wildlebende Fischotter. Da der Otter jedoch eine starke Bindung zu seinem Revier hat und sich geographisch nur langsam verbreitet, sind Fernwanderungen äusserst unwahrscheinlich.
Die Kraft steckt im Schwanz
Der eurasische Fischotter (Lutra lutra) gehört zur Tierfamilie der Marderartigen, er ist auch unter dem Namen Wassermarder bekannt. Und obschon er zu den Landraubtieren zählt, ist er hervorragend an das Leben im Wasser angepasst.
Der bis zu 14 Kilogramm schwere und 130 Zentimeter lange Körper ist schlank und stromlinienförmig; Schwimmhäute zwischen den Zehen machen die kurzen, kräftigen Beine zu wirkungsvollen Steuer- und Antriebsorganen. Hauptmotor beim Schwimmen ist ein wellenförmiges Auf-und-ab-Bewegen des ganzen Körpers, wobei der muskulöse und etwa die Hälfte der Körperlänge ausmachende Schwanz eine wichtige Rolle spielt. Die kleinen, runden Ohren wie auch die Nasenschlitze können während des Tauchgangs verschlossen werden.
Im Wasser jagt der Fischotter vor allem mit den Augen. In trüben Gewässern orientiert er sich zusätzlich mit den langen Tasthaaren an Oberlippen und Wangen, die ihm selbst kleinste Wasserbewegungen von fliehenden Beutetieren melden. Eine Anpassung an das nasse Element ist auch das äusserst dichte und wasserabstossende Fell mit bis zu 50 000 Haaren pro Quadratzentimeter; breite Deckhaare schützen die hautnahen, seidenweichen Wollhaare.
Hauptspeise des Otters sind Fische (am liebsten langsame wie Karpfen und Aale). Dank seiner enormen Beweglichkeit bekommt der Otter aber auch die schnelle Forelle zwischen die Zähne. Da der Fischotter kaum tiefer als sechs Meter taucht und nur wenige Minuten unter Wasser bleiben kann, ist er für die Jagd auf Flachwasserzonen und kleinere Flüsse und Bäche angewiesen. Dort stöbert er in Unterwasserhöhlen und Pflanzensäumen nach versteckten Fischen und verfolgt dann die aufgescheuchte Beute minutenlang.
Der Fischotter jagt alles, was er irgendwie überwältigen kann. So holt er sich im Frühling Frösche, wenn sie sich zum Laichen versammeln; auf dem Boden oder im Schilf brütende Vögel sind eine weitere Saisonspeise. Auf den Shetlandinseln sind Fischotter auf Hasen spezialisiert. Im Zoo Zürich machte ein Fischotterweibchen sogar einem ins Gehege geflogenen Roten Milan den Garaus. Notfalls fressen Fischotter Beeren und Früchte.
Dass der Fischotter der Schweizer Fauna abhanden gekommen ist, gehört zu den trübsten Kapiteln helvetischer Naturbewirtschaftung. Ursprünglich lebte der Otter an den Ufern fast aller Schweizer Gewässer bis 1600 Meter über Meer. Die grössten Bestände gab es an den fischreichen Flüssen und Seen des Mittellands und des Juras. Im 19. Jahrhundert dürfte es in der Schweiz weit über 1000 Fischotter gegeben haben. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern war der Fischotter bei uns wegen seiner geringen Anzahl für Pelzjäger uninteressant. Auch Fleischjäger erbeuteten lieber Huftiere, Hasen und Vögel als den leicht tranig schmeckenden Otter. So waren die Tiere nur in der Fastenzeit willkommen, denn als «fischähnliche Wassertiere» fielen sie wie der Biber nicht unter das Fleischverbot.
Die Idylle wurde Ende des 19. Jahrhunderts jäh zerstört. Nachdem bereits seit einigen Jahren in etlichen Kantonen der Fischotter als vermeintlicher Konkurrent der Fischer bejagt worden war, verabschiedete das Parlament 1888 im neuen Bundesgesetz den berüchtigten Artikel 22: «Die Ausrottung von Fischottern, Fischreihern und andern, der Fischerei schädlichen Tieren ist möglichst zu begünstigen.» Da der Otterbalg doch seinen Wert hatte und die Kantone jetzt noch zusätzliche 30 Franken als Abschussprämie bezahlten, wurde die Otterjagd attraktiv.
Wurden 1889 nur 18 Tiere erlegt, waren es 1891 bereits 73 und 1893 sogar 167. Da es in der Schweiz keine traditionelle Otterjagd gab, wurden Kurse für Otterfänger organisiert, aus Deutschland speziell abgerichtete Otterhunde importiert und die Jagd auch mit Schlageisen und Gift betrieben.
Der Vernichtungsfeldzug war derart erfolgreich, dass bereits in den 1920er Jahren in manchen Kantonen die Prämienzahlungen mangels Beute eingestellt wurden. Und obwohl Naturschützer wie Paul Sarasin bereits 1917 einen Notruf zur Rettung des Fischotters erlassen hatten, stellte der Bund das geächtete Wild erst 1952 unter Schutz. Zu spät, wie sich herausstellen sollte: Um 1960 gab es in der Schweiz noch etwa 100 Fischotter. 1975 zählte man 15 Tiere; 1990 war der letzte Fischotter verschwunden.
Wer ist der Schuldige?
Warum trotz Schutzmassnahmen die lokalen Bestände weiter zurückgegangen und dann gänzlich erloschen waren, ist noch heute ein Rätsel. Da auch in weiten Teilen Mitteleuropas die Fischotterbestände in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drastisch schwanden und schliesslich ein breiter, fischotterloser Gürtel von Holland über Deutschland, die Schweiz bis ans Mittelmeer die westeuropäischen Populationen von den Vorkommen in Osteuropa trennte, suchte man international nach Erklärungen für das Ottersterben.
Lange Zeit akzeptiert war die PCB-Hypothese. Die früher häufig in der Industrie eingesetzten polychlorierten Biphenyle (PCB) sind auch in Gewässer gelangt und werden dort von den Fischen aufgenommen. Durch den hohen Fischkonsum reichert sich das Umweltgift ebenfalls im Fischotter an. Aus Studien an amerikanischen Nerzen, die den Fischottern nahe verwandt sind, war bekannt, dass eine hohe PCB-Belastung zu verminderter Fruchtbarkeit führen kann.
Und so vermuteten die Biologen auch für den Fischotterschwund PCB als Ursache. Neuere Studien, etwa von den Shetlandinseln oder aus Schottland, haben allerdings gesunde und sich tüchtig vermehrende Fischotterpopulationen mit hoher PCB-Konzentration im Leberfett gezeigt, so dass heute die PCB-Belastung als dominante Ursache des Fischottersterbens fraglich erscheint.
Weit eher dürfte eine Vielzahl von Störfaktoren den Ottern das Leben schwermachen. Als Ursache im Vordergrund steht heute die generelle Fischknappheit, also ein Futtermangel in den früheren Fischottergewässern.
Nur wenn unsere Bäche, Flüsse und Seeufer wieder naturnaher und damit fischfreundlicher werden, hat der Otter auch in der Schweiz eine neue Chance. Da in jüngster Zeit vor allem in Osteuropa die Bestände wieder zunehmen und in England, Schweden und Spanien Wiederansiedlungsprojekte erfolgreich umgesetzt werden konnten, kann auch der Schweizer Naturfreund hoffen, den Wassermarder dereinst wieder in freier Wildbahn erleben zu dürfen.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.
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