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Sportmärchen -- Der Schandberg
© Markus Roost
Von Richard Reich
Es war einmal ein Berg, der hatte keinen Namen. Er war am Rande eines mächtigen Gebirges gelegen, im Schatten von Viertausendern, die Himmelshorn hiessen oder auch Teufelsspitze; ein besonders grossartiger Gipfel war gar nach einem General benannt. So hatte ein jeder Berg seinen festen Platz auf der Landkarte, nur jener Namenlose nicht. Sein Gipfel war nicht kühn, sondern kahl, an seinen Hängen weideten keine kapitalen Hirsche, bloss Murmeltiere, er war derart unbedeutend, dass man ihn nicht einmal bemerkte, wenn man ihn ansah. Nie wäre ein Alpinist auf die Idee gekommen, das arme Berglein zu besteigen und zu besiegen, was diesem durchaus recht war. Unbehelligt kauerte es zwischen den stolzen Spitzen, freute sich still am Blau des Himmels und liess den heiligen Bernhard einen guten Mann sein.
Eines Tages reiste der König durchs Land und freute sich mächtig über das prächtige Panorama. An seiner Seite sass die Prinzessin und stellte in einem fort Fragen: «Ach, Papa, wie heisst jener Berg dort? Und wie nennt man diesen hier?…» Der König antwortete: «Das ist der grosse Pollux, jenen nennt man das finstere Aarhorn, und der da drüben muss das gefürchtete Weissmies sein.» So ging es Stund um Stund, bis die Kutsche am anderen Ende des Reiches anlangte. «Nun, Töchterlein», gähnte der König, «habe ich dir alle Gipfel aufgezählt, und wir können getrost wieder heimfahren.» – «Einer fehlt noch!» rief die Prinzessin und zeigte ausgerechnet auf das bewusste Berglein.
Da kratzte sich der König am Hinterkopf, doch ihm wollte beim besten Willen kein passender Name einfallen. Er fragte die Bauern am Wegesrand, aber die starrten den bleichen Hügel bloss fassungslos an, als sei er soeben vom Himmel gefallen. «Ein Unbenannter?» knurrte der König, «in meinem Reich? Das kann nicht angehen!» Er dachte drei Atemzüge lang nach, dann verkündete er: «Hört, wir wollen einen Wettkampf abhalten! Wer dieses anonyme Ding da als erster besteigt, wird zum Lohn meine Tochter zur Gemahlin erhalten, zudem soll der Berg seinen Namen tragen. Die Verlierer aber werden wie üblich fürchterlich bestraft.»
Kaum hatte der König geendet, präsentierten sich sieben Todesmutige, um den Wettkampf zu wagen, nämlich ein Amerikaner, ein Italiener, ein Russe sowie vier Franzosen. Der König nickte und sprach: «Gut, Männer, es gilt! Allerdings gibt es da noch eine kleine Zusatzregel: Ihr müsst dieses flache Berglein auf einem Bein besteigen, sonst wäre es ja gar zu einfach! Achtung, fertig…» Und schon hüpften die sieben los, was ihre Waden hergaben, über Stock und Stein, und alles auf bloss einem Bein! Weil dies auf die Dauer jedoch unbequem war, liessen die Männer, kaum war der König ausser Sicht, einer um den andern das Hüpfen sein. Stattdessen sprangen sie wie die Gemsen dem Gipfel zu.
Der König aber wartete geduldig im Tale, und als die sieben zurückkamen, fragte er: «Sagt an, wer von euch wird mein Schwiegersohn?» Da rief der Amerikaner: «Der räudige Russe war als erster oben, aber er ist auf allen zwei Beinen gelaufen!» – «Das ist zwar richtig», antwortete der Beschuldigte, «doch die gleiche Schuld trifft die vier Franzosen, ich habe es genau gesehen!» – «Das ist wohl exakt!» kreischten die Franzmänner, «aber weit schlimmer noch trieb es der Ita…!»
Da lachte der König und sprach: «Also ist es, wie ich mir gedacht hatte! Ihr Sportsfreunde seid geborene Betrüger, und darum wird auch keiner von euch meine Tochter erhalten. Weil aber jeder auf Erden einen Namen braucht, soll dieser traurige Berg ab dem heutigen Tag das Schandhorn heissen.» Sprachs und fuhr mit der Prinzessin in der Kutsche davon. Der Berg aber geriet sogleich wieder in Vergessenheit. Auf alle Zeiten wollte kein Mensch mehr etwas von ihm wissen, weder Betrüger noch Gerechte.
PS: 2002 wurde ein bis dahin namenloser Berg bei Samnaun nach Alexander Winokurow, dem Sieger einer dort endenden Tour-de-Suisse-Etappe, benannt. 2007 wurde der Kasache russischer Herkunft des Dopings überführt, wodurch auch der Piz Winokurow in Verruf geriet. Im übrigen ist davon auszugehen, dass sehr viele Radrennfahrer mit unlauteren Mitteln arbeiten.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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