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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Philipp II., trauriger Herr der Welt

© Angelo Boog
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Mit 28, da war er schon zweifach verwitwet, erbte er von seinem Vater Karl V. ein Weltreich – ­es zusammenzuhalten, vermochte er nicht. Und sein Ende war alles andere als königlich.

Von Wolf Schneider

Ein tüchtiger Finanzbeamter hätte er werden können – pflichtbewusst und misstrauisch, wie er war. Aber der Zufall der Geburt machte ihn zum Herrn über Spanien, Portugal, die Niederlande, Burgund und den grössten Teil Italiens, über Amerika von Kalifornien bis Argentinien, über alle Küsten des Indischen Ozeans und über die Philippinen, die noch heute nach ihm heissen.

Als einziger Sohn Karls V., König von Spanien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, wurde Philipp II. 1527 geboren – hart erzogen für den Thron, eingeschworen auf kämpfe­rischen Katholizismus und von seinem Vater auf die drei königlichen Tugenden: Traue keinem, glaube nichts! Verschleiere deine Pläne! Und gib jede Hoffnung auf ein frohes Leben auf! Beim dritten dieser Imperative half das Schicksal nach.

Als Philipp 16 war, verheiratete sein Vater ihn mit der gleichaltrigen Tochter des Königs von Portugal, seiner Cousine. Ihre gemeinsame Grossmutter war Johanna die Wahnsinnige, die 1506 entmündigte Königin von Spanien. Philipps Sohn Don Carlos wurde ein stotternder Kretin, den Schiller in überschäumender dichterischer Freiheit zu einem Freiheitskämpfer stilisierte. Die Mutter starb bei der Geburt, Philipp war Witwer mit 18 Jahren. Mit 26 heiratete er auf Weisung seines ­Vaters Maria die Katholische, Königin von England, ein mageres Fräulein von 38 ­Jahren. Der erste männliche Nachkomme aus dieser Ehe sollte England und das spanische Weltreich erben – welche Perspektive für den Lauf der Geschichte! Doch Maria starb vier Jahre später, kinderlos; Philipp hatte England längst verlassen.

1556 zog sich Karl V. für die letzten zwei Jahre seines Lebens in ein spanisches Kloster zurück und vermachte das Weltreich seinem Sohn. Der, 28 Jahre alt und zweifach verwitwet, nutzte eine dritte Ehe pflichtbewusst zu dem Versuch, zwei verfeindete Dynastien zu verkuppeln: 1559 heiratete er die Tochter des Königs von Frankreich. Sie war hübsch, fröhlich, 13 Jahre alt und machte sich ­einen Spass daraus, das spanische Hofzeremoniell zu verletzen; er duldete es gnädig. Sie starb mit 22 Jahren nach der Geburt der zweiten Tochter, und wieder wurde es düster im Palast. Da aber ein König auf den Thronerben nicht verzichten kann, schloss Philipp zwei Jahre später, 1570, seine vierte Ehe: mit der 21-jährigen Erzherzogin Anna von Österreich. Und wirklich schaffte sie den Erben heran, der dann 1598 als Philipp III. den Thron bestieg – und das Weltreich weiter herunterwirtschaftete.

Elendes Sterben im Escorial

Zunächst hatte es für seinen Vater noch günstig ausgesehen: 1571 schlug die spanische Flotte bei Lepanto die Türken, und 1580 erlebte Philipp II. eine jähe Macht­erweiterung: Der König von Portugal, im Kampf gegen die Araber gefallen, hatte keinen Erben hinterlassen, und da Philipp ein Neffe des vorletzten portugiesischen Königs war, rief er sich, in zeittypischer dynastischer Anmassung, zum Erben aus; er schickte ein Heer, das den Anspruch durchsetzte, und sackte das portugiesische Weltreich ein: Brasilien und die Küsten des Indischen Ozeans. Nie zuvor und nie danach hat über so vielen Häfen, Festungen und Inseln rund um den Planeten die Fahne eines Landes geweht.

Schon 1581 aber begann der Niedergang. Da sagten sich die nördlichen Provinzen der Niederlande von Spanien los, und ein Ende des blutigen Kleinkriegs erlebte Philipp nicht mehr. 1588 schickte er seine «Armada» aus, 129 Schiffe mit einer Invasionsarmee von 19 000 Mann an Bord – nach England, weil es die Niederlande unterstützte und obendrein begonnen hatte, spanische Kolonien in Amerika zu überfallen. Doch die englischen Segler erwiesen sich den schwerfälligen Galeeren als überlegen, und mit List, Glück und einem schweren Sturm im Bunde gelang es ihnen, die Hälfte der spanischen Schiffe zu vernichten.

Philipp, ein kahlköpfiger, gichtgeplagter Griesgram von 61 Jahren, vergrub sich nun vollends im Escorial, der Trutzburg aus finsterem Granit, die er auf einer kahlen Hochebene bei Madrid allein für sich hatte errichten lassen: 7 steinerne Innenhöfe, 86 Treppenhäuser, 1000 Bedienstete. Noch zehn Jahre lang verwaltete er pflichtbesessen sein überschuldetes, morsches Reich.

Er starb 1598, qualvoll, sieben Wochen lang, von Geschwülsten übersät; der sein Leben lang Gesalbte, Parfümierte zwischen Eiter und Kot. Um seinen Kindern aus der vierten Ehe die Hinfälligkeit aller irdischen Macht zu demonstrieren, entblösste er vor ihnen, wie ein Zeitgenosse berichtete, «seinen übelriechenden, mit Geschwüren durchlöcherten, mit Läusen bestiegenen Leib».

Nein: König von Spanien möchte man nicht gewesen sein.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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