Entschlossen setzt sich der Mann an seinen Schreibtisch: «Wozu mitspielen, wenn nicht mit Leib und Seele?» fragt er sich. «Sollte er ihnen für ihr Geld nicht etwas bieten, an dem sie ihre Freude haben konnten? Etwas, das sich in ihrer Kartei besser ausnehmen würde als ein Wirtschaftsbericht?» Und rasch denkt sich «Unser Mann in Havanna» eine brisante Meldung aus über den geheimen Bau einer riesigen Militäranlage, zu der ihn die Bestandteile des neusten Staubsaugermodells inspiriert haben. So lässt Graham Greene seinen Mr. Wormold Geheimagent werden, oder vielleicht müsste man sagen: Schriftsteller. Denn Wormold erfindet ja nur, was er auszuspionieren vorgibt, und deshalb sind seine Informanten «wie Puppen, wie Figuren eines Buchs».
Blättert man im dicken Buch, das die 3000jährige Geschichte der Spionage erzählt, ist Wormold wohl nicht der Normalfall eines Agenten. (Was ihn antreibt, das Geld, hat sich allerdings nicht selten als mindestens ebenso starkes Stimulans erwiesen wie die Vaterlandsliebe.) Aber was ist der Normalfall? Allein schon die neun Fälle, die wir hier vorstellen, zeigen, wie unterschiedlich die Motive, die Eigenschaften, das Verhalten einiger berühmter Spione sich ausnehmen. Zwischen einem flotten Lebemann wie Richard Sorge und einem unscheinbaren Durchschnittsbürger wie Rudolf Abel liegen Welten.
Gemeinsam ist ihnen allen nur eines: der Verrat. Ob sie ein Land verraten oder ein Geheimnis, andere Menschen oder sich selbst: Agenten sind, wie gut ihre Gründe auch immer sein mögen, Verräter. Damit müssen sie leben; und sterben. Aber selbst wenn sie es für die Sache tun -
und laut Völkerrecht ist Spionage eine rechtmässige Handlung -, bleibt die Frage: Ist es ihre Sache? «In der Hierarchie der Einsamkeit stellt sich jeder auf eine andere Stufe; auf der höchsten befindet sich der Verräter: er treibt seine Vereinzelung auf die Spitze», schreibt E. M. Cioran. Wer dies nicht aushält, sucht Zuflucht bei den schöneren Wörtern: «Kundschafter des Friedens» nannte die DDR ihre Agenten im Ausland.
Die Einsamkeit des Spions hat seinen Mythos begründet, den der Roman und der Film verewigt haben. Das Genre wird seine Faszination so schnell nicht einbüssen, auch wenn die Spione fortan nicht mehr aus der Kälte kommen. Die Thrillerautoren werden sich den Verhältnissen anzupassen wissen, wie sie es seit Homer getan haben, der seinen vielgewandten Odysseus nach Troja hineinschickte, wo er den Gegner der Griechen ausspähte.
Aber nicht erst in der Antike finden sich nahezu alle Agententypen im Einsatz, die auch die folgenden Jahrhunderte bevölkern: die Aufklärer und Abhörer, die Nachrichtenbeschaffer und -übermittler, die Doppelagenten und Analytiker. Früher noch, im 2. Jahrtausend v. Chr., hatte man in China den Wert der geheimen Nachrichtenbeschaffung erkannt. Und um 600 v. Chr. widmete sich ihr dann Sun Tzu in seinen «Dreizehn Geboten», einem berühmten Traktat über die Kriegskunst. Sun Tzu ist der erste Theoretiker der Spionage, ein brillanter obendrein, und seine Erkenntnisse haben Gültigkeit behalten - angeblich gehörte seine Schrift zu den Lieblingsbüchern Maos.
Sun Tzu entwickelte eine kleine Agententypologie, die vier Arten unterscheidet: den ortsansässigen Spion, der im Land des Gegners angeworben wird, wobei Angehörige aller gesellschaftlichen Schichten berücksichtigt werden müssen; den inneren Spion, der aus dem engen Kreis der Ratgeber und Spitzenbeamten des Verwaltungsapparats gewonnen wird; den Spion des Todes, der den Gegner mit falschen Informationen irreführt und das Risiko eingeht, bei seiner Enttarnung zu sterben; und den Spion des Lebens, der als Kundschafter das gegnerische Lager infiltriert mit der Aufgabe, seiner Partei um jeden Preis bestimmte wichtige Informationen zu beschaffen.
Die Spione des Lebens - zu ihnen gehört die Mehrzahl der Meisterspione, die wir im folgenden präsentieren - sind die Stars ihres Gewerbes. Sun Tzu erläuternd, stellt der chinesische Militärhistoriker Du Mu folgende Anforderungen an sie: «Sie müssen innerlich aufgeklärt und klug sein, doch nach aussen sich dumm stellen; sie müssen das Äussere des Pöbels, jedoch einen kühlen Geist haben; sie müssen gesund, ausdauernd und tapfer sein; und sie müssen in der Lage sein, Hunger und Kälte, Schimpf und Schande zu ertragen.» Realität oder Mythos? Mit der einen, so scheint es, kommt man vom anderen nicht los.
Nun müsste hier die Rede sein vom Schicksal des unbekannten Agenten: von der Langeweile und der schäbigen Gewöhnlichkeit seines Alltags, von den Nichtigkeiten, die er in Erfahrung bringt, von der Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen und von der Belanglosigkeit seines Verrats. Aber der unbekannte Agent, der unsichtbar sein Geschäft betreibt, der weder Geschichte macht noch Geschichten hergibt: gerade er ist der einsamste, er bleibt unerlöst von seiner falschen Identität. Und für diese hat die Sprache der Geheimdienste nicht zufällig ein Wort gefunden, das sich auf einen Horizont jenseits des Wirklichen öffnet: Legende.
Mata Hari
Sie ist die berühmteste aller Spioninnen - obwohl bis heute umstritten ist, welche Rolle sie wirklich spielte: die 1876 im holländischen Leeuwarden geborene Margaretha Geertruida Zelle, die sich Mata Hari (malaiisch für «Auge der Morgenröte») nannte.
Margaretha Zelle lebt mit ihrem Mann, einem holländischen Kolonialoffizier, einige Jahre auf Java, bevor sie als äusserst attraktive junge Frau nach Paris durchbrennt. Sie arbeitet zunächst bei einem Zirkus; 1905 débutiert sie als javanische Tempeltänzerin und macht mit ihrem raffinierten Striptease - und als Kurtisane - alsbald Furore in den noblen Pariser Salons. Ihre steile Tänzerinnenkarriere führt sie nach Madrid, Monte Carlo, Wien und an die Mailänder Scala. Berühmtheiten wie Puccini gehören zu ihren Freunden, sie verkehrt mit Bankiers, Botschaftern, hohen Militärs - und Geheimdienstoffizieren.
1915 lernt Mata Hari in Amsterdam einen deutschen Geheimdienstler kennen; in Geldnot geraten, lässt sie sich als Agentin anwerben. Die Deutschen erhoffen sich von der Agentin H 21 Informationen aus höchsten Führungskreisen über die Offensivpläne der Alliierten. Von Anbeginn weg ist offenbar jedoch der britische Geheimdienst der Agentin auf der Spur. Dass sie ein Jahr darauf auch den Franzosen ihre Dienste anträgt, bewahrt Mata Hari nicht vor ihrem Schicksal: 1917 wird sie in Paris verhaftet und in einem geheimen Prozess auf Grund dünner Beweise zum Tod durch Erschiessen verurteilt - als abschreckendes (und ablenkendes) Exempel in einer für Frankreich schwierigen Zeit. Es ist überliefert, dass sie dem Exekutionskommando nicht gefesselt und ohne Augenbinde gegenübertrat.
Thomas E. Lawrence Als wagemutiger Wüstenheld, als Lawrence of Arabia ist er dem Kinogänger unvergesslich - T. E. Lawrence, der für das britische Empire die Landbrücke zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf eroberte und an dessen Grab Churchill klagte: «Mit Oberst Lawrence haben wir einen der Grössten unserer Zeit verloren.»
Der 1888 in Wales geborene illegitime Sohn eines irischen Adligen bereist als junger Archäologe Syrien und eignet sich mehrere arabische Dialekte an. Bei Kriegsausbruch 1914 meldet er sich zur Armee, wird seiner Körpergrösse von 1,65 Meter wegen jedoch abgewiesen und als Nahost-Spezialist dem Geheimdienst zugeteilt: Als Verbindungsmann der Engländer zum Scherif von Mekka eint der unermüdliche Lawrence, dem die Araber höchsten Respekt zollen, die Nomadenstämme. Im eineinhalbjährigen Feldzug, der die Türken aus Arabien vertreibt, steht der 28jährige Oberst, ein Meister der Guerilla-Taktik, immer an vorderster Front: er ist Kundschafter, Saboteur, Organisator. Er scheut keine Entbehrung, übersteht Gewaltsritte durch die Wüste, trotzt nach seiner Gefangennahme der türkischen Folter - und entkommt.
Nach dem Krieg bricht Grossbritannien das Versprechen, ein unabhängiges Arabien zu unterstützen. Lawrence weist darauf alle Auszeichnungen zurück und quittiert den Dienst. 1922 tritt er unter falschem Namen in die Royal Air Force ein, 1927 wird er nach Indien beordert. Man sagt, er habe beim Aufstand afghanischer Stammesfürsten die Hand im Spiel gehabt. Nach seiner Entlassung zieht sich Lawrence 1935 nach Dorset zurück; er stirbt dort im selben Jahr bei einem Motorradunfall.
Alfred Redl War er der Henker der österreichischen Armee, wie man nach dem Ersten Weltkrieg behauptete? Jedenfalls fügte der kaltblütige «Maulwurf» Oberst Redl der Donaumonarchie riesigen Schaden zu, indem er ihre Aufmarschpläne gegen Russland und Serbien verriet.
Alfred Redl, 1864 in kleinbürgerlichen Verhältnissen geboren, durchläuft eine Militärkarriere und wird 1900 ins Evidenzbureau berufen, in den Geheimdienst, wo dem scharfsinnigen Hauptmann unter anderem die Aufklärung fremder Heere untersteht. Ein auf Redl angesetzter russischer Agent findet bald dessen Schwachstelle: seine homosexuelle Beziehung zu einem jungen Dragoneroffizier - in der Armee ein schweres Verbrechen. Redl lässt sich anwerben. Dass er für seine Dienste zudem fürstlich honoriert wird, kommt dem in den besten Wiener Kneipen gern gesehenen Offizier sehr gelegen.
Über die Jahre verrät Redl das ganze österreichische Agentennetz in Russland. Da ihm die Russen im Gegenzug einige ihrer Agenten preisgeben, wird Redls Stellung unangreifbar. Er ist das Idol der jungen Generalstäbler, bei Spionageprozessen wird er regelmässig als Sachverständiger zugezogen. 1912 wird Redl zum Oberst befördert und als Generalstabschef nach Prag versetzt.
Seine Enttarnung 1913 erfolgt zufällig: Ein lange nicht abgeholter Geldbrief auf dem Wiener Hauptpostamt erregt Verdacht. Als Alfred Redl nach Wochen auftaucht, um den Brief zu behändigen, wird er überführt. Zwölf Stunden später ist er tot. Er erschoss sich mit dem Revolver, den man ihm nach seinem Geständnis überliess.
Klaus Fuchs Als er im Dezember 1943 seine neue Stelle im Labor von Los Alarmos, USA, antritt, steht der deutsche Physiker Klaus Fuchs nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht auf dem Gipfel seiner Karriere. Das «Manhattan Project», der Bau der Atombombe, versorgt ihn mit dem theoretischen und technischen Material, das die Russen im Rüstungswettlauf schliesslich ein Jahr gewinnen lässt. Klaus Fuchs, der erste und vielleicht bedeutendste Atomspion der Sowjetunion, war brillanter Wissenschafter und idealistischer Doktrinär in einem.
1911 in Rüsselsheim geboren, ist der Sohn eines evangelischen Theologen aus politischer Solidarität zum Verräter geworden. Noch während des Studiums der Physik und Mathematik in Leipzig und Kiel war er der KPD beigetreten. 1933 nach Paris emigriert, ging er ein Jahr später nach Grossbritannien, wo er an der Universität von Edinburgh seinen Doktor machte. Bei Kriegsausbruch wurde Fuchs kurz interniert, seiner Begabung wegen aber bald für die Atomforschung an der Universität von Birmingham freigestellt. Als Hitler die Sowjetunion überfällt, entschliesst sich Fuchs zur Preisgabe der Geheimnisse, um die er weiss.
Nach dem Krieg wird Fuchs - mittlerweile britischer Staatsbürger - Leiter der Physikabteilung des Kernforschungszentrums von Harwell. Erst die Enthüllungen des Überläufers Igor Gusenko führen auf seine Spur; 1950 wird er verhaftet und zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Wegen guter Führung vorzeitig entlassen, übersiedelt Fuchs 1959 in die DDR, wo er mit politischen und wissenschaftlichen Ehrungen überhäuft wird und 1988 stirbt.
Richard Sorge Der Deutschrusse Richard Sorge, 1895 in Baku geboren und in Berlin aufgewachsen, ist ein Spion aus Überzeugung. Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, an dem er als Freiwilliger teilnimmt, macht ihn zum Marxisten. 1924 zieht er, Doktor der Staatswissenschaften, nach Moskau und wird sowjetischer Staatsbürger. Als Offizier der Roten Armee wird Sorge mit dem Aufbau eines Agentenrings in Japan beauftragt.
In Hitler-Deutschland verschafft er sich einen Pass und tritt in die NSDAP ein, um sich als Korrespondent der «Frankfurter Zeitung» in Tokio zu etablieren. Der glänzende Gesprächspartner, polternde Saufkumpan und attraktive Schürzenjäger spielt seine Rolle als exhibitionistischer Nazi so gut, dass ihm die Deutschen - vorab Botschafter Ott - regelrecht verfallen. Sorge seinerseits versorgt seinen Informanten Ott mit Informationen, die dessen Position Berlin gegenüber erheblich aufwerten. Seine Erkenntnisse - wie die, dass sich Japan nicht am deutsch-sowjetischen Krieg beteiligen werde und die UdSSR somit ihre Streitkräfte an der Westfront konzentrieren könne - funkt er nach Moskau. Als seine wichtigsten japanischen Agenten verhaftet werden, ist es aus mit dem Chef des «Hirse»-Netzes. Sorge, der acht Jahre auf schwierigem Terrain operiert hat, wird 1944 von den Japanern hingerichtet.
Als «Helden der Sowjetunion» ehrt Moskau 1964 mit einem Denkmal den Mann, mit dessen Name Glanz und Elend der Spionage verbunden sind: Am 30. Mai 1941 hatte Richard Sorge nach Moskau telegrafiert, dass der deutsche Angriff auf die Sowjetunion in der zweiten Junihälfte erfolgen werde - geglaubt wurde ihm nicht.
Rudolf Abel In der Galerie der Meisterspione trägt er den Titel eines «Genies der Unauffälligkeit»: Rudolf Iwanowitsch Abel, Oberst des KGB, hat zehn Jahre ein Agentennetz in den USA so konspirativ geführt, dass man heute noch nicht weiss, was er eigentlich erkundet und verraten hat. Um so erstaunlicher ist, dass der perfekte Spion über eine Dummheit gestolpert ist, die seinen eisern eingehaltenen Regeln spottet: Eines Tages nimmt er den ihm zugeteilten Gehilfen Reino Hayhanen mit zu sich nach Hause. Hayhanen, ein Trinker, Weiberheld und Versager, verrät Abel - nicht zuletzt, weil er der Verachtung seines gebildeten und diskreten Vorgesetzten überdrüssig ist und überläuft.
1957 kommt Abel vor Gericht, wo er nicht mehr als sieben Worte sagt. Er wird zu dreissig Jahren Gefängnis verurteilt und 1962 gegen den US-Piloten Powers ausgetauscht, der mit seinem U-2-Aufklärungsflugzeug abgeschossen worden war. 1971 stirbt Abel 69jährig in Moskau.
Im revolutionären Russland zum Agenten ausgebildet, war Abel 1948 in Kanada eingeschleust worden und in die USA übergesiedelt. In New York liess er sich unter dem Namen Emil R. Goldfus nieder, betrieb ein Fotoatelier und ging künstlerischen Neigungen nach. Er mied jedes persönliche Treffen mit Kurieren und Informanten und versteckte als begeisterter Feinmechaniker Botschaften auf Mikrofilm etwa in ausgehöhlten Schrauben von Laternenpfählen, im winzigen Loch einer hölzernen Klosettbrille oder in aufgebohrten Münzen. Mit Moskau verkehrte er per Funk. Als Abel aufflog, fand sich in seinem Studio ein Spionagearsenal, das einem Museum wohl anstehen würde.
Wolfgang Lotz In der Finanzabteilung des Mossad nannte man ihn nur den «Chamapagnerspion»: Wolfgang Lotz war teuer, aber er war auch einer der wagemutigsten und erfolgreichsten Agenten des Mossad Anfang der sechziger Jahre.
1921 in Mannheim geboren, kommt Lotz 1933 mit seiner jüdischen Mutter nach Palästina. Er besucht eine Landwirtschaftsschule, ist Mitglied der Militärorganisation Haganah, kämpft im Zweiten Weltkrieg in der britischen Armee. Danach wird er Berufsoffizier im israelischen Heer, wo er dem Sicherheitsdienst auffällt.
Israel ist zu jener Zeit besorgt darüber, dass deutsche Wissenschafter im Dienste des ägyptischen Präsidenten Nasser an neuen Waffensystemen arbeiten. 1961 wird Lotz nach Kairo geschickt, getarnt als ehemaliger Nazi, der als Pferdezüchter in Australien zu Wohlstand gekommen ist. Innert kürzester Zeit gelingt es ihm, Kontakt zu den deutschen Forschern herzustellen - einige werden später Opfer der Mossad-Operation Damokles - und die Freundschaft höchster Offiziere der ägyptischen Polizei und Armee zu gewinnen. Mit seiner Frau besucht und veranstaltet Lotz rauschende Feste - und funkt dann frühmorgens seine verschlüsselten Berichte, unter anderem über geheime Raketenstützpunkte, nach Tel Aviv.
1965 wird Lotz' Sender geortet, er fliegt auf. Der Todesstrafe entgeht er nur, weil er glaubhaft versichert, nicht Jude, sondern Deutscher zu sein. Nach dem Sechstagekrieg werden Lotz und seine Frau 1967 anlässlich eines Gefangenenaustausches freigelassen. Weder in Israel noch später in den USA fasst er wieder Fuss; er lebt heute zurückgezogen in der Nähe von München.
Kim Philby Man hat Kim Philby als Doppelagenten bezeichnet, wogegen er sich verwahrt hat: Er war stolz darauf, als hoher Beamter des britischen Geheimdienstes ganz der sowjetischen Sache gedient zu haben. Die «magnificent five» des KGB, Kim Philby, Anthony Blunt, Guy Burgess, Donald MacLean und der grosse Unbekannte, waren Kommilitonen in Cambridge gewesen, wo elitäres Gehabe und eine snobistische Attitude einhergingen mit der Opposition gegen das Establishment und dem Bekenntnis zum Kommunismus, dem sie als Stützen der Gesellschaft skrupellos dienten. Freundestreue wahrten sie auch im Verrat.
Harold Adrian Russell Philby, nach Kiplings jugendlichem Helden Kim genannt, wurde 1912 im indischen Ambala als Sohn eines britischen Kolonialbeamten geboren. Vermutlich in der Studienzeit vom KGB angeworben, reist Philby als Journalist in Europa herum, berichtet über den Spanischen Bürgerkrieg und erhält 1940 eine Anstellung beim MI6, wo er nach dem Krieg die Abteilung zur Bekämpfung der sowjetischen Subversion in Westeuropa leitet.
1949 wird Philby Erster Sekretär der britischen Botschaft in Washington und fungiert als Verbindungsoffizier zwischen dem britischen und dem amerikanischen Geheimdienst. Auf sein Konto geht der Tod mehrerer westlicher Agenten, die er den Russen ans Messer lieferte. Als Burgess und MacLean 1951 hinter den Eisernen Vorhang verschwinden, fällt Verdacht auch auf Philby. Er wird vom Dienst suspendiert und als Nahost-Korrespondent nach Beirut geschickt, von wo er sich 1963 nach Moskau absetzt. Dort schreibt er seine Memoiren, «My Silent War», und stirbt 1988.
Günter Guillaume Günter Guillaume, der Spion im Kanzleramt, steht für die politisch folgenreichste Spionageaffäre Nachkriegsdeutschlands; die 1974 erfolgte Enttarnung seines persönlichen Referenten zwang den Entspannungspolitiker Bundeskanzler Willy Brandt zum Rücktritt. Der DDR-Spionagechef Markus Wolf hat offiziell diese Konsequenz seines spektakulärsten Coups bedauert. Wie ernst ihm damit war, muss offen bleiben, zumal bis heute nicht publik ist, was genau Guillaume verraten hat. Dem MfS gab die Affäre Prestige und Auftrieb.
Achtzehn Jahre lang waren die Eheleute Günter und Christel Guillaume, 1956 als angebliche «Zonenflüchtlinge» eingereist, «Kundschafter des Friedens» im Westeinsatz, sie als Chefsekretärin der Hessischen Staatskanzlei, er als Absolvent einer rechtssozialdemokratischen Parteikarriere, die ihn in die obersten Regierungs- und Parteikreise brachte. Sicherheitsüberprüfungen blieben folgenlos, obschon Guillaume (Jahrgang 1927) Mitglied der NSDAP und später der SED gewesen und der Spionage verdächtigt worden war.
Über eine Nachlässigkeit der eigenen Genossen kommt das Paar zu Fall: Aus der DDR hatte man ihnen Mitte der fünfziger Jahre Geburtstagsgrüsse gefunkt. Daran erinnert sich ein Beamter, als bei der Überprüfung anderer Spionagefälle am Rande Guillaumes Name auftaucht. Das Ehepaar wird fast ein Jahr observiert und hierauf verhaftet. «Ich bin ein Bürger der DDR und ihr Offizier» ist das erste, was Guillaume, Respekt heischend, dem Beamten unter der Tür entgegenhält. Zu dreizehn bzw. acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt, werden die beiden 1981 ausgetauscht.