NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Dezente Farbpalette

© Heinz Unger
Esstisch mit Büroecke – hier werden nicht nur E-Mails geschrieben. Linktext
Ein Jäger? Ein aus Japan heimgekehrter Einzelgänger? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in dieser Wohnung vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Hier hat jemand ein reiches, buntes Leben in einer grosszügigen Wohnung mit viel Ruhe. Alltägliches, wie Küche und Kleider, ist stilvoll und auf wenig Raum untergebracht, der Bewohner braucht keine ausschweifende Üppigkeit mit Sachen und Sächelchen, er bevorzugt gezielt ausgesuchte, schöne Einzelstücke. Seinen Reichtum findet er in den Büchern und im Genuss des Betrachtens.

Die Wohnung mutet sehr visuell und ästhetisch an, ist stimmig in der Anordnung der Möbel, in der Wahl der Dinge und Farben. Nichts Zufälliges, Hingeworfenes stört die Harmonie. Der Bewohner mag es so, wie es ist, und weiss, wie er es haben will.

Die Kochbücher neben der Küche und der grosse, einladende Tisch lassen auf ­einen schliessen, der gern und gut kocht, nicht nur für sich allein. Aber etwas einzelgängerisch scheint er trotzdem zu sein, er kann sich gut mit sich selber beschäftigen. Ist der Wildschweinschädel an der Wand gar Beute einer einsamen Jagd? Naturverbundenheit zeigen jedenfalls seine Bilder, sie sind ihm persönliche Begleiter, keine Vorzeigekunst. Überhaupt sind die Räume sehr individuell gestaltet, trotzdem gibt er nicht allzu viel von sich preis. Die Wohnung ist sein Reich, Gäste sind willkommen für an­regendes Beisammensein in Tisch- und Sofarunden, aber nächtigen tut er in seiner originellen Bettwäsche eher allein.

Hat er beruflich vielleicht mit Kunst, Visualisierung, Gestaltung zu tun und geniesst nach hektischen Arbeitstagen den Rückzug in sein Refugium? Oder ist er eher in der Computer- und Zahlenwelt tätig?

Die Wohnung hat etwas Zeitloses, eine gewisse Strenge und dennoch viel Wärme. Da hat jemand viele verschiedene Facetten in seiner persönlichen Farbpalette.

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Die Eigentumswohnung ist neueren Datums. Den Grundriss entwickelten Architekten, die Bewohner aber wählten Farbigkeit und Materialien der Oberflächen, daher die persönliche Note.

Hier ist der gute Geschmack zu Hause. Bunttöne an den Wänden treffen auf ausgewählte Bodenmaterialien. Im Schlafzimmer bestimmt der Lärchenboden mit der schlammgrünen Wandfarbe die Atmosphäre. Die dezente Farbe der Wand erinnert an japanische Innenräume. Ist da jemand eben aus dem Ausland zurückgekehrt? Die Möbel hingegen sind schweizerischen Ursprungs. Die älteren sind möglicherweise Erbstücke, sie stammen aus dem Alpen- oder Voralpenraum. Vielleicht ist dies ein kleiner Hinweis auf die ursprüngliche Herkunft der Bewohner?

Im Esszimmer steht eine Bibliothek neben einem neuen Esstisch, der wohl meist als Homeoffice dient. An ihm entstehen aber wohl kaum einfach simple E-Mails.

Das Wohnzimmer setzt einen besonderen Farbakzent: Der dunkle Aubergine-Farbton hat Klasse, so angewendet vermittelt die Farbe gleichzeitig Macht und Zurückhaltung – als wohnten hier Herrschaften.

Der Eames-Lounge-Chair mit Ottoman im Wohnzimmer ist ein Klassiker der ­Designgeschichte, seit über fünfzig Jahren aktuell. Ästhetisch sind in dieser Wohnung ausschliesslich gesicherte Werte zu finden, modische Ausflüge kommen nicht vor. Möglich, dass das dem kultivierten Bewohner dieser Räume entspricht – vermutlich einem gut erhaltenen Mann.

Jörg Boner


Katrin Trautwein, Chemikerin

«In einer Wohnung mit rein weissen Wänden zu sitzen wäre für mich unmöglich, da brauchte ich eine Sonnenbrille. Die Natur kennt keine reinen Farben. Erst das Ergraute verleiht Farben Harmonie, eine wohltuende natürliche Wirkung.

Farben im Wohnraum oder an Fassaden müssen ergraut sein. Kreischendes Rot, grelles Blau – entsetzlich. Leider ist das Wissen über den Umgang mit Farben mit dem Niedergang des Handwerks verloren gegangen. Farben sind eine grosse Unbekannte, und so sieht denn auch unsere Umgebung aus: knallbunte Fassaden, ausgesucht an einem kleinen Farbmuster oder am Computer.

In meiner Wohnung gibt es kein Weiss, die Decken haben Schlammtöne, das Schlafzimmer ist in Champagner gehalten, und im Wohnzimmer tüftelten wir sehr lange an diesem Aubergine. Farben zu kreieren ist mein Beruf. Man geht dabei vor wie bei der Zubereitung eines Menus. Wir achten darauf, dass die Speisekarte immer ausgewogen bleibt. Wie beim Kochen tüftelt man so lange an der Optimierung eines Rezepts, bis alle Gäste zufrieden sind. Wussten Sie, dass Beinschwarz das schwärzeste Schwarz schafft? Und mischt man Ultramarin mit Krapplack – einer Färberpflanze, deren Wurzeln roten Farbstoff enthalten –, ergibt das faszinierend schöne Violetttöne.

Weshalb ich bei so viel Leidenschaft zur Farbe Chemikerin wurde? Wenn ein künstlerischer Beruf in Frage gekommen wäre, dann hätte es die Musik sein müssen. Meine beiden Schwestern sind Profimusikerinnen. Als Kind spielte ich jahrelang Piano und Cello. Über zehn Jahre lang übte ich bis zu dreieinhalb Stunden täglich. Meine Eltern haben es bei mir übertrieben. Heute höre ich lieber Musik. Das Cello steht kaputt im Keller. Ein Klavier sollte ich bald wieder bekommen. Klavier ist lange nicht so frustrierend, weil man die Töne immer erwischt. Beim Cello aber lassen Kraft und Koordination nach, wenn man lange nicht übt.

Ich wuchs in den Südstaaten, in Alabama, auf. Meine Eltern kommen aus Stuttgart. In den 1980er Jahren waren in Alabama die ganzen Raketenwissenschafter daheim. Wir lebten dort in einer streng konservativen, aber hochgebildeten deutschen Gemeinde. Platz gab es genügend. Draussen wie drinnen. Ein Kleiderschrank war so gross wie hier mein Gästezimmer. Mit 23 Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück, um mein Diplom zu machen, später doktorierte ich an der ETH, so landete ich in der Schweiz.

Meine Firma ist in Uster. Zuerst hatte ich dort nur eine Mietwohnung. Sie war teuer, weil Hundehalter nur teure Wohnungen finden, ausserdem war der Fussboden in einem scheusslichen Gelb. Vor drei Jahren wurde dann diese Überbauung fertiggestellt. Wo einst ein Baugeschäft stand, gibt es heute fünfzig Wohnungen.

Mein Hund? Der wartet im Geschäft auf mich. Benji ist ein 50-Kilo-Mischling. Ein Pascha, verwöhnt, eifersüchtig, stolz, ein wunderschönes Vieh. Ich habe ihn aus dem Tierheim. Bereits am dritten Tag hat er sich entschieden, kein normales Hundefutter mehr zu fressen, sondern verwöhnt werden zu wollen. So soll es denn sein. Die eine Sofahälfte gehört ihm, im Schlafzimmer hat er seine Hundedecke neben meinem Bett. Wäre heute früh nicht meine Putzfrau hier gewesen, wäre der Boden voller Benji-Haare. Die Wohnlage ist für uns beide ideal. Ich bin rasch im Geschäft und mit Benji in ­wenigen Minuten am Greifensee. Mein Wunsch allerdings wäre ein altes Bauernhäuschen mit knarrenden Böden.

Abends komme ich so gegen sieben Uhr nach Hause. Dann arbeite ich an meinem Buch oder lerne für die Uni. Letzten Herbst habe ich ein Fernstudium in Philosophie in Kalifornien begonnen. Ich entschied mich dafür, weil ich mit zunehmendem Alter mit der Begrenztheit des naturwissenschaftlichen Wissens nicht mehr klarkam. Heute Abend wären wieder die Hausaufgaben fällig. Ich werde sie aber auf morgen verschieben, da heute noch Gäste aus Schweden kommen. Es gibt Handspätzle mit Gulasch und Tomaten-Mozzarella-Salat. Kochen hat für mich einen meditativen, sinnlichen, schöpferischen Charakter.

Einen Fernseher habe ich nicht. Ich lese lieber. Meine Bilder habe ich aus dem Brockenhaus. Ich kaufe, was mir gefällt, nicht weil es wertvoll ist. Mein einziger Luxus ist Zeit. Ich versuche, extra wenig zu schlafen, um mir so noch ein paar Lebensstunden mehr zu stehlen.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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