SEIT DEM ZUSAMMENBRUCH des Ostblocks haben immer neue Schreckensmeldungen bestätigt, was bereits die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl angekündigt hatte. Die Kerntechnologie, jene Spitzentechnologie, deren Entwicklung den Sowjets ihre Rolle als Supermacht überhaupt erst ermöglichte und auf die sie verständlicherweise stolz waren, hat unter der strikten Geheimhaltung einer rücksichtslosen Diktatur enorme Opfer gefordert. Schlampiger Betrieb in Kernkraftwerken, geheimgehaltene Unfälle bei der militärischen und zivilen Anwendung, fehlende Vorsichtsmassnahmen in Testgeländen, die Mensch und Natur schädigten, atomare Umweltverseuchungen durch unsachgemässe «Beseitigung» von radioaktivem Müll neben anderen nuklearen Altlasten und schliesslich eine zynische Haltung gegenüber einer unwissenden und jahrelang belogenen Bevölkerung kommen seit dem Auseinanderbrechen der Herrschaftsstrukturen sukzessive ans Tageslicht. Noch immer sind gesicherte Informationen jedoch schwer zu erhalten. Das wirkliche Ausmass der menschlichen und ökologischen Schäden und der noch aktuellen Bedrohung ist vorläufig kaum abzuschätzen. Offensichtlich geworden ist jedoch, wie gefährlich die Kerntechnologie in den Händen eines diktatorischen Regimes und auch in einer zerfallenden Gesellschaft ist.
Offensichtlich ist seit Tschernobyl zudem, dass die Auswirkungen der Kerntechnologie auch im zivilen Bereich global sind, sowohl was die radioaktive Belastung als auch was die politischen Konsequenzen betrifft. Die Verhinderung von Kernkraftwerkunfällen im einstigen Ostblock ist von vitalem Interesse - auch für die westliche Kernenergie. Das Problem hat jedoch viele Dimensionen und Facetten.
Dass die östlichen Reaktoren gemäss dem neuesten Wissensstand mehr oder weniger grosse Sicherheitsdefizite aufweisen, bestreitet niemand mehr. Die Frage allerdings ist, ob diese in einem für den Weiterbetrieb tolerierbaren Rahmen liegen und sich mit vernünftigem Aufwand beheben lassen. Denn auch im Westen haben nicht alle Kernkraftwerke dasselbe Sicherheitsniveau, waren und sind Nachrüstungen notwendig. Was die verbreitetsten Typen der beiden grossen sowjetischen Kernkraftwerklinien betrifft - daneben existieren noch andere Reaktoren, von denen man selten spricht, und auch der Brennstoffkreislauf ist ein Problem -, unterscheidet man heute grob vier Gruppen. Im Vordergrund der Diskussion steht der RBMK- oder Tschernobyl-Reaktor, der im Westen gemeinhin als besonders risikobehaftet gilt. Zurzeit laufen elf RBMK-Blöcke zu 1000 Megawatt Leistung in Russland und zwei in der Ukraine. In Litauen sind zwei weitere mit je 1500 Megawatt Leistung am Netz.
Von den Kernkraftwerkgegnern als Schrottreaktoren bezeichnet wird aber auch die erste Generation der WWER-Reaktoren. Zehn dieser 440-Megawatt-Anlagen stehen in Betrieb. Vier davon befinden sich im bulgarischen Kozloduj, zwei weitere in Bohunice in der Slowakei; die restlichen in Russland (Kola und Nowoworonesch). Diese WWER-230-Reaktoren, die in den siebziger und frühen achtziger Jahren die Stromproduktion aufnahmen, stellen die erste grössere Generation der sowjetischen Druckwasserlinie dar, die konzeptionell westlichen Druckwasserreaktoren ähnlich ist. Ihre Sicherheitsprobleme sind daher für westliche Experten leichter zu beurteilen als jene des RBMK. Sowohl der deutsche Umweltminister Klaus Töpfer, der seit 1990 auch für die Reaktorsicherheit der inzwischen abgeschalteten WWER-Anlagen der ehemaligen DDR zuständig ist, als auch die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) kamen zum Schluss, dass der WWER-230 schwerwiegende Sicherheitsdefizite aufweise. Dies, obwohl er gegenüber westlichen Druckwasserreaktoren sogar gewisse Vorteile hat. Nicht nur fehlt jedoch ein Containment (Sicherheitsbehälter), auch die Sicherheitssysteme sind störanfällig, die Notkühlkapazität ist zu gering, Brandschutz, Instrumentierung und Steuerung sind ungenügend. Zwar hatten die Sowjets selber nach Tschernobyl mit Nachrüstungen begonnen, doch die IAEO hält in einem Bericht fest, dass sofortige Korrekturmassnahmen unerlässlich seien. Ob die Reaktoren überhaupt auf westliches Sicherheitsniveau gebracht werden können, ist ungewiss.
Bereits als «wesentlich verbessert» gilt für die IAEO die Folgegeneration WWER-213 derselben Leistung, die vorab in der ersten Hälfte der achtziger Jahre fertiggestellt wurde. Heute sind zwei Einheiten im russischen Kola, zwei in der Ukraine (Rowno), vier in Tschechien (Dukovany), zwei in der Slowakei (Bohunice) und vier in Ungarn (Paks) in Betrieb; zwei ähnliche Anlagen laufen in Finnland. Die Notkühlkapazität ist genügend, und vorhanden ist auch eine Art von Containment, das allerdings nicht gegen äussere Einwirkungen wie Flugzeugabsturz, Erdbeben usw. schützt. Technisch erscheinen sie nachrüstungsfähig, fraglich ist jedoch, ob dies im Einzelfall wirtschaftlich sinnvoll ist. Die Werke dürften vom Konzept her ähnlich sicher sein wie etwa das Kernkraftwerk Beznau vor der Nachrüstung.
Nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich machbar ist gemäss internationalen Studien dagegen eine westlichen Ansprüchen genügende Nachrüstung der dritten WWER-Generation, eines 1000-Megawatt-Reaktors mit dem Namen WWER-320, der ab den achtziger Jahren dem Betrieb übergeben wurde. Er ist mit einem vollen Containment versehen, das jedoch nicht in vollem Umfang auf Flugzeugabstürze ausgelegt ist. Modernere Leitsysteme und weitere Verbesserungen scheinen erforderlich. Sieben Blöcke stehen in Russland (Balakowo, Kalinin, Nowoworonesch), zehn in der Ukraine (Chmelnizki, Rowno, Saporoschje, Südukraine) und zwei in Bulgarien (Kozloduj).
Ausschlaggebend für die Sicherheit ist jedoch nicht allein das Konzept der Anlage, entscheidend ist auch die «Sicherheitskultur». Gemeint sind damit die Instandhaltung und Wartung der Anlage, die Motivation, Disziplin und Ausbildung der Betriebsmannschaft. Sie wurden im Osten zum Teil stark vernachlässigt. Das hat bei gleichen Anlagen zu ganz unterschiedlichen Gefährdungen geführt. Als besonders dramatisch wurden die Zustände im bulgarischen Kozloduj geschildert; Kozloduj figuriert daher zuoberst auf der Prioritätenliste für Hilfsaktionen. Wichtig für die nukleare Sicherheit ist sodann eine unabhängige und kompetente Sicherheitsbehörde. Hier stehen vor allem Litauen und die Ukraine - bis vor kurzem ganz von Moskau abhängig - vor Problemen.
Abschalten statt nachrüsten wird im Westen besonders bei den RBMK-Reaktoren und der ersten WWER-Generation gefordert: Statt mit westlicher Hilfe den Weiterbetrieb von nuklearen Zeitbomben zu legitimieren, sollte in die Modernisierung der industriellen Produktion und des Energieeinsatzes in privaten, kommerziellen und öffentlichen Bauten überhaupt investiert werden. Das würde die durch die tiefen Energiepreise im Osten verursachte Energieverschwendung und damit den Energiebedarf stark reduzieren, heisst es. So könnte auf diesen Nuklearstrom verzichtet werden. Es sind heute nicht allein grüne Experten, die die Notwendigkeit höherer Energiepreise und die Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung in den Vordergrund stellen - selbst im Umwelt-Aktionsprogramm für Mittel- und Osteuropa, das unter dem Präsidium der EG vornehmlich von der Weltbank erarbeitet wurde, findet sich der Hinweis, dass auch im Nuklearbereich genau abzuklären sei, wo Investitionen am meisten Nutzen bringen; der durch die Wirtschaftskrise bedingte Rückgang beim Energieverbrauch sollte für eine neue Energiepolitik genutzt werden. Bereits zuvor hatte ein Weltbankexperte den Ersatz der nuklearen durch fossile Kraftwerke im Interesse der Sicherheit zur Diskussion gestellt.
Im Osten allerdings hat man ganz andere Sorgen. Litauen zum Beispiel bezieht etwa 60 Prozent seiner Elektrizität aus den beiden RBMK-Blöcken; nur geringfügig kleiner ist in Russland der Anteil der RBMK am Nuklearstrom. Das russische Atomministerium machte denn auch wiederholt deutlich, dass man nicht gedenke, diese Reaktoren vor Ablauf ihrer Lebenszeit abzuschalten. Auch soll an einem rund 11prozentigen Anteil von Nuklearstrom festgehalten werden, was laut russischen Bedarfsschätzungen heisst, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten jährlich eine Nuklearstromleistung von ein bis zwei Tschernobyl-Blöcken ans Netz muss. Die dramatische Wirtschaftssituation drängt hier, wie auch in anderen Oststaaten, Sicherheitsüberlegungen zudem in den Hintergrund. Das zeigt auch das Beispiel von Armenien, wo man erwägt, zwei 1989 abgeschaltete WWER-Reaktoren der ersten Generation wieder in Betrieb zu nehmen. Die Demoralisierung der Menschen ist eine zusätzliche Gefahr für die Sicherheit in den Werken. Russische Atompolitiker lassen im übrigen erkennen, dass sie hinter manchen «gutgemeinten Ratschlägen» vor allem westliche Geschäftstüchtigkeit wittern. Interessiert zeigt man sich an Hardware wie Elektronik, feuerfesten Kabeln und Kommunikationstechnologie. Auch Know-how zur rechnerischen Modellierung des Reaktorverhaltens ist gefragt.
Industrienationen des Westens haben sich inzwischen entschlossen - neben den bilateralen Programmen und der internationalen Hilfe in Form von Studien -, über einen bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung eröffneten Fonds selber Massnahmen zur kurzfristigen Behebung der krassesten Problemfälle zu finanzieren. Nicht, weil man die Kernenergie propagieren wolle, sondern aus der pragmatischen Überlegung heraus, dass erste Anlagen frühestens in drei bis fünf Jahren stillgelegt werden und es im eigenen Interesse sei - so wird argumentiert -, das Risiko bis zur Abschaltung zu reduzieren.
Heidi Blattmann ist als NZZ-Redaktorin auf Energie- und Umweltthemen spezialisiert.