NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Che sah immer am besten aus»

© Niels Walter, Winterthur
Vicente Ramiro González Pérez, Havanna, Kuba. Linktext
Bei Vicente González hat man die Wahl zwischen «Haarschnitt einfach» und «Haarschnitt mit Stil». Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Niels Walter

Vicente Ramiro González Pérez, Havanna, Kuba, 79, ist seit zehn Jahren Witwer. Er hat drei Kinder, lebt mit einer Tochter und zwei Enkeln in einer 4-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss eines Kolonialhauses. Da die Preisgestaltung in den Salons jenseits aller staatlichen Normen liegt, will González nicht sagen, wie viel er pro Monat verdient. Der Durchschnittslohn in Kuba beträgt 22 Franken, Coiffeure verdienen ein Mehrfaches.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Der «Machimbrao» liegt im Trend – an den Seiten kürzer als oben, doch so, dass man den Übergang nicht sieht. Aber meist mache ich mit dem Haarschneider den klassischen Herrenschnitt: gleichmässig kurz – von kahl bis zu ein, zwei oder drei Millimetern Länge.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Schnell und gründlich. Bei mir dauert ein Schnitt höchstens zehn Minuten. Muss ich mit dem Messer den Bart rasieren, dauert es etwas länger. Meine Augen sind nicht mehr so gut, doch die Klinge führe ich so sicher wie vor 55 Jahren.

Warum sind Sie Coiffeur geworden?

Weil meine erste Freundin Coiffeuse war. Als Knabe und Jugendlicher arbeitete ich als Kofferträger, Billettverkäufer, Holzsammler und Schuhputzer .

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Meine damalige Freundin lehrte mich, Frauen zu frisieren. Später spezialisierte ich mich auf Männer, die sind nicht so kompliziert wie die Damen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich will arbeiten, bis ich sterbe. Zu Hause würde es mir sofort langweilig werden. Zudem will ich so viel Geld wie möglich für meine Kinder und Enkel sparen.

Haben Sie viele Stammkunden?

Ja, mehr als die Hälfte sind Stammkunden. Vom Knaben bis zum Grossvater, vom Funktionär bis zum Vagabunden. Bei mir zahlt jeder Kunde, was er kann. Ich schneide allen die Haare, egal ob für zehn Rappen oder einen Franken. Man wird sich immer einig.

Also alles Verhandlungssache?

Eigentlich nicht. Der offizielle, vom Staat festgelegte Preis für einen «Haarschnitt einfach» beträgt vier, für einen «Haarschnitt mit Stil» fünf Rappen. Das ist seit der Revolution, also seit fünfzig Jahren, derselbe Preis. Im Lauf der Jahre hat sich das, wie soll ich sagen, alles ein bisschen verselbständigt. Der inoffizielle Richtpreis ist heute fünfzig Rappen.

Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?

Jener, der nie zufrieden ist. Solche Kunden halte ich mir vom Leib.

Wem würden Sie gerne die Haare schneiden?

Raúl Castros Frisur ist seit je verbesserungswürdig. Die Revolutionäre kamen ja langhaarig und bärtig aus den Bergen. Das passte zu denen. Che sah immer am besten aus.

Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?

Oft. Die Jungen wollen, dass ich ihnen ein Nike-Logo oder sonst ein Markenzeichen rasiere. Solche Moden und Extravaganzen mache ich nicht.

Was gefällt Ihnen an Havanna?

Hier gibt es Theater, Kinos, Cafés, die Uferpromenade Malecón. Es ist die Hauptstadt, die schönste Stadt Kubas.

Aber die meisten Häuser sind zerfallen.

Ja schon. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des sozialistischen Blocks ist Kuba allein auf dieser Welt. Unser Land hat eben nur noch Geld für das Nötigste.

Sie waren schon im kapitalistischen Kuba vor 1959 Coiffeur. War es besser?

Überhaupt nicht. Damals konnte ich mit meinem Lohn kaum leben. Heute verdiene ich zwar nicht besser, aber ich muss auch keine Miete zahlen, nichts für Arzt und Spital, und ein Minimum an Essen ist garantiert. In Kuba kann man leben, ohne zu arbeiten. Wo gibt es das noch auf dieser Welt?

Also lieber Sozialismus als Kapitalismus?

Kürzlich habe ich gelesen: Man muss den Sozialismus nicht abschaffen, man muss ihn verbessern. So denke ich auch. Was der Kapitalismus anrichtet, sehen wir ja zurzeit. In Kuba liegt auch vieles im Argen, doch ist mir das Leben hier immer noch lieber als jenes, das ich bei meinen Brüdern in den USA kennengelernt hatte. Die Hälfte meiner acht Geschwister wanderten aus, sie wollten Geld machen und ein schönes Leben haben. Doch sie sind ständig gestresst, und reich ist keiner geworden. Ich hatte bereits am zweiten Tag Heimweh nach meinem Salon. Hier kann ich den ganzen Tag lang bei der Arbeit schwatzen. Nichts tue ich lieber.

Niels Walter ist freier Journalist; er lebt in Winterthur.

Barbería El Cubanito
Zwei Spiegel, zwei amerikanische Frisierstühle aus den 1930er Jahren, zwei ratternde Ventilatoren aus der ehemaligen Sowjetunion, eine Kommode und ein Besen: Für das Nutzungsrecht des Salons muss González täglich 1 Franken 20 an den Staat abliefern. 

Preis pro Haarschnitt
Offiziell 4 Rappen für einen «einfachen», 5 Rappen für einen Schnitt «mit Stil», tatsächlich zahlen die Kunden etwa 50 Rappen.

Kuba
Einwohner: 11,3 Millionen
BIP pro Kopf: 4200 Fr.
Milch: 1 Liter 2.90 Fr.
Brot: 1 kg 1 Fr.
Kinobillett: 0.10 Fr.
Zigaretten: 0.70 Fr.
Taxi: 10 km 7.20 Fr.

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