Das meiste auf Erden findet wortlos statt – Vulkanausbrüche beispielsweise, Wirbelstürme, Lawinenstürze und die Balzrufe des Haussperlings. Zum Ausgleich hat der Mensch Wörter und Sätze ersonnen, bei denen, umgekehrt, nichts stattfindet: Sie besagen nichts, sie bewirken nichts, und oft sind sie derart selbstverständlich, dass man mit dem Nicken gar nicht nachkommt. So zum Beispiel: «Die moderne Gesellschaft ist eine Tatsache: Wir leben im 21. Jahrhundert …», verkündet die FDP in ihrer Wahlplattform. Oder: «Das menschliche Gesicht trägt zur persönlichen Erscheinung bei» (eine treffende Beobachtung des Schweizerischen Kunstaugen-Instituts).
«Binsenweisheit» nennen wir dergleichen, und wer eine solche nie zu Papier bringt, hat sich um seine Mitmenschen verdient gemacht. «Als eines der führenden Unternehmen der Welt», proklamiert die BP, «tragen wir eine Verantwortung, hohe Massstäbe zu setzen, um ein Unternehmen zu sein und als solches angesehen zu werden» (erstaunlich!), «das sich der Integrität verpflichtet hat.» Aha: Ist der Binse doch noch eine Art Aussage gefolgt? Der Integrität verpflichtet – der Makellosigkeit also, laut Duden, Unbestechlichkeit, der Unbescholtenheit?
Wir rätseln noch, was da gemeint sein könnte, aber die BP fährt fort: «In einem komplexen globalen wirtschaftspolitischen Umfeld wie dem unseren» (schon fühlen wir uns angeheimelt) «ist dies nicht immer einfach. Unser Verhaltenskodex ist ausgelegt, um uns dabei zu helfen, den uns selbst gesetzten Massstäben gerecht zu werden.» Den von uns selbst gesetzten, müsste es wohl heissen, aber das ist nicht das Problem – sondern: Wer hilft hier wem, wer setzt hier was? Unser Kodex soll uns helfen, unseren Massstäben zu genügen? Soll vielleicht mein Plan ihm helfen, sich durch mich ausgeführt zu sehen?
Es geht noch weiter: «Unser Verhaltenskodex ist der Eckstein unserer Verpflichtung zur Integrität.» Kodizes als Ecksteine der Unbescholtenheit! Das soll der BP mal einer nachmachen. Während die Binsenweisheit eine Tatsachenbehauptung aufstellt, die zwar überflüssig, aber immerhin überprüfbar ist, tritt hier die Sprache ihren eigentlichen Höhenflug an: den ins Nichts. Die 72 Wörter der BP enthalten die Aussage null. Schreibzeit, Druckzeit, Lesezeit, Papier – alles vergeudet.
Haben sie wenigstens beim Schweizerischen Ausbildungszentrum für Werbung, Marketing und Kommunikation etwas zu sagen, wie der Name es verspricht? «Das SAWI pflegt eine Kultur des Miteinanders», schreiben sie (die Leute sollen also nett zueinander sein), «und hat ein hohes Engagement in der sozialethischen Verantwortung.» Verantwortung wofür? Für wen? Was tut man, wenn man sich in der sozialethischen Verantwortung engagiert: Trinkt man ein Bier zusammen – oder wollte man nur ein Übersoll an Einschüchterungsprosa erfüllen und fühlt sich mit Hilfe der pompösen Wörter jeglichen Tuns enthoben?
Vielleicht hat ja die Post den Ehrgeiz, in Wörtern etwas mitzuteilen. «Im integralen Tarifverbund der Ostschweizer Kantone», lässt sie uns wissen, «engagiert sich PostAuto für die unternehmensübergreifende Kooperation.» Engagement allerorten, statt Integrität nun «integral», ein Ganzes ausmachend: der nützliche Hinweis also, dass dieser Verbund, anders offenbar als alle anderen Verbünde, ein Ganzes ist, und wenn in ihm Kooperation herrscht (sonst wäre es ja keiner), so auch noch «unternehmensübergreifend» (wer hätte das gedacht).
Aber doch, die Post wird konkret! Freilich wiederum in einer Form, von der Ulrich Zwingli ebenso übel geworden wäre wie Friedrich Dürrenmatt, ja vermutlich sogar dem Schreiber selber, wenn er sich ihrer am Frühstückstisch hätte bedienen müssen: «Das neue Verkehrskonzept führte vor allem in den Bahnknotenpunkten zu Taktverdichtungen und zum Ausbau der Randstundenangebote.» Wie man so spricht in der Küche. Die Balzrufe des Haussperlings kenne ich nicht – aber ich riskiere die Wette: Sie klingen angenehmer.