NZZ Folio 03/00 - Thema: Mode   Inhaltsverzeichnis

Kochbuchklassiker -- Aus Wehrmanns Küche

Von Leonardo La Rosa

DIE MILITÄRHISTORIKER sind sich weitgehend uneins, was letztlich über Sieg und Niederlage in der Schlacht entscheidet. Aber auch da dürfte das Essen eine wichtigere Rolle spielen, als gemeinhin angenommen wird. So ist es wohl kein Zufall, dass die Engländer die Leibgarde der Königin «Beefeaters», Rindfleischesser, nennen. Und hat nicht Tacitus von den Germanen berichtet, sie söffen Blut, bevor sie in den Kampf zögen? Ungeachtet dessen, ob es wirklich hilft oder nur der Placeboeffekt wirkt: die Ernährung ist das A und O der Landesverteidigung, denn ein Soldat, der hungert, taugt höchstens als Kanonenfutter.

Um so erfreulicher ist es, dass die schweizerische Armee, die unterdessen nicht mehr unter dem unmissverständlichen Kürzel EMD, sondern dem etwas vieldeutig säuselnden Namen VBS administriert wird, dieser Erkenntnis voll Rechnung getragen hat und per 1. Januar 1993 unter dem Vermerk «Behelf 60.6 d» ein Handbuch der Kochrezepte herausgegeben hat. Vorbei also die Zeiten, als man einfach den HD Läppli zum Kartoffelschälen abkommandierte und im übrigen davon ausging, dass jeder Trottel «Spatz« kochen könne - was im übrigen aber nicht ganz falsch ist.

Im Tagesbefehl steht heute anständiges Essen, lesen wir als Einleitung der «Kochrezepte« doch: «Eine gute Truppenverpflegung wird im Dienst von allen Beteiligten erwartet. Ihre Bedeutung bezüglich Motivation und Leistungsfähigkeit darf nicht unterschätzt werden. So hängt es nicht zuletzt vom Wollen und Können der Küchenmannschaft ab, dass die Angehörigen der Armee gesund und ausreichend ernährt ihre Aufgaben erfüllen können.»

Vorbei also die Zeiten, als das braunscheckige «Rösli«, nachdem es fast zwanzig Jahre das Milchkontingent brav erfüllt hatte, heroisch in den Dienst der Armee treten und sein Leben im «Pot au feu« beschliessen konnte. Es kriegt heute eine anständige Rente oder wird zu Katzenfutter, während unsere seit zwei Jahrhunderten unbesiegte Armee mit Kaninchenragout, Genfer Schweinsfrikassee und Eglifilets im Backteig bei Kampfkraft gehalten wird. Mögen die Truppenbestände schrumpfen, kulinarisch rüstet die Schweizer Armee gewaltig auf.

Wohlgefüllt wie Bomber im Kampfeinsatz sind die «Fleischvögel Herisauer Art»: Appenzeller Käse, Zwiebeln, Peterli und viel Knoblauch sorgen dafür, dass der Schweizer Soldat gestärkt wird wie einst ein «Beefeater» und glatt bis ans andere Ende der Welt marschieren könnte - vorausgesetzt, er verfängt sich nicht in den Fäden des eigenen Fondues. Dieses wird in seiner «Militaire»-Ausführung mit 17 Kilogramm Gruyère und 5 Kilogramm Emmentaler zubereitet. Anstelle der 11 Liter Weisswein können ebenso viele Liter saurer Most nebst 3 Dezi Zitronensaft zum Einsatz kommen, dazu 20 Knoblauchzehen, 400 Gramm Stärkemehl und ein halber Liter Kirsch.

Vielleicht sind diese Mengenangaben für das alltägliche Gefecht am Herd etwas zu gross geraten, aber den tapferen Soldaten hindert schliesslich nichts daran, die passende Menge auszurechnen. Bei der Zubereitung kann er sich hingegen ganz auf die Mutter aller Volksarmeen verlassen. Abtreten!

«Kochrezepte», Behelf des Oberkriegskommissärs über die Kochrezepte, VBS, Abteilung Heer, Informations- und Dokumentationsdienst, 3000 Bern.


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