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NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Verführer unter sich

Von Gunhild Kübler

Es ist Nacht. Die Bürger einer nördlichen Kleinstadt liegen in tiefem Schlaf. Aber in den Räumen der Villa vor den Toren geht es hoch her. Hier scheint sich ein Schwarm jüngerer Gäste, unter ihnen auch einige Herren aus der besseren Gesellschaft der Stadt, hervorragend zu amüsieren. Es wird teuer getrunken, getanzt und Baccara gespielt, wobei der Hausherr wie gewöhnlich die Bank übernommen hat. Seine Ehefrau, A, eine junge, hübsche Person mit rötlichem, fast lila wirkendem Haar, hat soeben eines ihrer beliebten Lieder vorgetragen und wird nun umringt von applaudierenden Gästen, die eine Zugabe verlangen. Sie lehnt aber ab und zieht sich in ein Nebenzimmer zurück. Gerade ist sie dort in einen Fauteuil gesunken, da geht die Tür auf, und B tritt ein: jung, gross, gut gewachsen, blond, mit blauen, stets etwas herausfordernd blickenden Augen und einem aufgezwirbelten Schnurrbart. Er geht rasch auf A zu, küsst ihr die Hand und sagt galant und tändelnd, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem ernsten Unterton in der Stimme:

B:    Madame . . .

A:    (wenig beeindruckt) Was'chen?

B:    Darf ich offen reden?

A:    Bitte, wenn es nicht zu lange dauert.

B:    Sie sind eine herrliche Künstlerin! Ich kann mich nicht satt hören an Ihren Liedern und nicht satt sehen an Ihnen, besonders, wenn Sie, wie vorhin, mit nackten Füssen tanzen.

A:    Na ja, Sie sind nicht der erste, der mir das sagt. Wer sind sie denn überhaupt?

B:    (sich straffend) Ich bin ein ehemaliger Unteroffizier der französischen Armee. Jetzt bin ich Journalist und schreibe für ein Pariser Blatt die «Echos» zu den mondänen Abendereignissen. Ich verstehe etwas vom Variété, gehe aus und ein in den Folies-Bergère . . .

A:    Und wie kommen Sie unter meine Gäste?

B:    Ich bin hier auf der Durchreise und habe in der Stadt das Gerücht gehört, dass in Ihrem Haus Cancan getanzt und, verzeihen Sie, Orgien gefeiert würden, was natürlich übertrieben ist. Aber Ihre Lieder und Ihre Stimme sind grossartig, Es ist ein Jammer, dass Sie sich in diesem Nest vergraben. Kommen Sie mit mir nach Paris!

A:    Na prost. sie sind einer von denen, die nicht lang fackeln. Jeder, der hier reinkommt, meint, man hat bloss auf ihn gewartet. Neulich hat schon einer mit mir durchgehen wollen, ein älterer Herr, einer mit Zahnlücke und Zuckerkrankheit, na, ich danke.

B:    Madame, ich liebe Sie, seit ich Sie gesehen habe. Lassen Sie mich's sagen. Ich rühre Sie nicht an. Lassen Sie mich nur fünf Minuten zu Ihren Füssen knien und diese drei Worte wiederholen.

A:    Schenken Sie sich Ihre Redensarten! Das Einfachste wäre doch wohl gewesen, Sie wären bei den anderen geblieben und hätten anständig geklatscht. Gehen Sie man wieder weg, da is nischt zu machen.

B:    Hören Sie . . . ich muss Sie sehen . . . und wäre es täglich nur für eine Minute, ich muss Ihre Hand berühren, den Duft Ihres Kleides atmen, die Linien Ihres Körpers betrachten und Ihre schönen Augen, die mich toll machen . . . ich werde vor Ihrer Tür warten.

A:    Nu woll, tun Sie das! Sie werden dort nicht der einzige sein.

B:    Dann sagen Sie mir, wo ich Sie sonst treffen kann . . . auf der Strasse . . . irgendwo . . . zu der Stunde, die Ihnen passt . . . Ich werde Sie begrüssen . . . Ich werde sagen: «Ich liebe Sie», und dann gehe ich wieder.

A:    Er ist zum Schreien! (hat einen Heiterkeitsanfall) - Passen Sie bloss auf, dass mein Mann Sie nicht erwischt! Wenn der eifersüchtig wird, kann er sich schrecklich giften und wird spinneböse.

B:    Warum haben Sie sich einen so alten Mann zum Beschützer gewählt?

A:    Die Jungen hab' ich doch bis hier raus. Was die amüsieren nennen! Davon habe ich doch genug und bin froh, ein wenig Ruhe zu haben, zusammen mit meinem komischen Alten, wenn er auch manchmal was Fürchterliches hat, das mich grausig kitzelt. Aber er befasst sich soviel mit mir wie sonst noch nie im Leben einer, und ausserdem ist er gebildet.

B:    Unterschätzen Sie mich nicht! Ich kenne die richtigen Leute. Ich bin einigermassen vermögend. Ich werde bei den Neuwahlen im Oktober kandidieren, in meiner Heimat in Nordfrankreich, wo ich sehr bekannt bin. Ich habe Aussicht, Chefredaktor zu werden, und wenn ich meinen Namen geschickt trenne, kann ich mich sogar ein bisschen adeln.

A:    Ach nee. Was aus'n Menschen werden kann . . . Ich habe selber ganz unten angefangen und eigentlich bereits erreicht, was ich wollte. Neulich hat ein alter Bekannter gesagt, dass ich die ganze Stadt auf den Kopf stelle und massenhaft Unheil anrichte. Aber: Die Kunst ist, aus dem Pack was rauszuschlagen!

B:    Sie gefallen mir. Nicht bloss als Künstlerin. Ich glaube, wir haben etwas Gemeinsames in Naturell . . .

A:    Meinen Sie? Eigentlich mach'ich das alles bloss meiner kleinen Tochter zuliebe. Wenn ich Mimi wäre - aber für Mimi muss ich verdienen. Dass Mimi mal anders wird als ihre Mama. Ach Gott . . . Nu muss ich aber wieder raus zu meinem Mann und zu meinen Gästen.

In diesem Moment fliegt die Tür auf: der Hausherr steht auf der Schwelle. Schief aus seinen Brillengläsern fällt ein grüner Blick auf das Paar, der Blick des Tyrannen, der schon Generationen von Schülern Angst eingejagt hat. Auch B wird es davon unbehaglich, und er drückt sich mit einer raschen Verbeugung hinaus.

Auflösung Rätsel Folio Nr. 12/91: A ist Georges Duroy aus Guy de Maupassants «Bel ami» (1885); B ist Rosa Fröhlich aus Heinrich Manns «Professor Unrat» (1905).


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