NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Heimweh nach der Zensur

Von Wolf Schneider

VIELE SCHRIFTSTELLER in Ostdeutschland und Osteuropa bekunden, dass sie unter der Freiheit leiden; auch Maler, Kabarettisten und sogar Karnevalsveranstalter trauern den Verboten nach. Denn sie zu überlisten spornte den Geist an und zog den Beifall nach sich. Wer zwischen 1961 und 1989 auf einer Theaterbühne in Ostberlin drei Mauersteine aufeinanderlegte und dann darüberstieg, der provozierte jenen halbunterdrückten Jubel, den in freien Ländern keiner kennt und der selbst den bescheidenen Einfall adelte. Die traurige Wahrheit lautet: Zensur kann das Publikum dankbar und die Künstler fruchtbar machen.

«Ach! Ich kann nicht mehr schreiben, ich kann nicht, denn wir haben keine Zensur! Wie soll ein Mensch ohne Zensur schreiben, der immer unter Zensur gelebt hat? Aller Stil wird aufhören, die ganze Grammatik, die guten Sitten!» Heine rief das 1848, nachdem im Deutschen Bund die Zensur aufgehoben worden war. Seine Lust an der Überspitzung mag daran beteiligt gewesen sein. Aber Kurt Tucholsky schrieb 1919, der Satiriker fühle sich am wohlsten, «wenn ihm ein Zensor nahm, zu sagen, was er leidet. Dann sagt er's doch, und wie er es sagt, ohne es zu sagen - das macht schon einen Hauptteil des Vergnügens aus.»

Ja, so ist das wohl. Der in Deutschland populärste Kabarettist der Nazi-Ära, Werner Finck, bekannte, dass er diese Zeit in gewisser Weise genossen habe. «Nie war die Kunst der geschliffenen politischen Spitze lebensgefährlicher als damals», schrieb er 1982, «niemals aber auch so reizvoll. Deshalb hat mich das Nachdenken über meine Möglichkeiten in einem wahrhaft demokratischen Staat etwas beunruhigt. Denn wenn der schwindelnde Abgrund unter dem Seil, darauf die Worte halsbrecherisch balancieren müssen, abgeschirmt ist durch das Sicherheitsnetz einer liberalen Gesetzgebung: Wird dann einer der vielen noch zuschauen wollen, denen früher das gleichgeschaltete Hasenherz stehenblieb, wenn man die Balance zu verlieren schien?»

Damals, 1934, rief Finck von der Bühne herab zwei mitschreibenden Herren in Ledermänteln leutselig zu: «Kommen Sie mit, oder soll ich mitkommen?» Und nachdem sein Cabaret für ein paar Tage geschlossen worden war, begrüsste er das Publikum mit den Worten: «Gestern war hier zu. Heute ist hier offen. Sind wir heute zu offen, ist morgen wieder zu.»

Mit so moderatem Aufwand so viel Applaus zu ernten war nur möglich, wo der Sprecher und sein Publikum sich als gemeinsame Verschwörer gegen ein Tabu empfanden. Zensur macht den populär, der ihr listig zu trotzen weiss.

Die Zensurbehörde trägt das Ihre dazu bei, dem Künstler Selbstgefühl und Status zu verleihen. Der Dichter Ossip Mandelstam soll, bevor er in Stalins Gulag starb, im Galgenhumor gesprochen haben: «Russland ist das einzige Land, wo man für ein Gedicht erschossen wird.»

Und nun die Freiheit! Sowjetische Protestlyriker mussten erkennen, dass sie ihre Popularität der Unterdrückung verdankten - und dass die Meisterwerke, die sie zu schreiben versprachen, sobald das Wort frei sei, ihnen nicht aus der Feder fliessen wollen. Der Dresdner Maler Eberhard Göschel seufzte 1990: «Die Kunst ist nicht mehr subversiv. Wir waren zeitweise geduldet, wurden aber auch mehrmals bedroht.» Da habe er sich oft gefragt, wann er im Zuchthaus landen werde. «Heute stehe ich am Morgen auf - und es ist nichts.»

Auch entschuldigt die Zensur die schwache Leistung. Als in Österreich 1848 die Zensoren eine Zeitlang arbeitslos geworden waren, liess Nestroy den Zeitungsschreiber Eberhard Ultra seufzen: «Es war halt eine Schöne Sach', wenn einem nichts eing'fallen is und man hat zu die Leut' sagen können: "Ach Gott! Es is schrecklich, sie verbieten einem ja alles.?»

Eine Wirkung der Zensur aber muss man wohl bejahen, wenn auch zähneknirschend: dass sie oft den Schreiber zu Leistungen emportreibt, zu denen ihm sonst der Anstoss gefehlt hätte. Der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller schreibt in seiner Autobiographie, jedes Verbot von einem seiner Stücke habe in ihm die Kraft freigesetzt, das nächste zu schreiben. Über Bert Brecht sagt Müller, fast wäre er ein blosser Erfolgsautor geworden; «aber gottseidank kam Hitler, dann hatte er Zeit für sich».

Das sind kühne Thesen und schreckliche Zusammenhänge. Trösten wir uns mit einer milderen Form des Ansporns durch Zensur: dem Esprit, der ohne sie dem Autor nicht abgefordert worden wäre. Billy Wilder erzählt die Geschichte, wie er, 1933 aus Berlin nach Amerika geflohen, in einem seiner ersten Drehbücher das amerikanische Universalschimpfwort son of a bitch verwendete - irgendwo zwischen «Schuft» und «Rindvieh» angesiedelt, wörtlich aber «Sohn einer Hündin». Da erfuhr er, dass dieser Fluch in Hollywood auf dem Index stand, und so liess er seinen Schauspieler sagen: «Wenn du eine Mutter hättest, würde sie bellen!» Die Zensur hatte eine Gehirnwindung mehr erzwungen, aus dem abgenutzten Schimpfwort ein frisches gemacht, dabei den Grad der Beschimpfung drastisch gesteigert, und die intelligentere Hälfte des Publikums, die List erkennend, brüllte vor Vergnügen.

Ob einer grosse Kunst oder witzige Dialoge liebt, er steht vor dem Problem: Gibt es Möglichkeiten, die Geistesblitze leuchten zu lassen, die die Zensur gezündet hat - ohne dafür die Finsternis in Kauf zu nehmen, die sie zwischen den Blitzen verbreitet? Ein paar gibt es. Darüber mehr beim nächstenmal.




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