NZZ Folio 03/97 - Thema: Die Briten   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Das erzählte Mittagessen

Von Wolf Schneider

WENN SICH auf einer Zeitungsseite die prozesshaften Werkhandlungen mit der kokett ästhetisierenden Bestandsaufnahme des Nächstliegenden treffen und beide in den spannungsvollen Dialog zwischen Fenstersturz und Dachrinne einbezogen werden - dann befinden wir uns im Feuilleton einer anspruchsvollen Zeitung, da, wo die Kritiker der bildenden Künste und der Musik ihrer sauren Arbeit nachgehen, das eigentlich Unaussprechliche dennoch sagbar zu machen.

Das mag ja gelingen - wie es Robert Schneider in «Schlafes Bruder» gelungen ist, die Orgelimprovisationen des vermeintlichen Dorftrottels Johannes Elias Alder in einen Orkan der Worte zu verwandeln, oder Thomas Mann im «Doktor Faustus», den stotternden Schulmeister Wendell Kretzschmar eine Stunde lang erklären zu lassen, warum Beethoven zu seiner Sonate opus 111 keinen dritten Satz geschrieben habe.

Der Kritiker aber soll dergleichen an einem Vormittag leisten, hundertmal im Jahr, im Korsett der Zeilen und Termine! Das Problem soll er lösen, vor dem der spanische Philosoph Ortega y Gasset kapitulierte: «Das Schicksal, unsagbar zu sein, teilt das Höchste mit dem Niedrigsten: Weder Gott noch die Farbe dieses Papiers kann mit Worten beschrieben werden.»

Unerschrocken schreibt der Kritiker zum Beispiel: «In der raumfüllenden Installation <Aufgefangene Augenblicke> (1996) mit Gipsschalen auf Eisenfüssen eröffnet der uneindeutige Hinweis auf die menschliche Gehirnschale ein weites Assoziationsfeld» (Stuttgarter Zeitung).

Solchermassen zum Assoziieren aufgerufen, fragt sich der Leser, wie sich das Uneindeutige zum Zwei- und Vieldeutigen verhalten mag, ja ob ein eindeutiger Hinweis das Assoziationsfeld verengt oder gar eskamotiert haben würde (jener Leser nämlich, wie wir uns ihn als würdigen Partner des Schreibers wünschen müssen). Über Georg Baselitz konnten wir in der Frankfurter Allgemeinen erfahren, er erstrebe «eine Selbstermächtigung der Malerei aus der Negation des Motivs, an das sie gleichwohl obsessiv gebunden bleibt», und unseren Wunschleser hören wir assoziieren: von der Negation besessen, durch Negation zu sich selbst ermächtigt, siebendeutig klar wie Gips!

Da ist es ganz ungerecht, dass das amerikanische Nachrichtenmagazin Time sich über den «pompösen Schwulst» (the turgid hyperbole) der deutschen Kritiker mokierte. Wie sollte man denn anders schreiben über Rudolf Kelterborns Sinfonie IV als die NZZ: «Grundzug des vielgestaltigen Stücks ist ein Adagio-Gestus, Kontrast bildet das hauptsächliche Gestaltungsmittel: Eine weitschweifende, thematische Melodik wird einer dichten, körperhaften Gestik gegenübergestellt, Expansion der Kontraktion, Motorik statischen Flächen, ein heller Klang dunklen Passagen. Metaphorisches scheint auf, und spätestens der resignative Schluss . . .»

Schluss. Es wäre kleinlich zu monieren, dass «resignativ» ein hässliches Modewort für resignierend sei oder dass die Floskel «Metaphorisches scheint auf» Appetit auf jene Metaphern mache, die der Autor kokett im Ungenannten versacken lassen möchte. Doch wie ungerecht! Da liefere einer erst einmal etwas Besseres, in Zeilenvorgaben eingeklemmt, von Paradigmenwechseln heimgesucht, von surrealer Wortmagie umsponnen und bei alldem vor die Aufgabe gestellt, Leser zu sättigen mit einem erzählten Mittagessen!

Natürlich, es hält sich die Behauptung, etwas weniger vom Galaktischen durchwabert liesse sich schon schreiben über Musik und Malerei - falls der Autor sich nur abgewöhnte, mit den Äolsharfen seiner Prosa allein auf Galeristen und Museumsdirektoren zu zielen oder auf die ausübenden Musiker und die Kritikerkollegen. Vielleicht könnte er dann statt zwei Prozent der Leser fünf erreichen und damit Verständnis wecken, Zugang schaffen, statt sich im Elfenbeinturm einzuriegeln. Aber er müsste es wollen.

Vielleicht will das ja nicht einmal unsereiner. Vielleicht würden wir sie vermissen, diese aller Bodenhaftung spottenden Sprachkunstwerke wie im Kölner Stadt-Anzeiger: «In der jüngeren Variante bevorzugt Boulez mit den drei Flöten als Protagonisten ein in seiner unablässigen Dichte dennoch eher monochromes Bild, während in der früheren Gestalt die der Elektronik unterworfene Midi-Flöte in Partnerschaft mit nur wenigen Instrumentalisten subtilste echohafte, ja geheimnisvolle Klangschleier zu weben scheint.» Unser Wunschleser assoziiert: Aus drei Flöten ein monochromes Bild - warum nicht aus drei Bildern ein trunkenes Fagott? (Eben solche Ausschweifungen der Phantasie nennt man ja «assoziieren».)

So wollen wir das. Schliesslich kann man die Schlichtheit in der Sagbarmachung prozesshafter akustischer Sachverhalte auch übertreiben - wie einst der Satiriker Julius Stettenheim, der von 1878 bis 1904 aus Berlin regelmässig über selbsterfundene Kriege berichtete, zum Beispiel so: «Die Kanonen machten bum bum! Nur natürlich viel lauter.» Nein, das ist bar allen Webens, Waberns und Ästhetisierens. Auch wenn es im Informationsgehalt mit manchem wetteifern könnte, was da metaphorisch aufscheint in kokettem Gips.




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