NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Wenn Männer schwanger werden

© Clive Bromhall/Oxford Scientif...
Extremfall: Zwei schwangere männliche Seepferdchen mit Eiern im Brutbeutel. Linktext
Bei einigen Tierarten nehmen die Väter die Mutterrolle ein. Bei den Riesenwasserwanzen trägt das Männchen die Eier, bei den Seepferdchen wird es sogar schwanger.

Von Herbert Cerutti

Eine Elefantenkuh bringt alle vier Jahre ein einziges Junges zur Welt. Ist der kleine Jumbo nach einer Tragzeit von 22 Monaten endlich da, wird er zwei Jahre lang gestillt und schliesslich weitere Jahre bis ins frühe Erwachsenenalter gehätschelt und beschützt. Da eine Elefantenkuh in ihren 30 bis 40 Lebensjahren nur etwa ein halbes Dutzend Junge gebären kann, lohnt es sich, jedes einzelne mit Hingabe zu betreuen.

Bei jenen Tieren, die den Nachwuchs pflegen, scheint die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern klar: Es ist die Mutter, die sich um die Aufzucht der Jungen kümmert. Ihr Interesse daran ist aus einem einfachen Grund grösser als das des Vaters: Sie hat mit der Eierproduktion oder der Schwangerschaft körperlich viel mehr investiert.

Beim Männchen kosten Balz und Kopulation ebenfalls Kraft und Zeit. Der Aufwand für die Produktion der Samenzellen aber ist bescheiden. Und während das Weibchen bis zur Eiablage oder in der Schwangerschaft nicht in neue Geschlechtszellen investieren kann, produziert das Männchen fast unbeschränkt Spermien und ist kurz nach einer Kopulation wieder bereit, Vater zu werden.

Ein Männchen kann im Laufe seines Lebens wesentlich mehr Nachkommen zeugen, als eine Artgenossin ausbrüten oder austragen kann. So scheint es nur folgerichtig, dass sich vor allem das Weibchen nach der Geburt um den Nachwuchs kümmert. Und: Die Mutter ist sich sicher, dass sie ihre Fürsorge dem eigenen Kind widmet, während Vaterliebe genetisch allenfalls für die Katz ist, wenn das Weibchen fremdgegangen ist.

Eine solche Rollenverteilung ist zwar häufig, aber keinesfalls die Norm. Je nach Lebensraum und sozialen Gegebenheiten kümmern sich auch Männchen um die Brut oder tragen sogar die Hauptlast der Aufzucht. Im Extremfall der Seepferdchen schiebt das Weibchen dem Männchen die unbefruchteten Eier in den Brutbeutel. Im Männerbauch werden die Eier befruchtet und nisten sich als Embryonen in die Beutelwand ein. Nach tage- bis wochenlanger Schwangerschaft werden die Jungen vom Vater geboren – Geburtswehen inklusive.

Der fürsorgliche Totengräber

Im Reich der Insekten sind es vor allem die Mütter, die den Nachwuchs betreuen. Doch selbst unter Käfern und Wanzen gibt es fürsorgliche Väter. Bei einer amerikanischen Riesenwasserwanze zum Beispiel klebt das Weibchen dem Männchen die befruchteten Eier auf den Rücken. Das Männchen hat keinen leichten Auftrag, denn es muss nun alle paar Minuten unter Wasser tauchen, um das Gelege feucht zu halten – und zur Sauerstoffversorgung der Eier ebenso häufig an Land klettern.

Eine von «Wildtier Schweiz» unlängst veröffentlichte Studie weist für 25 einheimische Insektenarten väterliche Fürsorge nach. So kümmert sich bei manchen Mistkäferarten neben dem Weibchen auch das Männchen um den Nachwuchs. Gemeinsam sammeln sie Kot, formen ihn zu Ballen und bauen damit Bruthöhlen, wo die Larven während Monaten Schutz und Nahrung finden. Beim Totengräber hilft das Männchen mit, eine tote Maus als künftige Kinderstube im Boden zu vergraben.

Warum sich bei einigen Arten die Väter entgegen dem allgemeinen Trend im Tierreich um ihren Nachwuchs kümmern, ist eine noch weitgehend offene Frage. Eine plausible Antwort liefern die Vögel. Bei dieser Tiergruppe ist väterliche Fürsorge die Regel. So kümmern sich bei mehr als 90 Prozent der Vogelarten, die in der Schweiz brüten, sowohl Weibchen wie Männchen um den Nachwuchs. Bei 87 Prozent der Arten füttert der Vater die Küken, bei 32 Prozent beteiligt er sich auch am Brüten.

Bei Habicht, Sperber und Mäusebussard brütet das Weibchen zwar allein, wird aber vom Männchen mit Futter versorgt. Die Schwierigkeit, ein Gelege während längerer Zeit warm zu halten, ohne dabei zu verhungern, sowie die Eier und nachher die hilflosen Küken vor Räubern zu schützen, macht väterliche Mitarbeit fast unumgänglich.

Mit welcher Aufopferung die Männchen und Weibchen der Kaiserpinguine sich im brutalen Winter der Antarktis abwechselnd um Brutgeschäft und Jungenaufzucht kümmern, hat der Dokumentarfilm «Die Reise der Pinguine» gezeigt.

Auch bei unseren Wasservögeln ist der Nutzen väterlichen Verhaltens evident. So lässt sich beim Höckerschwan beobachten, wie dank der intensiven Fürsorge beider Eltern das im Frühjahr geschlüpfte halbe Dutzend junger Schwäne am Ende des Sommers noch immer lebt; der alleinerziehenden Entenmutter bleiben meist nur noch ein, zwei Kinder.

Der Vater sortiert faule Eier aus

Bei den Fischen entwickeln die Weibchen nicht selten Hunderttausende von Eiern, die dann vom Männchen ausserhalb des Mutterleibs befruchtet werden. Ist bei solcher Massenproduktion Brutpflege sinnlos, gibt es doch zahlreiche Fisch­arten, die mit kleineren Eiermengen arbeiten und sich deshalb um die Brut kümmern können. Da bei der äusseren Befruchtung das Männchen mit der Besamung wartet, bis das Weibchen die Eier deponiert hat, bleibt der Vater meist auch als letzter am Balzplatz zurück und muss die Last der Brutfürsorge tragen.

Der in unseren Gewässern heimische Dreistachelige Stichling hat die väterliche Fürsorge zum Grossgeschäft entwickelt. Nachdem das Männchen im lockeren Sand eine Mulde ausgebuddelt und diese mit einem Geflecht aus Pflanzenstengeln überdacht hat, hält es Ausschau nach laichreifen Weibchen. Mit einem seltsamen Zickzacktanz wird das Weibchen bezirzt und mit der Schnauze zum Nesteingang dirigiert. Kaum hat das Weibchen seine paar hundert Eier abgelaicht, besamt das Männchen das Gelege.

Nach der Eiablage macht sich das Weibchen wieder davon. Das Männchen aber ist jetzt drei Wochen lang damit beschäftigt, das Gelege vor Nesträubern zu schützen, frisches Wasser herbeizufächeln, faule Eier auszusortieren und schliesslich die geschlüpften Fischchen in den ersten Lebenstagen am Verlassen des Nestes zu hindern. Damit diese erheblichen Investitionen rentieren, versucht das Stichlingsmännchen mehrere Weibchen hintereinander durch das Nest zu treiben. Was meist gelingt, denn die Weibchen bevorzugen Männchen, die schon Eier im Nest haben und sich deshalb offenbar bereits väterlich bemühen.

Bei Säugetieren ist fürsorgliches Verhalten des Vaters selten, denn die innere Befruchtung bindet die Mutter an die sich entwickelnden Embryonen. Immerhin kennt man acht Spezies – vor allem hundeartige Raubtiere und Nager –, bei denen sich auch die Väter um den Nachwuchs kümmern.

Das Wolfsrudel setzt sich aus einem monogamen Elternpaar und seinen zum Teil erwachsenen Jungen zusammen. Während das Rudel jagt, bleibt der Wolfvater zuweilen am Bau und bewacht die Jungen. Geht der Vater auf die Jagd und bleibt die Mutter am Bau, würgt er nach der Rückkehr Fleisch für die Mutter und für die Welpen hervor. Der Vater spielt auch mit den Jungen und putzt ihnen Fell und Schnauze.

Hausmaus als Hausmann

Dass die Natur in der Verteilung der Geschlechterrollen auch flexibel sein kann, zeigt das Beispiel der Hausmaus. Hausmäuse leben in Gruppen mit mehreren Männchen und Weibchen. Eines der Männchen dominiert, pflanzt sich mit allen Weibchen fort, kümmert sich jedoch nicht um den Nachwuchs.

Wird nun aber ein Mäuserich mit nur einem Weibchen in Gefangenschaft gehalten, wird aus dem Macho plötzlich ein fürsorglicher Vater. Er wärmt die Jungen im Nest und putzt sie. Offenbar merkt er, dass unter diesen Umständen keine anderen Weibchen zu finden sind und es deshalb von Vorteil ist, Zeit und Energie in den bereits vorhandenen Nachwuchs zu investieren.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.