NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Warum es Kampfhunde gibt

Von Herbert Cerutti

DER DEUTSCHE SCHÄFERHUND findet Erdbebenopfer unter den Trümmern, der Appenzeller Sennenhund bringt Kühe auf Trab, der Husky zieht den Schlitten übers Eis, der Labrador führt Blinde durch den Verkehr. Und der Pitbull beisst Kinder tot. Am 26. Juni 2000 sprangen in Hamburg ein Pitbull und ein American Staffordshire über die Mauer eines Schulhofs, stürzten sich auf den sechsjährigen Volkan und zerfleischten das Kind. Die Tiere gehörten einem mehrfach vorbestraften jungen Mann und seiner Freundin.

Der schreckliche Tod des Hamburger Schülers löste in Deutschland eine Welle von Protesten gegen das Halten aggressiver Hunde aus. Im Zentrum der Diskussionen standen die Kampfhunde - Hunderassen, die speziell auf Aggressivität gezüchtet und trainiert werden. Die tödliche Attacke in Hamburg war kein Einzelfall. Schon 1991 hatte ein freilaufender Pitbull in England ein kleines Mädchen mit 25 Bisswunden verstümmelt. Per Gesetz wurden dann in England Import, Handel, Zucht von Kampfhunden verboten.

Nach weiteren Skandalen in Deutschland - Kampfhunde waren in Köln auf einen Rentner, in Krefeld auf Polizisten gehetzt worden - verschärften die einzelnen Bundesländer ihre Hundeverordnungen. Berlin, wo 1999 gegen 200 Menschen von Kampfhunden angefallen worden waren, taxierte im Juli 2000 die fünf Rassen Pitbull, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier, Bullterrier und den japanischen Tosa Inu als besonders gefährlich und stellte sie unter eine amtliche Registrierpflicht.

Solche Tiere dürfen nur im Land bleiben, wenn der Halter nicht vorbestraft ist und er in einer Fachprüfung die Fähigkeit als Hundehalter sowie die Ungefährlichkeit seines Tieres nachgewiesen hat. Und für sämtliche Kampfhunde - ausser den erwähnten Rassen noch sieben weitere wie Mastiff, Bordeauxdogge, Fila Brasileiro, Mastino Napoletano - gilt Leinen- und Maulkorbzwang. Etliche Kampfhundbesitzer entzogen sich dem Verdikt, indem sie ihre Tiere aussetzten, was die Tierheime mit Hunderten von herrenlosen Kampfhunden überschwemmte. Andere töteten die Viecher oder schickten sie ins Exil.

Auch in der Schweiz sind aggressive Hunde ein Problem. Basel-Stadt führte Anfang 2001 eine Bewilligungspflicht für acht «potentiell gefährliche» Hunderassen ein, wobei neben eigentlichen Kampfhunden auch Dobermann und Rottweiler auf der Liste stehen. Die Behörden stützen ihren Entscheid auf die Statistik, welche den acht Hunderassen 41 Prozent aller Zwischenfälle anlastet, obschon sie nur 3,5 Prozent der baselstädtischen Hundepopulation ausmachen.

Und Zürich? Hier sorgten unlängst der Fall eines Mädchens für Aufregung, dem ein Rottweiler schwere Bisswunden zufügte, sowie der Tod einer Frau, die aus Angst vor einem Hund in die Limmat sprang und ertrank. Die Kantonsregierung lehnte jedoch im Januar 2001 eine Verschärfung des Gesetzes ab mit der Begründung, die Gefährlichkeit von Hunden könne nicht generell gewissen Rassen zugeordnet werden. Immerhin bekam jeder Bürger ein Faltblatt zugeschickt: «Nie wegrennen, nicht schreien, nicht fuchteln und höchstens beruhigend murmeln. Sollte Sie ein Hund trotzdem packen, nicht bewegen und warten, bis er wieder loslässt.»

Bei allem Verständnis für die Meinung, an Unfällen mit Hunden sei fast immer ein schlechter Hundehalter oder das Fehlverhalten der Opfer schuld -, es bleibt die Tatsache, dass es Hunderassen gibt, die auf aggressives Verhalten hin gezüchtet werden. Eine Tradition, die ihre Blüte von 1540 bis 1680 in England hatte: Im 16. Jahrhundert etablierten sich in Southwark, einer Gemeinde, die London gegenüber an der Themse lag, Arenen, wo zum Gaudi von Adel und Volk Hunde auf gefesselte Bären und Bullen gehetzt wurden. Was sich damals an der «Bankside» abspielte, schildert Christoph Daigl in seiner Dissertation «All the world is but a bear-baiting. Das englische Hetztheater».

Mit einer Halskette oder mit Seil und Nasenring in der Mitte der Arena angepflockt, hatte der Bär den gleichzeitigen Angriff von bis zu einem halben Dutzend Hunden zu ertragen. Um die Hunde nicht übermässig zu gefährden, wurden nur kleine Braun- und Schwarzbären verwendet, wobei man dem Pelztier zudem Krallen und Reisszähne zog. Ziel der Hatz war, dass sich einer der Hunde an der Schnauze des Bären festbeissen konnte. Dann hebelte das Personal mit Stangen dem Hund die Kiefer auf, und eine neue Meute kam zum Einsatz. Nach etlichen Runden trieb man den blutenden, völlig erschöpften Bären in den Käfig zurück.

Als weiterer Programmpunkt wurde eine Bullenhatz offeriert. Am langen Seil gefesselt, hatte sich das Tier wiederum der Hundeattacken zu erwehren. Hier allerdings hatten die Hunde die schlechteren Karten. Nicht selten gelang es dem Stier, einen der Hunde auf die Hörner zu nehmen und meterweit durch die Luft zu schleudern. Um die fliegenden Hunde vor Sturzverletzungen zu schützen, versuchten die Betreuer, sie mit gepolsterten Stangen abzufangen. Geriet ein Hund unter die Hufe, stampfte der Bulle dem Köter die Eingeweide aus dem Leib.

Wie verlustreich solche Spiele waren, belegen Berichte, wonach bis zu hundert Kampfhunde für eine dreistündige Veranstaltung nötig waren. Für die Hunde ungefährlich waren die Pausenfüller, wo sie kreischende Affen attackieren durften, die festgebunden auf Pferden sassen. Das Hetztheater war im elisabethanischen England eine Unterhaltungsindustrie, mit Zugaben von Tanz, Gesang, Feuerwerk und dem Werfen von Obst ins Publikum. «Bear Garden», das grösste Hetztheater, bestand aus einem mehrstöckigen, runden Holzbau mit offener Arena, mit Zwingern und Stallungen, Büroräumen, Schuppen sowie einer Taverne. Und damit das Geschäft auch seine Ordnung hatte, oblag die Aufsicht einem königlichen «Master of Her/His Majesty's Bears, Bulls and Mastiff Dogs».

Warum sind Hetztheater entstanden? Ein Grund für die Bullenhatz dürfte im Irrglauben gelegen haben, das Fleisch von Stieren sei von Natur aus zäh und ungeniessbar, durch die Raserei bei der Hetze werde es jedoch zart. In der Tat waren die Metzger eng mit dem Hetzbetrieb assoziiert.

Für die Bärenhetze wird dagegen ein Interesse des Adels an Kampfhunden für den Krieg vermutet. So zog der Graf von Essex 1598 mit 12 000 Soldaten und 3000 «mastiff dogs» in den Irland-Feldzug. Der Angriff der Hunde auf den aufrecht stehenden Bären in der Arena galt als ideales Training für das «auf Mann gehen». Und die Attacke auf den Affen zu Pferd war wohl eine Vorbereitung für den Kampf gegen die Kavallerie.

Die Zucht aggressiver Rassen reicht in Europa weit zurück. Schon aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus liegen Berichte über furchtlose Hunde vor, die für die Jagd auf Sauen, Löwen und Auerochsen abgerichtet waren und bereits die für Bulldoggen typischen Falten über den Augenbrauen aufwiesen. Dank der nach oben gestauchten Nase konnte sich der Hund mit den Zähnen besser in seinem Opfer festbeissen und weiterhin frei atmen.

Kampfhunde wurden derart auf Festbeissen getrimmt, dass sie beim Herumwirbeln eher die Zähne verloren als den Biss lockerten. So entwickelten sich die Bären- und Bullenbeisser, Bulldoggen und Bullterrier - die Ahnen heutiger Kampfhundrassen. Unter dem Sammelbegriff «Mastiffs» wurden die englischen Kampfhunde zum Exportartikel.

Das englische Hetztheater ist Geschichte; die Freude am Kampfhund ist geblieben. Warum? Einen aggressiven Hund zu besitzen, bedeutet Macht, bringt Respekt. Und die Angst der Mitmenschen macht dem Hundehalter Spass. Die Beliebtheit von Kampfhunden in dubiosen Kreisen stützt diese Hypothese.

Während in London, Hamburg und Paris die Kampfhunde keine Zukunft haben, lebt im fernen Pakistan das englische Hetztheater als Kolonialimport weiter. Bis ins Detail getreu nach dem Vorbild aus dem 17. Jahrhundert verbeissen sich Pitbulls und Bullterriers in angebundene Bären. Veranstalter der Schaukämpfe sind Grossgrundbesitzer, die mit den Spielen Volk und Beamte bei Laune halten.

Der Schweizer Filmer Mark Rissi hat 1993 das blutige Geschehen dokumentiert und international bekannt gemacht. Dem weltweiten Protest folgte das Versprechen der pakistanischen Regierung, das bereits bestehende Verbot solcher Tierkämpfe künftig durchzusetzen. Im November 2000 konnte die World Society for the Protection of Animals das Weiterleben der Bärenhetzen in der pakistanischen Provinz Punjab nachweisen. Der erneute Protest wurde mit der Versicherung beantwortet, die Regierung in Pakistan werde ihr Möglichstes tun, um dem illegalen Treiben ein Ende zu setzen. 


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