«DER FÜRST IST HEUTE den ganzen Tag beim KGB», sagt Natalia Leonardowna Jakowlewa-Rydzewskaja freundlich. Die Auskunft der Referentin des Vorsitzenden der Russischen Adelsgesellschaft, des Fürsten Andrei Kirillowitsch Golizyn, klingt makaber. Russlands Aristokraten haben nach dem bolschewistischen Umsturz als zur Ausrottung freigegebene Klasse tatsächlich tagelang in den Büros der Dienststellen der Tscheka und später des Komitees für Staatssicherheit gesessen. Und viele sind für Jahrzehnte in den Lagern des Gulag verschwunden.
1994 gehen Sprosse der noblen Familien als freie Menschen beim Geheimdienst ein und aus, denn jetzt wird ihnen Einsicht in die Akten, die eigenen und jene der Vorfahren, gewährt. Nachgeborene durchleben die Demütigungen und Entbehrungen ihrer Grosseltern, ihrer Väter und Mütter, als seien sie ihnen selbst geschehen. Haftbefehle, Verhörprotokolle, Tagebücher, nie beförderte Briefe, Fotografien und oft auch persönliche Effekten finden sich in den umfangreichen Dossiers aufs ordentlichste aufbewahrt.
Manchen offenbaren sich erst heute Ort, Datum und Art des Endes nächster Angehöriger. Anderes wieder, all die Jahrzehnte hindurch vermutet, bleibt im dunkeln, weil edle Familiennamen abgelegt und gegen unverdächtige eingetauscht worden waren. Bestätigt wird in den Dossiers, was Fürsten und Grafen, die die Verbannung überlebt und oft abenteuerliche Wege in die Emigration gefunden hatten, im Westen als Memoiren publizierten. Solch dokumentarische Literatur, illegal ins Sowjetreich eingeführt, las man im Versteckten und mit konspirativer Neugier.
Bei immer mehr zwangssowjetisierten Nachfahren der alten Adelsfamilien erwacht heute das betäubte genetische und historische Gedächtnis. Die individuelle genealogische Suche wird unterstützt von den neu gegründeten Adelsversammlungen. Bei der grössten, jener Moskaus, wirkt der 1933 geborene Maler und Graphiker Andrei Golizyn als Marschall (die alte Rangbezeichnung predvoditel ist wieder in Gebrauch). Abteilungen für Heraldik und Genealogie wurden bereits eingerichtet. Familienarchive und weitere Dokumente sollen gesammelt und - auch für Forschungszwecke - zugänglich gemacht werden. Die erste Nummer des Almanachs der Gesellschaft ist redigiert, für Papier und Druck freilich fehlt das Geld. Schwerpunktthemen sind Geschichte, Stammbaumforschung und Martyrologie der Adelsgeschlechter des russischen Imperiums und seines Nachfolgestaates, der Sowjetunion.
Im bunten Spektrum der politischen Orientierungen, das die Einheitsideologie abgelöst hat, haben auch die Monarchisten Platz. Der Wunsch nach einem starken Herrscher, der - jenseits jeden Parteiengerangels und von höherer Macht legitimiert - die Geschicke des Landes an die Hand nehmen möge, bedient sich nur allzugern einer Nostalgie, welche die imperiale Epoche in rosa Tönen malt. Der allgemeine Tenor «Früher war alles besser» zielt bald auf eine nähere, bald auf eine fernere Vergangenheit. Und wie sich die Hoffnungen jener, die das Ende der Sowjetordnung beklagen, in den wieder lautstark hervortretenden Kommunisten manifestieren, bieten sich die Adelssprosse als Projektionsfiguren für Romantiker des Kaiserreichs an.
Den Adeligen selber liegt die Wiedergeburt einer moralischen, sozial verantwortlichen Elite am Herzen. Der Ehrenkodex der russischen Aristokratie schreibt Bescheidenheit, Wohltätigkeit, Frömmigkeit und Engagement im Dienst der Volksbildung vor. Die bedeutendsten Krankenhäuser Moskaus, Petersburgs, Odessas und vieler weiterer Städte waren ursprünglich Sozialwerke von Adelsfamilien. Gymnasien und Lyzeen waren Früchte eines privaten Mäzenatentums, wie es heute wieder dringend not täte. Doch vorderhand ist der russische Adel selber auf Sponsoren angewiesen.
In einer Zeit, in der sich auch in Russland die Suche nach Identität gerne mit einem Zurück zu den Wurzeln verbindet, bedeutet Zugehörigkeit zur Aristokratie manchem viel, der während Jahrzehnten daran keinen Gedanken verschwendet hatte. Das Aufstöbern hochwohlgeborener Grossonkel und -tanten zweiten und dritten Grades - angeheiratete Bürgerliche männlichen Geschlechts verderben das Spiel - ist zur regelrechten Mode geworden. Nicht bei allen freilich ist die Herkunft so über jeden Zweifel erhaben wie bei den Trubetskoi, den Bobrinski, den Golizyn, den Tolstoi und den Tschawtschawadse. Und ob man auf einem Gut wirklich Titelträger und nicht etwa Leibeigener war, muss der Stammbaum nachweisen; denn die Knechte bekamen oft den Guts- oder Familiennamen der Herren. In den Adern jenes Gagarin, welcher der Adelsgesellschaft in Petersburg vorsitzt, fliesst blaues Blut, während der erste Kosmonaut, Juri Gagarin, als gewöhnlicher Sterblicher die Welt in Aufregung versetzte.
Das alte Übel, das die Adelsgeschlechter bis hinauf zu den Zarendynastien während Jahrhunderten begleitet hat, grassiert auch heute wieder: das Samoswantschestwo oder Usurpatorentum. Gerade in Zeiten der Wirren - und eine solche durchläuft das zerfallene Sowjetreich heute - pflegten sich selbsternannte Zaren dunkler Herkunft des Throns zu bemächtigen. Im Exil wie in der Heimat werden heute nie ganz verstummte Gerüchte um angebliche Nachkommen von angeblich überlebenden Kindern des letzten Zaren wieder laut.
Nachdem neueste Skelettanalysen ergeben haben, dass die Überreste von zweien der fünf Zarenkinder am Ort der Exekution der Zarenfamilie bei Jekaterinburg fehlen, blühen erneut wilde Spekulationen auf. Nicht die Grossfürstin Anastasija Nikolajewna, heisst es in einer Version, soll die Exekution am 16. Juli 1918 überlebt haben, sondern ihre Schwester Marija, die auch einen Sohn zur Welt gebracht und unter fremdem Namen bis Mitte der sechziger Jahre gelebt haben soll. Ebenfalls unter bürgerlichem Namen habe der Zarewitsch und Thronfolger Alexei lange mit der Fehldiagnose Paranoia in einer psychiatrischen Anstalt vegetiert. Seine Hämophilie, mit der er der Familie so viel Kummer bereitete und den Wundermönch Rasputin am Hof hatte unentbehrlich werden lassen, sei er durch den Schock losgeworden. Wie die Kinder der Erschiessung entgingen? In der Verbannung habe man ihnen zwecks Rettung des Familienschmucks ganze Futter aus Edelsteinen in die Kleider eingenäht; daran seien die Kugeln abgeprallt.
Solch mythomanen Geschichten gilt nicht das Hauptinteresse der Russischen Adelsgesellschaft. Sie suchte dokumentarisches Material für eine Ausstellung über das Leben des letzten Romanow zusammen und konnte dieses 1993 anlässlich seines 125. Geburtstages und 75. Todesjahres im prestigeträchtigen zentralen Ausstellungssaal unterhalb des Roten Platzes, in der früheren Manège, zeigen. Wenn es nach dem Adelsmarschall gegangen wäre, hätte 1993 auch das internationale Jahr Nikolaus II. werden sollen - doch die Vereinten Nationen zogen es vor, 1993 zum Jahr der indigenen Völker zu deklarieren.
Nicht nur selbsternannte Romanow-Sprosse spuken wieder vermehrt im Exil wie auch in Russland umher. Auch andere noble Geschlechter werden gern usurpiert: falsche Fürsten, Grafen, Herzoge, Marquise tauchen gehäuft auf. So legte sich ein gewöhnlicher Petersburger den Titel «Baron Ostseiski, Estländischer Herzog und Marquis von Lasari» zu. Und ein Odessaer Bürgerlicher namens Podgajnow beschloss, sich als «Ihre Hoheit Durchlaucht Fürst Argutinski-Dolgoruki» anreden zu lassen. Eine Verwandtschaft mit Juri Dolgoruki, dem Gründer Moskaus aus dem Kiewer Rjurikidengeschlecht, führt weit in die Zeit vor der 381jährigen Romanow-Dynastie zurück. Selbst eine Prozessdrohung der wahren Dolgoruki gegen den Namensdieb habe diesen nicht davon abgehalten, so aufzutreten und einen reichlich verworrenen Stammbaum vorzulegen. Der bei der Moskauer Adelsversammlung für Heraldik zuständige Sergei Alexejewitsch Saposchnikow stellt erbittert fest, dass die Unverfrorenheit der Usurpatoren im Zunehmen begriffen sei. Manche der im «Adels-Boten», dem noch sehr dünnen Blättchen der Gesellschaft, beschriebenen Fälle klingen wie reinste Satire.
Eindeutig als Satire über die Suche nach blauem Blut lesen sich die «Aufzeichnungen eines Provinzlers» von Michail Kurajew. Ein gewisser Gnajenski-Besdnin - für den stammbaumbewussten Adel ist der Doppelname das Erkennungszeichen -, in dessen Gang, Gestik und Aussprache sich die Gewohnheiten ferner Vorfahren niederschlagen, verwickelt einen jungen Mann in ein absurdes Streitgespräch über ererbte und erworbene Eigenschaften und über Rassenmerkmale schlechthin. Die Ausgangsfrage lautet: Wie erklärt man einem Menschen, der niemals eine Katze noch einen Hund gesehen hat, worin sich die beiden unterscheiden? - Ganz einfach: die Katze miaut, der Hund bellt. Die Katze streckt die Krallen aus, der Hund nicht. Der Adelige gibt sich nicht zufrieden: Muss man also warten, bis ein Vierbeiner einem die Pfote gibt, um zu erkennen, ob es sich um eine Katze oder um einen Hund handelt? In einem weiteren Anlauf meint der Prüfling, die Katze habe lange, abstehende Schnauzhaare, der Hund kurze, anliegende. Zudem verenge sich bei der Katze die Pupille zu einem Strich, beim Hund bleibe sie immer rund. - Was aber, wenn einer schlafenden Katze die Schnauzhaare geschnitten wurden? Hält man sie dann für einen Hund?
Die Irrlehre von den erworbenen Eigenschaften, die an die nächste Generation via Erbgut weitergegeben werden, geht den russischen Adligen bis auf den heutigen Tag nach. Trofim Lyssenko, ein ebenso willfähriger wie unbedarfter Biologe der Stalin-Zeit, war vom Diktator dazu erkoren worden, eine Vererbungslehre zu entwerfen, die dem kommunistischen Menschenbild entsprach. Dass vom Individuum innerhalb einer Generation erworbene Eigenschaften via Vererbung an die Kinder weitergegeben werden können, «bewies» er mit Experimenten an Kröten. Warzen, welche den Tieren durch das Einspritzen von Tinte beigebracht worden waren, so gab er vor, fänden sich bei ihren direkten Nachkommen ebenfalls. Auch im sozialen Leben, so meinen heute Vertreter des Adels, sollte endlich mit dem aus den Naturwissenschaften längst verbannten Lyssenko-Schwindel aufgeräumt werden. Dass die Schöpfung einer neuen Elite aus dem Proletariat gescheitert ist, müsse den Zeitgenossen die Augen öffnen für die Bedeutung des Adels.
Offenbar gibt es auch in Moskau Leute, die die aristokratischen Spielregeln nicht gar so ernst nehmen und dadurch den Adel in Verruf bringen. Dem 26jährigen Rocksänger russisch-bulgarischer Herkunft, Filipp Kirkorow, der die fast doppelt so alte Chanteuse Alla Pugatschowa geheiratet hat, sei von der Adelsgesellschaft der Grafentitel verliehen worden, war unlängst zu lesen. Das bestreitet die Gesellschaft aufs entschiedenste: Adelstitel könne nur der Imperator geben, und einen solchen gebe es in Russland zurzeit nicht.
Um selbsternannte Aristokraten fernzuhalten, haben die neu gegründeten Adelsgesellschaften strenge Aufnahmekriterien formuliert. Im November 1992 fand der erste Allrussische Adelskongress in Moskau statt, der sich nach dem Vorbild der Versammlung der Adelsgesellschaften der verschiedenen Gouvernements des Zarenreichs konstituierte. Gemäss den Statuten müssen Kandidatinnen und Kandidaten Geburts- und Heiratsurkunden der noblen Vorfahren sowie einen möglichst lückenlosen Stammbaum beibringen. Nicht nur Kirchen- und Familienarchive, auch jene der Staatssicherheit werden deshalb fleissig konsultiert. Sind die Dokumente von der genealogischen Abteilung der Adelsgesellschaft einmal für gut befunden worden, hat sich die interessierte Person einem Gespräch mit der Leitung zu stellen. Nun werden Manieren, Wesensart und Bildungsstand geprüft, wird nach der Motivation, dem erlesenen Klub beizutreten, gefragt. Wer Privilegien erhaschen will oder sich gar Geschäfte verspricht, ist fehl am Platz. Solchen Personen wird sogar bei ordentlichem Stammbaum die Aufnahme verweigert.
Innert knapp dreier Jahre ist allein schon die Dworjanskoje Sobranie, die Adelsgesellschaft Moskaus, von 60 auf 2000 Mitglieder angewachsen. Genau wie religiösen Vereinigungen wurde ihr und ihren paar Dutzend Schwestervereinen, deren Netz sich über die ganze frühere Sowjetunion spannt, der Eintrag ins Register der gesellschaftlich tätigen Organisationen gewährt.
Seit kurzem hat der Klub der Adligen wieder eine würdige Adresse im Arbat-Viertel: der Mitte des 18. Jahrhunderts erstellte Stadtsitz des Fürsten Wjasemski, wo Karamsin als Gast seine «Geschichte des Russischen Imperiums» verfasste und wo bis 1917 die Familie eines der Fürsten Dolgoruki wohnte. Dass der in den Proportionen des Sommersitzes der Romanows in Zarskoje Selo gehaltene Palast noch mehr verunstaltet wurde als die meisten Immobilien aus der Konkursmasse des Sowjetstaates, liegt daran, dass er als Marx-Engels-Museum hatte dienen müssen.
Die Saalfluchten wurden mit Zwischenwänden, Fensterverschlägen und Schaukästen, mit grellen Farbanstrichen und Zitatmontagen zu einem Parcours durch Leben und Werk von Lenins geistigen Vätern degradiert. Und als der Spuk nach siebzig Jahren sein Ende hatte und das Museum geschlossen wurde, fielen Plünderer über das Gebäude her: Parkettböden wurden herausgerissen, Lüster abmontiert - sie zieren nun die Datschen der neureichen Wendehälse, die ihr Kulturdefizit mit Noblem übertünchen.
Mit Privatisierungsminister Tschubais, dessen Amt das Staatseigentum verwaltet, konnte ein Nutzungsvertrag auf 50 Jahre abgeschlossen werden. Die vornehmen Mieter hoffen auf Verbindlichkeit, wohl wissend, dass die Regierung eine herrschaftliche Liegenschaft an bester Zentrumslage problemlos versilbern könnte. Einem Gutsverwalter wurde derweil die Zukunft des Hauses anvertraut. Von lebhafter Phantasie beflügelt, führt Emil Gektorowitsch Kschondzer (aus polnischem Adel, schliesslich gehörten Teile Polens lange Zeit dem russischen Reich an) durch den vampirisierten Bau und lässt Konzertsaal, Billardzimmer, Bibliothek, Speisesäle, Konferenzräume wieder erstehen. Noch klebt die Losung «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» an einer rotgetünchten Wand, doch der Seitenspross der weitverzweigten Radziwill sieht schon die kostbare Tapete vor sich.
Ein Phantast ist er keineswegs. In seinem kleinen Büro im Seitenflügel hängen die Rekonstruktionspläne, ausgeführt von einem deutschen Architekturbüro. Lange habe man nach einem Sponsor gesucht, denn eigene Mitteln fehlen. Wer nicht rechtzeitig emigrierte von den russischen Adeligen, ist durch Enteignung, Verbannung und Berufsverbote verarmt. Schummrige Geschäfte aber, unsauberes «bisness», kommen nicht in Frage. Ausländische Partner, die den Umbau finanzieren, aber den Sitz zum kommerziellen Zentrum - Limousinen-Schauraum statt Konzertsaal - machen wollten, habe man ausgeschlagen. Ein Flügel soll zwar dereinst Büros beherbergen, aber das sollen Anwaltskanzleien und Versicherungen sein, keine Verkaufsstellen, die den Mob zur Produkteschau ins Haus bringen.
Der Partner, mit dem man sich einigen konnte, macht keine Auflagen ausser der einen: Sollte einmal Gewinn erwirtschaftet werden aus der Vermietung von Sälen - «Fourchette» (Gabelfrühstück) inbegriffen - und dem Bürotrakt, so soll er geteilt werden. Natürlich wollte der ausländische Gönner sein Geld nicht ohne jede Sicherheit investieren. Die Suche nach einer Versicherung für politische Risiken führte zu einer renommierten Gesellschaft, die die Deckung übernommen hat auf Grund ihrer Analyse: Der einzige Todfeind des Adels sei der Kommunismus, und der werde garantiert nicht zurückkommen.
Regula Heusser-Markun ist Redaktorin der NZZ.