Was können wir von Jesus wissen? Wie sehr war er im Judentum verwurzelt? Wie politisch war er? Welche Rolle schrieb er sich selbst zu? Welche Botschaft hatte er? Dies sind bis heute die Grundfragen der historischen Jesusforschung. Als erster hat sie der Aufklärer Hermann Samuel Reimarus gestellt, dessen brisante Thesen 1778 von Gotthold Ephraim Lessing veröffentlicht wurden, zehn Jahre nach Reimarus' Tod. Reimarus unterschied zwischen dem Bild, das sich die Anhänger Jesu von ihm gemacht haben, und der historischen Figur.
Jesus selbst, so Reimarus, habe sich als jüdischer Messias verstanden, als politisch motivierter Königsanwärter, der die Befreiung der Juden von den Römern als Beginn der Königsherrschaft Gottes verkündigt habe. Erst seine Jünger hätten ihn zum Erlöser der Menschen von ihren Sünden gemacht und ihn als Gründer des Christentums dem Judentum entgegengesetzt.
Der Streit um die fünf Grundfragen der Leben-Jesu-Forschung war stets auch ein indirekter Streit um die Legitimität des Christentums. Das zeigt ein kurzer Blick auf die Forschungsgeschichte: David Friedrich Strauss glaubte zwar, die Grundzüge der historischen Gestalt klar erkennen zu können, meinte aber, sie sei von der «absichtslos dichtenden Sage» des Mythos verhüllt. Obwohl er diesen Mythos positiv deutete - als Ausdruck der Idee einer Einheit von Gott und Mensch -, erschütterte seine Schrift «Das Leben Jesu» (1836) Theologie und Kirche.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fing die liberale Theologie diese Erschütterung auf, indem sie die Quellen in einer bis heute überzeugenden Weise einander zuordnete: Sie erkannte im Markusevangelium und einer aus Matthäus und Lukas rekonstruierten Spruchsammlung (für die man die Chiffre «Q» geprägt hat) die beiden ältesten Dokumente, die von Jesus erzählen. Sie hielt diese Quellen im wesentlichen für zuverlässig und entwarf mit ihrer Hilfe ein historisches Bild von Jesus, das dem christlichen Glauben ein solides Fundament und neue Impulse geben sollte.
Diese Zuversicht hielt allerdings nicht lange an: 1901 wies William Wrede nach, dass auch das älteste Evangelium, das Markusevangelium, das etwa 40 Jahre nach Jesu Tod entstanden war, weniger als ein historisch zuverlässiger Bericht gelesen werden sollte, sondern vielmehr als ein urchristliches Konstrukt. Erst auf Grund der Ostererscheinungen nämlich sei Jesus als Messias und Gottessohn verehrt worden, und dieser Glaube werde im Markusevangelium in die Zeit des irdischen Jesus projiziert.
Seine These vom unmessianischen Leben Jesu soll Wrede zwar in einem noch unveröffentlichten Brief widerrufen haben, aber seine Skepsis wirkte nach und wurde seit 1919 durch die sogenannte formgeschichtliche Methode noch verschärft. Diese erkannte, dass die Jesusüberlieferung von den urchristlichen Gemeinden nach ihren Bedürfnissen geformt wurde und nur sekundär Erinnerung an Jesus ist.
Einer der führenden Formgeschichtler, Rudolf Bultmann, verzichtete daher in seiner Theologie auf ein historisch rekonstruierbares Leben Jesu. Er wollte seinen Glauben nicht von den wechselnden Ergebnissen der historischen Jesusforschung abhängig machen. Für den christlichen Glauben sei nicht entscheidend, was Jesus gesagt und getan, sondern was Gott durch Kreuz und Auferweckung getan habe. Das sei Gottes Botschaft an den Menschen. Der historische Jesus gehöre ohnehin ins Judentum. Der christliche Glaube beginne erst mit Ostern.
Bultmanns Schüler gaben sich damit nicht zufrieden. Seit 1953 zogen sie erneut aus, um «mit Spiessen und mit Stangen» den historischen Jesus zu fangen, wie Karl Barth das Unternehmen der sogenannten neuen Frage nach dem historischen Jesus kommentierte. Ihr Argument war: Der Glaube könne mit historischer Jesusforschung zwar nicht begründet werden, dürfe aber auch nicht im Widerspruch zum historischen Jesus stehen. Die Schüler Bultmanns wollten zeigen, dass der christliche Glaube schon vor Ostern beginne und Jesu Wirken als Exodus aus dem Judentum zu verstehen sei. Sie zweifelten an der Authentizität nicht nur alles urchristlich, sondern auch alles jüdisch Geprägten. Jesus wurde im Kontrast zum Judentum wahrgenommen.
Dieses Jesusbild wirkt bis heute nach. Seit 1980 hat sich jedoch - zunächst ausserhalb der deutschsprachigen Theologie - eine Wende vollzogen. Die «dritte Frage» nach dem historischen Jesus wurde gestellt. Mit ihr beschäftigen sich heute neben christlichen auch agnostische und jüdische Forscher. Sie deuten Jesus konsequent als Juden und ordnen ihn in die politischen und sozialen Konflikte seiner Zeit ein. Sie behandeln alle Quellen prinzipiell gleich, mögen sie im neutestamentlichen Kanon stehen oder nicht. Als echt gilt, was im jüdischen Kontext des ersten Jahrhunderts vorstellbar ist und was gleichzeitig die Wirkungsgeschichte der Jesusüberlieferungen im Urchristentum erklären kann.
Wie könnte man heute, nach über 200 Jahren Jesusforschung, die fünf Fragen von Reimarus beantworten?
Was können wir von Jesus wissen? Die Antwort hängt von unserer Einschätzung der Quellenlage ab. Für antike Verhältnisse ist sie gar nicht so schlecht. Wir verfügen über mehrere voneinander unabhängige Quellen: Markus, Q, Sonderüberlieferungen bei Matthäus und Lukas und - je nach Urteil über ihr Verhältnis zu den anderen Evangelien - Teile des Johannes- und des Thomasevangeliums, einer 1946 gefundenen Sammlung von Sprüchen Jesu. Dass sich aus so vielen verschiedenen Quellen ein kohärentes Jesusbild rekonstruieren lässt, widerlegt die radikalen Skeptiker, die bestreiten, dass man über den historischen Jesus überhaupt etwas wissen kann.
Wir besitzen zudem zwei historische Eckdaten, Jesu Taufe durch Johannes den Täufer und seinen Tod am Kreuz. Weder das eine noch das andere Eckdatum kann von den ersten Christen erfunden sein, weil beides sie in Verlegenheit brachte: Ein Jesus, der auf Sündenvergebung durch die Taufe angewiesen war, und ein Jesus, der als Verbrecher am Kreuz endete, war ein Problem für sie. Jesus begann mit einer Hoffnung auf eine baldige Wende der Dinge, wie wir sie beim Täufer finden, und er muss am Ende seines Lebens in einen Konflikt mit den Römern geraten sein, denn die Kreuzigung ist eine römische Todesstrafe.
Zwischen diesen Eckdaten muss sich einordnen lassen, was wir sonst an Berichten über das Leben Jesu haben. Auch davon kann einiges nicht erfunden sein, insofern es von den Urchristen gegen ihre eigenen Interessen überliefert wurde. So leugnet Jesus etwa, dass er «gut ist, weil Gott allein gut ist» (Markus 10, 17); seine Familie hält ihn für verrückt (Markus 3, 21); und seine Gegner werfen ihm ein Teufelsbündnis vor (Markus 3, 22 ff.).
Anhand nichtchristlicher Quellen lässt sich ausserdem auch überprüfen, was die Evangelien von Johannes dem Täufer, Herodes Antipas und Pontius Pilatus sagen. Der Vergleich zeigt: Die Evangelien enthalten eindeutig Texte mit historischem Hintergrund. Dass aber nur die Nachrichten über Johannes, Antipas und Pilatus auf historische Gestalten weisen und die über Jesus nicht, ist äusserst unwahrscheinlich, zumal auch nichtchristliche Quellen (zum Beispiel Tacitus) Jesus erwähnen. Kontrollierbar ist darüber hinaus, was die Evangelien allgemein über das erste Jahrhundert sagen, zumal unser Wissen über Galiläa und Judäa enorm gewachsen ist.
Urchristliche Überzeugungen prägen jedoch besonders in drei Punkten unsere Überlieferungen: erstens, was die Kindheit Jesu angeht; zweitens, was seinen Status als Sohn Gottes angeht; drittens, warum er am Kreuz sterben musste. Aber an vielen Stellen haben urchristliche Bedürfnisse die Überlieferung weniger geprägt, als man erwarten könnte. Nirgendwo wird in den Evangelien die Beschneidung in Frage gestellt, obwohl sie im Urchristentum umstritten war. Nirgendwo werden die «Bischöfe» oder «Presbyter» legitimiert. Nirgendwo autorisiert der irdische Jesus die Heidenmission.
Zusammenfassend können wir also sagen: Die Gestalt Jesu lässt sich historisch gesehen weit besser als «Produkt» der jüdischen Geschichte interpretieren, denn als Produkt urchristlicher Imagination. Und nebenbei bemerkt: Es gibt in der Theologie neben dem Interesse an einem historisch gesicherten Jesusbild ein ebenso starkes Interesse, es in der Schwebe zu lassen, um auf dem Boden der Skepsis dogmatische Christrosen zu züchten. Je konkreter Jesus aus den Überlieferungen hervortritt, um so jüdischer, politischer und undogmatischer wird er. Und das ist manchen Theologen nicht recht. Fragen wir daher weiter.
Wie jüdisch war Jesus? Seine Konflikte um das Sabbatgebot, die Reinheitsgebote und den Tempel sind nach Auffassung der Vertreter der «dritten Frage» nicht Konflikte mit dem Judentum, sondern Konflikte im Judentum. In der Sabbatfrage stand Jesus den Pharisäern näher als den Essenern, war aber noch liberaler als jene: Er akzeptierte nicht nur Lebensrettung als Grund für den Sabbatbruch, sondern auch die Förderung des Wohlergehens, selbst wenn das Leben nicht bedroht war.
Wenn Jesus heute als Jude angesehen wird, ist dies nicht eine Folge schlechten Gewissens nach dem Holocaust, wie manchmal vermutet wird. Denn schon grosse Jesusforscher der Vergangenheit wie Reimarus oder Bultmann ordneten Jesus dem Judentum zu. Aber die Erkenntnis, dass Jesus zwei Religionen angehört, setzt sich erst heute so richtig durch. Er war ein Jude und wurde erst nach seinem Tod zum Gründer des Christentums gemacht. Er wollte nicht der erste Christ sein, sondern der letzte jüdische Prophet.
Wie politisch war Jesus? Die von Reimarus vertretene These, er habe einen Aufstand geplant, um die Römer zu vertreiben, darf als widerlegt gelten. Denn Jesus hat Gewalt abgelehnt. Unpolitisch jedoch war er nicht. Er hat durch symbolische Handlungen - vergleichbar denjenigen der Propheten - gewirkt. Wenn er zwölf Jünger beruft und sie zu «Richtern» über Israel einsetzt, entzieht er allen anderen, die über Israel regieren, Hohepriestern wie Römern, die Legitimation. An ihre Stelle setzt er einfache Menschen, Fischer und Bauern. Wenn er schlechte Geister austreibt, treibt er symbolisch die von Fremden eingeschleppte Unreinheit aus dem Land. Wenn er in Jerusalem zum Passah einzieht, ist das eine Gegendemonstration zum Einzug des Präfekten. Wenn er den Tempelbetrieb stört, stellt er die Herrschaft der Hohepriester in Frage.
Jesus war ein Meister gewaltfreier Symbolpolitik. Daher weckte er bei seinen Anhängern wie bei seinen Gegnern die Vermutung, er sei der Messias. Ob er dies selbst glaubte, können wir nicht klar entscheiden. Er scheint in seinen Jüngern eine Art messianisches Kollektiv gesehen zu haben, hielt sich selbst aber wohl nicht für den Messias. Jedoch hat er sich vor Pilatus nicht eindeutig davon distanziert. Denn er wurde als «König der Juden» (wie der «Messias» von den Römern genannt wurde) hingerichtet. Sicher ist: Jesus wollte nicht seine eigene Herrschaft durchsetzen, sondern diejenige Gottes, der er sich selbst unterordnete. Welche Rolle schrieb sich Jesus selbst zu? Den Hoheitsnamen «Messias» geben ihm in der Überlieferung nur andere Menschen. Der Titel «Sohn Gottes» dagegen wird ihm in den Evangelien von überirdischen Stimmen (von Gott und den Dämonen) verliehen. Hier wird nachösterlicher Glaube in die Texte hineinprojiziert; laut dem Römerbrief (1, 3 f.) wurde Jesus erst nach seiner Auferweckung von den Toten zum Sohn Gottes.
Jesus selbst bezeichnet sich einzig als Menschensohn, und dies scheint ein sehr bescheidener Titel zu sein. Vielleicht hat Jesus den Ausdruck «Menschensohn» zu einem Hoheitsnamen gemacht und ihm die Würde eines messianischen Begriffs gegeben. In jedem Fall hat er sich eine einzigartige Rolle im Drama zwischen Gott und den Menschen zugeschrieben. Der Täufer war für ihn der letzte Prophet an der Schwelle zur Gottesherrschaft. Jesus glaubte, diese Schwelle überschritten zu haben. Er schrieb sich selbst eine grössere Rolle als dem Täufer zu, der ihm als der grösste Mensch der bisherigen Welt galt.
Welche Botschaft hatte Jesus? Heute herrscht Konsens darüber, dass im Zentrum seiner Botschaft die Gottesherrschaft stand. In ihr kam ein radikaler Monotheismus zum Ausdruck. Jeder Monotheismus hat ein Grundproblem: Woher kommt das Böse, das im Widerspruch steht zur Alleinherrschaft eines einzigen und guten Gottes? Jesus verkündigte: Bald wird wirklich nur noch der eine und einzige Gott herrschen, unbeeinträchtigt von den Mächten des Bösen und ohne den Widerstand menschlicher Sünde. Manche seiner Worte bringen gar zum Ausdruck, dass die Macht des Bösen schon besiegt ist. Exorzismen und Wunder waren für ihn der Beweis dafür.
Noch wichtiger ist: Jesu Verkündigung und Handeln verbreiteten die Gewissheit, die Sünde des Menschen könne überwunden werden - durch Umkehr des Menschen und Vergebung Gottes. Auch menschliche Sünde stand der Alleinherrschaft Gottes nicht mehr notwendig im Wege. Gott wendet sich vielmehr dem verlorenen, sündigen Menschen zu, und dieser darf sich neu seinem Mitmenschen zuwenden. Diese Botschaft hat Jesus in wunderbare Gleichnisse gepackt, Perlen der Weltliteratur wie das Gleichnis vom verlorenen Schaf, die Geschichte vom verlorenen Sohn oder vom grossen Abendmahl, das mit den Aussenseitern und ohne die Etablierten stattfindet. Jesus schreibt nicht vor, wie man über Gott zu denken hat, sondern lädt ein, über ihn anders zu denken als bisher. Oft bleibt es uns überlassen, die offenen Gleichnisse weiterzudenken.
Beeindruckend ist das Fehlen konventioneller Moral: Ein ungetreuer Verwalter, der den Gläubigern seines Herrn eigenmächtig die Schulden erlässt, wird gelobt, denn Schuldenerlass und Sündenvergebung sind unbedingt gut. Und Jesus gesellte sich zu Zöllnern und anderen Sündern, was seinen Ruf beschädigte. Der Unterschied zwischen Jesus und Johannes dem Täufer, seinem Lehrer, fiel schon den Zeitgenossen auf: Der Täufer war ein Asket, Jesus aber sah in der Gegenwart eine Freudenzeit des Heils. Der Täufer war der Prophet des unmittelbar bevorstehenden Gerichts, Jesus aber deutete dessen Ausbleiben als Gnadenakt Gottes. Schon die Tatsache, dass die Sonne für alle Menschen auf- und untergeht, für gute wie für böse, war für Jesus ein Zeichen der Gnade Gottes.
Die Verkündigung der Gnade Gottes hatte Jesus mit einer in jüdischer Tradition stehenden Ethik verbunden, in deren Zentrum das doppelte Liebesgebot gegenüber Gott und dem Nächsten stand. Das Gebot der Nächstenliebe wird von Jesus allerdings dreifach erweitert: Er predigt auch die Liebe zum Feind, zum Fremden und zum Sünder. Von seinen unmittelbaren Anhängern, die ihr Haus und ihre Familie verliessen, verlangte er darüber hinaus bedingungslose Gefolgschaft und Verzicht auf ein gesichertes Leben. Mit ihnen zog er als heimatloser Wanderprediger durch Galiläa und praktizierte eine Lebensform am Rande der Gesellschaft.
Als er am Ende seines Lebens nach Jerusalem ging, rechnete er damit, dass sich die Herrschaft des einen und einzigen Gottes durchsetzen werde, und zwar schon in den nächsten Tagen. Das Schicksal anderer Propheten (vor allem des Täufers) vor Augen, konnte er freilich wissen, dass er gefährdet war. Dennoch waren die Jünger nicht auf seine Verhaftung und Hinrichtung vorbereitet. Sie flohen. Auch sie hatten das unmittelbar bevorstehende Hereinbrechen der Gottesherrschaft erwartet.
Als Jesus nach seinem Tod den Jüngern in Visionen erschien, waren sie überzeugt, dass die Gottesherrschaft tatsächlich ausgebrochen sei, und zwar, indem Gott Jesus von den Toten erweckt hatte. Was dem Monotheismus entgegenstand - die bösen Mächte in der Welt und der sündige Mensch -, war für sie durch den Auferstandenen, den sie seit Ostern in ihren Gebeten und Gesängen als Herrscher über alle Mächte im Himmel priesen, überwunden. Jesus rückte für seine Jünger neben Gott, und damit war, wenn vorerst auch nur als jüdische Sondergruppe, das Christentum geboren.