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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Heimelige Höhenflüge
© Heinz Unger
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| Die Wohnzutaten sind währschaft und bodenständig. |
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Bodenständige Dorfmusiker? Eine jodelnde Lehrerfamilie? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt aufgrund der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Hier ist die Zeit stehengeblieben, es ist und bleibt alles so, wie es schon immer war. Man wohnt währschaft und bodenständig, luftig schaukeln höchstens Flugzeuge an der Decke. Erinnerungen an ein langes Leben mit vielerlei heimeligen Wohnzutaten belagern fast jeden Winkel, kaum ein Fleck, der nicht mit Rüschenlämpchen, Deckeli, Kissen und anderem Zierat bestückt ist.
Tell und Armbrust thronen patriotisch über allem, humorige Lebensweisheiten tapezieren die Küche – es wird eine volkstümliche Lebensart gepflegt. Die Fliegerei hat es den Bewohnern angetan, Flieger in Stube und Küche; vielleicht hat der Mann im Haus einst so seine Höhenflüge ins traute Heim geholt, oder er ist gar selber mal durch die Luft kutschiert?
Und musiziert wurde früher einmal im «Bühler-Stübli». Inzwischen sind Handorgel und Trommel Schaustücke in der Stube, vielleicht waren sie ehemals in der Dorfmusik unterwegs. Oder das Stübli war öffentliche Wirtsstube, die ausladende Küchenlampe aus dem «Säli», der halbierte Beizentisch früher an der Wand, da, wo jetzt das Serviertablett hängt?
Sind die Büroecke neben dem Cheminée und die Ordner im Regal Vereinsrelikte, Zeugen einer Betätigung im dörflichen Leben, oder ein Hobbyarchiv?
In diesem Daheim wird ein Leben lang gewohnt, geboren und gestorben, gearbeitet und gefestet, in Räumen mit so viel Patina sind seine Bewohner vermutlich auch schon etwas ergraut. Man ist viel und gern daheim, hat überall gut gepolsterte Sitzgelegenheiten und möchte sich am Feierabend des Lebens weich und gemütlich zurücklehnen, scheint zufrieden mit sich und der Welt, einig wie die Trachtenfamilie. Ein gemeinsames Leben weht durch diese Räume, auch wenn es sich vielleicht nur einer am hälftigen Küchentisch gemütlich macht.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Bei diesem Eigenheim, vermutlich aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, ist man mit dem Raum höchst haushälterisch umgegangen. Selbst der Fotograf hatte Mühe, etwas Perspektive in diese Innenraumbilder zu bringen.
Eng ist es, wie in der Hohlen Gasse, aus der Wilhelm Tell auf dem Gemälde tritt. Vermutlich haben sich schon mehrere Generationen an ihm erfreut. Ebenso, wie das Haus seit Generationen weitergereicht wurde – verschiedene Einrichtungsstile aus unterschiedlichen Zeiten weisen darauf hin: die französische Sitzgruppe im Cheminéezimmer von den Grosseltern, die Stabellen in der Stube von den Eltern und der Küchentisch mit Tschannen-Fuss von den erwachsenen Kindern.
Atmosphärisch schlägt einem reine Schweizer Einfamilienhaus-Gemütlichkeit entgegen. Die Stimmung der Stube mit den typischen Merkmalen wie Eckbank und Couch sowie dem Leinenstoff mit eingewobenem Streifenmuster für Vorhänge, Kissen und Bezüge erinnert an den Landi-Stil aus dem Jahre 1939. Wird hier abends gestickt und musiziert? Jodelt hier eine Lehrerfamilie?
Die Küche hingegen wurde vermutlich in den 1960er, 70er Jahren mit den obligaten orangen Keramikplättli und den Eichenfronten mit Granitabdeckung erneuert. Gekocht wird herzhaft, den Kochlöffel schwingt die Frau des Hauses, derweil der Mann mit einer humoristischen Sprüchesammlung patchworkartig die Oberschränke der Küche verziert. Auch hier ist alles sehr dicht. Weisen die Flugmotive am Fenstergitter, unter der Lampe und an der Pinnwand darauf hin, dass sich der Hausherr anderweitig Luft verschafft?
Stefan Zwicky
Ursula Bühler Hedinger, Fluglehrerin, und Hans Hedinger-Bühler, Rentner
«Ich bin immer meinen Weg gegangen, nie stehengeblieben. Ich war noch keine 18, als ich nach Amerika durchbrannte. In Rotterdam heuerte ich auf einem Frachtschiff als Putzkraft an. Man liess mich auf die Brücke, ich bekam Einblick in die Navigation und lernte im Motorraum die Technik kennen. Diese Reise legte den Grundstein für meine Fliegerei.
Ich machte als erste Frau in der Schweiz den Berufspiloten, den Blindflugpiloten, den Linienpiloten, den Gletscherflugpiloten, den Fluglehrer. Vor der Prüfung zum Blindflug sagte der Experte, ich solle besser lernen, Herrenhemden zu bügeln, als zu fliegen. Er war nicht der Einzige, der so dachte. Als ich 1971 die vier goldenen Streifen auf meiner Kapitänsuniform erhielt, fühlten sich meine männlichen Kollegen degradiert.
Über meinen ersten Fallschirmabsprung erschien ein kleiner Artikel in der Zeitung. Mein Bruder rief mich an und wies mich zurecht. Meine alten, konservativen Tanten sind immer auf meinen Vater los: ‹Du, hast du gehört, was deine Tochter wieder…› Ich denke, er hat die Abenteuerlust der Tochter im Grunde geschätzt, durfte es aber nicht zugeben.
Diese Zürcher Villa ist das Haus meiner Grosseltern, sie kauften es 1913. Meine Mutter starb, als ich 13 war. Mit ihr verlor ich meine Wurzeln. Ich schwänzte die Schule und trampte bis England. In Wales arbeitete ich auf einem Bauernhof. Ich scheue mich nicht vor dreckigen Händen. Gesprochen habe ich nie, mit niemandem. Irgendwann fand mich der Vater und holte mich nach Hause. Rückblickend wird mir klar, was für ein toller Mann er war, er hat nie geschimpft – und ich bin heimgekommen, wieder in die Schule und wieder abgehauen.
Schliesslich hat mich der Vater in eine Laborantenschule gesteckt. Meine Schulbildung ist miserabel. Ich lernte nie, stattdessen machte ich nach der Schule die Autoprüfung, die Motorradprüfung und die Dampfwalzenprüfung. Ich habe die Europabrücke in Zürich gedampfwalzt.
Mit 20 zog ich nach Basel. Dort arbeitete ich am Tropeninstitut und machte meine erste Flugausbildung. Ich steckte jeden Franken, den ich verdiente, in die Ausbildung. Ich habe immer gekrampft, ernährte mich nur von Essensresten, gönnte mir kein Stück Schokolade. Noch heute leben wir sparsam. Ich kaufe abends ein, wenn es billiger ist, und die Kleidung bekomme ich geschenkt.
Ich hatte manch gute Offerte, aber Hans ist mein Mann geworden und es geblieben. 1970 haben wir geheiratet. Er war Flugingenieur bei der Swissair. Wenn ich mit einem Kleinflugzeug über den Atlantik flog, hat er wieder drei Monate nichts von mir gehört. Wir haben uns immer ziehen lassen, gegenseitig nie irgendwelche Eifersüchteleien ausgetragen. Dann kam ein Kind, und ich flog weiter, auch gegen den Willen des Luftamtes. Bis die Berner Ämter etwas entscheiden, haben wir Frauen längst ein Kind zur Welt gebracht.
Beim zweiten Kind wollte man mir das Sorgerecht entziehen, weil es hiess, dass eine arbeitende Linienpilotin keine Kinder erziehen könne. Also habe ich eine Ausbildung zur Montessori-Kindergärtnerin gemacht, bin aber weiterhin geflogen. Die Kinder hatten eine spannende Kindheit. Wir musizierten, reisten mit dem Buch ‹Rössli Hü› um die Welt und mit dem ‹Globi› durch Paris. Bei Vollmond vergruben wir im Garten Schätze. Heute fliegen sie selbst.
Mein Mann und ich zogen vor einem Jahr ins Erdgeschoss. Elf Zimmer waren uns zu viel. Ich bewohne das Zimmer mit dem Hodler, mein Mann ist nebenan, zusammen leben wir in der Küche, und im Stübli sitzen wir, wenn die Kinder zu Besuch kommen. In meinem Zimmer stehen zwei Computer, einer davon ist ein Flugsimulator, da ich auch zu Hause Schüler unterrichte. Morgens muss ich meist früh auf den Flugplatz, ich arbeite, so viel ich kann. Mir genügen vier bis fünf Stunden Schlaf.
Ob ich ein Flugzeug besitze? Nein, Hans hat ein Motorsegelflugzeug. Allerdings fliege ich es nicht gerne, da es mich nervt, wenn er mir vom Boden aus durchgibt, wie ich zu landen habe. Fürs Protokoll: Ich habe 14 000 Flugstunden, er hat 2000. Aber er ist ein Patriarch. So besorge ich auch fast den ganzen Haushalt und die Gartenarbeit. Auch beim Autofahren weiss er alles besser. Wenn ich abends um zehn Uhr nach Hause komme, erwartet er noch ein Nachtessen. Es wäre schön, wenn es anders wäre, aber ich kann ihn nicht ändern.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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