BEIM ERSTEN TAGESLICHT im brasilianischen Regenwald bricht das dunkelbraune Heer von Eciton burchelli zum Feldzug auf. Diese Ameisen sind eine der gut 200 Arten von Treiberameisen, die in den Tropen von Amerika, Afrika und Asien die übrige Fauna in Schrecken versetzen.
Für die Nacht hatten die Tiere unter einem umgestürzten Baum oder in einer Felsspalte ein Biwak gebaut. Ein höchst seltsames Lager: Zum Schlafengehen klammern sich erst einige Tiere an der Decke des Unterschlupfes fest, weitere klettern den Leibern entlang nach unten und haken sich mit den Fussklauen am oberen Tier fest. So entstehen lebendige Ketten und Netze mit immer mehr Schichten von Ameisenkörpern. Schliesslich hängt als meterdicke Kugel ein Riesenvolk von einer halben Million Tieren im Versteck, die schwere Königin und die paar tausend weissen Larven wohlgeschützt im Zentrum.
Wie ein zäher Brei fliesst nun am Morgen die Insektenmasse ins Freie. Ein Amazonenheer, denn das Ameisen volk besteht neben der Königin aus zwei Klassen kleiner und mittelgrosser Arbeiterinnen sowie den bulligen Kriegerinnen mit ihren mächtigen Kiefern. Männchen werden jeweils nur während weniger Wochen in der Trockenzeit produziert, damit sie als fliegende Freier die künftigen Königinnen in den Nachbarstaaten befruchten und so für neue Völker sorgen.
An irgendeiner Stelle am Rand des Leiberteppichs auf dem Urwaldboden bildet sich eine Kolonne, die sich wie ein dickes Seil mit etwa 20 Metern pro Stunde vom Biwak weg ins Gelände schiebt. Unaufhörlich von hinten gedrängt, wird der Stosstrupp länger und länger, wobei sich die flinken Arbeiterinnen laufend in der Führung abwechseln.
Am linken und rechten Rand der Kolonne rücken als Flankenschutz die Kriegerinnen vor. Sie arbeiten auch als Genietrupp, indem sie mit ihren Leibern über Gräben Brücken bauen oder entlang steilen Stellen als Geländer wirken. Und da viele Treiberameisenarten blind sind, legen die Fronttiere mit Hilfe von Drüsen am Hinterleib eine Duftspur.
Vielleicht 30 Meter vom Biwak entfernt geht der Plünderzug zur Angriffsformation über: Die Kolonne fächert sich zur 20 Meter breiten Front auf, der Urwald gerät in Aufruhr. Mit Zirpen, Zischen, Murmeln und Fiepen flieht Gross und Klein vor der räuberischen Walze. So treiben die Ameisen alles Lebende vor sich her. Wer aus irgendeinem Grund nicht fliehen kann, wird von den Kiefern der Treiberameisen gepackt, gestochen und in Stücke gerissen. Dann wird die Beute umgehend von den Futterkolonnen zum Biwak transportiert, entweder mit vereinten Kräften am Stück, oder nachdem sie mit den Kiefern erst zu handlichen Portionen zerteilt worden ist. Aber auch wer fliehen kann, wird nicht selten zum Opfer. Denn dicht über der Ameisenfront flattern Ameisenvögel, spezialisierte Drossel- und Zaunkönigarten, die aufgescheuchte Insekten pflücken.
Die afrikanische Treiberameise Anomma wilverthi bildet Staaten von mehr als 20 Millionen Tieren. Für den amerikanischen Insektenforscher Edward Wilson ist dies «wie ein einziges Tier mit Millionen von Mäulern und Stacheln – die fürchterlichste Erscheinung in der Welt der Insekten».
Treiberameisen können durch ihre Riesenzahl selbst grosse Tiere überwältigen. So wurde ein angebundener Leopard innert Stunden bis aufs Skelett vertilgt; einem vollgefressenen, trägen Python kann das gleiche Schicksal widerfahren. Und die sonst wehrhaften Bienen und Wespen müssen hilflos zusehen, wie ihnen die Treiberameisen die Brut aus den Nestern reissen. Die Ameisen können auch für den Menschen, der unachtsam auf eine Kolonne tritt, zum Horror werden. Dann klettern die Viecher blitzschnell die Hosenbeine hoch bis unter das Hemd und verbeissen sich zu Hunderten in der Haut. Es soll recht komisch sein, zuzusehen, wie sich jemand plötzlich die Kleider vom Leib reisst und wie wild durch die Gegend hüpft. Da sich die Ameisen nicht wegwischen lassen, muss man jede einzeln aus der Haut reissen, was sehr schmerzhaft sein soll.
Das Hirtenvolk der Massai in Ostafrika macht sich die Beisswut der Treiberameisen zunutze: Um Wunden zu «nähen», setzen sie wie mit dem Bostitch eine Reihe von Ameisen mit den Kiefern voran entlang den Wundrändern. Dann drehen sie den festgebissenen Tieren die Leiber ab – zurück bleibt der Kopf mit den Beisskiefern als Wundklammer.
Treiberameisen überfallen zuweilen auch Häuser. Das ist weniger schrecklich, als es tönt. Denn das langsame Vorrücken lässt Menschen und Haustieren genügend Zeit, die Kampfzone zu räumen. Wenn dann nach ein paar Stunden das Heer weitergezogen ist, gibt es im Haus keine einzige Wanze, Spinne, keinen Skorpion und keine Maus mehr. Und aus dem Garten sind sämtliche Engerlinge und Schnecken verschwunden.