Als Benson Koech ein kleiner Junge war, musste er jeden Tag drei Kilometer weit einen steilen grünen Hügel hinaufklettern und dann noch ein gutes Stück weit flaches Gelände überqueren, um vom Bauernhof seiner Eltern zur Schule zu gelangen. Sein Freund Sammy Biwott hatte einen Weg von vier Kilometern - und war meistens zu spät dran. «Ich bin immer gerannt, um es noch rechtzeitig zu schaffen; damals wusste ich nicht, dass das schon Training war.» Inzwischen weiss er das nur zu gut: Die beiden jungen Kenyaner, die heute kurz vor der Matura stehen, gehören zu den schnellsten Läufern ihres Landes. Derzeit bereiten sie sich auf die landesweiten Ausscheidungswettkämpfe für die Olympischen Spiele in Barcelona vor, die Ende Juni und Anfang Juli in Nairobi stattfinden werden.
Die Konkurrenz, gegen die sie dort antreten müssen, ist gross. Das ostafrikanische Land hat einen bereits legendären Ruf als Nation von Mittel- und Langstreckenläufern. Sportler wie Kipchoqe Keino, Henry Rono, Paul Ereng und Peter Rono haben mit Weltrekorden und Olympiasiegen nicht nur auf ihrem eigenen Gebiet Triumphe gefeiert, sondern darüber hinaus die Sehnsüchte einer sportbegeisterten Welt nach Athleten erfüllt, die es ohne fremde Unterstützung, allein durch eigene Leistung, zu Weltruhm bringen. Die kenyanischen Läufer scheinen zu beweisen, dass im sportlichen Wettkampf auch heute noch jeder eine Chance hat und dass der Beste gewinnt - ein Lehrsatz, an den in anderen Disziplinen, angesichts von Dopingskandalen, wissenschaftlich durchgeplanten Trainingszentren und der Professionalisierung von Amateuren, viele nicht mehr so recht zu glauben vermögen.
Die natürliche Umgebung steht Pate, wenn kenyanische Läufer bei internationalen Wettkämpfen auf das Siegerpodest klettern. Stadtkinder sind es nicht, die Sportgeschichte schreiben - Medaillen werden ehemaligen Bauernjungen um den Hals gehängt, die schon von klein auf Ziegen und Kühe täglich viele Kilometer weit über die hügeligen Weiden der Hochebene des ostafrikanischen Grabenbruches getrieben haben. «Laufen ist die natürlichste Übung schlechthin. Die Umgebung hier in mehr als 2000 Meter Höhe ist das beste Trainingsgelände überhaupt», sagt Bruder Colm O'Connell. Er hat Peter Rono, der 1500 Meter in 3 Minuten 35,9 Sekunden lief und damit olympisches Gold errang, bis zu dessen Abflug nach Seoul trainiert. Der irische Lehrer kannte den Athleten schon als Kind: Rono war Schüler des Internats St. Patrick's in der westkenyanischen Kleinstadt Iten, wo Colm O'Connell seit 1976 Erdkunde unterrichtet und dem er seit sechs Jahren als Direktor vorsteht. Dennoch schätzt der Trainer seinen eigenen Anteil am Erfolg seines Schützlings eher gering ein: «Jeder, der Kenyanern erzählen will, wie sie rennen sollen, muss den Verstand verloren haben. Alles, was ich tue, ist, die Sportler in die richtige Richtung zu drehen und ihnen zu sagen: Kommt in einer halben Stunde zurück. Das könnte jeder. Training hier bedeutet vor allem Ermutigung. Den Rest besorgen die Läufer alleine.»
Und das unter Bedingungen, bei denen wohl die meisten europäischen Athleten nur ratlos die Köpfe schütteln würden. Peter Rono hatte Glück gehabt, dass gerade Schulferien waren, als er für die Olympischen Spiele trainieren wollte; so hatte Bruder Colm Zeit für ihn. Der Lehrer betrachtet seine Arbeit als Trainer nur als «Hobby», den Löwenanteil seiner Energie verbraucht die Verwaltung des Internats. Die Schule gehört zu den billigeren Gymnasien in Kenya, wo die Ausbildung der Kinder in vielen Familien mehr als die Hälfte des Einkommens verschlingt. Der Besuch von St. Patrick's kostet im Jahr 6500 kenyanische Schilling, was etwa 325 Schweizerfranken entspricht - eine Sekretärin muss dafür einen Monat, ein Nachtwächter sogar ein halbes Jahr arbeiten. Aber andere Schulen sind noch weit teurer, und St. Patrick's hat einen guten Ruf. Von 1000 Schülern, die sich jedes Jahr bewerben, können nur 80 aufgenommen werden. Dabei ist einem strengen, gesetzlich genau festgelegten Verteilungsschlüssel zu folgen, der sich an Noten des Grundschulzeugnisses und regionaler Herkunft orientiert. Bruder Colm kann nur hoffen, dass unter den Neuankömmlingen jeweils auch einige begabte Sportler sind - Peter Rono war so ein Glücksfall; auch Benson Koech und Sammy Biwott, die allerdings erst noch beweisen müssen, ob in ihnen wirklich das Zeug zum Spitzensportler steckt. Die Zwillinge Charles und Kipkoech Cheruiyot, beide Teilnehmer an olympischen Endläufen und auch jetzt wieder aussichtsreiche Kandidaten für Barcelona, haben in St. Patrick's die Schulbank gedrückt, ebenso wie der derzeit erfolgreichste Marathonläufer der Welt, Abraham Hussein Kipkemoi, der im April gerade zum drittenmal den prestigeträchtigen Lauf von Boston gewonnen hat.
Im Büro von Bruder Colm stehen Dutzende von Pokalen, hängen die Wände voller Urkunden. Nein, das seien keineswegs nur Anerkennungen für sportliche Erfolge. Das Internat habe auch bei landesweiten Schulwettbewerben in geistigen Fächern oftmals vorne gelegen. Wie ist es gekommen, dass die 1961 von einem irischen Orden gegründete Schule so erfolgreich geworden ist? Der Direktor zuckt die Schultern. Eine glatte Erklärung fällt ihm dafür nicht ein: «Inzwischen helfen uns natürlich unser Ruf und unsere Tradition.» Dies aber eher im Hinblick darauf, dass mittlerweile viele gute - auch sportbegeisterte - Lehrer hier unterrichten wollen. Geld hingegen ist noch immer knapp. Eine schuleigene Farm mit Kühen, Schweinen, Schafen und Gemüsebeeten liefert die Mahlzeiten, die in einem grossen Speisesaal eingenommen werden, dessen Wände mit Fotos erfolgreicher «Ehemaliger» geziert sind. In jedem der schmucklosen Schlafsäle stehen etwa 20 eiserne Kajütenbetten. Duschen gibt es nicht. «Wasser ist unser grösstes Problem», berichtet Bruder Colm. «Die Versorgung über ein Leitungssystem in Iten ist vor etwa zwei Jahren zusammengebrochen. Zweimal am Tag bringt jetzt ein Lastwagen etwa 8000 Liter vom Fluss, der zwölf Kilometer entfernt liegt.» Gefiltert wird das Wasser nicht. Ist das nicht ungesund? Bruder Colm lacht. So kann nur jemand fragen, der nie mit geringsten Mitteln wirtschaften musste. Was soll er machen? Ein eigenes Bohrloch für die Schule würde etwa 25 000 Schweizerfranken kosten - die hat er nicht.
Wo kommt dann das Geld her, um Sportler wie Peter Rono zu trainieren? «Geld wofür?» fragt Bruder Colm zurück. «Die Athleten, die ich während der Ferien trainiere, schlafen in den Schlafsälen der Schüler. Sie laufen auf der Strasse und querfeldein. Und zu essen gibt's Maisbrei und Kohl, das kostet nicht viel.» Da über St. Patrick's wiederholt in internationalen Medien berichtet wurde, gehen gelegentlich auch Spenden ein - an diesem Tag gerade der Check einer Schweizerin über 25 Franken. Pro Jahr kommen so rund 500 Dollar zusammen: «Damit lässt sich hier schon eine Menge anfangen.» Sonst gibt es keine Sponsoren, die ihre schützende Hand über die Schule halten, sieht man davon ab, dass einzelne Sportartikelhersteller Turnschuhe kostenlos zur Verfügung stellen.
«Ich will auch nicht in Geldgeschichten verwickelt werden», sagt Bruder Colm. «Wenn man damit erst einmal anfängt, lenkt es einen zu sehr von den Dingen ab, auf die es wirklich ankommt.» Die Spitzenathleten, die bei ihm trainierten, wollten ja gerade dem ganzen Rummel, dem Druck und den Reportern, die in Europa und den USA auf sie lauerten, entkommen. «Sie kommen her, um sich zu entspannen. Jemand wie Peter Rono hätte in Europa seinen Arzt, seinen Physiotherapeuten, seinen eigenen Trainer. Hier hat er niemanden.» Ausser seinem Lehrer von einst. Der hatte die Nachricht vom olympischen Gold Ronos von einem Besucher gehört; er habe den Lauf nicht am Radio oder am Bildschirm verfolgen wollen - und schon gar nicht selbst nach Seoul reisen mögen: «Ich habe kein Interesse an so formal angelegten Wettkämpfen. Wenn ich irgendwo hinfahre, dann will ich auch mit meinen Athleten auf die Bahn gehen können, sonst reizt mich das nicht.» Bruder Colms Erfolge haben sich herumgesprochen. Amerikanische Colleges versuchten, ihn als Trainer zu gewinnen: «Darüber habe ich nicht einmal diskutiert.» Der Sport sei für ihn nur eine von vielen Möglichkeiten, mit Menschen umzugehen, ihnen näherzukommen. Früher habe er sich für Leichtathletik gar nicht interessiert: «Ich bin niemals selbst gerannt. Das erste Mal bekam ich einen Athleten überhaupt zu Gesicht, als ich 1976 nach Kenya kam.» Heute wünscht sich der 43jährige, den Rest seines Lebens hier zu verbringen.
Peter Rono kehrte eine Woche nach dem Ende der Olympischen Spiele von Seoul nach St. Patrick's zurück und pflanzte dort einen Baum, einen Flammenbaum mit leuchtend roten Blüten. Er fühlt sich seinem alten Internat verbunden, zahlt jetzt das Schulgeld für einen der 380 Zöglinge. Die Gebühren für ihn selbst waren seinerzeit vom älteren, bereits erfolgreichen Freund Charles Cheruiyot entrichtet worden - und für dessen Unterhalt war damals der Schuldirektor selbst in die Bresche gesprungen. Im Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft sieht Bruder Colm den Schlüssel zum Erfolg: «Afrikaner haben weniger Angst vor Niederlagen als Europäer. Sieg und Niederlage werden von der ganzen Gemeinschaft aufgefangen, sie ist das unterstützende System für den einzelnen Sportler. Die Afrikaner orientieren ihr ganzes Leben, ihre ganze Philosophie an der Gemeinschaft, die sie umgibt.»
In dieser schützenden Umgebung können die Spitzensportler allerdings nicht bleiben. Wer es zu Weltruhm gebracht hat, muss wenigstens einige Jahre im Ausland verbringen, will er sein Talent vermarkten und für den Rest seines Lebens ausgesorgt haben. Nur in Industrieländern finden sich Klubs und Sponsoren, die Geld in nennenswerter Höhe für Athleten auszugeben bereit sind. Peter Rono, die Cheruiyot-Zwillinge und Abraham Hussein Kipkemoi leben derzeit in den USA. Aber sie haben Zeugnisse ihres Ruhms zu Hause hinterlassen. «Folgen Sie hier der ungeteerten Strasse einige Kilometer, dann liegt Husseins Haus auf der rechten Seite. Sie können es nicht verfehlen», weist ein Ortskundiger den Weg zum Heim des Marathonläufers. Es ist tatsächlich nicht zu übersehen: Inmitten von Bananenstauden und Maisfeldern, neben Lehmhäusern, zwischen denen barfüssige Kinder spielen, hat der Sportler eine Villa gebaut, die in dieser Umgebung einem Palast gleichkommt. Ein zweistöckiges solides Steinhaus, dessen Fenster und Türen aus edlen Hölzern gefertigt sind, ragt hoch empor inmitten eines ländlichen Idylls. Ein kunstvolles schmiedeisernes Tor schützt das Grundstück mit den Blumenrabatten.
Auch Athleten, die auf der Leiter des Erfolgs nicht ganz so hoch geklettert sind wie der Marathonläufer, kann es gelingen, mit ihrer Gabe eine Existenz aufzubauen. Für Charles Cheruiyot hat es zum ganz grossen Durchbruch bisher nicht gereicht. Immerhin aber hat er im 5000-Meter-Lauf zweimal an Olympischen Spielen teilgenommen und besucht jetzt zusammen mit seinem Zwillingsbruder Kipkoech ein College in den USA. Start- und Preisgelder bei internationalen Wettkämpfen und gelegentliche Verträge mit Sponsoren, die für einen Sportler in Europa wohl allenfalls ein kleines Sprungbrett in eine berufliche Zukunft bedeuten würden, sichern in einem armen Land der Dritten Welt, wie Kenya es ist, bereits bescheidenen Wohlstand.
«Seit 1989 fühle ich mich finanziell abgesichert», erzählt Charles Cheruiyot. Der 27jährige besitzt ein Mietshaus in der Kleinstadt Eldoret und hat gerade seine zweite Farm gekauft. Seinen Urlaub in Kenya verbringt er damit, den Bau eines bescheidenen Hauses für sich selbst zu überwachen. Hier will er leben, wenn es mit der sportlichen Karriere vorbei ist. Spricht er von Ausscheidungswettkämpfen und der Hoffnung auf Medaillen, dann ist dem Langstreckenläufer Anspannung deutlich anzumerken. Wenn er den Rohbau seines Hauses zeigt und schildert, was auf den weiten, umliegenden Feldern demnächst wachsen soll, dann strahlt er die ruhige, zufriedene Gelassenheit eines Mannes aus, der es im Leben zu etwas gebracht hat.
Die sichtbaren Zeichen des Erfolges sind es, die den Nachwuchs anspornen. Bruder Colm trainiert mit den begabtesten seiner Schüler zwei Stunden täglich, entweder auf dem Schulgelände und auf der Strasse oder in einem kleinen, einige Kilometer entfernten Stadion, das eigentlich für die Feierlichkeiten bei der alljährlichen Landwirtschaftsausstellung gedacht ist. Die Möglichkeit, dass mit Sport auch Geld zu verdienen ist, möchte er am liebsten gar nicht in das Bewusstsein der Jungen dringen lassen: «Ich spiele das herunter. Für einige wenige kann in der Leichtathletik eine Zukunft liegen - für viele endet diese Hoffnung nur mit einer Enttäuschung.»
Aber in einem Land, das eine der höchsten Geburtenraten der Welt hat und in dem jedes Jahr Tausende von Schulabgängern vergeblich nach Arbeit suchen, lassen sich materielle Träume nicht aus den Köpfen verbannen. Sammy Biwott will Geschäftsmann werden: «Da wäre ich gut, das liegt mir im Blut.» Auch Benson Koech hat seine Ziele klar vor Augen: «Zuerst will ich Land für einen Bauernhof kaufen. Dann will ich mir ein Haus bauen. Dann möchte ich expandieren und in ein Hotel investieren.» Peter Rono wird von beiden als ihr grosses Vorbild genannt. «Er hat eigenes Land und Häuser, er hat seinem Bruder geholfen, sein Haus zu bauen.» Nicht von brillanter Lauftechnik und Geschwindigkeitsrekorden spricht Benson, wenn von dem Goldmedaillengewinner die Rede ist. Das, wofür die Welt Rono bewundert, ist für den Schuljungen aus Kenya nur ein Vehikel, um zu erreichen, was wirklich zählt: Sicherheit und Anerkennung in der heimischen Umgebung.
Einer, der es schon beinahe bis ganz oben geschafft hat, ist Matthew Birir; der 20jährige steht an der Schwelle zum Weltruhm. Er hat gute Aussichten, im Hürdenlauf über 3000 Meter in Barcelona Gold zu holen, einer Disziplin, in der Kenya seit Beginn der sechziger Jahre führend ist. Seit Matthew vor drei Jahren St. Patrick's verlassen hat, hat er viel über die Welt des Sports gelernt: über Preisgelder, über ausländische Klubs, die Athleten weiterhelfen, und über solche, die versuchen, Sportler auszunutzen. «Im Ausland wird auf dich viel Druck ausgeübt. Die Leute sind oft aggressiv und beschimpfen dich, wenn du nicht das bringst, was sie von dir erwarten.» Der Junge, der mit einer Mischung aus Stolz und Unsicherheit von seinen Erfahrungen berichtet, hat bereits vieles vorzuweisen: Sieg bei Weltmeisterschaften der Junioren 1990 in Bulgarien, Sieg bei einem internationalen Grand-Prix letztes Jahr in Sevilla. Das genügt, um die Fachwelt aufhorchen zu lassen. Der Sportartikelhersteller Nike ist für Matthew bei Wettkämpfen bereits als Sponsor aufgetreten. Ein italienischer Sportklub möchte ihn für sich gewinnen. Das hebt das Selbstbewusstsein - aber es entfremdet den jungen Athleten auch von seinen Altersgenossen.
«Ich bin der einzige meines Alters hier, der ein Auto hat», erzählt Matthew. «In letzter Zeit wird es immer schwieriger, ganz normale, unbefangene Verabredungen zu treffen.» In Europa leben Kinder mit einem besonderen Talent oft schon von klein auf in einem Elfenbeinturm, abgesondert von weniger begabten Gleichaltrigen. Hier in Kenya wird der Preis für den Erfolg später bezahlt - aber entrichtet wird er auch. Matthew macht kein Geheimnis daraus, dass Geld für ihn eine grosse Rolle spielt: «Ich habe Sport schon immer in Verbindung mit Geld gesehen.» Wie sollte es auch anders sein? Der Vater ist Volksschullehrer in einem kleinen Dorf im Westen Kenyas. Matthews Erfolg eröffnet der ganzen Familie Chancen: Er kann das Schulgeld für die Schwester und fünf Brüder bezahlen. Im Wohnzimmer des Elternhauses stehen Fernseher und Kassettenrekorder - Trophäen des sportlichen Erfolges, die nützlicher sind als Pokale. Matthew Birir will Familie und Freunden den Stand seines Bankkontos lieber nicht verraten, um ihnen nicht noch ferner zu rücken. Aber auch er hat wohl weitgehend ausgesorgt. Demnächst wird er ein Mietshaus mit acht einzeln zu vermietenden Räumen bauen. Und irgendwann will er sich seinen Traum erfüllen und auch eine Farm kaufen. Für umgerechnet 20 000 Dollar kann er hier zum Grossbauern werden.
Die spielerische Unschuld, die im Sieg allein ihren schönsten Lohn sieht, hat der Sport auch in Kenya verloren. Die von Matthew Birir selbst auf einfaches Papier gekritzelten Trainingspläne lassen aber immerhin ahnen, wie wenig fremde Hilfe für den Mittel- und Langstreckenläufer zählt, gemessen an dem, was er sich selbst an Ausdauer, Selbstdisziplin und Zähigkeit abverlangen muss. Auf andere Sportarten übertragen lässt sich das freilich nicht: In jeder anderen Disziplin seien ausgeklügelte Techniken und vorzügliche Sporteinrichtungen mittlerweile unabdingbar für jeden, der es bis zur Weltspitze bringen wolle. Nur eben für den Lauf nicht - «die natürlichste aller Bewegungen».
Bettina Gaus lebt als freie Journalistin in Nairobi.