Dem kommunen Schlafanzug ist ein unfaires Schicksal zuteil geworden. Zwar ist das Pyjama vermutlich das einzige Kleidungsstück, mit dem sich eine Mehrheit der Menschen täglich auseinandersetzt. Es gilt aber, anders als zum Beispiel die Unterhose, als unerotisches, ja asexuelles Kleidungsstück. Sogar in Socken kann man sich leichter verlieben.
Trotzdem müssen wir hier eine Lanze für das Pyjama brechen. Es ist noch immer vollendet stilvoll, wenn ein Herr in einem feinen Schlafanzug aus gewobener Baumwolle zu Bett geht, schön durchgeknöpft, das Oberteil mit Umlegekragen und Brusttasche, die Nähte passepoiliert. Der Herr tut damit etwas für die Eleganz, für seine Gesundheit, für die Hygiene und ist letztlich auch gerüstet, sollte er nächtens einmal überraschend vor die Tür müssen.
Der Pyjamaträger erweist der englischen Tradition der Männermode die Reverenz – schliesslich waren es die Briten, die das Pyjama aus Persien und den indischen Kolonialgebieten mitbrachten und ab etwa 1850 in Europa verbreiteten. Daher auch der exotische Name. Die Pyjamaparty ist aber wiederum eine Erfindung der Amerikaner.
Für Schweizerinnen und Schweizer gehören Pyjama und Calida untrennbar zusammen. Die Beliebtheit der Produkte aus Sursee basiert auf dem Tragekomfort, der Passform und dauerhafter Material- und Verarbeitungsqualität. Seit den 50er Jahren produziert die 1941 gegründete Firma Pyjamas für Gross und Klein, seit 1961 mit dem patentierten Bündchen, das verhindert, dass das Oberteil während der Nachtaktivität hoch- bzw. die Hose herunterrutscht. Allerdings sind heute Pyjamas aus Jersey populärer als solche aus gewobenem Stoff. Sie kamen Mitte der fünfziger Jahre in Mode und sind nicht mehr aus den Schweizer Betten wegzudenken.
Der klassische, etwas formlose Schnitt des abgebildeten Modells der Linie Fado von Calida ist seit 15 Jahren praktisch unverändert im Sortiment. Die Buchstaben «NC» zieren das Oberteil – sie stehen für Nautic Club und unterstreichen den mediterranen Touch der Linie. Genäht wird die exklusive Jersey-Kombination mit gestreifter Hose in Ungarn. Typisch sind der kontrastierend gelbe Nahtpassepoil und die flachen Knöpfe, die auch in Bauchlage nicht unangenehm drücken.
Auch wenn Calida in den letzten Jahren Federn lassen musste – eine Produktionsstätte in Indien wurde verkauft, die Näherei in Sursee geschlossen, der Personalbestand um einen Drittel reduziert –, sind Pyjamas für die Marke weiterhin wichtig: Rund 25 Prozent der hierzulande verkauften Artikel sind Schlafanzüge. Um dem Traditionsbetrieb ein prickelnderes Image zu geben, wirbt man aber nach aussen bevorzugt mit Models in sexy Tagwäsche. Eigentlich schade. Denn andere Marken haben ihre «Hypotheken» längst zu Markenzeichen gemacht und legen freche Retro-Editionen ihrer Klassiker auf.
Doch die Calida-Chefetage scheint nun den Braten gerochen zu haben: «Wir wollen 2005 unsere Wurzeln mit besonderen Sortimenten stärker betonen», heisst es in Sursee. Ein Lichtblick in der dunklen Welt der Nachtwäsche!