NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Kapitel 3 – Die Blochertaste

© Domagoj Lecher, Zürich
Brigit Wyss, 47: Links aussen in der zweiten Reihe. Linktext
Am 3. Dezember 2007 schwören die Parlamentarier feierlich den Amtseid, die Neuen lernen überdies, dass sie bei Abstimmungen zwei Tasten drücken müssen.

Von Andrea Strässle, Andreas Heller und Daniel Weber

Andrea Geissbühler, SVP: Aufruf zur Linientreue

Es ist der 3. Dezember, der erste Tag der Session, die um 14 Uhr 30 beginnen wird. Im Fünfsternhotel Bellevue Palace neben dem Bundeshaus treffen sich die Nationalratskandidatinnen der SVP, gewählte wie nichtgewählte, zu einem frühen Mittagessen vor dem Gottesdienst. «Ein Freudentag», jubiliert Präsidentin Rita Gygax, haben die SVP-Frauen doch ihre Sitzzahl von drei auf acht steigern können. Als Andrea Geissbühler im schneidigen schwarzen Hosenanzug und in Begleitung ihrer Mutter Sabina den Salon Casino betritt, empfängt Gygax sie mit ausgebreiteten Armen. «Ich bin stolz auf dich», sagt sie zwischen zwei Küsschen.

Parteipräsident Ueli Maurer ist der Hahn im Korb. Er begrüsst die Parteifreundinnen und warnt sie: «Die SVP-Frauen werden zum Freiwild der Medien werden.» Auf Dauer seien sie für Journalisten jedoch nur interessant, wenn sie sich von der Parteilinie entfernten. Täten sie das nicht, kehre rasch der Alltag ein. «Und darauf hoffe ich.» Auch Bundesratsgattin Silvia Blocher ruft in ihrer kurzen Rede zur Linientreue auf: «Vergessen Sie bitte in den nächsten vier Jahren nicht: Die Wähler haben Sie als SVP-Vertreterinnen gewählt. Das ist eine Verpflichtung!» Als Gedankenstütze und Dank für ihr Engagement erhält jede der SVP-Frauen einen goldenen SVP-Pin. Dann wird die Suppe aufgetragen.

Daniel Jositsch, SP: Cola light statt Wein

Daniel Jositsch blickt aufgeräumt in die Tischrunde im Re­­staurant Luce am Waisenhausplatz. «Nervös? Wieso? Ich muss ja nichts tun!» Es ist 12 Uhr 30, vor einer halben Stunde ist er mit dem Zug aus Zürich angekommen, hat den Koffer ein paar Schritte von hier im Hotel Bern abgestellt, wo viele SP-Parlamentarier logieren. Er bestellt Tagliatelle mit Steinpilzen an Trüffelöl, das Menu, das Chantal Galladé empfiehlt, die Kollegin aus Winterthur, die seit vier Jahren im Parlament sitzt und ihn mit Tips versorgt. Dazu eine Cola light, keinen Wein. «Man muss nämlich zurechnungsfähig sein, wenn man als Nationalrat vereidigt wird», sagt er scherzend. «Ich habe dich noch nie für zurechnungsfähig gehalten», hält sein Vater mit einem Lächeln dagegen, ein zierlicher älterer Herr mit hellen, wachen Augen.

Die Eltern werden den Einstand ihres Sohnes von der Tribüne des Ratssaals aus verfolgen, sie waren beide noch nie im Bundeshaus. Daniel Jositsch dagegen stand schon einmal ganz allein im grossen Saal – weil er sich in der Tür geirrt hatte, als er als Rechtsprofessor zu einer Anhörung in der ständerätlichen Rechtskommission eingeladen war. Stand da allein im grossen leeren Saal, der ihn als Bub so fasziniert hatte, wenn er ihn in der «Tagesschau» sah. Nach 14 Uhr bricht die Runde auf. Zum Bundeshaus ist es nur ein kurzer Spaziergang durch die Käfiggasse, die an diesem Tag nass und gräulich riecht. Der Journalist der «Zürichsee-Zeitung», der Daniel Jositsch begleitet, macht Fotos auf dem Bundesplatz. Der Vater zu seiner Rechten, die elegante Mutter zu seiner Linken, lächelt der Nationalrat in die Kamera, dunkler Anzug, hellblaues Hemd, gestreifte Krawatte.

Pius Segmüller, CVP: Im Namen Gottes

«Nicht ihr habt mich gewählt, ich habe euch gewählt.» Mit diesen Worten eröffnet Pfarrer Ruedi Heinzer um 13 Uhr 15 den ökumenischen Gottesdienst. Die Bankreihen des Berner Münsters sind spärlich besetzt, aber die Vertretung aus Kirchen und Politik ist hochkarätig. Bischof Bernard Genoud von der Schweizer Bischofskonferenz hält die Predigt, Bischof Makarios vom Ökumenischen Patriarchat spricht das Fürbittegebet. In der vordersten Reihe sitzen die Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey und die Präsidenten der beiden Räte, Christine Egerszegi und Peter Bieri. Pius Segmüller hat unauffällig weiter hinten Platz ­genommen, zwischen zwei CVP-Abgeordneten aus dem Wallis.

Segmüller war am Morgen eigentlich viel zu früh mit seinem blauen Mercedes-Offroader in Begleitung eines Journalisten der «Luzerner Zeitung» nach Bern gefahren. Er deponierte bei einem Freund, Generalsekretär im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, sein Gepäck: den Koffer mit den dunklen Anzügen und der Militäruniform – am Freitag findet in Bern der Jahresrapport des Führungsstabs der Armee statt, an dem Segmüller als Oberst im Generalstab teilnehmen wird – sowie die bleischwere Tasche mit den Akten, die er von den Parlamentsdiensten zugeschickt bekommen hatte. Dann fuhr er mit dem Tram zum Bundeshaus, um sich kurz umzusehen. Wie man überhaupt ins Bundeshaus kommt, zeigte ihm der CVP-Präsident Christophe Darbellay, der am Eingang auf die Neuankömmlinge seiner Partei wartete: Ausweiskarte ins Lesegerät stecken – und hinein durch die Drehtür.

Während die meisten Parlamentarier sich für die Session mit einem ausgiebigen Mittagessen unter Kollegen stärken, hat Pius Segmüller sich für den Gottesdienst entschieden. Der ist ihm wichtig. «Die Präambel der Bundesverfassung beginnt mit den Worten ‹Im Namen Gottes des Allmächtigen›. Es ist gut, diese Dimension auch zu Beginn der Legislatur anzurufen.» Kerzengerade sitzt er in der Kirchenbank und lauscht der Predigt von Bischof Genoud, den er aus seiner Zeit bei der Schweizergarde in Rom kennt. Routiniert murmelt er die Gebete, kraftvoll intoniert er den «Schweizerpsalm». Feierlich wird die neue Legislatur unter Gottes Schutz und Segen gestellt. Mit dem Satz «Geht hin in Frieden» werden Segmüller und seine Parlamentarierkollegen in den politischen Alltag entlassen.

Brigit Wyss, Grüne: Erstmals erste Klasse

Um halb zwei, eine knappe Stunde vor Sitzungsbeginn, posiert Brigit Wyss vor dem Bundeshaus einmal mehr für den Fotografen der «Solothurner Zeitung». Sie ist zusammen mit den anderen Solothurner Nationalräten und einigen Presseleuten im Zug angereist. Wie alle Volksvertreter hat sie kurz nach der Wahl ein Generalabonnement erste Klasse erhalten. «Das hätte ich auch nicht gedacht, dass ich einmal erste Klasse fahre», sagt sie schmunzelnd zum ebenfalls neu gewählten CVP-Mann Pirmin Bischof.

Christian Wasserfallen, FDP: Pult Nummer 98

Nach dem Mittagessen zu Hause steigt Christian Wasserfallen mit seiner Mutter Margret und seiner Freundin Alexandra kurz nach 14 Uhr ins Tram. In seinem Nadelstreifenanzug sieht er aus wie der perfekte Schwiegersohn. Auf dem Bundesplatz hält er kurz inne. Er denkt an seinen Vater, erinnert sich, wie er ihn während der Sessionen besuchte. Gemeinsam spazierten sie durch die Wandelhalle, tranken einen Kaffee zusammen. Manche Debatte verfolgte er von der Tribüne aus. Da unten im Ratssaal, dachte er bei sich, da möchte ich auch einmal sitzen. Mit 40 vielleicht… Nun ist der Traum bereits mit 26 in Erfüllung gegangen.

Am Eingang zum Bundeshaus wird er von Journalisten abgefangen. «Christian Wasserfallen, wie fühlen Sie sich?» Er strahlt wie am Tag seiner Wahl. «Grandios! Ich spüre aber auch Ehrfurcht und Verantwortung.» Während die Mutter und die Freundin in den Eingang zu den Tribünen abbiegen, bahnt er sich seinen Weg zum Haupteingang. Seinen Platz im Ratssaal hat er schnell gefunden. Er hat die Nummer 98, zwischen Doris Fiala und Ignazio Cassis. «Nicht ganz hundert», witzelt ein Kollege. Wasserfallen setzt sich und muss zuerst einmal tief durchatmen. «Das ist schon etwas anderes, wenn man selber hier drinsitzt – eine ganz andere Perspektive.» Er kennt einige der Deputierten. Vor allem die Berner natürlich, aber auch die Jungen: Lukas Reimann und Natalie Rickli von der SVP, Bastien Girod von den Grünen, mit denen er in den letzten Wochen mehrere Medienauftritte hatte. Trotz unterschiedlichen politischen Auffassungen versteht man sich gut. Für Tina Angelina Moser von den Grünliberalen gibts Begrüssungsküsschen.

Pius Segmüller, CVP: Den Bundesräten «Grüezi» sagen

Zur gleichen Zeit sucht auch Pius Segmüller im Ratssaal seinen Platz, die Nummer 119. Das ist irgendwo in den hinteren Reihen. Dort sitzen aber nicht die Hinterbänkler, sondern gemeinhin gestandene Parlamentarier; die Neuen schickt man nach vorn. Bei der CVP ist es dagegen so, dass vorn die Jungen und hinten die älteren Semester sitzen. Segmüller hat seinen Stuhl gefunden. Ein wenig verloren blickt er sich um im Saal, nach links, zur mächtigen SVP-Fraktion, die ihr Terrain bis weit in die Mitte des Halbrunds erweitert hat, nach rechts, wo hinten die Platzhirsche der SP sitzen: Paul Rechsteiner, Hildegard Fässler, Hans-Jürg Fehr.

Besser als die Meinungsführer im Parlament kennt Segmüller die Bundesräte – als Kommandant der Schweizergarde hatte er mit ihnen schon zu tun. Ausser mit Bundesrätin Calmy-Rey ist er mit allen per du, und er hat sich ­vorgenommen, in der ersten Woche allen Mitgliedern der Landesregierung mindestens «Grüezi» zu sagen. Seine Sitznachbarn sind Kathrin und Pirmin, die er an den ersten Fraktionssitzungen getroffen hat. Beide sind ebenfalls neu im Rat. Wie heissen sie schon wieder mit Nachnamen? Richtig: Kathrin Amacker-Amann aus Baselland und Pirmin Bischof aus Solothurn. Der Luzerner SVP-Nationalrat Felix Müri kommt vorbei und zeigt ihm, wie man das kleine Pult öffnet. Und für die elektronische Abstimmung liefert er auch gleich einen SVP-nahen Tip: «Drück im Zweifelsfall einfach Nein.»

Andrea Geissbühler, SVP: Auf der falschen Seite

In einer Viertelstunde beginnt die Sitzung, Andrea Geissbühler wird mit dem Parlamentarier- und Journalistenstrom in eines der beiden Vorzimmer des Nationalratssaals geschwemmt. «Ich habe keine Ahnung, wo es hier langgeht», sagt sie schulterzuckend und hält nach bekannten Gesichtern Ausschau. Keine Parteikollegen weit und breit, alles Vertreter von Linksgrün. «Ich glaube, ich bin auf der falschen Seite.» Sie macht rechtsumkehrt. Tatsächlich, im gegenüberliegenden Vorzimmer, auf der rechten Seite des Ratssaals, wieseln SVP- und FDP-Parlamentarier umher, legen ihre Mäntel ab, stellen sich aus den Zeitungen, die dort ausliegen, ihre Lektüre zusammen oder geben Interviews.

Die Volksvertreter werden vereidigt

Im Nationalratssaal geht es zu und her wie am ersten Schultag nach den Ferien. Die Ratsmitglieder suchen ihre Plätze auf, plaudern mit den Sitznachbarn, freuen sich, die alten Kollegen wiederzusehen, und heissen die neuen willkommen. Links aussen in der zweiten Reihe dreht sich Brigit Wyss um und winkt zur Zuschauertribüne hinauf. Dort sitzen ihr Partner Stelios und ihre Eltern. Es ist laut im Saal, es wird geschwatzt und gelacht. Auf den Pültchen liegt viel Post, bei den Neuen der SP zusätzlich eine rote Rose in Cellophan. In der drittvordersten Reihe, zwei Plätze neben Ricardo Lumengo, dem ersten Schwarzen im Parlament, der von den Medien fast überrannt wird, lässt Daniel Jositsch den Blick nachdenklich über die Wände des renovierten Saals schweifen. Dann nimmt er sich seine Post vor.

Um halb drei klingelt der amtsälteste Nationalrat, Paul Rechsteiner von der SP, das Glöcklein und erklärt die erste Sitzung der 48. Legislatur für eröffnet. Von der Zuschauertribüne herab greint ein Kind. Die Musiker der Camerata Schweiz, die sich vorn im Saal aufgebaut haben, greifen in die Saiten. Andrea Geissbühler sitzt hinten rechts neben Toni Brunner – Neulinge werden bei der SVP neben erfahrene Politiker placiert. Während er lässig in seinem Sessel hängt, lauscht sie mit durchgedrücktem Rücken dem Mozart-Medley, das mit der «Kleinen Nachtmusik» anhebt.

Nach den Eröffnungsreden des Alterspräsidenten Rechsteiner und des jüngsten Ratsmitglieds, Lukas Reimann von der SVP, steht die Vereidigung auf dem Programm. Der Alterspräsident ersucht alle, auch die Besucher auf den Tribünen, sich zu erheben. Die Generalsekretärin der Bundesversammlung spricht die Eidesformel in den vier Landessprachen: «Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen.» Andrea Geissbühler und Christian Wasserfallen schwören den Eid mit erhobener Hand. Brigit Wyss und Daniel Jositsch wollen nicht Gott anrufen, sondern wählen die Alternative und legen mit den Worten «Ich gelobe es!» ihr Amtsgelübde ab.

Auch Pius Segmüller schwört, das ist für ihn keine Frage. Schon mehrmals hat er in seinem Leben Schwüre geleistet, in der Armee, als Luzerner Polizeikommandant, als Kommandant der Schweizergarde in Rom. Damals schwor er, für den Papst gegebenenfalls zu sterben. Solches wird von einem Parlamentarier nicht verlangt. Segmüller ist trotzdem bewegt. Entschlossen reckt er die Schwurfinger in die Höhe. Dann verkündet der Alterspräsident: «Der Rat ist konstituiert und kann damit gültig verhandeln», und schlagartig ist es vorbei mit der Feierlichkeit.

Daniel Jositsch, SP: Wo ist hier das WC?

Der Lärmpegel steigt, die Parlamentarier schwatzen ungeniert drauflos, auch über mehrere Sitzreihen hinweg, telefonieren, stehen diskutierend in Grüppchen zusammen, gehen ein und aus durch die Flügeltüren zwischen dem Saal und der Wandelhalle, wo die Journalisten und Lobbyisten lauern. Ungerührt zwängen sich die Bundesweibel durch die Reihen und teilen die Zettel für die Wahl des Ratspräsidenten aus. André Bugnon von der SVP, der bisherige Vize, ist unbestritten, er wird auf den Präsidentensessel nachrutschen.

Auch Daniel Jositsch verschwindet aus dem Saal, nachdem er seinen Wahlzettel in die Urne des Weibels gesteckt hat. «Ich fühle mich schon ein bisschen erhaben, an diesem ersten Tag», sagt er draussen in der Wandelhalle, «aber es ist mühsam, wenn man nicht einmal weiss, wo das WC ist und wo man einen Kaffee bekommt.» Solche Informationen hatte er sich eigentlich vom Einführungstag versprochen, zu dem die Neuen zehn Tage zuvor nach Bern eingeladen worden waren, in den roten Saal im «Bernerhof», dem Sitz des Finanzministers Merz.

Aber da gab es, neben mütterlichen Worten der scheidenden Nationalratspräsidentin Egerszegi und väterlichen des Bundesrats Merz, vor allem Auskünfte zum Ratsbetrieb, die sich auch in einer Broschüre nachlesen liessen: Wie viele Kommissionssitzungen gibt es pro Jahr? 600. Wie viele Tonnen Papier verbrauchen die Parlamentsdienste? 70. Wie viele Millionen Kopien fertigen sie an? 6. Und bevor es zum Apéro riche ging, wurden die Neuen noch Zeugen, wie man die Alten verabschiedete, die aus dem Parlament Ausgeschiedenen: nüchtern, schnell, ohne Firlefanz – so, wie man dereinst auch sie entlassen wird, wenn ihre Zeit als Volksvertreter um ist.

Andrea Geissbühler, SVP; Brigit Wyss, Grüne: Startschwierigkeiten

Toni Brunner beugt sich zu Andrea Geissbühler hinüber und bringt sie mit einem Spruch zum Lachen. Dann zeigt er ihr, wo vor der Journalistentribüne die Präsenzliste aufliegt, in die sich jedes anwesende Ratsmitglied eintragen muss. Nachdem jetzt auch die Vizepräsidentin Chiara Simone­schi-Cortesi gewählt worden ist, holt Brigit Wyss ihre Lieben auf der Tribüne ab. «So, jetzt gehen wir einen Kaffee trinken», sagt sie und fasst ihre gebrechliche Mutter am Arm. «Ich weiss zwar noch nicht, wie wir von hier in die Cafeteria kommen, aber das finden wir auch noch raus.»

Ein Weibel weist Brigit Wyss den Weg zum Café Vallotton, dem in Rot und Schwarz gehaltenen Ratscafé. Es war 1938 auf Initiative des Nationalratspräsidenten Henry Vallotton im ersten Stock des Parlamentsgebäudes eröffnet worden. Mit der Renovation des Bundeshauses wurde es in eine Cafébar mit Stehtischchen und einigen Sitzplätzen um­gebaut. Hier stecken die Parlamentarier gerne die Köpfe zusammen und müssen nicht befürchten, dass sie eine Abstimmung verpassen: Mit wenigen Schritten sind sie drüben im Saal.

Während Brigit Wyss einen Kaffee trinkt, wirft sie immer wieder einen Kontrollblick auf den Bildschirm hinter der Theke, der das Geschehen im Rat überträgt. Zur Wahl der zweiten Vizepräsidentin will sie unbedingt wieder im Saal sein. Die grüne Fraktion begehrt dagegen auf, dass das Nationalratspräsidium ausschliesslich unter den vier Bundesratsparteien rotiert und den Grünen verwehrt bleibt. Sie empfiehlt deshalb anstelle der SP-Kandidatin Pascale Bruderer die Grüne Maya Graf zur Wahl. Doch der Appell der Grünen bleibt erfolglos.

Andrea Geissbühler steht in der Wandelhalle in einer Warteschlange, um ihren Pager zu bekommen, der vibrierend und blinkend anzeigt, dass eine Abstimmung bevorsteht. Danach muss sie nochmals anstehen: Im Sekretariat der Bundesverwaltung holt sie ihren Laptop samt Rucksack ab. Der Drucker wird nach Hause geliefert.

Christian Wasserfallen, FDP: Modisches Outfit

Inzwischen hat Christian Wasserfallen sein handliches Think-Pad von IBM schon aufgestartet. Der Ingenieur ist begeistert von dem, was der Laptop kann – unter anderem kommt er damit überall und unlimitiert ins Internet. Flink und konzentriert klickt er sich durch die Programme. Nun will er sich noch schnell von seiner Mutter und seiner Freundin verabschieden, die sich auf den Heimweg machen. Doch bereits im Vorzimmer wird er von Fotografen abgefangen. Der «Blick» und die «NZZ am Sonntag» machen beide eine Geschichte über das modische Outfit der Neuen. Wasserfallen posiert geduldig, lächelt charmant – und wird von beiden Blättern mit der Stilnote «gut» belohnt.

Pius Segmüller, CVP: Die Stellung halten

Auch in der Pause, als fast alle in die Wandelhalle strömen, bleibt Pius Segmüller an seinem Platz sitzen. Er hört die Combox ab, schreibt SMS. Andere Neulinge scheinen schon besser vernetzt zu sein: Doris Fiala, die Zürcher Freisinnige, zieht es zur SVP-Fraktion hinüber, wo sie angeregt mit ihren Zürcher Kollegen Kaufmann und Maurer plaudert. Als gegen 18 Uhr die Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey die Erklärung des Bundesrats zu seinen Jahreszielen 2008 abgibt, haben sich die Reihen im Rat drastisch gelichtet. Auch die Neuen scheinen schon zu wissen, dass das meiste, was hier im Parlament vorgetragen wird, in erster Linie den Zweck hat, zu Protokoll gegeben zu werden. Die hehren Worte der Bundespräsidentin finden nur wenige geneigte Zuhörer. Segmüller ist einer von ihnen.

Daniel Jositsch, SP: Die erste Abstimmung

Erst als Abstimmungen anstehen, bewegen sich die Nationalräte wieder an ihre Plätze. Mit welchen Argumenten Susanne Leutenegger Oberholzer von der SP am Rednerpult für ihre parlamentarische Initiative wirbt, die von «dem Bund nahestehenden Unternehmen» ein «Gender-Reporting» und die «Durchsetzung des Gleichstellungsauftrags» verlangt; mit welchen Argumenten Maria Roth-Bernasconi von der SP dieses Anliegen unterstützt; mit welchen Argumenten Kurt Fluri von der FDP es bekämpft – es ist letztlich egal. Die Meinungen sind längst gemacht. Die Debatte fand viel früher in der Rechtskommission statt, deren Mehrheit die Initiative ablehnt.

Der Ratspräsident instruiert die Neulinge, dass sie bei der elektronischen Abstimmung nicht nur den Knopf für Ja, Nein oder Enthaltung auf ihrem Pültchen drücken müssen, sondern gleichzeitig eine zweite Taste an der Unterseite des Pults. Daniel Jositsch drückt Ja und späht zur Anzeigetafel, auf der grüne und rote Punkte aufleuchten. Die Initiative wird bachab geschickt. Die zweite Taste heisst inoffiziell «Blochertaste»: Sie wurde eingebaut, nachdem der damalige Nationalrat Christoph Blocher 1994 bei einer Abstimmung nicht nur seine Stimme, sondern mit der anderen Hand auch die seiner abwesenden Parteikollegin Lisbeth Fehr abgegeben hatte. Er wurde dafür vom Parlament «scharf gerügt».

Andrea Geissbühler, SVP: Maskottchen Toni

Nun wirbt die Grüne Franziska Teuscher vorne chancenlos für eine Steuerbegünstigung für verbrauchsarme Fahrzeuge; kaum ein Parlamentarier hebt den Kopf. Die Weibel verteilen Parlamentsunterlagen, persönliche Post, Einladungen zu Veranstaltungen, Geschenke von Organisationen, Firmen und Verbänden. Die Papierkörbe vor den Pulten füllen sich. Vorne auf Andrea Geissbühlers Pult thront ein weisses Stoffengelchen mit einem roten Herzen in den Händen. Ihre Mutter hat ihr das Maskottchen geschenkt und gesagt: «Du traust dich bestimmt nicht, das im Nationalratssaal aufzustellen.» Doch da sitzt es. Und Toni Brunner hat auch gleich den passenden Namen für das putzige Geschöpf: «Toni natürlich. Denn es ist blond, herzig und hat ein genauso breites Grinsen im Gesicht wie ich.»

Pius Segmüller, CVP: Kopfschmerzen

Pius Segmüller sitzt immer noch an seinem Platz. Er hat sich vorgenommen, zunächst einmal gut zuzuhören. Doch das ist gar nicht so einfach: Der Lärmpegel im Plenum, das haben Messungen ergeben, ist so hoch wie an einer stark befahrenen Autobahn. Segmüller ärgert sich über die Unhöflichkeit der palavernden Kollegen und Kolleginnen, versucht sich zu konzentrieren, hält die Hand hinters Ohr. Als der Ratspräsident kurz vor 19 Uhr mit seinem Glöcklein die Sitzung schliesst, ist Segmüller müde und hat Kopfschmerzen. Aber der erste Sessionstag ist für ihn noch nicht zu Ende: Er hat sich für einen der Lobbyistenanlässe angemeldet, die während der Session morgens, mittags und abends stattfinden; er geht zu Economiesuisse, dem Verband der Schweizer Unternehmen, der ins «Bellevue» geladen hat.

Christian Wasserfallen, FDP: Unser Chrigu

Margret Wasserfallen hat die Eröffnungszeremonie und die Vereidigung als eher nüchtern empfunden. «Alles streng nach Protokoll, und danach gleich der übliche Rummel.» Erst am Tag darauf, wie sie über den «Märit» vor dem Bundeshaus geht, wird ihr ein bisschen feierlich zumute werden. Sie wird auf das Bundeshaus mit der mächtigen Kuppel blicken und denken: «Da drinnen wirkt jetzt unser Bub, unser Chrigu.»



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