NZZ Folio 01/93 - Thema: Verschwunden   Inhaltsverzeichnis

Hinaus ins Nirgendwo

Christa Osten, Jürgen Findling und Kurt Unbekannt - Menschen nach dem Krieg.

Von Gerald Sammet

Gleich eine ganze Serie von Glücks- und Zufällen sorgte dafür, dass die Geschichte vom Rotkäppchen für Edeltraut Rohmann damals fast wie im Märchen ausging. Anfang 1945 hatte ihre Mutter die Zweijährige in die Obhut von Verwandten gegeben und mit der Eisenbahn aus dem von sowjetischen Truppen fast eingekreisten Ostpreussen in Richtung Westen geschickt. Schon am ersten Tag der Flucht, in Kolberg, erkrankte das Kind. Das Schiff, auf dem es die Stadt später verliess, sank nach einem Fliegerangriff in der Lübecker Bucht. Edeltraut wurde gerettet und von einer Pflegemutter in Mecklenburg aufgenommen. Irgendwann in den fünfziger Jahren eröffnete diese der Heranwachsenden, dass sie ein Findelkind sei. Eines von Hunderttausenden im Nachkriegsdeutschland, für die es kaum Hoffnung gab, wieder zu ihren Familien zu finden.

Als Gertrud Rohmann, Edeltrauts Mutter, deren Flucht am Vormarsch der Roten Armee zunächst gescheitert war, 1948 nach dreijähriger Lager- und Gefängnishaft im schleswig-holsteinischen Neumünster in der britischen Zone eintrifft, hat sich ihr ein einziges Bild tief ins Gedächtnis gegraben: das vom Zug, der sich weit draussen in der preussischen Kartoffelsteppe verliert und die rote Mütze, die sie der Tochter zum Schutz gegen die Winterkälte aufgesetzt hat, hinaus ins Nirgendwo trägt.

Was Gertrud Rohmann nicht wissen kann: dieses Rotkäppchen wird sich als ihr Glücksbringer erweisen. Es hat Edeltrauts Spitalaufenthalt in Kolberg und selbst den Schiffsuntergang vor Lübeck überstanden. Edeltraut verwahrt es als Erinnerungsstück in ihrer Behelfsunterkunft in Dassow, einem mittlerweile zur DDR gehörenden Fischernest am Ostufer der Trave. 1956 erreicht eine Suchanzeige des IKRK den Ort. Das Plakat auf dem Bahnhof bringt die Pflegemutter auf die richtige Spur. Zwar stehen, weil Mutter und Tochter sich diesseits und jenseits vom Eisernen Vorhang aufhalten, einem Wiedersehen noch Komplikationen im Weg. Im Mai 1956 ist die Angelegenheit aber doch ein erledigter Fall. Als einhunderttausendstes Suchkind, das vom Roten Kreuz aufgespürt wurde, kehrt Edeltraut Rohmann in den Kreis ihrer Familie zurück.

Die Rasterplakate des Internationalen Suchdienstes sind im Deutschland der ersten Nachkriegsjahre auf Polizeistationen, Bahnhöfen, Postämtern und in den Verwaltungsgebäuden so allgegenwärtig wie die kalkweissen Buchstaben LSR, die den Weg zum nächsten, nun nicht mehr benötigten Luftschutzraum weisen. Die Abwicklung der Kriegsfolgen: eine Materialschlacht für die Bürokratie. Die «Kartei der hoffnungsvollen Herzen» nennt eine Zeitung 1951 die Archive, mit denen das Rote Kreuz nach den Verschwundenen forscht. Die Schrecken des Krieges haben sich schon ein wenig verflüchtigt, als einem Reporter, der sich in der Suchzentrale der ehemaligen britischen Zone in Altona umschaut, versichert wird: «Hier inszeniert das Leben einen spannenden Film.»

Eines daran mag richtig gewesen sein: Die Fahnder hatten es vor allem mit Bildern zu tun. Ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, das Haar links gescheitelt, die Zöpfe hochgesteckt im Stil der vierziger Jahre. Dunkle Augen und ein fast vergnügter Blick, dem anzumerken ist, dass da versucht wurde, ein Lachen vor dem Fotografen zu unterdrücken. Geschätztes Geburtsjahr: 1941, vielleicht 1942. Name: unbekannt. In der Kartei wird das Kind als Christa geführt. Christa Osten oder Jürgen Findling oder Kurt Unbekannt steht manchmal, von der Verlegenheit diktiert, in den Papieren. Zu wenig Fakten, zu wenig Handlung für einen Film. Trotzdem ist die Aufklärungsquote in den Anfangsjahren beachtlich. Durchsagen im Radio, die Plakate auf den Bahnhöfen. Handzettel und Mundpropaganda führen in fünfzig Prozent der Fälle schnell zum Erfolg.

Die Akte Erika: eine Vierjährige, im Januar 1945 in Tempelburg in Hinterpommern aufgegriffen. Weinend irrt sie durch die Strassen, weiss von ihren Eltern nur, dass der Vater im Postdienst beschäftigt und einarmig war. Traudchen, die Schwester, habe noch nicht laufen gelernt. Jetzt seien alle fort. Bei Kriegsende lebt Erika in Hannover, ohne Erinnerung an die Umstände ihrer Flucht.

Dann, schon in den Wirtschaftswunderjahren, der Ferientag, den die Familie Strauch aus Lüneburg in Hamburg verbringt. Ein Besuch in der Hauptkirche St. Michaelis gehört zum Programm. Am Eingang, vor den Plakaten des Suchdienstes, die Sekunde des Wiedererkennens: «Unsere Erika.» Nur ein Passfoto in der Galerie der Namenlosen, aber kein Zweifel. Herr Strauch ist Postbeamter. Er hat nur einen Arm. Beim Telefonat mit dem Suchdienst bestätigt er, dass noch ein Kind existiert: «Traudchen war auch verschwunden. Sie haben wir in Berlin wiederentdeckt.» Glück für die Eltern, Tränen bei Erika, als die sich von den Pflegeeltern verabschiedet: «Mutti, ab heute bist du mein Tantchen!» Mit einem Gummistempel wird der Vorgang für abgeschlossen erklärt: «Angehörige ermittelt!»

Irgendwann am Anfang solcher Geschichten sind sich in Flensburg, der letzten Regierungshauptstadt des tausendjährigen Reiches, ein paar abgemusterte Wehrmachtsangehörige begegnet. Der Mathematiker Dr. Kurt Wagner gehörte zu ihnen, der Soziologe Helmut Schelsky, Joachim Leusch von der Seetransport-Leitstelle des Marineoberkommandos Ost, ein Kamerad Strehle und Hans Szperlinski aus Schlesien, der, der später versichern wird, das Leben organisiere die Suche nach den Verschwundenen wie einen spannenden Film. Mit der Regierung Dönitz hat auch das Deutsche Rote Kreuz in Flensburg letzte Zuflucht gesucht. Bevor die britische Militäradministration seine Auflösung verfügt, wird mit deutscher Gründlichkeit das Fundament für die Aufarbeitung des genauso gründlich angerichteten Desasters gebaut. In Flensburg entsteht die erste mit wissenschaftlicher Akribie aufgebaute Kartei. Die Zahl der Vermissten geht in die Millionen: deutsche Juden, verschleppte Polen, deportierte «Fremdvölker», Vertriebene aus dem Osten und Kriegsgefangene von der pazifischen West- bis zur sibirischen Ostküste. Letzteren gilt vor allem die Aufmerksamkeit; ein Grund für die Alliierten, die Organisation des Suchdienstes nicht ausschliesslich in die Hände der demobilisierten Kameraden zu legen.

In Genf, beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, existiert zu der Zeit bereits eine Kriegsgefangenenkartei. 1948 entsteht aus ihr der International Tracing Service (ITS), der Suchdienst der Internationalen Flüchtlingsorganisation (IRO). Die Häufung des Adjektivs «international» ist nur konsequent. Das Problem hatte schon globale Ausmasse, als Wagner, Schelsky und Leusch in Flensburg die Abwicklung des Zweiten Weltkriegs organisierten. Man habe es, wurde bereits damals argumentiert, beim Suchdienst mit der grössten Detektei der Weltgeschichte zu tun.

Eine Unterabteilung, das Children's Tracing Bureau, informiert über das Schicksal von geschätzten 321 000 in Europa in den Kriegsjahren verlorengegangenen Kindern. Im hessischen Arolsen arbeitet eine Aussenstelle des ITS, die den Verbleib vermisster Zivilpersonen klären soll. Sie bleibt bis zum Entscheid über die politische Souveränität der Deutschen der Alliierten Hochkommission unterstellt. Als einen Beitrag auch zur politischen Erziehung der Deutschen umreisst Hugh G. Elbot, der Leiter der ITS-Filiale in Arolsen, 1952 seine Mission: «Sieben Jahre nach dem Kriege verwalten wir - die Bürger der freien Welt - noch immer diese Archive des Schreckens, aus denen Hoffnung und Glauben geschöpft werden. Wir dienen Lebenden und Toten, Männern, Frauen und Kindern ohne Unterschied der Nation, der Rasse, des Glaubens oder der politischen Überzeugung, ohne dass finanzielle oder andere Bedingungen daran geknüpft werden. Möge dieses Archiv, das der Wiedergutmachung an den Opfern und deren Angehörigen dient, allen kommenden Generationen eine Mahnung sein, solches Unheil nie wieder über die Menschheit kommen zu lassen.»

Diesseits vom - notwendigen - Pathos solcher Bekenntnisse liegen vor allem Verwaltungsaufgaben. Zonenzentrale München, Hauptermittlungsstelle Hamburg, Suchdienst für vermisste Deutsche in der sowjetischen Okkupationszone Deutschlands, Vermissten- und Flüchtlingsdienst für die französische Besatzungszone, Biuro Informacyjne Polski Czerwony Krzyz Warszawa, Spolnecnost Ceskoslowenského Cerveného Krize Ustredni Reditelství, Zentralkomitee für befreite Juden: bürokratische Wortgebirge, durch die sich die Fahnder der Suchdienste mit Talent und Improvisationsgabe bewegen. Wieviel Aktenstaub jeder Einzelfall aufwirbelt, lässt sich von einem die Arbeitsverfahren unfreiwillig karikierenden Merkblatt aus dem Jahr 1947 ablesen: «Wenn die Karten mit den Namen zweier Menschen, die zusammengehören, aber noch nicht zueinanderfinden konnten, sich in dem grossen Karteisaal der Suchzentrale begegnen, dann - dann ist auch das Wiedersehen nicht mehr fern.»

Erst 1960 entsteht beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf der Zentrale Suchdienst (ZSD) als Koordinationsstelle, die die Arbeit der nationalen Organisationen vereinheitlichen soll. Das Zentralarchiv ist heute in Genf, 19 Avenue de la Paix. 60 Millionen Karteikarten befinden sich dort im Zustand der, verwaltungstechnisch gesprochen, laufenden Datenverarbeitung. Das Verschwinden scheint so sehr Normalzustand zu sein wie das Vorhandensein: Bürgerrechtler aus Lateinamerika, der in Vietnam vermisste US-Bomberpilot, die Opfer der Roten Garden zu Zeiten Mao Tse-tungs, der Mann, der bloss Zigaretten holen ging und nicht mehr zurückkehrte, der blinde Passagier, der im Kühlraum eines Bananenschiffs auf der Reise von Ecuador nach Bremerhaven erfror. 60 000 Auskunftsersuchen erreichen den ZSD allein im vergangenen Jahr. Die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist gezeichnet vom Zustand monumentaler Abwesenheit.

Technik beschleunigte schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Erkundungsverfahren. Den Suchdiensten in Deutschland hatte der US-Büromaschinenkonzern IBM nicht ganz uneigennützig Hollerithmaschinen zur Verfügung gestellt. Diese mit Lochkarten arbeitenden Vorläufer moderner Computer sorgten für den maschinellen Ausdruck von Vermisstenlisten. Telefon, Fernschreiber und Fax erleichtern den Datentausch; alte Karteien werden auf Mikrofilm konserviert. Mit kriegführenden Parteien, die eigene Suchsysteme installieren, wird über die Kompatibilität von Computerprogrammen verhandelt. Auch das Nichtvorhandensein ist ein Problem der Logistik.

Für Bürokraten vom alten Schlag existieren aber immer noch ausreichend Handlungsräume. Millionen Karteikarten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs liegen noch vor; 20 Prozent der Suchanträge, die den ZSD erreichen, betreffen diese Epoche. Manches an der Kennzeichnung der Archivalien wirkt kryptisch, unterstreicht die Aussichtslosigkeit des Projekts. Unter dem Kürzel RAUS hat man in Genf Informationen über deutsche Soldaten archiviert, die in amerikanischen Gewahrsam gerieten. RAUS steht für Renseignement sur Allemands provenant des Etats-Unis. Manchem aus dieser Vermisstenkartei kam nichts weniger gelegen als die Aussicht, womöglich gefunden zu werden. Auch eine Spielart vom amerikanischen Traum: Neubeginn in der Neuen Welt ohne Familienbande, von denen eine Trennung unter gewöhnlichen Umständen nie richtig gelang. Vom Suchdienst wird solcher Eigensinn übrigens strikt respektiert. Die Weitergabe von Informationen wird von der Zustimmung der Aufgespürten abhängig gemacht.

Für Waldemar Merk, einen Russlanddeutschen aus Tadschikistan, hat sich vor zwölf Jahren bestätigt, dass er eigentlich Heinrich Adrian heisst. Seine Eltern waren 1941 nach dem Einmarsch der deutschen Armeen in die Sowjetunion aus der Ukraine in den Rayon Oktjabrskij deportiert worden. Im Städtchen Wachsch absolvierte Merk unter Obhut seiner Adoptiveltern, deren Namen er führte, später eine Elektrikerlehre. 1980 gelang ihm, mit Hilfe eines an Leonid Breschnew gerichteten Bittschreibens, nach mehreren vergeblichen Versuchen die Ausreiche aus der Sowjetunion.

Eine vom Süddeutschen Rundfunk verbreitete Suchanzeige brachte 1980 den Namen Heinrich Adrian ins Spiel. Peter Hübert aus Stuttgart hatte dort um Auskunft über einen Neffen dieses Namens gebeten. Waldemar Merk, der in Bremen lebte, wusste von seinen 1976 nach Deutschland emigrierten Adoptiveltern, dass sein Vater so geheissen hatte. Seine Rückfrage bei der «Heimatortskartei für Deutsche aus Ost- und Südosteuropa» bestätigte nach fast einem halben Jahrhundert die Familienzugehörigkeit. Über den Onkel Hübert in Stuttgart fand Waldemar Merk alias Heinrich Adrian den Weg zu seinen in Bielefeld lebenden Cousins. Die pochten gleich, wiewohl es ihnen an jeder Anschauung fehlte, auf Familienähnlichkeit: «Kommt her, da könnt ihr mal schauen, wie euer Vater ausgesehen hat.»

Besuch aus der Welt von gestern: In der Gegenwart Fuss zu fassen fällt den Heimkehrern nicht leicht. Für Waldemar Merk war es eine Kleinigkeit, wieder zu Tanten und Onkeln, zu Cousins und sogar zu einem Halbbruder zu kommen. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem Auskommen. Elektriker wurden, als er in Deutschland eintraf, dort nicht eben händeringend gesucht. Gab es doch einmal ein Angebot, stellte sich schnell heraus, dass sein Kenntnisstand den Anforderungen nirgends genügte. Das westeuropäische Konsumparadies, dessen Widerschein jenseits vom Ural so viele Hoffnungen geweckt hatte, entpuppte sich als eine Konkurrenzgesellschaft, in der mit harten Bandagen gekämpft werden musste. Vor allem die fehlende Nähe, der Mangel an Sorge füreinander im Alltag habe in ihm, so Merk, Zweifel am Grossstadtleben geweckt. Nichts in Wachsch sei besser, aber vieles eben ganz anders als in Bremen gewesen.

So mischt sich mit dem Ende der Abwesenheit auch die Gegenwart wieder vernehmlich ins Leben. Der Zentrale Suchdienst dagegen muss weiter mit dem Vergangenen leben, mit den Spielarten der Historie, die nicht für die Geschichtsbücher taugen. Manchmal, zeigt sich da, genügt ein einzelner Buchstabe, um die Lebensperspektive eines Menschen zu verschieben. 1947 wurde Rudolf Hauschka, ein Neunjähriger aus Böhmen, im Hauptbahnhof von Hannover aufgegriffen. Dreissig Jahre suchte er nach seiner bei der Vertreibung von ihm getrennten Schwester. Alles lag, wie sich 1977 herausstellte, an einem fehlenden «a». Anna Hauschka, die Verschollene, wurde in der Kartei des Kindersuchdienstes unter dem Namen Huschka geführt. Ein auf den Vergleich von Lebensdaten spezialisiertes Computerprogramm klärte den Fall. Anna Hauschka in Nürnberg war identisch mit der von ihrem Bruder in Hagen gesuchten Person.

Die Korrektur des Schreibfehlers verhalf dem Chorsänger Rudolf Hauschka zu noch einem unerwarteten Wiedersehen. Bei einem Aufenthalt in der Münchner Suchdienstzentrale hatte er die Umstände zu Protokoll gegeben, unter denen er als Kind mit seiner Mutter fotografiert worden war. Seine Beschreibung des Interieurs deckte sich präzise mit dem einer im Archiv verwahrten Fotografie. Sie zeigte eine Julie Hauschka, in Weiden in der Oberpfalz lebend, mit ihrem ihr 1947 bei der Vertreibung abhanden gekommenen Sohn. Im Wohnzimmer der totgeglaubten Mutter begegnete Rudolf Hauschka wenige Tage später zum erstenmal auch seinem von ihm zuvor nie gesehenen Kinderportrait.

Gerald Sammet ist freier Journalist und Redaktor bei Radio Bremen.


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