NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

E-Mail aus dem Cyberspace -- Das Kambrium der Stromfresser

Von Franz Zauner

Meist hocken sie in dunklen Nischen und fressen Strom. Da es davon reichlich gibt, ist die Welt ein Paradies für die kleinen Käfer auf Metallbeinen geworden, die im Akkord von den Fliessbändern der Chipindustrie purzeln und an den unmöglichsten Orten landen. Sogar am Örtchen verrichten sie ihr Geschäft. Wer künftig auf einen Klolaborputer der Firma Matsushita zu sitzen kommt, dem veredeln sie den Stoffwechsel zur klinischen Prozedur: Sensoren tief unten in der Porzellanschüssel, aber auf der Höhe der Zeit, melden verdächtige Werte an den Hausarzt weiter; sie könnten auch den Krankenwagen holen.

Man ist ja nirgends mehr sicher, die Überfrachtung harmloser Räume mit Tief- und Hintersinn hat etwas Erbarmungsloses. Die Westentasche, früher eine unauffällige Oase für Krümel, papierene Tagesreste und vergessenes Kleingeld, ging längst an Organizer, Natel und Pager verloren.

Alles, was niedlich ist und mit hübschen Displays grosse Augen macht, hat gute Chancen, ohne Rücksicht auf Verluste ins Herz geschlossen zu werden: Das Kindchenschema, diese erstaunlich milde Gabe der sonst so militanten Evolution, macht wehrlos vor High-Tech-Geräten. Gut möglich, dass man sich trotzdem mit der Zeit vor einem Ding wie dem Sprechfaxmodememailbeantworter von Kortex, der ohne Widerrede jede Zumutung der Welt entgegennimmt, zu fürchten beginnt. Auch der Duftfernseher von Bloom Media kehrt das Prinzip der Fernsteuerung um. Passend zum Werbespot verbreitet ein Zerstäuber bis zu sechs verschiedene Düfte, darunter auch den von frischem Kuchen. Auf, auf in die Küche, wo man am Mikrowellenemailsurfer von NCR sowohl online ordern als auch auftauen kann.

Aber der Klolaborputer hat womöglich nicht nur die Sehnsucht nach olfaktorischer Abwechslung gefördert, sondern auch zu mehr Bewegung geraten. Wir tun keinen Schritt ohne die Telefoncrèmedose von Esprit Telecom, die mit balsamischen Essenzen für strapazierte Haut aufwartet und die Möglichkeit einschliesst, kostenlos jemanden anzurufen. Die Frage, ob es etwas gibt, das es nicht gibt, hat sich allerdings erübrigt. Die Antwort ist Nein. Die Technik durchlebt gerade ihr Kambrium und hat wie die Natur vor 540 Millionen Jahren die Laune, Arten am laufenden Band hervorzubringen. Mit etwas Glück finden sie schneller ein Museum.


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